Ein Chirurg im Ärzteblatt

Dem Ärzteblatt durfte ein sympathischer Kollege seine Klage über das Gesundheitssystem vortragen. Ein Gesundheitssystem, welches, aus seiner patientennahen Sicht von der Basis, für Patienten großartig ist. Das beste der Welt. Was ihn stört ist die „Industrialisierung“ der Medizin, die von der Politik vorangetrieben werde. Eine „Industrialisierung“, die die Patienten offenbar nicht stört, haben sie doch das beste Gesundheitssystem der Welt. Nur die Ärzte haben es schwer. Die „privatärztliche Gebührenordnung“ sei „bei Inhalt und Honorar im Jahr 1983 stehenge­blieben“. Da verdient man praktisch nichts mehr. Was viele nicht wissen: Privatpatienten bekommen nur aus Mitgefühl Termine vor Kassenpatienten, nicht wegen der hohen Einnahmen.

Wie emphatisch und lebensnah dieser Chirurg argumentiert, zeigt er, wenn er das Ende der Budgetierung fordert, damit die Berufsverbände selbst mit den Kassen verhandeln. Als Chirurg will man möglichst nah an die Fleischtöpfe. Weil dann bestimmte Dinge nicht mehr ins Budget passen, sollten Patienten „eigenverantwortlich“ Zusatzversicherungen abschließen. Für „Risikosportarten1“, „Vorsorgeleistungen“ und „ihre Psyche“. Falls jemand seine Psyche nicht zusatzversichern will, kann der Kollege diese sicherlich fachmännisch entfernen. Ich mache zumindest morgen einen Termin und lassen mir präzisionschirurgisch das Schamgefühl entfernen. Dann sind die Äußerungen solcher Kollegen auch besser zu ertragen.

  1. Die 90er haben angerufen und wollen ihre alberne Forderung zurück.
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Vitamine: Krebs oder kein Krebs

Als ich überlegte, ob ich das Thema dieses Textes auswähle, kam mir ein kleiner Geistesblitz. Das, was ich bei Medikamenten als Vorteil sehe – ein isolierter, genau dosierter Wirkstoff – sehe ich bei Vitaminen als Nachteil. Die Begründung, die Menschen für den Vorteil von pflanzlichen Medikamenten vorbringen – die Wirkung profitiere vom komplexen Zusammenspiel der vielen in der Pflanze vorhandenen Substanzen – lehne ich dort ab, nutze sie jedoch bei Nahrungsmitteln selbst. Aber um diesen Widerspruch soll es an dieser Stelle nicht gehen.

Es gibt sehr wenig Belege dafür, dass Vitamine, die zusätzlich zur Nahrung eingenommen werden, einen Vorteil für die Gesundheit haben, solange kein Mangel vorhanden ist. Gleichzeitig ist ein positiver Effekt messbar1, wenn Nahrungsmittel konsumiert werden, in denen die Vitamine vorhanden sind.

Es geht hier um „B-Vitamine“. Mein Einruck ist, dass es schwierig ist, Menschen noch mit profanem Vitamin-C zu begeistern. Es ist auf unzähligen Produkten als Zusatz angeführt und irgendwie überall drin. Das liegt natürlich auch daran, dass Ascorbinsäure (aka Vitamin-C) ein Konservierungsmittel ist, was vielleicht auch zum schwindenden Nimbus als Heilsbringer beitragen könnte. Womit jedoch der Absatz von Nahrungsmitteln noch gefördert werden kann, ist der Hinweis auf „B-Vitamine“ oder einen Zusatz davon. Die werden uns jetzt aber wirklich gesund halten! Und sie werden uns vor Krebs schützen. Darum können wir auch eine Vielzahl von Produkten kaufen, in denen die Vitamine von allen angenehmen Aspekten des Essens befreit wurden: Nahrungsergänzungsmittel.

In einer Studie wurden der Einfluss der Vitamine B6, B12 und Folsäure auf das Krebsrisiko untersucht. Um es kurz zum mache, konnte kein positiver Effekt für die Einnahme von irgendeinem B-Vitamin festgestellt werden2. Das Risiko für Lungenkrebs, darum ging es in der Studie, erhöhte sich bei der Einnahme von Vitamin B6 um 84%, bei Vitamin B12 um das doppelte und bei Folsäure gar nicht, immerhin. Die Ergebnisse haben der Industrie nicht gefallen.

Vertreter der Industrie verloren keine Zeit, zu erwähnen, dass es sich um eine Beobachtungsstudie handele und man davon ausgehe, dass es sich um einen statistischen aber nicht für einen realen Effekt handele. Damit haben sie natürlich Recht. Es war keine randomisierte, doppeltverblindete, placebokontrollierte Studie. Natürlich lebt Wissenschaft davon, das Ergebnisse infrage gestellt werden. Hersteller eines untersuchten Produktes haben jedoch einen Interessenkonflikt und eine wirtschaftliche Motivation, ein Problem, welches bei Medikamentenherstellern allen einleuchtet. Trotzdem wäre es möglich, dass die Hersteller gute Argumente haben.

Sie versuchen es. Als Gegenargument, wird eine Studie aus dem Jahr 2001 angeführt, in der beinahe 400.000 Menschen eingeschlossen waren. Von diesen 400.000 Menschen wurden die knapp 900 herausgesucht die Lungenkrebs hatten. Dann wurden circa 1800 Kontrollperson herausgesucht. Der Vitamin-B6 Spiegel im Blut wurde gemessen. Bei den Menschen die eine Krebsdiagnose hatten, war die Vitamin-B6 Konzentration im Blut geringer. Das bedeutet, in dieser Studie war ein geringerer Blutspiegel von Vitamin B6 mit einer größeren Wahrscheinlichkeit eine Krebsdiagnose assoziiert. Daraus einen kausalen Zusammenhang zu ziehen, ist mindestens mutig. Es könnte auch sein, dass der Vitamin-B6 Spiegel im Blut von Körper herunterreguliert wird, weil der Tumor sonst davon profitieren würde. Oder der Vitamin-B6 Spiegel ist geringer, weil er durch die Behandlung verändert wurde. Allerdings haben die AutorInnen versucht solche Effekte herauszurechnen.

Man kann sich vielleicht einfach darauf einigen, dass es keine starken Belege für und keine starken Belege gegen einen Einfluss von Vitamin B6 auf Lungenkrebs gibt. Das lässt den Schluss zu, dass die Einnahme von Vitamin B6 und anderen Vitaminen zwar den Urin der einnehmenden Person sehr teuer macht, jedoch keinen positiven Einfluss auf die Gesundheit hat. Ein geringes Risiko besteht für negative Einflüsse auf die Gesundheit. Sicher ist, dass die Werbeversprechen der Hersteller vollkommener Unsinn und durch wissenschaftliche Daten so gut wie nicht belegt sind.

  1. Dazu muss einschränkend erwähnt werden, dass Forschung zum Effekt von Nahrungsmitteln auf die Gesundheit ein methodischer Albtraum ist. Es werden fast immer die Angaben der Menschen zu den von ihnen konsumierten Nahrungsmitteln herangezogen. Diese sind sehr, sehr ungenau, so dass man vieles, was wir heute über Essen zu glauben wissen, in Zweifel ziehen kann.
  2. Die Einschränkung ist immer, dass kein Mangel oder die Gefahr eines Mangels bestehen!

Vitamine statt Statine

Lasst uns über Statine streiten!

Statine sind Medikamente, die dafür sorgen, dass der Cholesterinspiegel im Blut sinkt. Die Einnahme von Stationen geht mit einer Reduktion der Mortalität von Herz- Kreislauferkrankungen einher (d. h. es sterben nicht so viele Menschen daran). Statine werden sowohl bei Menschen eingesetzt, die noch keinen Herzinfarkt hatten aber ein Risiko, als auch bei Menschen, die bereits einen hatte. Im ersten Fall spricht man von Primärprävention, im zweiten Fall spricht man von Sekundärprävention. Statine waren vor einigen Jahren in der Kritik, weil die Industrie, also die Pharmaindustrie, teilweise erfolgreich, versucht hat, die Indikation für ihre Medikamente deutlich auszuweiten. Es wurde empfohlen auch Menschen mit relativ niedrigem Cholesterinspiegel Statine zu geben. Mittlerweile ist die Diskussion ruhiger geworden und Statine werden differenzierter gesehen.

Glücklicherweise gibt es eine natürliche Alternative! Wobei das Wort „Alternative“ vielleicht etwas zuviel verspricht. Der so genannte „rot fermentierten Reis“, enthält natürlicherweise den Stoff Monacolin K. Monacolin K ist auch als Lovastatin bekannt und in Medikamenten enthalten, es ist ein Statin. Weil rot fermentierter Reis ein Naturprodukt ist, gibt es Menschen, die der Ansicht sind, dass es gesünder ist, damit den Cholesterinspiegel zu sorgen. Oft wird so etwas mit dem „komplexen Zusammenspiel“ der diversen Inhaltsstoffe in Naturprodukten begründet. Dafür gibt es zwar nur selten Hinweise aber es klingt gut. Manchmal ist es auch ein „harmonisches Zusammenspiel“.

Für rot fermentierten Reis wurde nun eine Studie unternommen in der dessen Wirkung mit der von Statinen verglichen wurde. Statine haben gewonnen. Das lag auch daran, dass der Wirkstoffgehalt im rot verschimmelten Reis stark schwankte. Man wüsste also nicht, wieviel Reis man zu sich nehmen müsste, um die erwünschte Wirkung zu bekommen. Da man einen erhöhten Cholesterinspiegel nicht spürt, gibt es, abgesehen von Laborkontrollen, keine Möglichkeit, die Wirkung zu überprüfen. Auch die Menge von Citrinin im Reis dürfte schwanken. Citrinin ist ein Gift – entschuldigung – eine natürlich vorkommende Substanz, welches von dem Pilz produziert wird, der den Reis zum rot fermentierten Reis macht. Citrinin gilt als krebserregend, vielleicht ist das dieses komplexe Zusammenspiel, das alle meinen?

Der schwankende Wirkstoffgehalt ist nur eines der Probleme, mit denen Nahrungsergänzungsmittel und alternative Medizinprodukte behaftet sind. Manchmal ist auch nicht klar, ob die behauptete Wirkung überhaupt auftritt, weil es keine Studien gibt. Manchmal sind auch Substanzen in Nahrungsergänzungsmittel oder alternativen Medizinprodukte enthalten, die nicht aufgeführt sind. Manchmal sind die Substanzen nicht enthalten, die aufgeführt sind. Obwohl die Einnahme dieser Produkte teilweise einer Lotterie entspricht, haben sie ein besseres Image als echte Medikamente. Medikamente in denen Substanzen in kontrollierter Menge enthalten sind, deren Wirkung unter kontrollierten Bedingungen überprüft wurden1.

Komischerweise finde ich ’natürliche‘ Arzneimittel bis heute sympathischer als ‚pharmazeutische‘. Trotz Medizinstudium und dem damit erworbenen Wissen. Trotz der Beschäftigung mit Pseudomedizin und den mangelnden Belegen für deren Wirksamkeit und die Belege für den Schaden den sie verursachen können. Ich würde zwar heute keine Nahrungsergänzungsmittel oder Phytopharmaka mehr schlucken, von magischen Arzneimitteln ganz zu schweigen, aber ich kann die Bedürfnisse verstehen, die dahinter stecken. Diese Bedürfnisse nach Natürlichkeit, Ursprünglichkeit und ‚ganzheitlicher Gesundheit‘ wissen die Hersteller zu nutzen und schlagen daraus Profit.

Der wirkliche Geniestreich liegt jedoch darin, dass sich eine ganze Industrie gegen jegliche Kritik immunisiert. Außerdem schafft sie es, die eigene Kundschaft dafür einzuspannen, Kritiker als von der „Pharmaindustrie gekauft zu denunzieren. Respekt. Und das obwohl die Industrie rund um „alternative“ Gesundheitsprodukte, Lobbyarbeit macht, wie jede andere Industrie. Im Gleichen Lobbyverband wie alle anderen Pharmahersteller. Obwohl sie Gewinne macht und obwohl sie, aufgrund laxer Kontrollen immer wieder Menschenleben gefährdet. Was auch immer man für ein Zeug nehmen muss, um das zu schaffen: Ich will das auch!!!

Oh…

  1. Ja, ich weiß. In diesem Bereich wird viel Schindluder betrieben. Und darum gibt es die Initiative alltrials.net, die sich dafür einsetzt, dass alle Daten von allen Studien, die jemals gemacht wurden, veröffentlicht werden. Wer diese Initiative nicht mindestens mit einer digitalen Unterschrift unterstützt, darf nicht über „die Pharmaindustrie“ schimpfen.

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Schneller sterben mit Vitaminen

Vitamine – Missverstandener Nutzen

Immunsystem stärken!

Wer möchte nicht ein „starkes“ Immunsystem haben? Ein „starkes“ Immunsystem. Das klingt nach Gesundheit, nach Sicherheit, nach langem Leben, nach Superkräften. Es klingt zu schön, um wahr zu sein.

Stärkt man ein Immunsystem, erhöht also seine Aktivität, kommt es in der Regel zu Entzündungsreaktionen. Das wiederum klingt weniger nach Gesundheit und und Superkraft. Das klingt nach Aua. Oder nach Krankenhaus. Menschen deren Immunsystem seine volle Stärke zeigt, sind zum Beispiel Menschen, die eine Sepsis haben. Gemeinhin auch „Blutvergiftung“ genannt. Solche Menschen liegen in der Regel auf der Intensivstation, werden beatmet und kämpfen um ihr Leben. Oft verlieren sie.

Ursache einer Sepsis ist eine akute Infektion, welche das Immunsystem versucht, zu bekämpfen. Dabei zieht es den Körper in Mitleidenschaft, oft sterben Menschen nicht an der Infektion direkt, sondern an der Reaktion des Immunsystems auf die Infektion. Aber auch weniger akute Infektionen können Folgen haben. So haben Menschen nach einer Grippe ein höheres Risiko an einer Herz- Kreislauferkrankung zu versterben. Auch Menschen mit dem Metabolischen Syndrom haben oft erhöhte Entzündungswerte und ein höheres Risiko, einer Herz-Kreislauferkrankung zu erliegen.

Darum ist es auch nicht verwunderlich, dass Medikamente, die Entzündungen unterdrücken, eine positive Auswirkung auf Herz- Kreislauferkrankungen haben. Gerade wurde ein neues Medikament vorgestellt, das genau dort ansetzen soll. Eigentlich ist es für die Behandlung von ‚Rheuma‘ bei Jugendlichen gedacht. In einer Studie konnte es jedoch auch die Rate an Toten durch Herzinfarkt reduzieren. Leider sind dafür mehr Menschen an Infektionen gestorben, so dass es sich insgesamt ausgeglichen hat. Außerdem ist das Medikament sehr, sehr teuer. Ob es einen sinnvollen Platz in der Therapie von Herz- Kreislauferkrankungen bekommt, wird sich zeigen.

Immunsystem stärken?

Am Beispiel der Herz-Kreislauferkrankungen kann man schön zeigen, wie unsinnig die Idee eines ’starken‘ Immunsystems ist. Ein schwaches Immunsystem gibt Mikroorganismen die Möglichkeit uns umzubringen, ein starkes Immunsystem tötet uns selbst. Wer versucht, etwas zur Stärkung des Immunsystems anzubieten, hat entweder keine Ahnung oder keine Skrupel. Ich wünsche mir ein gut reguliertes Immunsystem. Es soll sich die meiste Zeit im Hintergrund halten und im richtigen Moment gezielt eingreifen. Wie kompliziert diese Regulation ist, zeigen uns die Beispiele vieler Medikamente, die in die Regulation eingreifen. Meist sind unsere Eingriffe relativ grob. Trotzdem können sie Leben retten. Bis auf diese wenigen Ausnahmen können wir jedoch nur wenig machen, um unser Immunsystem besser zu regulieren. Und glücklicherweise auch wenig, um es zu stärken.

Sinupret in der Kritik

Das pflanzliche Arzneimittel Sinupret® ist bei akuter und chronischer Entzündung der Nasennebenhöhlen zugelassen. Die meisten Menschen nehmen es, wenn sie „Schnupfen“ haben. Ich habe als Kind auch so einiges an Sinupret® verstoffwechselt, geschadet hat es mir (wahrscheinlich) nicht.

Der Nutzen von Sinupret® ist laut „arznei-telegramm“ nicht belegt. Sinupret® warb vor einigen Jahren mal mit einer Reihe von Studien, deren Methoden eher fragwürdig waren.

Für mich gehört Sinupret® zu den Arzneimitteln, die im Rahmen einer Krankheitskultur bei banalen Infekten und Männergrippe eingenommen werden können. So eine Art „Placebo-Plus“: Es ist ein Arzneimittel mit schwacher Evidenz, dass seine Wirkung aber nicht mit Magie begründet. Also ein „normales“, wahrscheinlich nicht wirksames Mittel. Eigentlich gehört es vom Markt genommen, aber es gibt andere Medikamente, die deutlich mehr Schaden anrichten. Zumindest sah es bisher so aus.

In der aktuellen Ausgabe des „arznei-telegramm“ (11/16) wird von einer Überempfindlichkeitsreaktion nach der Einnahme von Sinupret Extract ® berichtet. Bei der Patientin mit einem bekannten Asthma bronchiale führte das zu einem schweren Asthmaanfall (Status asthmaticus).

Pflanzliche Arzneimittel haben bei vielen Menschen einen guten Ruf, weil sie „natürlich“ sind. Dass viele Pflanzen „natürliche“ Abwehrstoffe gegen Fraßfeinde (dazu gehört auch der Mensch) produzieren, die auch tödlich sein können, wird dabei gern vergessen. Nebenwirkungen sprechen nicht grundsätzlich gegen die Einnahme eines Medikamentes, sie müssen jedoch durch die positive Wirkung aufgehoben werden.

Bei Sinupret® scheint die positive Wirkung überwiegend subjektiver Natur zu sein. Man muss also entscheiden, ob dieser Nutzen die Gefahr von Schadwirkung aufhebt. Leider gibt es immer noch nicht die Transparenz, von Seiten der Pharmaindustrie, auf die Patienten ein Recht haben. Im Gegenteil. In derselben Ausgabe des „Arznei-telegramm“ wird davon berichtet, dass die chinesische Behörde, die die Pharmaindustrie überwachen soll, 80% (!) der Studienergebnisse in China als Fälschung nachweisen konnte. Wir brauchen ALLE DATEN!!!

Weiterlesen:

Tod durch Intransparenz – 1:0 für die Pharmariesen

The Heat Is On For The Chinese Pharmaceutical Industry

Achtsamkeit am Sonntag

[Alternativer Titel: Die sieben Höllen der Achtsamkeit]

Es gibt nur wenige Momente in denen ich nicht mit irgendwas beschäftigt bin. Ich habe einen recht unruhigen Geist und neige dazu, schnell angespannt zu sein. Das nervt mich bisweilen sehr und manchmal spiele ich mit dem Gedanken, ob ich vielleicht eine AD(H)S haben könnte. Das würde mich aber zum einen noch mehr nerven und zum andere habe ich ein ausreichend hohes Funktionsniveau, also verwerfe ich diesen Gedanken wieder und entscheide mich für „Ist halt so“. Es wäre aber schon schön, wenn ich mal (EINMAL!) zur Ruhe kommen könnte: „Ist halt so, muss aber nicht“.

Als Sohn von Hippie-Eltern fand ich buddhistische Mönche (gemeint ist die Idee von buddhistischen Mönchen, die jungen Menschen typischerweise in einem kleinen norddeutschen Dorf vermittelt werden) immer toll. Diese Ruhe, diese Ausgeglichenheit, dieses achtsame Sein. Achtsamkeit! Das ist der Begriff der Zeit. Alle wollen achtsam sein: achtsam essen, sitzen, liegen, schlafen. Achtsam kaufen, investieren, traden. Mindfullness ist ein anderer Begriff für Achtsamkeit. Wir. Alle. Sind. Nicht. Achtsam. N.O.T. M.I.N.D.F.U.L.L.

Das sei, so höre ich immer wieder, eine Krankheit unserer Zeit, auf uns prasselten so viele Informationen ein, da könne ja niemand zur Ruhe kommen. Wir Armen! Wir wünschen uns in eine Zeit zurück, in der wir, frei von Smartphone und Email, durch stille Wälder streichen, auf der Suche nach Nahrung und Unterschlupf. In der wir, auf der Fährte eines Tieres durch die Savanne wandern und nur das rascheln des Grases hören. Lauschen auf jedes Geräusch, entscheiden blitzschnell, ob es eine Bedrohung unserer materiellen Existenz bedeutet oder die nächste Mahlzeit. In letzterem Fall müssen wir blitzschnell dafür sorgen, die Beute nicht zu verscheuchen und die richtige Taktik anwenden, sie zu erlegen, ohne dass sie dabei unsere materielle Existenz bedroht. Wenn wir sie erlegt haben, verspeisen wir sie am Feuer, immer ein Auge und ein Ohr in der Umgebung, um Futterneidern gewahr zu werden, die unsere materielle Existenz bedrohen könnten. Um dann, wenn wir satt sind, in einen unruhigen Schlaf zu fallen. Was wären wir achtsam!

Am heutigen Sonntag, während der körperlichen Ertüchtigung im Freien, schalt ich mich: „Du bist noch immer nicht achtsam! Schäme Dich dieses Mangels!“ Und plötzlich war ich trotz des schönen Wetters und der prächtigen Umgebung angespannt und unzufrieden mit mir. Da war er wieder, der mindfull Stress.

Wahn oder nicht Wahn?

In der Zeit gibt es diese Woche ein Sonderheft zum Thema Psychotherapie. Da habe ich qua Profession zugegriffen. Den allgemeinen Text über Psychotherapie finde ich insgesamt gelungen, gestolpert bin ich jedoch über folgenden Absatz:

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In meinem Text zu den Reichsbürgern habe genau das Gegenteil behauptet und mich gegen eine Pathologisierung politischer Ansichten gewandt. Auch in meinem Vortrag zum Zusammenhang zwischen der Zustimmung zu irrationalen Glaubenssystemen und psychischer Gesundheit, habe ich die Ansicht vertreten, dass es ein Zeichen psychischer Gesundheit sein kann, irrational sein handeln oder denken.

Nun würden mich die Quelle dieser „Erkenntnisse“ interessieren und was KollegInnen zu dieser Aussage denken. Ich halte die Aussage für Quatsch. Damit will ich nicht ausschließen, dass ein Mensch, der an einem Wahn leidet dies durch krude politische Ansichten zeigt. Aber nur weil ein Mensch nicht zu überzeugen ist (von den Argumenten, die ihm präsentiert werden, in der Form in der sie ihm präsentiert werden), ihm oder ihr einen Wahn anzudichten, erscheint mir doch als sehr psychiatrische Perspektive. Psychologische Faktoren werden dabei ignoriert. Oder irre ich mich und halte an einer irrationalen Überzeugung fest?

Mein Energiefeld – Aktiv und Vital

Eines meiner Ziele im Leben ist es, mich vollumfänglich ganzheitlich, metaganzheitlich sozusagen, untersuchen zu lassen. Dazu war ich erneut auf der „aktiv und vital Messe“ in Dresden. Dort hatte ich letztes Jahr eine Irisdiagnostik machen lassen. Dieses Mal war mein Energiefeld an der Reihe! Dazu wurde die GDV Methode benutzt. Niemand am Messestand , an dem die Abkürzung in großen weißen Buchstaben als Methode angepriesen wurde, wusste, wofür „GDV“ steht. Aber dafür wusste man, wie ich das Problem lösen kann „googeln Sie doch mal“. Kompetenz! Das mag ich in meinen Heilern.

Bei diesem Verfahren werden die Fingerkuppen auf ein Gerät gelegt und das den Körper umgebene Energiefeld wird gemessen. Eine nette Dame am Computer sagt einem, welchen Finger man wann auf das Messfeld, welches unter einem schwarzen Tuch liegt, drücken soll. Das funktioniert, weil die Meridiane der Fingerkuppen durch das Messgerät gemessen werden. So klärte man mich auf Nachfrage auf.

Da eine Messung mit Ausdruck genauso viel kostete, wie eine Messung, eine bioenergetische Massage nach Viktor Philippi und eine erneute Messung, habe ich die bioenergetische Massage gleich mitgenommen. Also Messung, Massage, Messung.

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Im Bereich der unteren Extremitäten zeigen sich bei frontaler und rechtslateraler Ansicht deutliche heterogen verteilte hypokirlianische Bereiche.

Die Massage beschränkt sich darauf, dass jemand erst neben und dann hinter mir stand und seiner Hände entweder auf den Brustkorb und zwischen die Schulterblätter legte oder auf meine Schultern. Jeweils für 7 Minuten. Nach der ganzen Prozedur wurden meine Messungen ausgewertet. Toll, was da raus kam!

Der Herr, der die Auswertung machte, gab sich alle Mühe freundlich zu sein, wirkte aber irgendwie…wie eine leere Hülle, fahl. Das mag daran gelegen haben, dass der Messetag fast vorbei war. Trotzdem gab er sich alle Mühe durch Cold Reading Informationen aus mir herauszubekommen, um seine Aussagen zu meinem Energiefeld auf mich abstimmen zu können. Er stürzte sich auf jede konkrete Information die ich ihm gab. So interpretierte er die Lücken des Energiefeldes an den Beinen als Ausdruck von Problemen mit meiner Familie (ich hatte energisch genickt, als er „Probleme mit der Familie“ zur Auswahl gab). Denn, so seine Erklärung, so wie die Beine uns stützen, stützt uns auch die Familie.

Dass ich ein leichtes Druckgefühl spürte, als mir der bioenergetische Masseur die Hände auf die Brust legte, interpretierte der Herr als Angst. Weil, so seine vulgärpsychosomatische Erklärung, einem Angst die Kehle zuschnürt. Nur, dass die Kehle sehr weit vom Brustkorb entfernt liegt, anatomisch betrachtet.

Angst. Angst? Angst! Das war die Diagnose, ich habe Angst. Eine Angst, die ich selbst nicht spüre, die erst durch die fragwürdige Interpretation eines erwartbaren Symptoms im Rahmen einer bioenergetischen Massage erkennbar wird. Doch bevor ich das jetzt auf die leichte Schulter nahm, wurde mir deutlich gemacht, dass alle Erkrankungen durch seelische Probleme verursacht werden. „Alle?“ frage ich, „auch Krebs!?“. „Auch Krebs!“ sagt er, sanft lächelnd. Großer Hamer bewahre! Kann man da nicht was gegen machen?
Kann man! Eine Heilung könne er natürlich nicht versprechen – Zwinker, Zwinker – aber man könne da was machen. Und dass müsse man auch, denn Angst, bewusst oder unbewusst, mache krank.

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Die Behandlung hat die Symmetrisierung um 14% erhöht, jedoch deutliche Lücken im Bereich des Wurzelchakras aufgezeigt.

Ich bin gespannt auf die Behandlung. Psychotherapie? Exposition? Geburtstrauma verarbeiten? Reinkarnationstherapie? Öfter mal eine bioenergetische Massage?
Nein, eine Kerze. Ein Teelicht um genau zu sein. Das soll ich jeden Abend in der Wohnung anzünden und ausbrennen lassen. Denn Angst „geht ins Feuer“ und ist dann weg.
Also entweder macht mir meine unbewusste Angst Krebs oder ich zünde ein Teelicht an. Da fällt mir die Wahl nicht schwer. Doch vorher sollte ich vielleicht noch etwas über diese GDV Methode erfahren, vielleicht ist das ja alles Bullshit.

Das GDV Verfahren wurde von Dr. Konstantin Korotkov, einem Spezialisten des menschlichen Energiefeldes erfunden. Das Verfahren diene der „wissenschaftlichen Untersuchung“ des Energiefeldes und beruhe auf dem Kirlian-Effekt. Das GDV-Verfahren „erlaubt direkte, Echtzeitaufnahmen von Veränderungen“ im Energiefeld. Die „Information der Fingerspitzenkorona wird gemessen, sichtbar gemacht“ und mit einer Software analysiert. GDV demonstriere „den objektiven Einfluss mentaler und physischer Aktivität auf des menschliche Energiefeld.“

Ein tolles Verfahren. Irgendwie hat aber niemand gemerkt, dass ich meine Finger in der falschen Reihenfolge auf das Messfeld gedrückt hatte.

 

Wissen zum Abgewöhnen

Sterben ist nicht so leicht wie man denkt. Wenn man es nicht aktiv versucht, sind die Chance in unseren Breiten, die 6. Dekade nicht zu erleben ziemlich gut. Und wenn man ein bisschen was dagegen macht, sind auch die 7. und 8. Dekade ein realistisches Ziel. Die Regeln dafür sind mittlerweile bekannt und Allgemeinplätze: Regelmäßige Bewegung, Alkohol in Maßen und nicht Rauchen. Trotzdem sind die Zeitungen voll von Ratschlägen, die behaupten, diese oder jene Aktion sorge dafür, dass man gesund bleibt und Alt wird. Besonders Essen wird dabei gerne mythisch aufgeladen.

Aber nicht nur über die Prävention eines vorzeitigen Todes wird in den Medien geschrieben, auch für Alltagsleiden werden „Behandlungen“ angeboten. Meist sind diese Berichte schlecht und schlicht falsch. Das sage nicht nur ich, das wurde nun auch systematisch untersucht. 11% ist die magische Nummer. 11% der Berichte zu Gesundheitsthemen in den Medien entsprechen dem aktuellen wissenschaftlichen Stand. Der Wetterbericht ist genauer, das Horoskop hat mehr Informationsgehalt als Berichte über Gesundheitsthemen. Dabei ist es fast egal, ob man eine Illustrierte liest oder eine „Qualitätszeitung“. Man kann es sich also sparen diese Berichte zu lesen und unter Umständen deren unsinnige Ratschläge zu umzusetzen und die Zeit anders nutzen. Hier wäre ein Vorschlag:

Weiterlesen:

Nur 11% der Gesundheits-Nachrichten stimmen

Medizin Transparent – Wissen was stimmt

Essen ist nicht ungesund

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Prunkstillleben Abraham van Beijeren 1640–80 (Wikipedia)

In unsere Gesellschaft, legt ein tonangebender Teil sehr viel Wert darauf, möglichst „natürlich“ zu leben, sich „der Natur“ nahe zu fühlen. Ein Focus der Bemühungen liegt dabei auf dem Essen. Vergessen wird oft jedoch, dass Essen vor allem eines ist: lebensnotwendig. Wer nichts isst, stirbt. Der Zusammenhang ist dabei nicht so unmittelbar wie beim atmen, weil es länger dauert bis man verhungert ist als bis man erstickt ist. Doch er ist unbestreitbar, Lichtnahrung hin oder her.

Noch nie hatten so viele Menschen über einen so langen Zeitraum, eine so große Auswahl sicherer Lebensmittel wie heute in den Industrienationen. Den Wert der Nahrung, nämlich uns am Leben zu erhalten, scheinen dabei viele vergessen zu haben. Essen muss heute mehr sein. Öko, bio, regional, die Begriffe sind austauschbar und haben über Marketing hinaus keine Bedeutung. Natürlich ist auch diese Nahrung so wenig, wie alles andere was wir heute zu uns nehmen. Wichtig ist auch, dass Nahrung „gesund“ ist, wobei, wie gesagt, ignoriert wird, dass es am ungesundesten ist, keine Nahrung zu sich zu nehmen. Was es bedeutet, wenn Nahrung „gesund“ ist, kann oft ohnehin niemand sagen. Ob Nahrung in Zusammenhang mit der Entstehung von Krebs steht oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigen soll, irgendwas ist ja immer.

Und meistens ist es falsch. Gelegentlich dauert es nur wenige Monate, manchmal aber auch Jahre oder Jahrzehnte bis falsche Informationen über gesundheitliche Effekte von Nahrungsmitteln im öffentlichen Bewusstsein richtig gestellt werden. Darum geht es in einem Artikel von „Mayo Clinic Proceedings“. Darin wird erklärt, warum die meisten Studien zu den gesundheitlichen Effekten falsche Ergebnisse liefern und oft so konstruiert sind, dass es auch gar nicht anders geht. Der Autor fordert, weniger Studien zum Thema Nahrung und Gesundheit zu machen, diese dafür jedoch vernünftig.

Nicht, dass dieser Artikel irgendetwas ändern würde. Nahrung wird weiter nahezu religiös betrachtet und aufgeladen werden. Über den moralischen Aspekt, der auch zunehmend anstrengend wird, habe ich dabei noch nicht mal etwas gesagt.

Weiterlesen: Why Everything We ‚Know‘ About Diet and Nutrition Is Wrong

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Mahlzeitstillleben Willem Claesz. Heda Stillleben mit Brombeerpastete, 1631 (Wikipedia)