BH Verbot – Was nach der Burka kommt

[In diesem Text geht es nicht um die politische Bedeutung der Vollverschleierung. Es geht nicht um ihren symbolischen und tatsächlichen Stellenwert in Bezug auf die Gleichstelltung der Rechte von Frauen. Es geht um Menschen und deren Bedürfnisse.]

Prolog:
Vor 20 Jahren ging ich durch die Fußgängerzone einer norddeutschen Kleinstadt. Als mir ein paar junge Männer entgegenkamen und abwertende sowie drohende Gesten in meine Richtung machten, versuchte ich, meine Verunsicherung hinter ein paar Scherzen zu verbergen und mutiger zu wirken, als ich mich fühlte. Ein paar Monate spater versuchte ich in einer Diskothek in einer Kleinstadt in Westfalen zu tanzen, während mich der düstere Blick eines Hünen fixierte, der wohl nur deshalb keine Auseinandersetzung suchte, weil ich kein Gegner für ihn gewesen wäre. Auf der Abschlussfeier meiner Schullaufbahn spürte ich den Frust meines Vaters, der sich von seinem Sohne etwas anderes gewünscht hätte. Mich unterschied von meinen Geschlechtsgenossen,dass ich keine Hose trug. Ich trug einen Rock. Keinen „Schottenrock“ oder ein langes Lederteil auf einer Szeneparty, sondern ein modisches Kleidungsstück (oder was ich dafür hielt), wie es auch einen weiblichen Unterleib verhüllen könnte.

Heute
Im Sommer 2016 wird in Deutschland darüber debattiert, ein Kleidungsstück zu illegalisieren. Denn, so heißt es, dieses Kleidungsstück gefährde unsere freie, offene Gesellschaft. Es stehe nicht für die Werte unserer Gesellschaft. Menschen aus ideologischen oder kulturellen Gründen dazu zu zwingen, sich einem bestimmten Kleidungskodex zu unterwerfen, ist nicht, was wir uns in Deutschland wünschen. Natürlich wird nicht in solch abstrakter Form diskutiert, sonder man diskutiert über die Burka. Oder das, was wir dafür halten.

Einige JournalistInnen haben Menschen interviewt, die Kleidungsstücke tragen, welche die Kriterien von Vollverschleierung erfüllen. Einige dieser Menschen haben angegeben, es würde ihnen Sicherheit geben, sich nicht allen Blicken aussetzen zu müssen. Es dauerte nicht lange, bis hämische Kommentare abgesetzt wurden. Von „ausgedacht“ bis „die wissen es halt nicht besser“ war alles dabei. Es scheint für einige Menschen schwer vorstellbar zu sein, dass ein Kleidungsstück Sicherheit geben kann.
Das Gefühl von Sicherheit ist eines der Grundbedürfnisse von Menschen. Dabei können der subjektive Eindruck von Sicherheit und die tatsächliche Sicherheit durchaus im Missverhältnis stehen. So ist Autofahren deutlich weniger sicher als fliegen, doch deutlich mehr Menschen haben Angst davor zu fliegen, als Angst davor Auto zu fahren. Wenn Menschen Auto fahren, haben sie die Illusion von Kontrolle und fühlen sich sicher.

Wie dieses Grundbedürfnis befriedigt wird, ist individuell sowiedurch unsere Kultur geprägt. So ist es möglich, dass ein Kleidungsstück, welches mit einer unemanzipatorischen Intention eingeführt wurde, einem Menschen das Gefühl von Sicherheit gibt. ‚Die Burka‘ kann ein menschliches Grundbedürfnis erfüllen. Wenn wir als Gesellschaft dieses Kleidungsstück verbieten, bleibt das Bedürfnis nach Sicherheit trotzdem bestehen. Wenn wir als Gesellschaft die Bedürfnisse von Menschen ignorieren werden wir als Bedrohung wahrgenommen. Dabei sind unsere Intentionen (aufklärerisch oder rassistisch) egal. Zumindest aus Sicht der Menschen, denen wir das Gefühl von Sicherheit nehmen

Es gibt Menschen, die eigene Gewohnheiten so wenig hinterfragen, dass sie gar nicht auf die Idee kommen, diese könnten ebenfalls nicht in den kühlen Höhlen der Ratio entstanden sein. Schauen wir uns mal so ein Kleidungsstück an, welches ein Gefühl von Sicherheit geben kann.

Der Büstenhalter oder BH erfüllt, schenkt man Studien glauben, seinen Zweck nicht. Anstatt dafür zu sorgen, die Brüste von Frauen für Männer möglichst ansehnlich und die Folgen von Schwangerschaft und Schwerkraft klein zu halten, scheint er das Gegenteil zu bewirken. Trotzdem entscheiden die meisten Frauen sich dafür, dieses Kleidungsstück zu tragen. Die Motivation mag unterschiedlich sein. Eine Motivation dürfte sein, dass viele Frauen sich wohler fühlen, wenn sie einen BH tragen. Auch wenn sie darüber schimpfen, dass diese unbequem, warm und teuer sind.

In unserer Kultur ‚gehört es sich‘ heute einfach für Frauen, einen BH zu tragen. Entscheiden Frauen sich dagegen, wird das bemerkt. Man(n) spricht darüber oder – wenn ich an meine Schulzeit denke – macht sich darüber lustig. Frauen, die sich entscheiden, keinen BH zu tragen, zahlen einen Preis. Der mag, so weit sind wir als Gesellschaft immerhin, gering sein, doch er ist vorhanden.

Ein Kleidungsstück, welches seinen Sinn nicht erfüllt, wird aufgrund kultureller Normen getragen. Bei den aktuellen Temperaturen gilt das für so ziemlich jedes Kleidungsstück. Wieso trägt noch jemand Kleidung, bei Temperaturen jenseits der 30°C? Weil wir uns als Gesellschaft darauf geeinigt haben. Wir sind kulturell so geprägt, dass wir uns unwohl fühlen, wenn wir nackt durch die Straßen laufen, egal wie schön das wäre. Ich weiß nicht, ob es Gesetze gibt, die das verbieten, ich bin aber sicher, dass sie für die meisten Menschen nicht nötig wären.

Wenn es jedoch um die Verschleierung des Gesichtes geht, gestehen wir Menschen nicht zu, dass sie kulturell so geprägt sind, sich mit mehr oder weniger ausgeprägter Verschleierung wohler fühlen. In den letzten zwei Jahren scheint mir der Kampf für eine humanistische Gesellschaft dadurch geprägt zu sein, dass ich für die Rechte der Menschen eintreten muss, die Ideen anhängen, die, konsequent zuende gedacht, nicht mit einer humanistischen Gesellschaft vereinbar wären. Dabei muss ich mich gegen Menschen stellen, die angeben, für diese humanistische Gesellschaft einzutreten. In ihrem Eifer vergessen sie dabei immer öfter, was eine humanistische Gesellschaft so lebenswert macht: die Menschen darin und deren unterschiedliche Sicht auf die Welt.

Epilog

Mein Vater hatte sich bereits seit den 80er Jahren mit dem Klimawandel und dem Ozonloch beschäftigt. Im Fernsehen wurde über die Zuhnahme von Hautkrebs in Australien berichtet. Neben dem Ozonloch, so die Hypothese meines Vaters, gebe es einen weiteren Grund für den Anstieg. Ein Rückgang der prüden Kleidungsvorschriften die in britisch geprägten Gesellschaften lange vorherrschten. Es ist noch nicht so lange her, dass es in ‚unserem‘ Kulturkreis angemessen war sich bedeckt zu halten. Und nicht jeder fühlt sich heute wohl, sich ausführlich zu zeigen.

Ich hatte befürchtet, im Falle eines Verbotes aus Protest selbst einen Burkini tragen zu müssen. Doch meine wunderbare Familie war mir einen Schritt vorraus. Einige Mitglieder erkannten im Burkini eine Möglichkeit sich an öffentlichen Badeplätzen aufzuhalten, ohne den eigenen Körper öffentlich zur Schau zu stellen. In meiner Familie trägt man Burkini und das macht mich stolz.

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Der Terrorist, das missverstandene Wesen

Ups! Ich haben mich auf Twitter gestritten. In diesem Fall ging es um das Zitat aus einem Artikel in Psychologie-Heute:

Atrans Forschung zeigt, dass die meisten, die sich dem Dschihad anschließen, eine gemäßigte und vorwiegend säkulare Erziehung hatten. Muslime, die religiös aufwachsen, scheinen sogar eher gegen eine Radikalisierung gefeit zu sein. Die meisten Gotteskrieger, so Atran, werden als ältere Teenager oder mit Anfang zwanzig „wiedergeboren“ und wissen wenig über den Islam.

Der Versuch, die Motive von Terroristen zu entschlüsseln, indem man sich mit dem Islam beschäftigt und den Koran studiert, ist nach Atrans Meinung nutzlos. Die Bemühungen, gemäßigte Imame zu fördern, bezeichnet er in seinem Buch als „irrelevant“. Schließlich wird nur selten jemand in einer Moschee zum Terroristen. Einige wurden im Gegenteil aus der Gemeinde ausgeschlossen, weil sie zu radikal waren.

Darauf wurde geantwortet:

„Wo sind die christl. oder buddhist. Selbstmordattentäter? Siehe Scott Atran vs Sam Harris“

Sam Harris vertritt, wie viel „New Atheists“ die Ansicht, Gewalt sei „dem Islam“ immanent. Harris fordert eine Reformation aus dem Islam heraus um diese Tendenz zu Gewalttätigkeit zu beenden.

Auf meine Frage, was der Einwurf mit dem Zitat aus dem Artikel zu habe, wurde geantwortet:

(Weil)… „dort behauptet wird, dass der Koran keine zentrale Rolle für die Motivation der Attentäter spielt.“

Wenn man den Artikel liest, wird schnell klar, dass es sich dabei nicht um eine Behauptung handelt, sondern um eine auf Evidenz begründete Aussage. Harris interpretiert die Daten jedoch anders als deren Urheber. Dafür muss er sich, auch von Seiten vieler Atheisten, Kritik gefallen lassen.

Harris ist Neurowissenschaftler, veröffentlicht Bücher zum Thema Glauben und debattiert ausgiebig zum Thema. Wenn er eine weniger polarisierende Sicht auf den Islam einnehmen würde, dürfte es für ihn schwerer werden, weiterhin in der Form aufzutreten und Bücher zu verkaufen. Dass heißt nicht, dass er falsch liegt. Das heißt nur, dass die Schwelle, ihn zu überzeugen höher liegen dürfte, als bei jemandem, dessen Einkommen weniger von seiner Meinung abhängt.

Scott Atran ist Anthropologe und scheint zu versuchen, Gewalt die von Islamisten ausgeht dort zu verstehen, wo sie entsteht: bei den Menschen. Einige Belege für seine Thesen werden in dem zitierten Artikel angeführt. Das heißt nicht, dass er Recht hat. Aber es bedarf mehr als eines „aber trotzdem“ um die Belege zu entkräften.

Wenn ich Harris (und vielen „Islamkritikern“ in Deutschland) etwas vorwerfe, dann, dass sie implizieren, dass Menschen, die dem Islam anhängen, anders sind als die Gruppe von Menschen, der sich die Kritiker gerade zugehörig fühlen. Wir werden aber nicht verstehen, warum Menschen handeln, wie sie handeln, wenn wir uns im „Othering“ üben. Atran macht die Selbstmordatentäter und Djiahdisten wieder zu Menschen. Menschen mit Gefühlen, Sehnsüchten, Freunden. Menschen wie „wir“. Das kann natürlich nicht sein, sonst würden sie ja nicht solch monströse Handlungen begehen.

Atrans Ergebnisse bedeuten nicht, dass der Koran und eine bestimmte Kultur innerhalb des Islam nicht dazu beitragen können, dass Menschen durch Paris laufen und ihre Artgenossen abknallen. Religionen können dazu genutzt werden, dass „gute“ Menschen „böse“ Taten begehen. So wie jede Ideologie. An anderer Stelle zitierte ich bereits Hitchens:

“Name one ethical statement made, or one ethical action performed, by a believer that could not have been uttered or done by a nonbeliever. Think of a wicked statement made, or an evil action performed, precisely because of religious faith?”

Mir scheint jedoch, dass Religion (oder andere Ideologien) eine notwendige aber keine hinreichende Bedingung dafür ist. Nun haben wir „den Islam“ als eine mögliche notwendige Bedingung identifiziert. Wenn wir eine Lösung wollen, müssen wir auch den Rest rausfinden. Auf Harris und andere „besorgte“ Islamkritiker scheinen wir da nicht zählen zu können.

Ein ähnliche Dämonisierung von Menschen kennen wir aus der Verarbeitung der deutschen Geschichte. Die Täter des Nazireiches wurden zu Monstern erklärt. Dabei waren es Väter und Söhne, Mütter und Töchter. Ganz „normale“ Menschen. Denn gerade weil sie Menschen sind, wie wir, begingen und begehen sie monströse Taten. Das Monster schlummert in jedem von uns. Das einzusehen befreit und nimmt die Angst.

Roooaahhhhhrrrrrr!

Schlechte Sache, selbst entschieden

Eine Frau erkrankt unheilbar an einem Hirntumor und entscheidet, selbstbestimmt aus dem Leben zu scheiden. Im Kreise ihrer Familie nimmt sie ein Dosis tödlicher Medikamente und stirbt. Der Vatikan nennt das: eine „schlechte Sache“. Klar ist das eine „schlechte Sache“, mit einem unheilbaren Hirntumor wird die Anzahl der guten Sachen die einem Menschen bleiben jeden Tag weniger. Brittany Maynard hat jedoch entschieden, dass es eine schlechtere Sache gebe als ihren Tod und das war, weiter zu leben. Aus ihrer Sicht hat sie die am wenigsten schlechte Sache gemacht. Manchmal gibt es Menschen die sind in dieser Situation. Das passt natürlich nicht zu Dogmen und alten Männern mit lustigen Hüten.

Äh! Nö, Herr Thierse

Wolfgang Thierse, ausgesprochener Christ und Bundestagspräsident a.D., durfte zum Thema „Reformation und Politik“ predigen und ließ sich zu folgendem Satz hinreißen:

„Sie (Anm.: Religion) ist für das ethische Fundament gelingender Demokratie unersetzlich, gerade auch deshalb, weil sie auf die Grenzen von Politik verweist, Totalitätsansprüchen widerspricht“

Äh…nö, Herr Thierse. Dass Religion und Demokratie unter den richtigen Rahmenbedingungen vereinbar sind, darauf können wir uns einigen. Sie „unersetzlich“ zu nennen weist allerdings auf eine etwas verzerrte Wahrnehmung religiösen Wirklichkeit hin. Gerade heute wurde z.B. bekannt, dass die Glaubenskongregation, also die Nachfolgeinstitution der Inquisition, ein Verfahren gegen Priester in Chile eröffnet, die sich für ein Menschenrecht ausgesprochen haben: (Sexuelle) Selbstbestimmung.

Wie soll denn etwas, was Menschenrechte einzuschränken versucht, (und zwar für alle Menschen, nicht nur für diejenigen, die sich den Dogmen, die der internen Logik folgen, unterwerfen), „unersetzlich“ sein, für das „ethische Fundament“ der Demokratie? Dass die Grenzen der Politik von einer mehrere Tausend Jahre alten Geschichtensammlung und den daraus konstruierten Dogmen gezogen werden sollen, erscheint mir auch nicht sehr demokratisch.

Was den Totalitätsanspruch angeht, sollten Sie vielleicht mal schauen, wie es sich bei den drei monotheistischen Religionen damit verhält. Gerade hat Herr Kretschmann verlauten lassen, wer fände es in Ordnung, dass kirchliche Arbeitgeber Menschen anderer Glaubensrichtung aus genau diesem Grund die Einstellung verweigern dürften. Was ist ethisch daran, jemanden wegen des falschen imaginären Freundes auszuschließen? Das klingt eher nach Totalitätsanspruch, als nach Fundament gelingender Demokratie.

Also, Herr Thierse, nur weil man etwas behauptet, und sei es mit noch so viel innerer Überzeugung, wird es weder logisch, noch richtig. Auch wenn Vertreter diverser Religionen seit Jahrhunderten so tun, als sei das so.

"Das ist nicht der wahre…"

Wir wissen alle, wie der Satz in der Überschrift weitergeht. Damit wird uns Unwissenden erklärt, dass diejenigen, die unmenschliche Grausamkeiten (oder besser „menschliche Grausamkeiten“?) im Namen des, von ihnen als Rechtfertigung, angeführten Glaubenssystems begehen, eben dieses Glaubenssystem nicht vertreten. Aktuell höre ich solche Aussagen oft im Zusammenhang mit dem IS und den in seinem Namen handelnden Schlächtern. „Das ist nicht der wahre…“

Ist er aber doch. Das ist genauso der „wahre Islam“, wie der von Millionen anderen friedlich gelebte Islam. Aber man kann nicht einerseits der Meinung sein, ein Buch sei 1:1 das Wort Gottes (allmächtig, allwissend u.s.w.) und dann sagen, die gewaltverherlichenden Teile seien eine Metapher. Selbst als Metapher ist das Abschlagen eines Kopfes wegen der falschen Religionszugehörigkeit (oder gar keiner) ziemlich krasser Scheiß.

8:12 Da dein Herr den Engeln offenbarte: «Ich bin mit euch; so festiget denn die Gläubigen. In die Herzen der Ungläubigen werde Ich Schrecken werfen. Treffet (sie) oberhalb des Nackens und schlagt ihnen die Fingerspitzen ab!»

8:12 When thy Lord inspired the angels, (saying): I am with you. So make those who believe stand firm. I will throw fear into the hearts of those who disbelieve. Then smite the necks and smite of them each finger.

Falls jemand mir vorwerfen möchte, dass ich etwas aus dem Zusammenhang gerissen habe, möge mir doch einen Zusammenhang nennen, in dem diese Passagen weniger abstoßend sind.

Nun entscheiden sich die meisten Menschen die sich dem Islam zugehörig fühlen (wobei sich zwei Menschen die sich dem Islam zugehörig fühlen, nicht unbedingt gegenseitig dieses Etikett zugestehen würden) gegen Gewalt um ihren Glauben durchzusetzen. Das tun sie aber nicht, weil ihre heilige Schrift das verbieten würde (eher im Gegenteil), sondern weil sie mitfühlende Menschen sind. Sie wissen intuitiv, dass Grausamkeit gegen Artgenossen Mist ist, egal was ihnen der Prophet (angeblich) von Gott überliefert haben mag.

Das Ganze erinnert mich an Christopher Hitchens Herausforderung:

„Name one ethical statement made, or one ethical action performed, by a believer that could not have been uttered or done by a nonbeliever. Think of a wicked statement made, or an evil action performed, precisely because of religious faith?“

Hitchens wollte damit sagen, dass man nicht religiös sein muss, um ethisch zu handeln. Er wollte außerdem ausdrücken, dass man mithilfe von Religion „gute“ Menschen dazu bekommt, „böse“ Dinge zu machen.

Ben Affleck hat Bill Maher und Sam Harris kürzlich heftig für ihre Kritik am Islam angegriffen:


Interessant ist vielleicht auch dieser Text, wenn es darum geht, wie man versuchen kann, die ideologischen Grundlagen einer Glaubensgemeinschaft in einem freundlichen Licht erscheinen zu lassen. Vertreter der anderen monotheistischen Religionen können das natürlich genauso gut. Alle drei gehen von den gleichen Annahmen aus:

  1. Es gibt eine allmächtige, allwissende Wesenheit.
  2. Diese Wesenheit sprach zu bestimmten Menschen und sagte diesen wörtlich, wie sie zu leben haben.
  3. Diese Wesenheit scheint, folgt man den Worten, der unter Punkt 2 genannten Menschen, der Ansicht zu sein, alle Menschen müssten ihren Weisungen folgen, oder ewig leiden.
  4. Um dieses ewige Leiden zu verhindern, sind die bereits überzeugten Anhänger dazu angehalten, Menschen möglichst bereits im Diesseits vom rechten Pfad zu überzeugen. In einigen Fällen darf man sie sonst auch schon vorzeitig dem ewigen Leid zuführen.

Das klingt irgendwie nicht nach einem friedlichen zusammenleben, wenn man diese Vorgaben ernst nimmt. Machen zum Glück die wenigsten.

Gottes Lotterie des Todes

Halleluja! Dr. Kent Brantly hat Ebola überlebt. Wahrscheinlich auch durch den Einsatz einer neuen, noch experimentellen Therapie. Vielleicht aber einfach durch Glück (sprich, die Produktion eines passenden Antikörpers, zur richtigen Zeit durch sein, im Rahmen der Evolution entstandenes, Immunsystems). Wie auch immer, es haben sich viele Menschen um das Wohlergehen Brantlys bemüht. Nachdem er neun Tage mit Ebola in Liberia lag und er dort das experimentelle Medikament bekam, wurde er in die USA geflogen. Dort erholte er sich und wurde, nachdem er kein Virus mehr ausschied, entlassen.

Und dann dankte er „Gott“. Denn der habe ihn geheilt. Und natürlich all die Gebete, der vielen Menschen. Durch seine Heilung habe „Gott“ dafür gesorgt, dass diese Erkrankung mehr Aufmerksamkeit bekommen habe. Ja, das ist wahr, weil Ebola bis vor einige Tagen kaum Aufmerksamkeit bekommen hatte. Er dankte auch allen, an seiner Heilung beteiligten Menschen; man ist ja gut erzogen. Aber eigentlich waren das alles nur Gottes Werkzeuge. Da werden die sich aber alle freuen.

Es scheint also, Gott interessiere sich vor allem vor Menschen, die mediale Aufmerksamkeit bekommen, um dann die, von ihm zumindest zugelassene, Erkrankung in diesem Menschen zu heilen und der Menschheit dadurch deutlich zu machen, dass diese schlimme Erkrankung, die Menschen wahllos dahinrafft, nicht vergessen werden sollte. Gottes Wege sind unergründlich.

Brantly mag, verständlicherweise, glücklich sein, über seine unwahrscheinliche Genesung. Er mag auch das von ihm bevorzugte imaginäre Wesen für seine Heilung preisen. Seine Aufgabe erfüllt er damit jedoch nicht. Er arbeitet nämlich als Arzt für Samaritan’s Purse, eine christliche Hilfsorganisation, die Katastrophen nutzt, um Menschen davon überzeugen, dass Jesus ihr Retter sei. Was in genau dem Moment auf eine ganz eigenartige Weise ja auch stimmt.

Die chauvinistische Idee von Missionierung mal beiseite, überzeugt mich dieses postulierte Handeln „Gottes“ nicht davon, wieder in den Schoß der Kirche zurückzukehren. Was hat dieser Gott davon, in einem der ärmsten Gebiete auf unserem Planeten, ein Virus sein Unwesen treiben zu lassen, welches, aufgrund schlechter Hygiene, vor allem die Armen befällt? Die reichen Menschen sind nur mit sehr viel Pech davon betroffen. Soll das Massensterben dazu dienen, christlichen Organisationen die Gelegenheit zu geben, seine Nachricht zu verbreiten? Dabei nähme er sogar Menschen, die noch nicht von seiner Nachricht erreicht wurden die Chance, ewiges Leben zu erreichen, weil sie vorher an dem Virus versterben. Unter einem „gütigen Gott“ stelle ich mir etwas anderes vor.

Das klingt fast wie die Geschichte von Noahs Arche, in der ja auch fast die gesamte Bevölkerung ausgelöscht wird, weil sie so böse war. Es scheint sich also weiterhin um diesen alttestamentarischen Bastard zu handeln, wenn man der Logik Brantlys und wohl auch dem Leiter von Samaritan’s Purse, Franklin Graham, folgt. Zynischer geht es kaum.

Samaritan’s Purse sind übrigens dieselben Leute, die „Weihnachten im Schuhkarton“ verantworten. Da gibt es zum Spielzeug gleich noch eine Ideologie dazu. Und diese Ideologie hat Bratly mit seinem Dank an „Gott“ hübsch zur Kenntlichkeit entstellt. Vielleicht ist er nicht der Richtige in dieser Missionarsstellung.

Gottes Stimme an der Türschwelle

Das letzte Mal, dass ich vor zehn Jahren an der Haustür mit Menschen auf deren Wunsch hin über Gott sprach, wohnte ich in einer großen Stadt in Norddeutschland. Gestern machte Gott einen weiteren Versuch, meine Seele zu retten und schickte zwei seiner Jünger an meine Türschwelle.

Ich war gerade dabei mich für ein wenig winterlichen Feierabendsport bereit zu machen, als meine Klingel läutete. Das wunderte mich, denn bei mir klingelt nie jemand. In der Gegensprechanlage erklang die Stimme einer Frau, die mir sagte, sie wäre gerade dabei, herauszufinden, wie man es in der Nachbarschaft mit der Evolution halte. Ob man eher an die Wissenschaft glaube oder an eine Schöpfung. Die Nachbarschaft sei da gespalten, wie denn meine Ansicht dazu sei. ‚Die Arme‘ dachte ich ‚die hat keine Ahnung, bei wem sie gerade geklingelt hat‘. Ich bat um einen Moment Geduld und kündigte mein Erscheinen an.

Sportiv gekleidet, um der Tätigkeit nachzugehen, für unsere Spezies evolutionär geformt wurde, begrüßte ich freundlich eine Dame und einen Herren, der sich als der Vater der Dame vorstellte. Meine Exitstrategie, sollte mir das Gespräch zu lange dauern, war, durch mein Zittern an ihr christliches Mitgefühl zu appellieren, damit sie mich trotz missionarischen Eifers vor dem Kältetod bewahrten und ziehen ließen.

Die Dame muss das geahnt haben, verlor keine Zeit und fragte mich, ob ich an die Existenz eines Schöpfers glaube. Ich sagte, dass ich eine solche Entität für sehr, sehr unwahrscheinlich halte, aber natürlich nicht beweisen könne, dass es sie nicht gibt. Außerdem sagte ich, als neugieriger Mensch, sei für mich „Gott“ oder „der Schöpfer“ eine langweilige Antwort, weil danach keine Fragen mehr gestellt werden könnten. Das fand sie interessant, sagte sie und fragte gleich weiter ob der Mensch denn alleine mit seinen Problemen sei oder auf das Einwirken des Schöpfers hoffen könne, sie jedenfalls täte das.

Was für Probleme sie denn meine, so etwas wie den Klimawandel? Zum Beispiel, sagte sie und ihr Vater ergänzte, Umweltverschmutzung, Tierschutz und den um sich greifenden moralischen Werteverfall. Auf letzteren Punkt wollte ich lieber nicht eingehen, sonst hätte er mir sicher seine Meinung zu Verhütung, unehelichem Sex und gleichgeschlechtlicher Partnerschaft gesagt, worauf ich ihm hätte sagen müssen, dass ich seine Meinung für totalitäre Kackscheisse halte. Das Gespräch hätte dann vielleicht eine unglückliche Wendung genommen.

So aber plauderten wir weiter und ich fragte, als sie sagte, alles hätte einen Sinn weil Gott dafür sorge, wie sich die Dinosaurier wohl zu dieser Aussage positioniert hätten. Die Dinosaurier, sagte sie, als wäre damit alles gesagt, seien aber doch Tiere (was bedeutet, für Tiere ergeben Dinge keinen Sinn und Dinosauriern wurden von Gott vom Tierschutz exkommuniziert. Vielleicht hatten sie zuviel unehelichen Sex). Meine Gesprächspartnerin spekulierte noch, die Dinosaurier könnten ja vielleicht bei der Sintflut ums Leben gekommen sein, lies sich jedoch auf meinen Einwand ein, dass diese dafür 65 Millionen Jahre zu spät stattgefunden habe.

Als ich sie fragte, wer eigentlich den Schöpfer erschaffen habe, verwies sie auf die Bibel, die besage, Gott habe kein Anfang und kein Ende. Natürlich, wenn es in der Bibel steht (Wahrscheinlich denkt sie auch, dass man Hauselfen keine Kleidung geben darf). Und außerdem sei es doch komisch, dass aus so etwas chaotischem wie dem Urknall, so etwas geordnetes wie unser Universum entstanden sei, mit all den schönen und für uns Menschen guten Naturgesetzen. Auf die Frage nach einem Beispiel nannte sie die Schwerkraft, worauf ich von meiner Oma erzählte, der durch den Einfluss von Schwerkraft, der Oberschenkelhals gebrochen sei. ‚Gottes Wege sind unergründlich‘, sagte sie natürlich nicht.

Plötzlich sprach der Vater und meinte, vielleicht müsse man noch einmal wiederkommen, mit einer konkreten Bibelstelle um sich, gut vorbereitet, darüber zu unterhalten. Wann ich denn da sei. Man bedankte sich für meine Offenheit und das Gespräch und zog weiter zur nächsten Klingel. Und kurz bevor ich mir die Kopfhörer aufsetzte glaubte ich aus ihrer Richtung leise zu hören:

Eloi, Eloi, lama sabachtanei?“