No Shit – Eine Verschwörung aus Dresden

In einem Park in Dresden hängen seit einigen Tagen Zettel an den Bäumen, auf denen eine Warnung prangt.

Es wird davor gewarnt, Haschisch von „Nordafrikanern“ oder „Afghanen“ zu kaufen, weil dieses gestreckt sei. Bei „Syrern“ könne man Glück haben, solle es aber nicht darauf ankommen lassen, sondern lieber selbst anbauen. No Shit in Dresden.

Mein Verschwörungsgehirn hat sich über den Zettel gewundert und eine steile These aufgestellt. Zum einen ist mir der lockere Umgang mit rassistischen Einschätzungen aufgefallen. Ich kenne mich zwar in den sozialen Gepflogenheiten des Straßendrogenhandels nicht aus, vermute jedoch, dass selten Details zur jeweiligen Identität ausgetauscht werden. Woher sollte also der Zettelersteller1 sicher wissen, ob es sich um einen „Afghanen“, „Nordafrikaner“ oder „Syrer“ gehandelt hat? Gleichzeitig scheint der Zettelersteller der Ansicht zu sein, LeserInnen würde die Klassifizierung von Menschen in dieser Art eine sichere Einschätzung der Herkunft ihres Gegenübers ermöglichen. Wenn das kein Rassismus ist, weiß ich auch nicht was Rassismus ist.

Außerdem passt die Geschichte des Zettels irgendwie auch nicht recht. Mindestens vier Käufe müsste die Person unternommen haben, um dann für eigenen Bedarf anzubauen bzw. „aus sicheren Quellen“. Diese werden lustigerweise nicht einmal angedeutet, was der Intention des Zettel („Genießer“ und so…) Rechnung getragen hätte. Warum hat der Zettelersteller seine sicheren Quellen oder sein selbst angebautes Zeug überhaupt verlassen? Natürlich kann ich mir ein Szenario vorstellen, in dem das geschieht aber mein Verschwörungsgehirn sagt mir, da erzählt jemand eine Geschichte.

Zuletzt frage ich mich, wer sich so von Altruismus motivieren lässt, mehrere Zettel in einem öffentlichen Park aufzuhängen und sich dabei mehrfach zu gefährden. Zum einen könnten Menschen sich angesprochen fühlen und um ihre Geschäftsgrundlage fürchten, die dürften nicht freundlich reagieren. Und auch die Polizei dürfte Interesse daran haben, sich den Zettelersteller einmal genauer anzusehen. Das wäre zumindest unangenehm. Da ist jemand als ein hohes Risiko eingegangen um andere „Genießer“ zu warnen. Wie bei dem Polizisten mit dem völkischen Vogelaufnäher, unterstelle ich eine ideologische Motivation.

Mein Verschwörungsgehirn hat eine andere Hypothese. Dazu muss man wissen, dass dieser Park in Dresden in den letzten Monaten Ort vieler Konflikte und „Massenschlägereien“ war, an denen überwiegend Menschen mit Migrationshintergrund beteiligt gewesen sein sollen. Seit erhöhter Polizeipräsenz scheint es dort vorerst ruhiger geworden zu sein. Mein Verschwörungsgehirn denkt sich, dass es Interesse daran geben kann, diese Konflikte (die auch mit Drogenhandel zu tun haben sollen) erneut aufflammen zu lassen, um Ressentiments in der Bevölkerung zu schüren. Besonders in der Neustadt, die als eher „links“ gilt, gäbe es dafür theoretisch Potential. Mein Verschwörungsgehirn hat auch schon jemanden in Verdacht, nämlich die Identitäre Bewegung, zu denen würde so eine „lustige“ Guerillaaktion passen.

Mein rationales Gehirn zweifelt allerdings an dieser Hypothese und sagt mir, „Doch, das kann schon authentisch sein“. In Sachsen sagt man zwar gerne mal rassistische Dinge (manchmal ohne zu wissen, was man da sagt), aber eigentlich sind die Sachsen sehr freundliche Menschen. Solange der Shit gut ist.

  1. Ja, ich gehe davon aus, dass es sich um einen männlichen Menschen handelt.
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Die Partei – Unsere letzte Hoffnung

Vor einigen Tagen fühlte ich mich ertappt. In der taz fand ein Autor es gar nicht gut, dass Menschen ernsthaft mit dem Gedanken spielen, „Die PARTEI“ zu wählen. Er hält diese Menschen für „Elitär, bourgeois und amoralisch“. Hui, das passt gar nicht zu meinem Selbstbild. „Amoralisch“, klingt nicht nett. Spätestens nach der Aktion, bei der Mitglieder der PARTEI geheime AfD-Gruppen bei Facebook gekapert hatten, war sie für mich eine wählbare Alternative. Das ist Einsatz für die Gesellschaft, praktisches Engagement.

Martin Sonneborn berichtet in der Titanic jeden Monat aus Brüssel und schafft es, auf zwei Seiten mir mehr über den dortigen Betrieb nahezubringen als sonst ein Medium bisher. Das mag natürlich mehr über mich aussagen als über seine Berichterstattung. Er macht die Strukturen dort durch seine Aktionen kenntlich, zeigt durch Satire Fehler im System. Dieser Mann lebt für die Demokratie. Er macht sich für sie zum Narren.

Darum ist der Begriff „Spaßpartei“ auch Unsinn. Klar haben die Mitglieder bei Ihren Aktionen Spaß und klar sieht man den Spaß an der Oberfläche, wenn die PARTEI Aktionen macht. Aber was nach dem Lachen zurückbleibt, ist der Schmerz, weil sie uns Dinge zeigen, die andere Parteien verschweigen.

Wenn die AfD in den Bundestag kommt, wäre Die PARTEI das wirksamste Gegengift. CDU, SPD, Grüne und FDP lassen sich seit Monaten von der AfD thematisch vor sich hertreiben. Die Linke querfrontelt so vor sich hin und die Piraten sind nicht witzig.

Wenn Serdar Somunchu im Bundestag ein Antwort auf einen Redebeitrag der AfD geben könnte, würde deren völkisches Gedankengut, ihr Rassismus und ihre Geschichtsrevisionismus zu humoristischem Pulver zermahlen und bei der nächsten Wahl vom Winde verweht. Denn die PARTEI hat immer Recht.

[Edit: Um nach der Machtübernahme der PARTEI keine Probleme zu bekommen, habe ich den Hinweis von Ulf aus den Kommentaren unverzüglich umgesetzt.]

Innovation aus Sachsen – Polizeirassismus

Die sächsische Polizei lieferte kürzlich per Twitter folgende Perle politischer Ahnungslosigkeit ab.

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Die gesamte Unterhaltung findet sich hier.

Polizeirassismus? Was soll das sein? Ein Definitionsversuch:

Polizeirassismus, der; gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit gegenüber uniformierten StaatsbeamtInnen/Staatsangestellten, die Mithilfe von Schutzausrüstung und Schusswaffen die Aufgabe erfüllen, dass staatliche Gewaltmonopol durchzusetzen. Polizisten sind Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft, Kultur, Religion, äußeren Erscheinung Entscheidungen in den Polizeidienst treten.

P. findet vor allem Ausdruck in systematischer Repression von Polizeiarbeit, der unverhältnismäßigen juristische Verfolgung möglichen Fehlverhaltens von PolizistInnen im Dienst, (siehe dazu auch „Verhältnisse, sächsische“).

Zu „Polizeirassismus“, womit im Tweet vermutlich Feindseligkeit gegenüber PolizistInnen von politisch links eingestellten Menschen gemeint ist, fiel mir ein kleine Beobachtung ein, die ich kürzlich machte.

Ich sah in Dresden einige Mitglieder der neu belebten Wachpolizei. Das sind Menschen mit einer polizeilichen Sparausbildung, die Tätigkeiten übernehmen sollen, für die man keine voll ausgebildeten und voll bezahlten PolizistInnen einsetzen möchte. Die Herren, die im Umfeld eines Polizeieinsatzes auf einem bekannten Dresdner Verkehrsknotenpunkt dekorativ herumstanden, trugen Uniformhemden. Die Hosen und Schuhe schienen jedoch Privateigentum (oder die Bekleidungsstelle der Polizei Sachsen hat einen merkwürdigen Sinn für Humor) zu sein. Insbesondere die Schuhe fielen mir ins Auge. Die waren bei allen Personen, die ich sah, ziemlich abgeranzt. Es ist doch interessant, wie wenig Wertschätzung die Landesregierung ihren Angestellten entgegenbringt, wenn sie es nicht einmal für notwendig erachtet, für sicheres und wetterfestes Schuhwerk zu sorgen. Das ist doch ein klarer Fall von Polizeirassismus!

 

Linker Whataboutismus

Es gibt immer etwas Schlimmeres. Es gibt immer etwas, Wichtigeres. Es gibt immer etwas, was man dringender lösen müsste. Wenn wir nur wüssten was?

Als im Rahmen der G 20 Proteste eine Vielzahl von Autos angezündet wurde, wurde der öffentlichen Empörung darüber unter anderem damit begegnet, dass man sich jetzt zwar aufrege, wenn Autos angezündet werden, jedoch schweige wenn Gewalt gegen Menschen, in der Regel Menschen anderer Herkunft, ausgeübt werde. Daraus entstanden und darin verdichtet scheint ein Aufkleber der in meiner unmittelbaren Nachbarschaft zu finden ist.

Sehr pointiert soll er aussagen dass wir uns zwar alle mit AutofahrerInnen solidarisieren, so wie wir uns mit Terroropfern solidarisieren. Im Text darunter wird ausgeführt, dass täglich in unserem Namen, überall auf der Welt Gewalt angewendet wird. Diese Gewalt, so scheint er Aufkleber sagen zu wollen, ist uns nicht nur egal, wir heißen sie sogar gut. Gegenüber dieser Gewalt allerdings sei das Anzünden von Autos, so wird impliziert, eine Kleinigkeit. Nicht der Rede wert.

Auch wenn sie in der Sache richtig sein mag, wobei ich das hier nicht beurteilen möchte, ist das eine unemphatische Aussage. Sie ist unter anderem unemphatisch, weil sie sich zwar an die richtet, die sich über die angezündeten Autos aufregen, aber die ignoriert, deren Autos angezündet wurden. Es mag sich dabei um privilegierten Menschen einer westlichen Gesellschaft handeln, doch es handelt sich um Menschen. Menschen von denen wir nicht wissen, was das Auto für Sie bedeutet, alleine wirtschaftlich wir wissen nicht wie viel sie dafür gearbeitet haben und wir haben nicht das Recht, darüber zu urteilen ob ihnen das Auto so wichtig sein darf wie es ihnen ist.

Andererseits haben wir natürlich trotzdem das Recht, darüber zu urteilen, wie wichtig das Auto jemanden sein darf. Wir haben nur nicht das Recht dass irgend jemand unserem Urteil Gehör schenkt.

Ich finde an den Aufklebern vor allem schade, dass sie wahrscheinlich auch den Menschen vor den Kopf stoßen, die einen Großteil der Werte derjenigen Menschen teilen, die die Aufkleber aufgeklebt haben. Aber eben nicht radikal genug, nicht rein genug oder irgendwie anders unpassend. Wenn es darum geht, sich von anderen abzugrenzen, sich aufzuwerten , die eigene Radikalität unter Beweis zu stellen, dann ist so ein Aufkleber genau richtig. Wenn es aber darum geht, ein politisches Ziel zu erreichen, dann ist so ein Aufkleber eine gute Möglichkeit, den Weg möglichst lange einsam zu beschreiten. Doch es gibt wahrscheinlich Schlimmeres.

Therapie durch Gewalt

Donald Trump liebt den Präsidenten der Philippinen, Rodrigo Duterte. Und PEGIDA liebt Donald Trump. Putin liebt sie alle und sich selbst. Die starken Männer von Heute sind begeistert voneinander. Bis sie sich in die Quere kommen, dann ist das Geheule wieder groß. Starke Männer machen alles mit Druck. Sie nutzen Durchsetzungskraft, Erziehung durch Härte, Verbote, Strafen. Alles was sie wollen, erwarten sie zu erhalten, wenn sie nur genug Gewalt anwenden. Verbale Gewalt, physische Gewalt, institutionelle Gewalt oder wirtschaftliche Gewalt. Hauptsache stark.

Irgendwann, als ich auf dem Theaterplatz in Dresden angerührt den exklusiven „Wir sin’ das Volk“-Rufen lauschte, habe ich mich gefragt was wohl passieren würde, wenn die AfD und PEGIDA die Macht erhalten würden, die sie anstreben. Zum Beispiel mit mir? Ich denke, in einem Staat der nach den Vorstellungen der neurechten Bewegungen organisiert wäre, gäbe es keinen Platz für Psychotherapie. Psychotherapie ist nichts für die starken Männer. Psychotherapie, beziehungsweise eine Veränderung in der Psychotherapie, kann man nicht herbeidrücken. Manchmal erreichen Menschen nicht einmal die gewünschte Veränderung, wenn sie wollen wollen. Schlimmer wäre für sie jedoch der Gedanke, dass in der Psychotherapie Dinge gesagt würden, von denen sie, die starken Männer, nichts wüssten.

Daran musste ich denken, als ich von den Philippinen las, wo Menschen mit einer Suchterkrankung die Wahl haben, eine Therapie zu machen oder umgebracht zu werden. Das, so würden die starken Männer meinen, sind hervorragende Voraussetzungen für eine erfolgreiche Therapie! Jemand, dem der Tod droht, wird sehr motiviert sein, mitzumachen, würden sie denken. Gewaltiger Druck für eine gewaltige Heilung. Dabei geht es bei einer Psychotherapie nicht nur darum, „mitzumachen“. Es geht darum, mitmachen zu wollen, um mitmachen zu können. Es geht darum, etwas Neues über sich zu lernen, sich zu verstehen, sich neu zu sehen, anders mit sich umzugehen. Dafür muss man sich mit sich beschäftigen mit sich und seinen oder ihren Emotionen.

Die Erwartung bei Nichterfolg unter Umständen sterben zu müssen, dürfte Angst hervorrufen. Wenn man Angst hat, ist es schwer, sich auf eine Therapie einzulassen. Angst ist ein dominantes Gefühl, mit der Tendenz, den Rest des emotionalen Erlebens in den Schatten zu stellen oder in ihrem Licht anzustrahlen. Wenn im außen der Tod droht, wird das Innen zur Nebensache. Das verstehen natürlich die starken Männer nicht, weil die denken man braucht nur genug Druck.

“Morde sind nicht die Lösung”, sagt Sikini Labastilla. Auf Facebook schreibt er: “Ich verstehe langsam, dass in jedem Süchtigen ein Schmerz festsitzt.” Beide Sätze klingen selbstverständlich. Auf den Philippinen sind sie in diesen Tagen revolutionär.

Was auf den Philippinen passiert, ist eine Erinnerung daran, wie dünn der Stoff ist, den wir Zivilisation nennen. Der Stoff, der uns von der Barbarei trennt, die die starken Männer so lieben, weil sie von der eigenen inneren Ödnis ablenkt.

Sachsen hat einen Vogel

Früher dachte ich, die bei Demonstrationen für Sicherheit sorgenden BereitschaftspolizistInnen sähen martialisch aus. Und dann kam G20 in Hamburg. Von dort wurden, irgendwann am späten Abend, Bilder gesendet, die Spezialeinheiten zeigten. Mitten unter Demonstranten, Schaulustigen und Partyvolk. Daneben wirkten die behelmten KollegInnen der Bereitschaftspolizei harmlos, beinahe flauschig. In einigen Berichten wurde der Effekt des Auftretens deutlich: Niemand stellte sich einem der Herren (gibt es da auch Damen) mit den Gewehren in den Weg. Alle wussten, der „Spaß“ ist vorbei und ergaben sich. Spezialeinheiten schüchtern ein.

Am letzten Wochenende rief eine antifaschistische Initiative zu einer Demonstration in Wurzen auf. Ziel war es, die rassistischen Strukturen in Sachsen aufzuzeigen, für die exemplarisch die Situation in diesem Ort in Sachsen stehe. Es war eine Demonstration gegen die sächsischen Verhältnisse. Das mag man in Sachsen nicht, man möchte hier seine Ruhe haben. Darum blieben die ca. 400 Demonstrierenden auch weitgehend unter sich. Darum und weil Menschen die sich vor Ort gegen Rechtsextremismus engagieren Angst hatten, bei der Demo gesehen zu werden. Keine Angst hatten Rechtsradikale, die die Demonstration mit vulgären und antisemitischen Botschaften begleiten.

Begleitet wurde die Demonstration auch von der Polizei. Wenn antifaschistische Menschen in die sächsische Provinz reisen, ist nachvollziehbar, dass ausreichend Bereitschaftspolizei vor Ort sein muss. Dafür muss man den Demonstrierenden nicht unbedingt Gewaltbereitschaft unterstellen. Politische Lager trennen zu wollen, reicht als Erklärung aus. Die sächsische Polizeiführung entschied sich jedoch auch, die Menschen, die zur antifaschistischen Demo anreisten, vom sächsischen SEK begrüßen zu lassen. Die fadenscheinige Begründung des Pressesprechers dazu lautete:

„Dass das SEK im Einsatz ist, soll keine Provokation sein. Es ist eine Spezialeinheit, wie sie bei größeren Demos immer im Hintergrund im Einsatz sind – für den Fall, dass es eskaliert. Die Polizei geht von einem friedlichen Verlauf der Demonstration aus.“

Wenn etwas keine Provokation sein soll, sollte man auch vermeiden, dass es wie eine Provokation wirkt. Es ist ein Unterschied, ob eine Spezialeinheit im Hintergrund im Einsatz ist oder machtpornografisch zwischen zwei Wasserwerfern drapiert wird. Es macht auch einen Unterschied, ob jemand zum eigenen Schutz CS-Gas in der Tasche hat oder durch die Straße läuft, es jedem Menschen entgegenhält und ruft „Ich habe Reizgas, um mich zu schützen!“. Mir kann niemand erzählen, dass diese Spezialeinheit nicht der Einschüchterung dienen sollte. Der Einschüchterung von Menschen, die sich antifaschistisch engagieren.

Es ist ja nicht so, dass es sich hier um eine Ausnahme handelte. Die psychologische und juristische Repression demokratischen Engagements gehören in Sachsen zum guten Ton. In Dresden ist das seit den ersten Versammlungen von PEGIDA zu sehen. Das Verhalten der Versammlungsbehörde lässt vermuten, dass dort Sympathisanten für die besorgten Bürger hinter den Schreibtischen sitzen. Erinnert sei hier nochmal an das „Vollzugsdefizit“ gegenüber TeilnehmerInnen von PEGIDA. Damit ist zum Beispiel gemeint, dass in den Auflagen der Versammlung zwar Stangen über 1,5m länge nicht gestattet sind, die Teilnehmer jedoch zu dutzenden mit Teleskopstangen Dresden spazieren, unbehelligt von der Polizei. In Wurzen hingegen wurde die Mindestlänge (!) von 1,5m durchgesetzt. Die Demonstration durfte erst losgehen, als alle kürzeren Transparentbefestigungen weg waren. Man könnte von Schildbürgerstreichen ausgehen, wenn es sich nicht um sächsische Verhältnisse handeln würde.

In der Woche nach diesem erneuten Offenbarungseid der sächsischen Politik in Wurzen, wollte die Justiz in Dresden nicht nachstehen und stellte einen Prozeß zu einem rechtsextremen Übergriff im Jahr 2013 ein. Diesen hatte sie vorher wohl in guter Tradition verschleppt. Vermutlich hatte man einfach keine Zeit, weil der Versuch Tim H. doch noch zu verknacken zu viele Ressourcen benötigte?

Und wenn die Landesregierung (CDU/SPD) dafür sorgt, dass demokratisches Engagement im Keim erstickt und kriminalisiert wird, möchte die kommunale CDU, im Schulterschluss mit AfD und NPD, natürlich nicht nachstehen. Deswegen spricht sie sich gegen eine Initiative namens „Wir entfalten Demokratie.“ aus. Die Begründung der CDU lautete, die Initiative „ fokussiere nur gegen Rechtsextremismus.“ Es gibt Ortsverbände in Deutschland da würde das nicht nur ausreichen, sondern wäre Grund für Zustimmung. Dort handelt es sich um den demokratischen Arm der CDU.

Als kleine rassistisch-völkische Fingerübung durfte sich Sigmar Gabriel von AfD- und PEGIDA-Anhängern beschimpfen lassen, als er zu einem Termin im Ballhaus Watzke unterwegs war. Wem der Veranstaltungsort bekannt vorkommt, erinnert sich vielleicht an Höckes Reinszenierung der Sportpalastrede am selben Ort im Januar. Da waren die Pöbler allerdings drinnen.

Diese völkisch rassistische Kackscheiße macht mich mürbe. Und ich frage mich immer wieder: liegt es einfach an meiner Wahrnehmung? Verhält sich die Polizei Sachsen eigentlich neutral und ist nicht auf dem rechten Auge blind? Macht die Versammlungsbehörde Dresden Gegenprotest gegen PEGIDA nicht das Leben schwerer? Werden rechtsmotivierte Straftaten nicht weniger verfolgt und verurteilt als, vermeintlich, linksmotivierte Straftaten? Das frage ich mich und dann zeigt mir jemand einen Vogel. Plötzlich bin ich mir wieder sicherer, dass es stimmt.

Der Vogel war auf einem Aufnäher zu sehen, den einer der SEK-Beamten trug, die am Wochenende in Wurzen AntifaschistInnen einschüchtern sollten. Offenbar war dieser Aufnäher dem Träger so wichtig, dass er bereit war, gegen Vorschriften zu verstoßen. Private Aufnäher auf der Uniform sind nicht gestattet. Sonst wäre es ja eine Multiform. Odins Raben, einer davon war auf dem Aufnäher abgebildet, werden in der rechten Mythologie genutzt, und sind bei Neonazis beliebt. Sie haben vermutlich noch andere Bedeutungen, doch ich halte es für plausibel, dass der Beamte eben auf diese Bedeutung setzte. Sonst ergebe der Aufnäher keinen Sinn. Für ein wenig Schmuck ohne Ideologie dahinter verstößt niemand in dieser Form gegen Vorschriften. Dieser Beamte der sächsischen Polizei hat sich also sicher genug gefühlt, auf einer antifaschistischen Demonstration, für die er mit einer scharfen Waffe als Abschreckung diente, ein rechtsextremes Symbol an seiner Uniform anzubringen, womit er gegen Vorschriften verstieß. Er muss sich sicher genug gewesen sein, dass ihm von seinen Vorgesetzten der Polizei in Sachsen keine relevanten Konsequenzen drohen werden. Und so sicher wie er sich da ist, bin ich mir auch, denn wir beide kennen die sächsischen Verhältnisse.

Rechte Gewalt und Unrechte Gewalt

Immer wieder ärgere ich mich darüber, wenn Menschen betonen, „linke Gewalt“ sei genauso schlimm wie „rechte Gewalt“. Es gebe keinen Unterschied zwischen diesem und jenen. Linksextremismus sei genauso gefährlich, wie Rechtsextremismus. Wenn, wie im Zuge von G20 geschehen, von Linksterrorismus gesprochen wird, weil bescheuerte Vandalen Autos anzünden. Gleichzeitig spricht niemand von Staatsterrorismus, wenn die Polizei dazu genutzt wird, die Bewegung der Staatsgäste zu schützen, nicht aber die Bürger in einem Stadtteil. Es wäre auch Unsinn, wenn man das Staatsterrorismus nennen würde. Staatsversagen würde besser passen.

Wenn ich mich ärgere, dann weil ich das Gefühl habe, die oben genannten Aussagen der Gleichstellung stimmen nicht. Doch wenn ich mir Argumente überlege, warum sie nicht stimmen, kann ich diese ganz schnell selbst widerlegen. Leider sind mir Argumente oft sehr wichtig. Zurück bleibe ich mit dem Gefühl, dass da etwas nicht stimmt.

Es gibt keine linke oder rechte Gewalt. Es gibt Gewalt, die von Menschen ausgeübt wird, die politisch unterschiedlich motiviert sind. Für die Empfänger der Gewalt macht deren Intention im ersten Moment keinen Unterschied, die physikalischen Gesetze sind für alle gleich. Und doch ändert die politische Motivation das Ziel der Gewalt. Und damit ändert sich die Wahrnehmung. Gewalt gegen Mitglieder von Minderheiten ist medial leiser und weniger spektakulär. Gewalt gegen RepräsentantInnen des Staates und des Kapitalismus (die sehr unterschiedlich definiert werden) tritt oft gebündelt auf und erfährt größere mediale Aufmerksamkeit.

Menschen können nur auf das reagieren, was sie wissen. Was sie wissen, hängt davon ab, was sie wahrnehmen und das hängt davon ab, was auf welche Weise berichtet wird. Eine Reaktion wird bei Menschen vor allem durch Emotionen hervorgerufen. Damit kommen wir zum Känguru, das im Rahmen des G20-Gipfels immer mal wieder kritisiert wurde:

»Ein extrem wichtiges Thema. Ich sage Ihnen ganz ehrlich: Ob Links-oder Rechtsextremismus – da sehe ich keinen Unterschied.«

»Doch, doch«, ruft das Känguru laut dazwischen. »Es gibt einen Unterschied. Die einen zünden Ausländer an, die anderen Autos. Und Autos anzünden ist schlimmer. Denn es hätte mein Auto sein können. Ausländer besitze ich keine.«

Dieser zynischen Aussage liegen einige einfache, menschliche Eigenschaften zugrunde. Emotionen werden am besten von Dingen hervorgerufen, die uns betreffen. Wenn schwarz gekleidete Menschen durch Hamburger Stadtviertel marodieren und die Fahrzeuge von „durchschnittlichen Bürgern“ anzünden, dann werden mit hoher Wahrscheinlichkeit bei „durchschnittlichen Bürger“ Emotionen hervorgerufen. Am ehesten Emotionen wie Ärger und Wut. Das sind Emotionen die Handlungen fordern. UND ZWAR SOFORT. Zahlen, Statistiken oder eine differenzierte Betrachtung sind dann egal.

Der zweite Teil ist schwerer zu ertragen, wenn man sich nicht selbst als Nazi bezeichnet. Wenn Menschen von Gewalt gegen Minderheiten lesen oder erfahren, fällt es uns schwerer, eine starke emotionale Reaktion hervorzurufen, weil wir uns nicht so einfach in deren Lebenswirklichkeit hineinversetzen können. Emotional hat das wenig mit uns zu tun. Das beutetet nicht, dass es uns egal ist. Das bedeutet nicht, dass nicht unsere Werte verletzt werden und wir diese Aktion mit jeder Zelle unseres Seins ablehnen. Die Emotionen die hervorgerufen werden sind eher Trauer, Scham und Enttäuschung. Das sind Emotionen, die eher wenig Aktion verlangen und dafür sorgen, dass man sich auf dem Sofa zusammenrollt und sich mit einer Netflixserie ablenkt.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Nachrichten von Gewalt gegen Minderheiten und Andersdenkende stetig auf uns wirken. Wir gewöhnen uns daran. Wir finden es immer noch schlimm aber die Amplitude der Emotionen wird immer geringer. Das liegt nicht daran, dass wir schlechte Menschen sind, das liegt daran, dass wir Menschen sind. Die Geschichten der betroffenen Mitmenschen vermischen sich. „War das die Geschichte von letzter Woche oder ist die neu?“ Und wir fangen an, sie zu überhören und übersehen. Es sind Geschichten ohne Bilder und ohne Emotionen. Und wenn es Emotionen sind, dann solche, die wir am liebsten vermeiden.

Eigentlich sollte dieser Text von etwas anderem handeln, aber das verschiebe ich auf morgen.

Statistik der Unschuldsvermutung

Gerade wird deutlich, wie schlecht eine Datenbank des BKA gepflegt war, so dass JournalistInnen aus fadenscheinigen Gründen ihre Akkreditierung für den G20 Gipfel entzogen wurde. Das ist nur ein Vorgeschmack, von dem, was uns vermutlich blüht, wenn Überwachung und „Sicherheit“ weiter ausgebaut wird. Das tragische dabei ist, dass niemand eine „böse“ Absicht haben muss, um mit einem Ausbau der Überwachung einen riesigen Kollateralschaden zu erzeugen. Das ergibt sich aus der Logik der Statistik.

Wenn es um unsere Sicherheit geht, geht es seit Jahren um den Ausbau von Überwachung. Seit einigen Jahren wird darüber diskutiert, dass mehr Überwachung auch mehr Sicherheit bringe. Ein Argument welches auf der Seite der Befürworter ernsthaft und auf der Seite der Gegner ironisch benutzt wird, ist, dass diejenigen, die nichts zu verbergen hätten, nichts zu befürchten hätten. Dabei geht es, vor allem auf der Gegnerseite, um die Unschuldsvermutung, die damit unter Umständen infrage gestellt würde. Mit einem mehr an Daten und mehr Überwachung werden Sicherheit UND Freiheit der Bürger verschlechtern. Und das ist kein politisches Statement sondern ein statistisches.

Was die Politik versucht, würde ich als Prävention beschreiben. Man versucht Gewalt zu verhindern bevor sie passiert ist (Primärprävention). Außerdem versucht man Täter schnell zu fassen, so dass sie nicht erneut zuschlagen können (Sekundärprävention). In den letzen Jahren konnte man beobachten, wie verschiedene Programme zur Prävention von Krankheiten ein Problem hatten. Sie haben zum Teil mehr geschadet als genutzt. Darum werden sie zusehends kritischer hinterfragt. Zwar ist es auf den ersten Blick logisch, dass eine Erkrankung, die möglichst früh entdeckt und schnell behandelt wird, weniger Schaden verursacht. Dafür muss man Menschen untersuchen, wenn sie die Erkrankung noch nicht an Symptomen merken. Dafür gibt es Screeninguntersuchungen. Viele augenscheinlich gesunde Menschen werden Untersucht, um die wenigen die erkrankt sind, herauszufinden. Doch dieses Screeninguntersuchung haben ein großes Problem, es ist dasselbe Problem was auch Überwachungsmaßnahmen haben werden.

Nehmen wir einmal an, eine Überwachung wäre zu 99 % zuverlässig darin, die Menschen als unverdächtig zu erkennen, die auch wirklich unverdächtig sind. Nehmen wir weiter an, dasselbe Verfahren wäre in der Lage 99 % der Täter zu entdecken. Nehmen wir weiterhin an, dass einer von 10000 Bürgern vorhat eine terroristische Straftat zu begehen. Wenn 99 % der Menschen als unverdächtig erkannt werden, die unverdächtig sind, bleiben 1 % übrig, die als verdächtig erkannt werden, obwohl sie nicht verdächtig sind. Bei einer Bevölkerung von 80 Millionen Menschen wären das 800.000 Menschen. Das wären 800.000 Menschen in einem Jahr, die sich einer Ermittlung würden unterziehen müssten. Nehmen wir dann noch einmal an, dass das Rechtssystem dafür sorgt, dass 95 % der Menschen die unschuldig sind, als unschuldig erkannt werden und nicht verurteilt werden. Dann bleiben 5 % der Menschen die, obwohl sie unschuldig sind, als schuldig erkannt und verurteilt werden. Das würde bedeuten, dass jedes Jahr 40.000 Menschen unschuldig für eine terroristischer Tat oder deren Planung verurteilt werden würden. Das klingt nicht sicher. Das klingt nicht frei.

Nehmen wir die gleichen Zahlen für die möglichen TäterInnen. 99% der „Täter“ werden als „Täter“ erkannt. Von denen werden 95% verurteilt. Bei einem von 10 000 Bürgern hätten wir in Deutschland 8000 mögliche Täter. Von denen werden 7920 erfasst und von denen werden 7524 verurteilt. 476 wären frei.

Bei diesem System würden 40.000 unschuldig Verurteilte 7524 schuldig verurteilten gegenüberstehen.

Da ich kein Fachmann für Sicherheit, Strafverfolgung und das Justizsystem bin, kann ich nicht einschätzen, wie realistisch diese Zahlen sind. Aber selbst wenn alle „Gefährder“ gefunden und verurteilt würden und 99,9% als unschuldig erkannt würden, stünde zwei zurecht verurteilten Personen, eine unschuldig verurteilte Person gegenüber (8000 zu 4000).

Eine Person die nichts zu verbergen hatte.

Nazimilch

Es ist toll, weiß zu sein! Louis CK hat eine Nummer in der erklärt, wie großartig es ist, ein weißer Mann zu sein. Er meint damit, dass man als weißer Mann zu beinahe jedem Zeitpunkt der Geschichte, an beinahe jedem Punkt der Erde zu der Gruppe von Menschen gehört hätte, der es besser ging als dem Rest. Er meint das als Beschreibung der Wirklichkeit, nicht als ihre Rechtfertigung. Es gibt jedoch Menschen, die meinen das genau so. Die sind der Ansicht, ihre spärlich ausgeprägte Pigmentierung sei äußeres Zeichen einer inneren Überlegenheit gegenüber Menschen mit stärker ausgeprägter Pigmentierung. Bar jeder Kenntnis in Biologie sprechen diese Menschen gern von „Rassen“.

Und, so erfuhr ich kürzlich, sie, die weißen Überlegenen, trinken gerne Milch. Denn Milch ist auch weiß! Und weiß sein ist toll.

In New York hatte Shia LaBeouf, ein Schauspieler, eine Kamera eingerichtet, die eigentlich dazu dienen soll, zu zeigen, dass wir alle Schwestern und Brüder sind. Nackte Affen auf einem kleinen blauen Planeten. Der Platz vor der Kamera wurde von „White Supremasists“ dazu genutzt, ihre spärlich pigmentierten (jedoch Stellenweise künstlich nachpigmentierten) Oberkörper zu präsentieren, um ihrer politischen Botschaft Ausdruck zu verleihen: „Wir sind die besten. Und zwar nicht, weil wir irgendwas besser können als weniger Pigmentierte, sondern WEIL wir spärlich pigmentiert sind.“ Und welches Getränk könnte besser dazu dienen, dieses differenzierte Weltbild zu transportieren als Milch.

Die Herren trinken Milch vor der Kamera. Denn, so die Ansicht dieser Herren, die Tatsache, dass sie als Erwachsene ein Enzym besitzen, welches Laktose in Galactose und Glukose spaltet (Lactaste-Persistenz), sei Beleg dafür, dass sie an der Spitze der Evolution stünden. Prost!

In einem Paper aus Nature ist zu erfahren, dass die Fähigkeit Lactase auch als Erwachsener zu bilden (Kinder können es ohnehin) mit der Mutation einer DNA-Base in der Nähe des Gens für Lactase zu tun hat. Dabei wurde die DNA-Base Cytosin durch Thymin ausgetauscht. Es geht also, bei der Überlegenheit der weißen „Rasse“ um ein (EIN!) Molekül. Ein fragiles Konzept, will beherzt verteidigt sein.

Im selben Paper ist auch zu lesen, dass auch Menschen ohne Lactase-Persistenz Milchprodukte zu sich genommen hätten. Sie hätten lediglich dafür sorgen müssen, den Lactoseanteil in der Nahrung zu reduzieren. Dazu wurde Milch unter anderem zu Käse verarbeitet. Käse herzustellen ist gar nicht so einfach, diese Menschen konnten es bereits vor 8000 Jahren. Damit hatten sie diese Fähigkeit vor dem Zeitpunkt als die Lactase-Persistenz erstmals auftrat (ca. 7500 Jahre).

Man könnte also sagen, Menschen mit Lactase-Persistenz müssen sich weniger Gedanken machen wenn sie etwas essen wollen. Und sie sind zu faul, sich leckeren Käse zu machen. Sie trinken die Milch einfach aus dem Kanister.

Und wie das so ist, mit zufälligen Mutationen einzelner DNA-Basen, entstehen diese auch woanders. So zum Beispiel in Westafrika und Südasien. Auch dort gibt es Lactase-Persistenz. Zufällige Mutationen einzelner DNA-Basen entstehen auch bei Menschen mit stärker ausgeprägter Pigmentierung.

Es ist toll, weiß zu sein. Du denkst, du übernimmst die Herrschaft aber die Milch macht’s.

Nazis schlagen

Im letzten Jahr wurde von einigen Menschen in meiner Filterblase ein Video geteilt, auf dem Nazis von der Polizei in Luxemburg verprügelt werden, als sie dort eine Kundgebung veranstalten. Das Verhalten der Polizei wurde goutiert und oft mit „So muss man mit Nazis umgehen“ abgenickt. Ich habe nirgendwo etwas gefunden, was den Ausschnitt in einen Kontext stellt, der Gewalt in der gezeigten Form legitimiert.

Im Rahmen von Gegenprotesten zur Vereidigung von Donald Trump wurde Richard Spencer, der die USA zu einer arischen Nation machen möchte, von einem Demonstranten geschlagen.

Es ist nicht so, dass ich nicht emotional nachvollziehen kann, warum man sich darüber freut, wenn Faschisten vermöbelt werden. Besonders wenn sie öffentlich auftreten. Ich kann sogar das rationale Argument nachvollziehen, dass Faschisten wissen sollen, dass sie eine Preis zahlen müssen, wenn sie ihre Ansichten öffentlich vertreten. Und doch bin ich dagegen, Nazis zu schlagen. Ich bin dagegen irgendjemanden zu schlagen weil er bestimmte politische Ansichten hat.

„Gewalt ist die letzte Zuflucht der Unfähigen.“

Isaac Asimov

So befriedigt der nackte Affe in mir durch diese Impulsdurchbrüche meiner Artgenossen auch sein mag, so sehr bezweifelt der Humanist in mir, damit meinem Ziel näher gekommen zu sein. Eher im Gegenteil. Durch Gewalt gegen Nazis, erreichen sie viel mehr ihre Ziele als „wir“ unsere.

Wann ist es ok einen Nazi zu schlagen? Die beiden oben verlinkten Videos verschaffen dem nackten Affen Befriedigung. Was wäre, wenn Spencer vom nächsten Demonstranten geschlagen worden wäre und vom nächsten und vom nächsten? Wäre ein Tritt auch ok? Dürften Knochen brechen oder offene Wunden entstehen? Wäre die Grenze erreicht, wenn er ins Krankenhaus gemusst hätte oder wäre auch eine Reha im Anschluss noch angebracht gewesen?

Reicht es, einen rassistischen Witz zu erzählen, um es verdient zu haben, geschlagen zu werden? Oder muss man auch der NPD angehören? Ab welchem Alter darf man Nazis schlagen? Müssen sie volljährig sein oder ist es auch bei Jugendlichen ok? Wie ist es mit Menschen die Aufseher im KZ waren? Sind die zu alt um geschlagen zu werden? Ist es ok, wenn sie am Schlag sterben? Wie sieht es aus, wenn sie bereuen, was sie getan haben?

Ich habe bei Reddit einen Kommentar gelesen, in dem eine Dame, die schrieb, sie sei früher Nazi gewesen, sie wünscht sich heute, jemand hätte sie damals geschlagen. Dann wäre sie früher „da rausgekommen“.

Machen wir unsere Zustimmung, ob man Nazis schlagen darf vom Ergebnis abhängig? Wie lange darf man einen Nazi verprügeln, bis man aufgibt, weil man es nicht schafft in „da rauszubringen“ (oder sie)? Und wie weit nach links muss er gewandert sein, damit man aufhören kann?

Ich habe gezweifelt, ob ich es nicht doch ok finde, Nazis zu schlagen. Insbesondere, wenn ich an einen Abend vor einigen Wochen zurückdenke, als ein Mann laut grölend an unserer Wohnung vorbeilief und übelste rassistische Parolen von sich gab. Als er merkte, dass er beobachtet wird, entfernte er sich und drohte, unsere Wohnung anzuzünden. Danach rief er, die SA und die SS würden bald marschieren und dann…

Das macht mich ängstlich und wütend. Das ruft niedere Instinkte in mir wach. Das macht mich ihm ähnlicher. Das will ich nicht. Das sollten wir nicht wollen.

Es ist nicht richtig, Nazis zu schlagen. Es ist richtig sich gegen Nazis zu wehren, ihnen zu widersprechen, sich ihnen in den Weg zu stellen und zu setzen und ihnen das Leben und vor allem die politische Aktivität schwer zu machen. Doch es ist nicht richtig, sie zu schlagen, egal wie schön das Gefühl ist, wenn man sich das wieder und wieder ansieht.

Anmerkung I:

Im Rahmen von legitimer Selbstverteidigung sieht das natürlich anders aus, nur um Missverständnisse zu vermeiden. Ich bin weder Gandhi noch Märtyrer.

Anmerkung II:

Wer im Einsatz für eine demokratische und offene Gesellschaft die Grenze zur Gewalt überschreitet und Konsequenzen (rechtlich, körperlich) zu tragen hat, hat meine Solidarität ohne, dass ich mit seiner oder ihrer Handlung einverstanden sein muss.