Sprechen – Teure Medizin

Wird mehr Reden wirklich helfen? In vielen von Ärzteorganisation herausgebrachten Zeitschriften und auch in vielen anderen Medien wird darüber gesprochen, dass das ärztliche Gespräch besser bezahlt werden müsse. In der mangelnden Finanzierung „sprechender Medizin“ wird eines der größten Probleme unseres Gesundheitssystems gesehen. Ich bin mir nicht sicher, ob das stimmt. Ich bin mir noch weniger sicher, ob das die Lösung sein wird.

Ein Radiologe verdient im Durchschnitt vier mal so viel wie ein Psychiater Allgemeinmediziner oder Kinder- und Jugendpsychiater. Wie soll dieses Missverhältnis durch eine einzelne Budgetänderung aufgehoben werden? Mich würde interessieren, wie dieser Unterschied begründet wird. Wenn ich die Zahlen richtig verstehe, sind Investitionen hier bereits herausgerechnet. Dass der Betrieb einer radiologischen Praxis mehr kostet als der Betrieb einer psychiatrischen Praxis, versteht sich von selbst. Aber warum sollte ein Radiologe 4x mehr verdienen? Doch darum soll es nicht gehen.

Wenn sprechende Medizin besser bezahlt wird und das System selbst nicht verändert wird, wird mehr gesprochen, weil es besser bezahlt wird und nicht weil es sinnvoll ist. Ich bin jedoch dafür, dass Interventionen sinnvoll sind, nicht dass sie beliebt sind. Werden in diesem System einfach Gespräche besser bezahlt, wird die ohnehin knappe Ressource Zeit weiter verknappt. Denn nur weil Sprechen besser bezahlt wird, haben ÄrztInnen nicht mehr Zeit. Es werden auch nicht weniger Patienten werden. Ich habe noch keine Belege dafür gefunden, dass die derzeitige Behandlung besser wird, weil mehr geredet wird. Ich weiß nicht mal, ob die Idee bei näherer Betrachtung plausibel ist1.

Es gibt ein paar Dinge, die meiner Ansicht nach dagegen sprechen, dass eine bessere Bezahlung von Gesprächen die Zufriedenheit von Patienten erhöhen oder die Behandlung besser machen wird.

  1. Das aktuelle System ist auf Effizienz getrimmt. Auf wirtschaftliche Effizienz. Nicht, dass ich mit Effizienz ein Problem hätte. Sie sollte aber im Sinne des Individuums gedacht werden. Das ist im Moment nicht so. Im Moment wird die Effizienz im Sinne „der BWLer“ gedacht. Der Einfluss der Verwaltung auf die Behandlung sickert wie ein Gegengift zur Empathie langsam durch alle Bereiche.
  2. Die Erwartungen von Menschen an die Medizin sind teilweise wenig realistisch. Medizin ist nicht dafür da, dass man sich „wohl fühlt“. Medizin ist dafür da, die Voraussetzungen zu schaffen, dass Menschen die individuell bestmöglichen Bedingungen haben, um dafür zu sorgen, sich möglichst wohl zu fühlen.
  3. ÄrztInnen sind nicht primär Gesprächspartner. ÄrztInnen handeln im Auftrag von Menschen, um ein (mehr oder weniger) konkretes Problem zu lösen. Dabei ist Sprache eines der genutzten Werkzeuge.
  4. Die Medizin ist Opfer ihres eigenen Erfolges. Viele Menschen die vor 50 Jahren noch früh verstorben wären, leben heute lange mit Erkrankungen, die durch erfolgreiche Behandlung chronisch geworden sind. Diese chronischen Erkrankungen und dass sie nicht „geheilt“ werden können, werden „der Medizin“ mittlerweile zum Vorwurf gemacht. So als wären Menschen unzufrieden, dass sie nicht sterben dürfen. Wobei ich Zweifel habe, ob diejenigen, die von Medizin direkt profitieren und diejenigen, die sich „beschweren“, dieselben Menschen sind.
  5. Wir lieben Technik. Jedes neue Gerät verspricht uns ein besseres, gesünderes Leben. Technik macht ein Versprechen, dass sie selten halten kann. Ein iPhone macht mich nicht glücklicher, auch wenn ich mir das erhoffe. Ein MRT macht mich nicht gesünder. Wir lieben Technik. Unsere – verständliche – Sehnsucht nach Gesundheit nutzt eine Lobby geschickt. Und wir bezahlen dafür. Ressourcen werden in den Bereich der Medizin gelenkt, der Geräte benutzt. Zum Teil ist das auch berechtigt, wenn Geräte sinnvoll sind, sollte man sie unbedingt benutzen.

Ich denke, wir müssen als Gesellschaft darüber diskutieren, was wir von Medizin wollen? Welche Aufgaben kann Medizin erfüllen und welche nicht? Was wollen wir dafür bezahlen2? Die aktuelle Diskussion um eine bessere Bezahlung von „Gesprächen“ geht von der Annahme aus, dass in der Medizin zu wenig gesprochen werde. Bisher habe ich dafür keine Belege, die über Anekdoten hinausgehen, gesehen. Wenn wir in einem „kranken“ System ein Symptom beheben, von dem nicht klar, ob es existiert, wird dieses System nicht gesünder. Es bleibt länger krank.

[InteressenkonfliktIch arbeite im Bereich der Medizin, der als „sprechende Medizin“ bezeichnet wird. Eine Umverteilung vom Radiologen zu mir würde mir natürlich gefallen. Mehr gefallen würde mir aber ein Gesundheitssystem, in welchem ich gerne arbeite und mich nicht fühle, als wäre meine Aufgabe, Menschen zu verwalten (an schlechten Tagen).]

  1. Ein bekannter niedergelassener Kollege ärgerte sich in einem Gespräch darüber, dass ihm implizit unterstellt werde, er spreche nicht (genug) mit seinen Patienten. Eine Aufstellung der Gesprächszeiten bei einem typischen, „nur“ körperlich erkrankten Menschen, ergäbe jedoch schon ein hübsches Sümmchen. Auch die durchschnittliche Dauer eines Gespräches von 7 Minuten pro Arztkontakt stellte er ins Verhältnis. Zu Beginn der Behandlung seien die Gespräche länger, weil viel erklärt werden müsse. Wenn die Behandlung läuft, muss im Grunde nur überprüft werden, ob alles in Ordnung ist. Wenn das der Fall ist, reichen wenige Minuten vollkommen aus.
  2. Ich denke nicht, mehr Geld wird die Medizin von heute relevant verbessern. Ich denke, das vorhandene Geld muss nur geschickt eingesetzt werden. Das heißt auch, unser Gesundheitssystem umzubauen, nachdem wir seine Philosophie auf den Kopf gestellt haben.

Nachtrag: Bei den Science Blogs vertritt Hans-Werner Bertelsen eine etwas andere Ansicht zum Thema.

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3 Gedanken zu “Sprechen – Teure Medizin

  1. Wenn man unterstellt, dass die ärztlichen Leistungen dann genauso in Anspruch genommen werden würden wie heute, dann ist die Sichtweise sicher berechtigt. Aber ist diese Voraussetzung gerechtfertigt? Es könnten doch auch folgende Effekte eintreten:
    – Weil man mit dem Patienten redet, hat der eine realistischere Erwartungshaltung an die Leistungen der Medizin und konsultiert nicht drei oder vier Ärzte mit den gleichen Beschwerden.
    – Aus einem ähnlichen Grund braucht der Arzt nicht wirklich alle auch nur halbwegs passenden Abklärungsuntersuchungen bei Fachärzten durchführen zu lassen, nur um sich abzusichern, dass er hinterher nicht belangt werden kann.
    – Dann sinkt vielleicht auch die Zahl der Verordnungen von Madikamenten.
    Oder warum geht man in Deutschland so exorbitant häufig zum Arzt? Jeder Bundesbürger im Schnitt 17 mal pro Jahr, habe ich irgendwo gehört.

    (Zwei Cent eines Nicht-Mediziners).

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    1. Das stimmt, auch das könnte passieren. Unter aktuellen Bedingungen halte ich das aber für wenig plausibel, aber meine Meinung ist das so valide wie Deine. Ich kenne keine Forschung zu dem Thema (was nicht heißt, dass es sie nicht gibt).
      Deine Argumentetation geht davon aus, dass es zu viele Untersuchungen und zu viele Medikamente gibt, weil zu wenig gesprochen wird. Das ist nicht umplausibel und des gibt Anekdoten, die dafür sprechen aber wir wissen nicht, ob das so ist. Daher befürchte ich, dass eine alleinige Budgetänderung uns Zeit kostet und nichts substantielles ändert. Wir sollten erst mal herausfinden ob es das Problem gibt, das wir lösen wollen. Und dann sollten wir uns entscheiden, was wir damit erreichen wollen. Aktuell erscheinen mir die Forderungen eher wie Aktionismus.

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