No Shit – Eine Verschwörung aus Dresden

In einem Park in Dresden hängen seit einigen Tagen Zettel an den Bäumen, auf denen eine Warnung prangt.

Es wird davor gewarnt, Haschisch von „Nordafrikanern“ oder „Afghanen“ zu kaufen, weil dieses gestreckt sei. Bei „Syrern“ könne man Glück haben, solle es aber nicht darauf ankommen lassen, sondern lieber selbst anbauen. No Shit in Dresden.

Mein Verschwörungsgehirn hat sich über den Zettel gewundert und eine steile These aufgestellt. Zum einen ist mir der lockere Umgang mit rassistischen Einschätzungen aufgefallen. Ich kenne mich zwar in den sozialen Gepflogenheiten des Straßendrogenhandels nicht aus, vermute jedoch, dass selten Details zur jeweiligen Identität ausgetauscht werden. Woher sollte also der Zettelersteller1 sicher wissen, ob es sich um einen „Afghanen“, „Nordafrikaner“ oder „Syrer“ gehandelt hat? Gleichzeitig scheint der Zettelersteller der Ansicht zu sein, LeserInnen würde die Klassifizierung von Menschen in dieser Art eine sichere Einschätzung der Herkunft ihres Gegenübers ermöglichen. Wenn das kein Rassismus ist, weiß ich auch nicht was Rassismus ist.

Außerdem passt die Geschichte des Zettels irgendwie auch nicht recht. Mindestens vier Käufe müsste die Person unternommen haben, um dann für eigenen Bedarf anzubauen bzw. „aus sicheren Quellen“. Diese werden lustigerweise nicht einmal angedeutet, was der Intention des Zettel („Genießer“ und so…) Rechnung getragen hätte. Warum hat der Zettelersteller seine sicheren Quellen oder sein selbst angebautes Zeug überhaupt verlassen? Natürlich kann ich mir ein Szenario vorstellen, in dem das geschieht aber mein Verschwörungsgehirn sagt mir, da erzählt jemand eine Geschichte.

Zuletzt frage ich mich, wer sich so von Altruismus motivieren lässt, mehrere Zettel in einem öffentlichen Park aufzuhängen und sich dabei mehrfach zu gefährden. Zum einen könnten Menschen sich angesprochen fühlen und um ihre Geschäftsgrundlage fürchten, die dürften nicht freundlich reagieren. Und auch die Polizei dürfte Interesse daran haben, sich den Zettelersteller einmal genauer anzusehen. Das wäre zumindest unangenehm. Da ist jemand als ein hohes Risiko eingegangen um andere „Genießer“ zu warnen. Wie bei dem Polizisten mit dem völkischen Vogelaufnäher, unterstelle ich eine ideologische Motivation.

Mein Verschwörungsgehirn hat eine andere Hypothese. Dazu muss man wissen, dass dieser Park in Dresden in den letzten Monaten Ort vieler Konflikte und „Massenschlägereien“ war, an denen überwiegend Menschen mit Migrationshintergrund beteiligt gewesen sein sollen. Seit erhöhter Polizeipräsenz scheint es dort vorerst ruhiger geworden zu sein. Mein Verschwörungsgehirn denkt sich, dass es Interesse daran geben kann, diese Konflikte (die auch mit Drogenhandel zu tun haben sollen) erneut aufflammen zu lassen, um Ressentiments in der Bevölkerung zu schüren. Besonders in der Neustadt, die als eher „links“ gilt, gäbe es dafür theoretisch Potential. Mein Verschwörungsgehirn hat auch schon jemanden in Verdacht, nämlich die Identitäre Bewegung, zu denen würde so eine „lustige“ Guerillaaktion passen.

Mein rationales Gehirn zweifelt allerdings an dieser Hypothese und sagt mir, „Doch, das kann schon authentisch sein“. In Sachsen sagt man zwar gerne mal rassistische Dinge (manchmal ohne zu wissen, was man da sagt), aber eigentlich sind die Sachsen sehr freundliche Menschen. Solange der Shit gut ist.

  1. Ja, ich gehe davon aus, dass es sich um einen männlichen Menschen handelt.
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Homöopathie – Nichts ist teurer als weniger

Vor zwei Jahren machte eine Studie in den sozialen Netzwerken die Runde, die belegen sollte, dass Menschen die sich homöopathisch behandeln lassen, mehr Kosten verursachen als Menschen die sich nicht homöopathisch behandeln lassen. In einem Beobachtungszeitraum von 18 Monaten betrugen diese für Menschen in der Homöopathiegruppe ca. 7200 Euro, in der Kontrollgruppe ca. 5800 Euro. Damit widersprach das Ergebnis der Studie dem oft vorgebrachten Argument der Kosteneffizienz für die Nutzung von Homöopathie. Das Gegenargument der Studiengegner war, dass der Beobachtungszeitraum zu kurz sei. Homöopathie benötige einen langen Atem, anders als die „Schulmedizin“. Die AutorInnen haben auf diese Kritik reagiert und den Beobachtungszeitraum in einer neuen Studie auf 33 Monate erhöht.

Das Ergebnis bleibt im Kern gleich (ca. 12400 Euro vs ca. 10400 Euro).

Einmal ganz abgesehen davon, ob die Kosten bei einer spezifischen nicht wirksamen Therapie (es beeinflussen also lediglich Placeboeffekte und unspezifische Faktoren den Erkrankungsverlauf) eine relevante Diskussionsgrundlage sein können, gibt es ein paar bemerkenswerte Dinge an der Studie.

Eine der AutorInnen, Claudia Witt, forscht seit langem im Bereich Alternativmedizin und hat einiges an Kritik für ihre Arbeit einstecken müssen. Unter anderem von Menschen wie mir, die ihr einen unkritischen Ansatz vorwerfen…oder warfen. Einige Arbeiten von Frau Witt wurden in der Vergangenheit freudig von Homöopathieapologeten genutzt, um die angebliche wissenschaftliche Grundlage der Homöopathie zu belegen. In der Danksagung dieser Studie wird auch Curt Kösters gedankt, der mal 1. Vorsitzender des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) war. Diese Studie kommt somit nicht aus der Ecke der von Big Pharma finanzierten Skeptiker.

Es wurden Daten von Menschen genutzt, die an bestimmten Programmen der Krankenkassen teilnahmen, so dass sie „alternativmedizinische Angebote“ auf Kassenkosten nutzen konnten. Damit entspricht die Schnittgruppe wahrscheinlich nicht der Durchschnittsbevölkerung. Menschen denen solche Angebote wichtig sind, sind oft jünger, besser gebildet und haben ein höheres Einkommen als der Durchschnitt. Außerdem sind sie überzufällig häufig weiblich. Die Vergleichsgruppe wurde zwar gematcht, unklar ist mir, ob und welche sozioökonomischen Faktoren einbezogen werden.

Es wäre durchaus möglich, dass nicht die Homöopathie das kostentreibende Element war, sondern eine bestimmte Anspruchshaltung des Klientels.

Auch wurden nicht Patienten individuell verfolgt, sondern Daten der Kassen ausgewertet. Es ist also möglich, dass Menschen nur kurz in einem der Programme waren und diese dann wieder verlassen haben. Dann wären die Daten verzerrt. Das würde allerdings gegen die Zufriedenheit der Patienten sprechen und damit gegen eine Zufriedenheit mit Homöopathie.

Die Kritik an dieser Studie von Seiten der Homöopathen dürfte lauten, dass sie nicht lange genug gedauert habe. 33 Monate sind zwar eine lange Zeit, reichen aber nicht aus, um eine ganzheitliche Bewertung der Homöopathie vorzunehmen. Es wird somit auf eine Studie von 66 Monaten hinauslaufen, der eine Studie von 132 Monaten folgt, woraufhin eine Studie von 264 Monaten durchgeführt werden wird, deren Ergebnisse mithilfe einer 528 Monate langen Studie überprüft werden. Die Studie von 1056 Monaten wird beinahe ein endgültiges Ergebnis bringen, jedoch noch die Studie von 2112 Monaten notwendig machen. Deren Ergebnis wird zeigen, dass Patienten die homöopathisch behandelt werden, zwar mehr Kosten verursachen, was aber im Grunde egal ist, weil wir am Ende ohnehin alle sterben.

You know, you come from nothing, you’re going back to nothing. What have you lost? Nothing!

Das Leben des Brian

Ein Chirurg im Ärzteblatt

Dem Ärzteblatt durfte ein sympathischer Kollege seine Klage über das Gesundheitssystem vortragen. Ein Gesundheitssystem, welches, aus seiner patientennahen Sicht von der Basis, für Patienten großartig ist. Das beste der Welt. Was ihn stört ist die „Industrialisierung“ der Medizin, die von der Politik vorangetrieben werde. Eine „Industrialisierung“, die die Patienten offenbar nicht stört, haben sie doch das beste Gesundheitssystem der Welt. Nur die Ärzte haben es schwer. Die „privatärztliche Gebührenordnung“ sei „bei Inhalt und Honorar im Jahr 1983 stehenge­blieben“. Da verdient man praktisch nichts mehr. Was viele nicht wissen: Privatpatienten bekommen nur aus Mitgefühl Termine vor Kassenpatienten, nicht wegen der hohen Einnahmen.

Wie emphatisch und lebensnah dieser Chirurg argumentiert, zeigt er, wenn er das Ende der Budgetierung fordert, damit die Berufsverbände selbst mit den Kassen verhandeln. Als Chirurg will man möglichst nah an die Fleischtöpfe. Weil dann bestimmte Dinge nicht mehr ins Budget passen, sollten Patienten „eigenverantwortlich“ Zusatzversicherungen abschließen. Für „Risikosportarten1“, „Vorsorgeleistungen“ und „ihre Psyche“. Falls jemand seine Psyche nicht zusatzversichern will, kann der Kollege diese sicherlich fachmännisch entfernen. Ich mache zumindest morgen einen Termin und lassen mir präzisionschirurgisch das Schamgefühl entfernen. Dann sind die Äußerungen solcher Kollegen auch besser zu ertragen.

  1. Die 90er haben angerufen und wollen ihre alberne Forderung zurück.

Die Partei – Unsere letzte Hoffnung

Vor einigen Tagen fühlte ich mich ertappt. In der taz fand ein Autor es gar nicht gut, dass Menschen ernsthaft mit dem Gedanken spielen, „Die PARTEI“ zu wählen. Er hält diese Menschen für „Elitär, bourgeois und amoralisch“. Hui, das passt gar nicht zu meinem Selbstbild. „Amoralisch“, klingt nicht nett. Spätestens nach der Aktion, bei der Mitglieder der PARTEI geheime AfD-Gruppen bei Facebook gekapert hatten, war sie für mich eine wählbare Alternative. Das ist Einsatz für die Gesellschaft, praktisches Engagement.

Martin Sonneborn berichtet in der Titanic jeden Monat aus Brüssel und schafft es, auf zwei Seiten mir mehr über den dortigen Betrieb nahezubringen als sonst ein Medium bisher. Das mag natürlich mehr über mich aussagen als über seine Berichterstattung. Er macht die Strukturen dort durch seine Aktionen kenntlich, zeigt durch Satire Fehler im System. Dieser Mann lebt für die Demokratie. Er macht sich für sie zum Narren.

Darum ist der Begriff „Spaßpartei“ auch Unsinn. Klar haben die Mitglieder bei Ihren Aktionen Spaß und klar sieht man den Spaß an der Oberfläche, wenn die PARTEI Aktionen macht. Aber was nach dem Lachen zurückbleibt, ist der Schmerz, weil sie uns Dinge zeigen, die andere Parteien verschweigen.

Wenn die AfD in den Bundestag kommt, wäre Die PARTEI das wirksamste Gegengift. CDU, SPD, Grüne und FDP lassen sich seit Monaten von der AfD thematisch vor sich hertreiben. Die Linke querfrontelt so vor sich hin und die Piraten sind nicht witzig.

Wenn Serdar Somunchu im Bundestag ein Antwort auf einen Redebeitrag der AfD geben könnte, würde deren völkisches Gedankengut, ihr Rassismus und ihre Geschichtsrevisionismus zu humoristischem Pulver zermahlen und bei der nächsten Wahl vom Winde verweht. Denn die PARTEI hat immer Recht.

[Edit: Um nach der Machtübernahme der PARTEI keine Probleme zu bekommen, habe ich den Hinweis von Ulf aus den Kommentaren unverzüglich umgesetzt.]

Innovation aus Sachsen – Polizeirassismus

Die sächsische Polizei lieferte kürzlich per Twitter folgende Perle politischer Ahnungslosigkeit ab.

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Die gesamte Unterhaltung findet sich hier.

Polizeirassismus? Was soll das sein? Ein Definitionsversuch:

Polizeirassismus, der; gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit gegenüber uniformierten StaatsbeamtInnen/Staatsangestellten, die Mithilfe von Schutzausrüstung und Schusswaffen die Aufgabe erfüllen, dass staatliche Gewaltmonopol durchzusetzen. Polizisten sind Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft, Kultur, Religion, äußeren Erscheinung Entscheidungen in den Polizeidienst treten.

P. findet vor allem Ausdruck in systematischer Repression von Polizeiarbeit, der unverhältnismäßigen juristische Verfolgung möglichen Fehlverhaltens von PolizistInnen im Dienst, (siehe dazu auch „Verhältnisse, sächsische“).

Zu „Polizeirassismus“, womit im Tweet vermutlich Feindseligkeit gegenüber PolizistInnen von politisch links eingestellten Menschen gemeint ist, fiel mir ein kleine Beobachtung ein, die ich kürzlich machte.

Ich sah in Dresden einige Mitglieder der neu belebten Wachpolizei. Das sind Menschen mit einer polizeilichen Sparausbildung, die Tätigkeiten übernehmen sollen, für die man keine voll ausgebildeten und voll bezahlten PolizistInnen einsetzen möchte. Die Herren, die im Umfeld eines Polizeieinsatzes auf einem bekannten Dresdner Verkehrsknotenpunkt dekorativ herumstanden, trugen Uniformhemden. Die Hosen und Schuhe schienen jedoch Privateigentum (oder die Bekleidungsstelle der Polizei Sachsen hat einen merkwürdigen Sinn für Humor) zu sein. Insbesondere die Schuhe fielen mir ins Auge. Die waren bei allen Personen, die ich sah, ziemlich abgeranzt. Es ist doch interessant, wie wenig Wertschätzung die Landesregierung ihren Angestellten entgegenbringt, wenn sie es nicht einmal für notwendig erachtet, für sicheres und wetterfestes Schuhwerk zu sorgen. Das ist doch ein klarer Fall von Polizeirassismus!

 

Esoterisch nüchtern

Drei Biosiegel und ein entstörter Barcode sind nicht genug! Dieses alkoholfreie Bier ist auch noch glutenfrei!

Vermutlich bin ich jetzt erleuchtet, entgiftet, ausgeglichen, meine Frequenzen sind in Einklang und meine Telomere wachsen. Dass ich auch nicht mehr durstig bin, erscheint da beinahe ein Randphänomen zu sein. Ganzheitlich durchleuchtet.

 

[Edit: Witze soll man nicht erklären. Da aber mehrfach der Hinweis erfolgte, Glutenfreies Bier sei für Menschen mit Zöliakie notwendig, damit sie ohne Symptome Bier trinken, hier eine kleine Erläuterung: Ich meine mit meinem Spot nicht Menschen die eine Zöliakie haben. Mein Spott gilt der Modeerscheinung, in Gluten etwas „schlechtes“ und ungesundes zu sehen und ihm alle möglichen Symptome in gesunden Menschen zuzuschreiben.]

Linker Whataboutismus

Es gibt immer etwas Schlimmeres. Es gibt immer etwas, Wichtigeres. Es gibt immer etwas, was man dringender lösen müsste. Wenn wir nur wüssten was?

Als im Rahmen der G 20 Proteste eine Vielzahl von Autos angezündet wurde, wurde der öffentlichen Empörung darüber unter anderem damit begegnet, dass man sich jetzt zwar aufrege, wenn Autos angezündet werden, jedoch schweige wenn Gewalt gegen Menschen, in der Regel Menschen anderer Herkunft, ausgeübt werde. Daraus entstanden und darin verdichtet scheint ein Aufkleber der in meiner unmittelbaren Nachbarschaft zu finden ist.

Sehr pointiert soll er aussagen dass wir uns zwar alle mit AutofahrerInnen solidarisieren, so wie wir uns mit Terroropfern solidarisieren. Im Text darunter wird ausgeführt, dass täglich in unserem Namen, überall auf der Welt Gewalt angewendet wird. Diese Gewalt, so scheint er Aufkleber sagen zu wollen, ist uns nicht nur egal, wir heißen sie sogar gut. Gegenüber dieser Gewalt allerdings sei das Anzünden von Autos, so wird impliziert, eine Kleinigkeit. Nicht der Rede wert.

Auch wenn sie in der Sache richtig sein mag, wobei ich das hier nicht beurteilen möchte, ist das eine unemphatische Aussage. Sie ist unter anderem unemphatisch, weil sie sich zwar an die richtet, die sich über die angezündeten Autos aufregen, aber die ignoriert, deren Autos angezündet wurden. Es mag sich dabei um privilegierten Menschen einer westlichen Gesellschaft handeln, doch es handelt sich um Menschen. Menschen von denen wir nicht wissen, was das Auto für Sie bedeutet, alleine wirtschaftlich wir wissen nicht wie viel sie dafür gearbeitet haben und wir haben nicht das Recht, darüber zu urteilen ob ihnen das Auto so wichtig sein darf wie es ihnen ist.

Andererseits haben wir natürlich trotzdem das Recht, darüber zu urteilen, wie wichtig das Auto jemanden sein darf. Wir haben nur nicht das Recht dass irgend jemand unserem Urteil Gehör schenkt.

Ich finde an den Aufklebern vor allem schade, dass sie wahrscheinlich auch den Menschen vor den Kopf stoßen, die einen Großteil der Werte derjenigen Menschen teilen, die die Aufkleber aufgeklebt haben. Aber eben nicht radikal genug, nicht rein genug oder irgendwie anders unpassend. Wenn es darum geht, sich von anderen abzugrenzen, sich aufzuwerten , die eigene Radikalität unter Beweis zu stellen, dann ist so ein Aufkleber genau richtig. Wenn es aber darum geht, ein politisches Ziel zu erreichen, dann ist so ein Aufkleber eine gute Möglichkeit, den Weg möglichst lange einsam zu beschreiten. Doch es gibt wahrscheinlich Schlimmeres.

Therapie durch Gewalt

Donald Trump liebt den Präsidenten der Philippinen, Rodrigo Duterte. Und PEGIDA liebt Donald Trump. Putin liebt sie alle und sich selbst. Die starken Männer von Heute sind begeistert voneinander. Bis sie sich in die Quere kommen, dann ist das Geheule wieder groß. Starke Männer machen alles mit Druck. Sie nutzen Durchsetzungskraft, Erziehung durch Härte, Verbote, Strafen. Alles was sie wollen, erwarten sie zu erhalten, wenn sie nur genug Gewalt anwenden. Verbale Gewalt, physische Gewalt, institutionelle Gewalt oder wirtschaftliche Gewalt. Hauptsache stark.

Irgendwann, als ich auf dem Theaterplatz in Dresden angerührt den exklusiven „Wir sin’ das Volk“-Rufen lauschte, habe ich mich gefragt was wohl passieren würde, wenn die AfD und PEGIDA die Macht erhalten würden, die sie anstreben. Zum Beispiel mit mir? Ich denke, in einem Staat der nach den Vorstellungen der neurechten Bewegungen organisiert wäre, gäbe es keinen Platz für Psychotherapie. Psychotherapie ist nichts für die starken Männer. Psychotherapie, beziehungsweise eine Veränderung in der Psychotherapie, kann man nicht herbeidrücken. Manchmal erreichen Menschen nicht einmal die gewünschte Veränderung, wenn sie wollen wollen. Schlimmer wäre für sie jedoch der Gedanke, dass in der Psychotherapie Dinge gesagt würden, von denen sie, die starken Männer, nichts wüssten.

Daran musste ich denken, als ich von den Philippinen las, wo Menschen mit einer Suchterkrankung die Wahl haben, eine Therapie zu machen oder umgebracht zu werden. Das, so würden die starken Männer meinen, sind hervorragende Voraussetzungen für eine erfolgreiche Therapie! Jemand, dem der Tod droht, wird sehr motiviert sein, mitzumachen, würden sie denken. Gewaltiger Druck für eine gewaltige Heilung. Dabei geht es bei einer Psychotherapie nicht nur darum, „mitzumachen“. Es geht darum, mitmachen zu wollen, um mitmachen zu können. Es geht darum, etwas Neues über sich zu lernen, sich zu verstehen, sich neu zu sehen, anders mit sich umzugehen. Dafür muss man sich mit sich beschäftigen mit sich und seinen oder ihren Emotionen.

Die Erwartung bei Nichterfolg unter Umständen sterben zu müssen, dürfte Angst hervorrufen. Wenn man Angst hat, ist es schwer, sich auf eine Therapie einzulassen. Angst ist ein dominantes Gefühl, mit der Tendenz, den Rest des emotionalen Erlebens in den Schatten zu stellen oder in ihrem Licht anzustrahlen. Wenn im außen der Tod droht, wird das Innen zur Nebensache. Das verstehen natürlich die starken Männer nicht, weil die denken man braucht nur genug Druck.

“Morde sind nicht die Lösung”, sagt Sikini Labastilla. Auf Facebook schreibt er: “Ich verstehe langsam, dass in jedem Süchtigen ein Schmerz festsitzt.” Beide Sätze klingen selbstverständlich. Auf den Philippinen sind sie in diesen Tagen revolutionär.

Was auf den Philippinen passiert, ist eine Erinnerung daran, wie dünn der Stoff ist, den wir Zivilisation nennen. Der Stoff, der uns von der Barbarei trennt, die die starken Männer so lieben, weil sie von der eigenen inneren Ödnis ablenkt.

Vitamine: Krebs oder kein Krebs

Als ich überlegte, ob ich das Thema dieses Textes auswähle, kam mir ein kleiner Geistesblitz. Das, was ich bei Medikamenten als Vorteil sehe – ein isolierter, genau dosierter Wirkstoff – sehe ich bei Vitaminen als Nachteil. Die Begründung, die Menschen für den Vorteil von pflanzlichen Medikamenten vorbringen – die Wirkung profitiere vom komplexen Zusammenspiel der vielen in der Pflanze vorhandenen Substanzen – lehne ich dort ab, nutze sie jedoch bei Nahrungsmitteln selbst. Aber um diesen Widerspruch soll es an dieser Stelle nicht gehen.

Es gibt sehr wenig Belege dafür, dass Vitamine, die zusätzlich zur Nahrung eingenommen werden, einen Vorteil für die Gesundheit haben, solange kein Mangel vorhanden ist. Gleichzeitig ist ein positiver Effekt messbar1, wenn Nahrungsmittel konsumiert werden, in denen die Vitamine vorhanden sind.

Es geht hier um „B-Vitamine“. Mein Einruck ist, dass es schwierig ist, Menschen noch mit profanem Vitamin-C zu begeistern. Es ist auf unzähligen Produkten als Zusatz angeführt und irgendwie überall drin. Das liegt natürlich auch daran, dass Ascorbinsäure (aka Vitamin-C) ein Konservierungsmittel ist, was vielleicht auch zum schwindenden Nimbus als Heilsbringer beitragen könnte. Womit jedoch der Absatz von Nahrungsmitteln noch gefördert werden kann, ist der Hinweis auf „B-Vitamine“ oder einen Zusatz davon. Die werden uns jetzt aber wirklich gesund halten! Und sie werden uns vor Krebs schützen. Darum können wir auch eine Vielzahl von Produkten kaufen, in denen die Vitamine von allen angenehmen Aspekten des Essens befreit wurden: Nahrungsergänzungsmittel.

In einer Studie wurden der Einfluss der Vitamine B6, B12 und Folsäure auf das Krebsrisiko untersucht. Um es kurz zum mache, konnte kein positiver Effekt für die Einnahme von irgendeinem B-Vitamin festgestellt werden2. Das Risiko für Lungenkrebs, darum ging es in der Studie, erhöhte sich bei der Einnahme von Vitamin B6 um 84%, bei Vitamin B12 um das doppelte und bei Folsäure gar nicht, immerhin. Die Ergebnisse haben der Industrie nicht gefallen.

Vertreter der Industrie verloren keine Zeit, zu erwähnen, dass es sich um eine Beobachtungsstudie handele und man davon ausgehe, dass es sich um einen statistischen aber nicht für einen realen Effekt handele. Damit haben sie natürlich Recht. Es war keine randomisierte, doppeltverblindete, placebokontrollierte Studie. Natürlich lebt Wissenschaft davon, das Ergebnisse infrage gestellt werden. Hersteller eines untersuchten Produktes haben jedoch einen Interessenkonflikt und eine wirtschaftliche Motivation, ein Problem, welches bei Medikamentenherstellern allen einleuchtet. Trotzdem wäre es möglich, dass die Hersteller gute Argumente haben.

Sie versuchen es. Als Gegenargument, wird eine Studie aus dem Jahr 2001 angeführt, in der beinahe 400.000 Menschen eingeschlossen waren. Von diesen 400.000 Menschen wurden die knapp 900 herausgesucht die Lungenkrebs hatten. Dann wurden circa 1800 Kontrollperson herausgesucht. Der Vitamin-B6 Spiegel im Blut wurde gemessen. Bei den Menschen die eine Krebsdiagnose hatten, war die Vitamin-B6 Konzentration im Blut geringer. Das bedeutet, in dieser Studie war ein geringerer Blutspiegel von Vitamin B6 mit einer größeren Wahrscheinlichkeit eine Krebsdiagnose assoziiert. Daraus einen kausalen Zusammenhang zu ziehen, ist mindestens mutig. Es könnte auch sein, dass der Vitamin-B6 Spiegel im Blut von Körper herunterreguliert wird, weil der Tumor sonst davon profitieren würde. Oder der Vitamin-B6 Spiegel ist geringer, weil er durch die Behandlung verändert wurde. Allerdings haben die AutorInnen versucht solche Effekte herauszurechnen.

Man kann sich vielleicht einfach darauf einigen, dass es keine starken Belege für und keine starken Belege gegen einen Einfluss von Vitamin B6 auf Lungenkrebs gibt. Das lässt den Schluss zu, dass die Einnahme von Vitamin B6 und anderen Vitaminen zwar den Urin der einnehmenden Person sehr teuer macht, jedoch keinen positiven Einfluss auf die Gesundheit hat. Ein geringes Risiko besteht für negative Einflüsse auf die Gesundheit. Sicher ist, dass die Werbeversprechen der Hersteller vollkommener Unsinn und durch wissenschaftliche Daten so gut wie nicht belegt sind.

  1. Dazu muss einschränkend erwähnt werden, dass Forschung zum Effekt von Nahrungsmitteln auf die Gesundheit ein methodischer Albtraum ist. Es werden fast immer die Angaben der Menschen zu den von ihnen konsumierten Nahrungsmitteln herangezogen. Diese sind sehr, sehr ungenau, so dass man vieles, was wir heute über Essen zu glauben wissen, in Zweifel ziehen kann.
  2. Die Einschränkung ist immer, dass kein Mangel oder die Gefahr eines Mangels bestehen!

Bedürfnisse und Opium

Ärzte sind auch nur Menschen. Das macht eine rationale Medizin so schwierig. Selbst ohne falsche Anreize und ein durchrationalisiertes System (also haben wir doch eine rationale Medizin?) wäre es schwierig, immer möglichst rationale Entscheidungen zu treffen. Das liegt daran, dass Patienten auch nur Menschen sind. Um diese Allgemeinplätze etwas mit Leben zu füllen, schauen wir uns eine Interaktion zwischen ÄrztInnen und PatientInnen einmal genauer an.

PatientInnen gehen zu ÄrztInnen, weil sie Hilfe wollen. Das Ziel von ÄrztInnen ist, ihren PatientInnen zu helfen1. Patienten haben Erwartungen, die sich u. a. aus ihren Bedürfnissen, ihren Erfahrungen und ihrem Wissen bilden2. ÄrztInnen treffen Entscheidungen, die auf Ihren Erfahrungen und ihrem Wissen beruhen. Ihre Bedürfnisse sollten erst einmal eine untergeordnete Rolle spielen3. Ein Patient mit Schmerzen kommt in der Regel mit der Erwartung zur Ärztin, dass diese ihm den Schmerz nimmt. Für ÄrztInnen ist der Schmerz ein Symptom, dass auf eine Gefahr hinweisen kann, die es auszuschließen gilt. Das ist das erste Ziel. Wenn eine unmittelbare Gefahr ausgeschlossen wurde, kommt die angemessene Behandlung. Bei akuten Schmerzen, können das Schmerzmittel sein und Abwarten. Wenn die Schmerzmittel wirken und die Schmerzen nach ein paar Tagen weg sind, sind beide Seiten zufrieden.

Wenn die Schmerzen bleiben, ändert sich das. Die Erwartungen der Patienten bleiben dieselben. Das Wissen der ÄrztInnen ändert sich nicht. Sie wissen, dass die meisten Schmerzen ohne klar erkennbare Ursache wieder verschwinden, auch wenn es unter Umständen länger dauern kann. Sie wissen, dass die Einnahme von Schmerzmitteln über einen längeren Zeitraum problematisch ist, weil die Wirkung nachlässt und die Nebenwirkungen zunehmen. Sie wissen, dass es für viele Schmerzen keine klare Ursache gibt. Sie wissen, dass oft Dinge auf Röntgenbildern eine Veränderung zu sehen ist, diese Veränderung ich jedoch nicht mit den Symptomen zusammenhängen muss. Sie wissen, dass oft das Gegenteil der Fall ist. Trotzdem muss das Röntgenbild, ist es erst einmal gemacht, den Patienten erklärt werden. Wenn das Röntgenbild zu den Symptomen des Patienten zu passen scheint, ist es schwer, ihm oder ihr zu erklären, dass es wahrscheinlich keinen Zusammenhang zwischen dem Bild und den Symptomen gibt gibt.

Wir haben dann einen Patienten der gerne möchte, dass seine Symptome verschwinden, einen Arzt, der den Patienten dabei zwar unterstützen möchte, jedoch weiß, dass er eigentlich nicht viel tun kann, und ein Röntgenbild was auf den ersten Blick die Beschwerden erklärt, es bei näherem hinsehen jedoch nicht tut.

Rational wäre es in einem solchen Fall, den Patienten von der rationalen Behandlung zu überzeugen und herauszufinden, welche er Unterstützung er oder sie in der Zwischenzeit benötigt. Wenn der Patient jedoch durchsetzungsstärker, rhetorisch geschickter oder aus anderen Gründen überzeugender ist als der Arzt, sieht die Sache anders aus. Vielleicht kann er diesen dazu überreden, dass er zum Beispiel ein stärkeres Schmerzmittel bekommt. Das führt zu einer irrationalen Behandlung. Unter Umständen ist der Patient dann zwar zufrieden, bekommt aber eine schlechte Behandlung. Auch das Gefühl von Hilflosigkeit auf Seiten von ÄrztInnen kann dazu führen, dass sie lieber etwas machen, als dass sie nichts machen, selbst wenn nichts zu machen, die rationale Entscheidung wäre.

Es gibt eine Studie zur Patientenzufriedenheit. In dieser Studie konnte ein Zusammenhang zwischen der Patientenzufriedenheit und dem Therapieergebnis sowie der Sterblichkeit. Waren Patienten mit Ihrem Arzt besonders zufrieden, war das Behandlungsergebnis schlechter und die Patienten hatten eine erhöhte Sterblichkeit. Natürlich ist ein Zusammenhang noch kein kausaler Zusammenhang. Aber es ist kein Signal. Das Ergebnis der Studie passt zu einem Phänomen, welches man in den USA beobachten kann. Dort hängt das Gehalt der Ärzte teilweise davon ab, wie sie nach einer Behandlung von ihren Patienten bewertet werden. Das führt unter Umständen dazu, dass Ärzte eine medizinisch schlechtere Behandlung wählen, weil dies die Patienten zufriedener macht. Zum Beispiel könnte eine Patientin ein Opioid-Schmerzmittel verabreicht werden, obwohl ein leichteres Schmerzmittel oder gar keines eigentlich die richtige Behandlung gewesen wären. Der Patient ist dann zufrieden, der Arzt bekommt eine gute Bewertung, und der Pharmakonzern freut sich. In den USA haben aggressive Werbung direkt an die Konsumenten und dieses Wertungssystem dazu geführt, dass dort von einer Opioidkrise gesprochen wird. Mittlerweile sterben in den USA mehr Menschen an einer Überdosis von Opioidschmerzmitteln als an Schusswunden.

In Deutschland stehen wir bisher nicht vor einem Problem dieser Größenordnung. Deutschland ist traditionell zurückhaltend mit der Verordnung von Schmerzmitteln. Das hat über Jahrzehnte dafür gesorgt dass Patienten unnötig gelitten haben. Mittlerweile schlägt das Pendel jedoch – zumindest teilweise – in eine andere Richtung. Es gibt Rehabilitationseinrichtungen, die sich überwiegend damit beschäftigen, Menschen von Opiaten zu entgiften und zu entwöhnen, die sie aufgrund chronischer Schmerzen verschrieben bekommen hatten.

Um nicht falsch verstanden zu werden, Opiate sind ein wichtiges Standbein der Schmerztherapie. Aber Opiate haben auch starke Nebenwirkungen und ein großes Suchtpotenzial. Früher dachte man, Menschen die Schmerzen haben, seien vor dem Suchtpotenzial geschützt. Sind sie aber nicht. Darum wurde eine Leitlinie(PDF) herausgegeben, in der die evidenzbasierte Langzeitbehandlung von „nicht tumorbedingten Schmerzen mit Opiaten“ behandelt wird. Man könnte denken, ärztliche Kollegen würden sich darüber freuen, mit wissenschaftliche Evidenz versorgt zu werden, um rationale Entscheidungen treffen können. Natürlich wird in der Leitlinie auch auf die Nebenwirkungen und Gefahren von Opiaten hingewiesen. Das hat die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin dazu veranlasst, in einer Pressemitteilung gegen die Leitlinie Stellung zu beziehen. Die Gesellschaft warnt davor, in Zeiten zurück zu fallen, in denen eine „Opiatphobie“ geherrscht habe, sie spricht sich gegen Bevormundung aus. Man hält LONTS für zu wissenschaftlich, Probleme von Schmerzpatienten seien viel zu individuell und die Leitlinie behindere die Ärzte in ihrer Therapiefreiheit. Die Gesellschaft fürchtet, dass Menschen eine sinnvolle Behandlung vorenthalten werden, weil Gefahren der Opiate zu sehr betont würden.

Wenn die Ergebnisse der Leitlinie der Praxis der Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin widersprechen, sollte sich die Praxis der Leitlinie annähern und nicht umgekehrt. Dabei ist es durchaus möglich, dass es Argumente gegen die in der Leitlinie ausgesprochenen Empfehlungen gibt. Diese Argumente müssen jedoch eine wissenschaftliche Grundlage haben. Mit der Behauptung „in der Praxis“ laufe es halt anders eine Leitlinie abzutun, spricht schon für einen Mangel an Verständnis für Medizin. Es ist betrüblich, wen Fachgesellschaften für Patienten die Chance auf eine rationale und langfristig sinnvolle Behandlung verringern, statt sie zu erhöhen.

Im letzten Beitrag zu fehlerhaften Behandlungen schrieb ich u. a. auch etwas zur systematischen Überschätzung des Wertes von Erfahrungen unter Medizinern. Mir scheint als hätte die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin diesen systematischen Fehler auch hier begangen.

  1. Das ist sehr allgemein gehalten, eine Präzisierung benötigte aber einen eigenen Absatz.
  2. Das ist natürlich vereinfacht dargestellt.
  3. These: Je höher der Stress, desto höher werten ÄrztInnen eigene Bedürfnisse.