Hurra, ein Kopftuch

Europäische Gerichtshof hat kürzlich das Verbot der Gesichtsverschleierung in Österreich für rechtens erklärt. Das hat mich einerseits ein wenig gefreut, weil ich ein Problem mit weltanschaulich begründeter Verschleierung von Gesichtern einzelner Menschengrupppen habe. Andererseits hat es mich betrübt, bestätigt es doch den Zeitgeist, der alles was anders, fremd oder unverständlich erscheint, ablehnt. So wie mich auch die erneute Diskussion um ein „Burkaverbot“ in Deutschland betrübt. Es ist einfach Unsinn, wenn man denkt, man könne Freiheit und Aufklärung herbeiverbieten. Es ist unsere Aufgabe, Menschen von unseren Werten zu überzeugen, nicht das Leben ihrer Werte zu verbieten1. Manchmal freue ich mich sogar über Werte, die nicht meine sind.

Die Kopftücher sind zurück! Sachsen wird betucht. Natürlich waren Kopftücher in Sachsen nie ganz weg. Sie war nur weniger sichtbar. Als Teil der Trachten des weiblichen Teils der sorbische Minderheit. Da es eine Minderheit ist, sieht man das „sorbische Kopftuch“ jedoch nicht oft. Es wirkt auch nicht so bedrohlich, wie „DAS KOPFTUCH“. Interessanterweise haben viele Menschen, die mit „DEM KOPFTUCH“ ein Problem haben, auch ein Problem mit dem sorbischen Kopfschmuck. Eigentlich mit allem Sorbischem. Angriffe auf die sorbischen Minderheit und ihren Einrichtungen sind in Sachsen keine Seltenheit und haben Tradition. Aber darum soll es jetzt nicht gehen.

Seit dem Sommer 2015 hat das Straßenbild in Dresden sich verändert2. In meinem Stadtteil konnte ich seit 2015 mehr und mehr junge Menschen beobachten die dem äußeren Erscheinen nach zu denen gehören könnten, die vor Krieg und Verfolgung nach Deutschland geflüchtet sind. Ich kann vor meiner Haustür beobachten, wie schwierig die Integration der einen in die Gesellschaft der anderen sein kann. Es ist stressig, für beide Seiten. Unter Stress zeigen sich viele Menschen nicht von ihrer besten Seite. In den letzten Wochen ändert sich jedoch das Bild erneut. Zunehmend sehe ich Familien – Vater, Mutter, Kind. Die Mutter trägt in der Regel ein Kopftuch3. Über diesen Anblick freue ich mich.

Über meine Freude bin ich verwundert. Ich finde nämlich Kopftücher, Kopftücher die aus weltanschaulichen Gründen getragen werden, ziemlich bescheuert. Dabei ist mir das Stück Stoff und seine Platzierung egal. Die Ideenwelt dahinter gefällt mir nicht. Allerdings gehe ich nicht soweit, dass ich von anderen Menschen verlange, das auch bescheuert finden zu müssen. Ich gehe nicht so weit, von anderen Menschen zu erwarten, dass sie meine Empfindungen bei ihrer Kleiderwahl beachten. Ich freue mich jedoch darüber, in einem Stadtteil wohnen zu können, in dem sich Menschen wohlfühlen, die sich in den meisten Teilen Sachsens nicht wohlfühlen würden.

Wenn Herr Tillich in seiner nationalistischen Tapsigkeit sich anmaßt, zu verlangen, Deutschland müsse Deutschland bleiben, meint er vermutlich auch, diese Menschen sollten sich nicht in meiner Nachbarschaft bewegen dürfen. Nicht „so“, immerhin hat er auch gesagt, „der Islam“ gehöre nicht zu Sachsen. Welches Deutschland soll Deutschland eigentlich bleiben? Das von vor 1848, vor 1815? In den Grenzen vor 1937? Mit oder ohne Saarland? Ist Erosion erlaubt? Was ist mit Anstieg des Meeresspiegels und Veränderung der Küstenlinie?

Was bei mir paradoxerweise Freude auslöst, mache vielen Menschen angeblich Angst. Diesen Menschen möchte Tillich mit seiner Sachsen-CDU endlich wieder eine Heimat bieten. Dabei frage ich mich, wie weit nach Rechts die CDU-Sachsen noch will? In anderen Bundesländern reichen die Aussagen vieler Sachsen-CDUler für eine AfD Fraktion. Schon im Bundestagswahlkampf hatten die anderen Parteien versucht, ihren Kurs auf AfD-Linie anzupassen und sich bei AfD Wählern anzubiedern. Beinahe jede Partei hatte ihre reaktionäre Linie bei der „Flüchtlingspolitik“. Geholfen hat es nichts. Die Leute wählten lieber das Original. Denn „Flüchtlinge“ interessieren die Menschen im Grunde wenig. Die sind nur der Anlass gewesen, der die AfD und PEGIDA groß gemacht hat.

Die Ursachen liegen tiefer. Die Flüchtlingspolitik war die offene Zahnpastatube der Bundestagswahl. So wie Paare sich darüber streiten, dass einer IMMER die Tube offen lässt, es jedoch eigentlich um etwas anderes geht, so haben sich die Parteien in der Flüchtlingspolitik mit Vorschlägen überboten. Und so wie Paare nicht über das eigene Thema sprechen – mangelnde Wertschätzung – gingen auch die Parteien nicht auf die Menschen ein. Sie lauschten den lautesten Schreihälsen, nicht den „Sorgen der Bürger“. Bei PEGIDA wurde, als sich die Bewegung noch nicht vollkommen radikalisiert hatte, das Asylrecht nicht in Frage gestellt. Es wurde lediglich angezweifelt, dass „die Flüchtlinge“ ein Anrecht auf Asyl hätten. Damit wurde mangelndes Vertrauen in staatliche Stellen deutlich, die den Anspruch auf dieses Recht prüfen. Als das Asylrecht erneut verschärft wurde, erfüllten die etablierten Parteien eine Forderung, die die meisten Menschen auf dem Theaterplatz nie gestellt hatten.

Es wird an uns liegen, den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Es wird an uns liegen, das Spannungsfeld auszuhalten, in dem man sich einerseits darüber freut, dass Menschen „das Kopftuch“ tragen können, ohne sich bedroht zu fühlen und gleichzeitig gegen weltanschaulich begründete Unterdrückung einzutreten. Und mit Weltanschauung meine ich weit mehr als Religion.

  1. Ich spreche hier von religiösen und kulturellen Praktiken, die niemandem Schaden außer der Person, die sich entscheidet, sie auszuüben. Von Hinweisen auf Gewaltexzesse im Namen einer Religion bitte ich abzusehen, weil die nicht das Thema sind.
  2. Ist es nicht interessant, dass wir mittlerweile so voll vergifteter Ideen, Schlagzeilen und Bilder sind, dass die meisten von uns Bilder von großen Gruppen von Menschen im Kopf haben, die vor Krieg und Verfolgung nach fliehen.
  3. Im Grunde eine schwierige Aussage, weil ich gar nicht sagen kann, wie viele dieser Frauen kein Kopftuch tragen, weil sie mir viel weniger auffallen.

Ein Gedanke zu “Hurra, ein Kopftuch

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