Filmkritik – A Man Made epidemic

[Ich habe ein Vorurteil. Dieses Vorurteil lautet: Hebammen sind gegen das Impfen. Die einen mehr, die anderen weniger. Die weniger radikalen sprechen sich für die „individuelle Impfentscheidung aus. Die radikalen wollen der Natur vollkommen ihren Lauf lassen (dabei unterscheidet sich die individuelle Impfentscheidung nur marginal von diesem Konzept, doch ich vermute das wissen die weniger radikalen Hebammen nicht). Darum geht vermutlich, neben „Vaxxed“ auch „A Man Made Epidemic“ durch die Hände der Hebammen und damit wiederum durch die Hände werdender Eltern. Den Schaden, den Frau Beer mit dieser Aneinanderreihung von Missinformation anrichten kann, überblickt sie vermutlich selbst nicht. Aufgrund dieses Vorurteils schreibe ich einen offenen Brief an alle Hebammen, die Eltern, die sich ihnen anvertrauen diesen Film ans Herz gelegt haben.]

Liebe Hebammen,

es hat einige Zeit gedauert, doch jetzt habe ich endlich die Gelegenheit, über den Film zu schreiben. Bevor ich mich den Einzelheiten widme, ist es mir wichtig, noch etwas Grundsätzliches zu sagen: Ich denke im Kern geht es bei der Frage „Wie stehe ich zu Impfungen“ um Vertrauen. Viele der Quellen die ich nutze, stammen von staatlich initiierten oder finanzierten Institutionen oder Ämtern. Deren Aufgabe ist es, Gefahren für die Bürger frühzeitig abzuwenden. Irrtümer immer vorbehalten, geht es um die Frage, ob wir diesen Institutionen vertrauen. Ob man grundsätzlich der Meinung ist, dass die Menschen, die dort arbeiten, sich im Kern nicht von uns allen unterscheiden und gute Intentionen haben. Oder ob man der Ansicht ist, dort arbeiten (1000e) sinistre Gestalten, die über Leichen gehen. Ob man davon ausgeht, dass sie ihre Arbeit gut machen wollen und ihre Arbeit darin sehen, uns alle vor unnötigen Gefahren zu bewahren (soweit möglich). Für mich geht diese Frage an den Kern unserer Demokratie. Diese Institutionen basieren letztlich auf Entscheidungen von Menschen, die wir gewählt haben. Mir liegt fern, Entscheidungen dieser Institution kritiklos hinzunehmen, doch wenn ich kein grundsätzliches Vertrauen in sie habe, fällt jegliche Diskussionsgrundlage weg und damit ein Teil des Fundaments unserer Gesellschaft. Dann ist alles Meinung und jedeR auf sich gestellt. Insofern ist die Diskussion über den Nutzen oder Schaden vom Impfungen auch immer politisch.

Und jetzt zum Film:

Einleitung

Die Grundthese des Filmes würde ich so beschreiben: Einflüsse denen wir aufgrund unseres „modernen“ Lebens ausgesetzt sind, verursachen Autismus. Diese These hat ihren Ursprung in der Beobachtung steigender Anzahl von Autismus. Im Film wird die Behauptung aufgestellt, aktuell hätte eines von 35 Kinder Autismus. Im Jahre 2025 hätte jedes zweite Kind Autismus. Die postulierte Steigerung der Fallzahlen wird auf Impfungen, Glyphosat, Handystrahlung und GMO zurückgeführt, wobei den größten Teil des Filmes das Thema Impfungen beansprucht.

Ein Großteil der Steigerung lässt sich jedoch allein durch bessere Diagnostik und Erweiterung der Diagnosekriterien erklären 1. Bekannte Faktoren für die Erhöhung des Autismusrisikos sind, neben genetischen Faktoren, hohes Alter der Eltern, Infektionen in der Schwangerschaft (u.a. Röteln), Frühgeburtlichkeit und bestimmte Medikamente2. Im Grunde wäre damit der Rest des Filmes hinfällig und es spricht nicht für die Recherche von Natalie Beer, dass sie diese Überlegungen im Film nicht mal erwähnt.

Wakefield

Da Andrew Wakefield viel Raum in dem Film bekommt, werde ich auch noch einmal auf ihn eingehen. Insbesondere hinterfrage ich seine Glaubwürdigkeit. Er glaubt sicher mittlerweile was er sagt aber, wenn auf die Interessenskonflikte, von Mitgliedern der STIKO thematisiert wurden (insbesondere im Zusammenhang mit der Einführung der HPV-Impfung), in Diskussionen über Impfungen hingewiesen wird, sollte auch Interessenkonflikte von Wakefield hingewiesen werden. Und die sind enorm. Wakefield hat seine Studiendaten gefälscht: In den Gewebeproben, die er den Kindern im Rahmen einer Darmspiegelung entnahm, waren keine Masernviren zu finden (Aussage eines Laborassistenten, der die Proben direkt danach bearbeitet hatte). Trotzdem wird das in der – mittlerweile zurückgezogenen Arbeit – behauptet. In der Arbeit steht, die Symptome des Autismus seien maximal 7 Tage nach der Impfung aufgetaucht. Es gibt jedoch nachweislich Fälle in denen die Symptome erst mehrere Monate nach der Impfung auftauchten sowie mindestens einen Fall in dem die Symptome bereits vorher vorhanden waren. Ein Kind taucht in der Studie gar nicht auf (mindestens 13 Kinder wurden untersucht, 12 werden in der Studie erwähnt). Wakefield hat bereits seit 1993  zu einem Zusammenhang zwischen Masernimpfung und Magen-Darm-Erkrankungen geforscht. Das ist an sich vollkommen legitim. Allerdings hatte er ein Patent für einen diagnostischen Test sowie ein Patent für einen Einzelimpfstoff für Masern (er behauptete immer, nur die Dreifachimpfung Masern/Mumps/Röteln mache die Probleme). Das bedeutet, dass zukünftige Einnahmen (die von Wakefield auf mehrere Millionen geschätzt wurden) von den Ergebnissen der Studie abhingen. Das ist ein Interessenkonflikt, den Wakefield nicht öffentlich gemacht hat und bis heute als unproblematisch bewertet. Wakefield stellt es in dem Film so dar, als sei er ein Einzelkämpfer gewesen und hätte keine Unterstützung bei seinen Forschungen erhalten. Die Universität hat Wakefield jedoch lange unterstützt. Für die Reaktion nach der ersten Pressekonferenz, in der die Ergebnisse („MMR-Impfung macht autistische Enterokolitis) vorgestellt wurde, wurden extra Telefone geschaltet, um Anfragen bewältigen zu können. Im Film behauptet Wakefield, er habe nur Geld aus einem Forschungsfond erhalten. Das ist nur teilweise richtig. Wakefield arbeitete mit einem Anwalt zusammen, der Eltern vertrat, welche Impfhersteller verklagen wollten. Der Anwalt brauchte Belege für den Schaden von Impfstoffen um den Prozess zu gewinnen. Für die Forschung, um diese Belege zu liefern, zahlte er Wakefield Geld. Weil diese direkte Art der Bezahlung problematisch ist (Interessenkonflikt) wurde das Geld an die Universität gezahlt, die es wiederum über den Forschungsfond an Wakefield weiter gab. Nach der Veröffentlichung der Studie erhielt Wakefield weitere Gelder. Wakefield wirft Unternehmen vor, Kinder zu impfen um Profit zu machen und deren Schaden in Kauf zu nehmen. Er hat jedoch nachweislich durch seine Studie (unnötigen Untersuchungen) Kindern geschadet und wollte Geld mit seiner Forschung verdienen (was prinzipiell ebenfalls legitim ist, wenn es sich nicht um „alternative Ergebnisse“ handelt). Heute verdient er seinen Lebensunterhalt trotzdem mit der Behandlung und Beratung von Kindern mit Autismus. Nur eben aufgrund falscher Behauptungen. Die „Behandlungen“ die aus den Hypothesen von Wakefield und anderen in dem Film resultieren sind wirkungslos und gefährlich, es gibt nachgewiesene Todesfälle.

Wakefield trägt die Verantwortung für den Rückgang der Impfraten in Teilen Großbritanniens von 95% auf 80% und damit für 10 000e Masernfälle inklusive Todesfällen. Von unnötigen und grausamen „Behandlungen“ von Kindern mit Autismus ganz zu schweigen. Ihn als Anwalt für die Kinder auftreten zu lassen, ist an Zynismus kaum zu toppen.

Natasha Campbell-McBride

Natasha Campbell-McBride tritt in dem Film auf und behauptet, Substanzen die in der Landwirtschaft als Insektizide eingesetzt werden, würden für Autismus verantwortlich sein. Sie ist auch diejenige, die die Zahl 1/35 Kindern habe heute Autismus in die Welt setzt. Sie steht mit ihren im Film gemachten Behauptungen nicht auf dem Boden der Realität. Sie behauptet, dass Substanzen, die für Insekten schädlich sind, auch für Menschen gefährlich sind. Das ist in der Form falsch. Nikotin ist zum Beispiel für Insekten schnell tödlich, Menschen vertragen höhere Dosen. Andere Substanzen haben bei Menschen gar keine Wirkung, wieder andere sind in geringer Dosis tödlich. Die Aussage von Frau Campbell-McBride zeigen eine geringe Sachkenntnis auf. Woher sie ihre Zahlen zu Autismus nimmt (1/35 Kindern) ist unklar, sie ist falsch. Auch die Aussage, dass das Immunsystem nach der Geburt noch nicht richtig funktioniert ist nicht richtig, wenn das so wäre, wären Kinder nicht lebensfähig. Die von Frau Campbell-McBride empfohlene Diät ist nachweislich nicht wirksam für die Kernsymptomatik von Autismus. Was im Film nicht erwähnt wird, ist dass Frau Campbell-McBride selbst Nahrungsmittel verkauft, die als Behandlung der von ihre postulierten Behandlung dienen. Sie profitiert also direkt von der Angst (und der vermeintlichen Lösung, die sie anbieten), die sie schürt. Frau Campbell-McBride behauptet, es gebe kaum Forschung zum angeblichen Zusammenhang von Impfen und Autismus. Das ist glücklicherweise falsch. Es gibt Forschung und die hat gezeigt (PDF), dass es keinen Zusammenhang gibt. Dasselbe gilt für den fehlenden  Zusammenhang von Impfungen (PDF) und weiteren chronischen Erkrankungen.

Herr Troschke

Herr Troschke von der Initiative für Individuellen Impfentscheid behauptet, ebenfalls, das kindliche Immunsystem sei bei Geburt noch unreif. Wissenschaftliche Belege bleibt er schuldig. In einem Interview gab er zu, dass es sich um eine „weltanschauliche“ Ansicht handele. Im Film erwähnt er das nicht. Dort stellt er das so dar, als wäre das ein wissenschaftlicher Fakt. Herr Troschke beurteilt die Reife des kindlichen Immunsystems jedoch als Anthroposoph und nicht als Arzt. Anthroposophie ist eine Weltanschauung die unter anderem davon ausgeht, dass Menschen nicht nur einen „stofflichen“ Körper haben. Laut Rudolf Steiner, dem Gründer der Anthroposophie, bilden sich im Laufe des Lebens bestimmte „feinstoffliche“ Körper (Wesensleiber: Physischer Leib, Astralleib, Etherleib, Ich-Leib). Bis zum siebten Lebensjahr haben Kinder nur den „physischen Leib“, dann bildet sich der Astralleib, mit 14 der Etherleib und mit 21 der Ich-leib. Nach Anthroposophischer Sicht ist man erst dann ein Mensch. Die Reife menschlicher Biologie wird von einem anthroposophischen Arzt darum immer vor allem spirituell eingeschätzt. Und spirituell ist das Immunsystem eines Säuglings eben unreif. Das hat aber keinen Einfluss auf den Erfolg von Impfungen. Ich muss noch ein wenig ausholen, um den Blick von Anthroposophen auf Impfungen und „Kinderkrankheiten“ deutlich zu machen. Ebenfalls Teil der anthroposophischen Lehre ist die Annahme, Menschen würde wiedergeboren. Handlungen und Gedanken und aus einem früheren Leben können Einfluss auf das Karma (und damit auf die Wesensleiber und das Leben des Menschen) haben. Um das Karma wieder in Ordnung (meine Beschreibung) zu bringen, sind bestimmte Erkrankungen aus anthroposophischer Sicht notwendig! Unter anderem Masern. Aus anthroposophischer Sicht können Menschen, die sich im früheren Leben zuviel mit sich selbst beschäftigt haben und zuwenig mit der äußeren Welt, durch Masern wieder „heilen“. Darum sind anthroposophische Ärzte dagegen, Kinder vor dem Jugendalter zu impfen, weil Impfungen die Entwicklung Kinder behindern. Dabei meinen sie jedoch nicht die psychologische Entwicklung sondern die spirituelle. Das wird leider selten von anthroposophischen Ärzten erwähnt.

Auch in diesem Film werden Aussagen von Ärzten, die wissenschaftliche Erkenntnisse darlegen, Aussagen von Ärzten gegenüber gestellt, die sich auf die Aussagen eines 1925 verstorbenen Hellsehers berufen. Ich finde, die Aussagen, sollte man durchaus unterschiedlich bewerten.

Gericht und Autismus

Im Film wird eine Familie aus Italien gezeigt, deren Sohn Autismus hat. Die Eltern haben versucht, per Gericht eine Entschädigung für den Autismus ihres Sohnes zu erhalten. Im Rahmen des Gerichtsverfahrens sollte nachgewiesen werden, dass ihr Sohn (Valentino Bocca) durch eine Impfung Autismus bekommen habe. Dieses Urteil beruhte jedoch vor allem auf den Aussagen von Experten, die sich auf die Arbeit von Wakefield bezogen. Da die Ergebnisse von Wakefield gefälscht waren können die Aussagen der „Experten“ als widerlegt gelten. Das Urteil wurde mittlerweile von einem Gericht in einer höheren Instanz widerrufen.

Aluminium

Im Film wurde die Aussage gemacht, es gebe keinen Grenzwert für Aluminium. Das ist falsch. Das Paul Ehrlich Institut hat zu Aluminiumverbindungen in Impfstoffen letztmalig 2014 Stellung genommen. Es könne an der Einstichstelle in seltenen Fällen zu „Verhärtungen“ kommen, die in der Regel wieder zurückgehen.  Es wird aktuell diskutiert, ob elementares Aluminium an der Entstehung von Alzheimer-Demenz beteiligt ist. Eine Diskussion über eine solange Zeit bedeutet mit hoher Wahrscheinlichkeit, dass ein möglicher Effekt nicht groß ist. Große Effekte lassen sich leicht messen und werden dann nicht mehr diskutiert. Die Symptome bei einer akuten Vergiftung mit elementarem Aluminium haben nur sehr entfernt etwas mit Autismus zu tun. Auch die Symptome einer Demenz sind von Autismus gut zu unterscheiden. Wenn man zur Sicherheit die Aufnahme von Aluminium reduzieren will, sollten aluminiumfreie Pflegeprodukte verwendet und auf Alufolie sowie Alukochgeschirr verzichtet werden. Die Menge an Aluminium in Impfungen ist im Gegensatz dazu äußerst gering.

Thiomersal

Thiomersal ist eine Quecksilberverbindung. Das klingt erst mal beängstigend, dabei vergisst man jedoch schnell, dass Elemente in Molekülen vollkommen andere Eigenschaften haben können als als Element. Auch hat vermutlich niemand Angst vor Meditonsin, worin ebenfalls eine Quecksilberverbindung vorhanden ist. Thiomersal wurde bereits 2001 aus allen Impfstoffen für Kinder entfernt. Dies geschah als Vorsichtsmaßnahme, weil T. seit 1930 in Impfungen verwendet wurde und damals keine Studien gemacht wurden, die heutigen Standards entsprechen. Thiomersal wurde zur Konservierung der Impfstoffe eingeführt. Damals entnahm man den Impfstoff noch aus großen Ampullen. Wenn die Kühlkette unterbrochen wurde, kam es gelegentlich zu Bakterienwachstum in den Ampullen. Die Bakterien wurden dann Kindern injiziert. Außerdem muss gesagt werden, dass die Grenzwerte für Thiomersal (Ethylquecksilber) an denen von Methylquecksilber angelehnt waren. Methylquecksilber ist die Substanz die mit Fisch aufgenommen wird und Menschen vergiften kann. Methylquecksilber bleibt lange im Körper und reichert sich an. Ethylquecksilber hingegen ist nach wenigen Stunden aus dem Körper entfernt und ist darum deutlich weniger schädlich. Doch aufgrund der fehlenden Studien wurde es entfernt.

Wenn (!) Thiomersal mit Autismus zusammenhängen würde, hätte es in den USA nach der Entfernung einen Rückgang von Diagnosen geben müssen. Den gab es nicht.

Unplausible Thesen im Film

Im Film wird behauptet, beim Impfen gehe es nur darum, möglichst viel Geld zu verdienen: Wenn Profit das vorrangige Ziel wäre, würde dieses Ziel besser erreicht werden, wenn nicht mehr geimpft würde. Früher waren die Kinderkliniken voll mit Kindern, die an Keuchhusten, Diphtherie, Maserenzephalitis, Meningokokkensepsis u. v. a. erkrankt waren und zum Teil Wochen im Krankenhaus bleiben mussten (oder dort starben). Eine Erkrankung zieht viele Behandlungen nach sich, die – wenn das das einzige Ziel wäre – deutlich höhere Gewinne bringen würden als Impfungen. Die Gewinne waren in den USA in den 1980ern so gering, dass die Hersteller, nachdem sie einige Klagen verloren hatten (es ging dabei um einen Impfstoff mit relativ hoher Komplikationsrate, der heute nicht mehr hergestellt wird), aufhörten Impfstoffe herzustellen. Darum wurde ein besonderes Gesetz verabschiedet, welches dazu dient, die Hersteller vor übermäßigen Klagerisiken zu schützen und Menschen die durch Impfungen geschädigt wurden zu kompensieren3.

Es gibt eine „Epidemie“ von Autismus: Die Beschreibung von „Autismus“ ist relativ neu. Erstmals tauchte der Begriff 1911 auf, hatte jedoch noch wenig mit unserem heutigen Verständnis der Störung zu tun. In den 1940ern beschrieb Kanner den nach ihm benannten frühkindlichen Autismus. Alle im Film vorgestellten Kindern würden (wahrscheinlich) in diese Kategorie fallen. Asperger faste die Definition von Autismus weiter. Allerdings wurde diese Definition erst in den 1990er Jahren in die relevanten Diagnosebeschreibungen aufgenommen. Man geht davon aus, dass viele Kinder, die heute die Diagnose „Autismus“ erhalten, früher unter dem Begriff „geistig Behindert“ erfasst wurden oder eben gar nicht erkannt. Es findet also zum Teil eine Verschiebung zwischen Diagnosen statt, teils werden Menschen diagnostiziert, die früher nicht erkannt worden wären. Zum Teil erhalten heute Kinder Hilfe, die früher als „schwierig“ gegolten hätten. Es gibt keine Belege für die behauptete Epidemie die Steigerung der Erkrankungszahlen lässt sich ohne Umweltauslöser gut erklären4.

Ich plane einen zweiten Teil, in dem ich auf ein paar weitere Fragen zum Impfen eingehe, die aber nicht direkt etwas mit dem Film zu tun haben.

  1. Explaining the Increase in the Prevalence of Autism Spectrum Disorders
    The Proportion Attributable to Changes in Reporting Practices, Stefan N. Hansen
  2. Autistische Störungen – State-of-the-Art und neuere EntwicklungenEpidemiologie, Ätiologie, Diagnostik und Therapie, Christine M. Freitag
  3. In Deutschland gibt es ein ähnliches Gesetz. Darin heißt es, dass ein Schaden durch eine Impfung nur „wahrscheinlich“ sein muss, um eine Entschädigung zu erhalten. Von 1972 bis 1999 sind die anerkannten Impfschäden von 191 auf 21 pro Jahr zurückgegangen (PDF). Bei mehreren Millionen gegeben Impfdosen ist das eine sehr geringe (wenn auch immer noch zu hohe) Anzahl.
  4. Es gibt eine Gruppe von Menschen, die der Ansicht sind, Autismus sei die nächste Stufe der menschlichen Evolution.

[Update: 07.05.17: An dieser Stelle stand unter „Rausschmeißer“ noch eine spezielle Kritik, die in der Form nicht gut formuliert war, darum habe ich sie wieder entfernt. Eventuell wird sie überarbeitet und im zweiten Teil noch einmal aufgegriffen.]

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Mein Energiefeld – Aktiv und Vital

Eines meiner Ziele im Leben ist es, mich vollumfänglich ganzheitlich, metaganzheitlich sozusagen, untersuchen zu lassen. Dazu war ich erneut auf der „aktiv und vital Messe“ in Dresden. Dort hatte ich letztes Jahr eine Irisdiagnostik machen lassen. Dieses Mal war mein Energiefeld an der Reihe! Dazu wurde die GDV Methode benutzt. Niemand am Messestand , an dem die Abkürzung in großen weißen Buchstaben als Methode angepriesen wurde, wusste, wofür „GDV“ steht. Aber dafür wusste man, wie ich das Problem lösen kann „googeln Sie doch mal“. Kompetenz! Das mag ich in meinen Heilern.

Bei diesem Verfahren werden die Fingerkuppen auf ein Gerät gelegt und das den Körper umgebene Energiefeld wird gemessen. Eine nette Dame am Computer sagt einem, welchen Finger man wann auf das Messfeld, welches unter einem schwarzen Tuch liegt, drücken soll. Das funktioniert, weil die Meridiane der Fingerkuppen durch das Messgerät gemessen werden. So klärte man mich auf Nachfrage auf.

Da eine Messung mit Ausdruck genauso viel kostete, wie eine Messung, eine bioenergetische Massage nach Viktor Philippi und eine erneute Messung, habe ich die bioenergetische Massage gleich mitgenommen. Also Messung, Massage, Messung.

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Im Bereich der unteren Extremitäten zeigen sich bei frontaler und rechtslateraler Ansicht deutliche heterogen verteilte hypokirlianische Bereiche.

Die Massage beschränkt sich darauf, dass jemand erst neben und dann hinter mir stand und seiner Hände entweder auf den Brustkorb und zwischen die Schulterblätter legte oder auf meine Schultern. Jeweils für 7 Minuten. Nach der ganzen Prozedur wurden meine Messungen ausgewertet. Toll, was da raus kam!

Der Herr, der die Auswertung machte, gab sich alle Mühe freundlich zu sein, wirkte aber irgendwie…wie eine leere Hülle, fahl. Das mag daran gelegen haben, dass der Messetag fast vorbei war. Trotzdem gab er sich alle Mühe durch Cold Reading Informationen aus mir herauszubekommen, um seine Aussagen zu meinem Energiefeld auf mich abstimmen zu können. Er stürzte sich auf jede konkrete Information die ich ihm gab. So interpretierte er die Lücken des Energiefeldes an den Beinen als Ausdruck von Problemen mit meiner Familie (ich hatte energisch genickt, als er „Probleme mit der Familie“ zur Auswahl gab). Denn, so seine Erklärung, so wie die Beine uns stützen, stützt uns auch die Familie.

Dass ich ein leichtes Druckgefühl spürte, als mir der bioenergetische Masseur die Hände auf die Brust legte, interpretierte der Herr als Angst. Weil, so seine vulgärpsychosomatische Erklärung, einem Angst die Kehle zuschnürt. Nur, dass die Kehle sehr weit vom Brustkorb entfernt liegt, anatomisch betrachtet.

Angst. Angst? Angst! Das war die Diagnose, ich habe Angst. Eine Angst, die ich selbst nicht spüre, die erst durch die fragwürdige Interpretation eines erwartbaren Symptoms im Rahmen einer bioenergetischen Massage erkennbar wird. Doch bevor ich das jetzt auf die leichte Schulter nahm, wurde mir deutlich gemacht, dass alle Erkrankungen durch seelische Probleme verursacht werden. „Alle?“ frage ich, „auch Krebs!?“. „Auch Krebs!“ sagt er, sanft lächelnd. Großer Hamer bewahre! Kann man da nicht was gegen machen?
Kann man! Eine Heilung könne er natürlich nicht versprechen – Zwinker, Zwinker – aber man könne da was machen. Und dass müsse man auch, denn Angst, bewusst oder unbewusst, mache krank.

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Die Behandlung hat die Symmetrisierung um 14% erhöht, jedoch deutliche Lücken im Bereich des Wurzelchakras aufgezeigt.

Ich bin gespannt auf die Behandlung. Psychotherapie? Exposition? Geburtstrauma verarbeiten? Reinkarnationstherapie? Öfter mal eine bioenergetische Massage?
Nein, eine Kerze. Ein Teelicht um genau zu sein. Das soll ich jeden Abend in der Wohnung anzünden und ausbrennen lassen. Denn Angst „geht ins Feuer“ und ist dann weg.
Also entweder macht mir meine unbewusste Angst Krebs oder ich zünde ein Teelicht an. Da fällt mir die Wahl nicht schwer. Doch vorher sollte ich vielleicht noch etwas über diese GDV Methode erfahren, vielleicht ist das ja alles Bullshit.

Das GDV Verfahren wurde von Dr. Konstantin Korotkov, einem Spezialisten des menschlichen Energiefeldes erfunden. Das Verfahren diene der „wissenschaftlichen Untersuchung“ des Energiefeldes und beruhe auf dem Kirlian-Effekt. Das GDV-Verfahren „erlaubt direkte, Echtzeitaufnahmen von Veränderungen“ im Energiefeld. Die „Information der Fingerspitzenkorona wird gemessen, sichtbar gemacht“ und mit einer Software analysiert. GDV demonstriere „den objektiven Einfluss mentaler und physischer Aktivität auf des menschliche Energiefeld.“

Ein tolles Verfahren. Irgendwie hat aber niemand gemerkt, dass ich meine Finger in der falschen Reihenfolge auf das Messfeld gedrückt hatte.

 

Neue Heilmethode

ICH habe soeben eine neue Heilmethode empfangen! Hier habt Ihr zuerst von ihr gehört*. Es ist die

Astrohydroradionik

Man benötigt das Sternbild des Patienten. Mithilfe eines Teleskops wird ein Stern fokussiert, der sich im Sternzeichen des jeweiligen Patienten befindet. Je nach Symptom wird der richtige Stern vorher per Pendel bestimmt. Dazu können Patienten im Fachhandel zertifizierte Pendelsets erwerben, so dass eine Selbstbehandlung problemlos möglich ist. Das Licht des Sterns wird mit dem Teleskop gebündelt und durch einen Photonenpotenzierer geschickt. Dann wird mit der Energie des Sterns eine kleine Menge Wasser bestrahlt und die heilende Kraft auf das Wasser übertragen. Einige Behandler sagen das Wasser werde nicht bestrahlt, sondern „beschienen“, es gibt zwei Lager unter den Astrohydroradionikern.

Die Behandlungsergebnisse der Astrohydroradionik entsprechen übrigens denen der Homöopathie. Auch die Anwendungsbereiche zeigen erstaunliche Überschneidungen. Die Astrohydroradionik ist sanft, ganzheitlich und hat keine Nebenwirkungen. Sie bekämpft die Ursache der Erkrankung und unterdrückt nicht nur Symptome, wie es in der Schulmedizin so oft geschieht. Allerdings kann man die Mittel nicht patentieren, darum hat die Pharmaindustrie kein Interesse daran, dass das mir geschenkte Wissen in Umlauf kommt.

Obwohl das Verfahren mindestens so gut ist, wie die Homöopathie, wird es nicht anerkannt. Die Homöopathen wird ganz eindeutig bevorzugt. Somit werden Astrohydroradioniker und Astrohydroradionikerinnen in ihrer freien Berufswahl eingeschränkt. Daher fordert der, noch zu gründende Verband für Astrohydroradionik die Aufnahme der Methode in den Binnenkonsens oder dessen Abschaffung.

*Außer Ihr lest die Ruhrbarone, was ihr solltet, dann habt ihr es vielleicht Ruhrbaron Bartoschek zur Homöopathie schon gesehen.

Für eine Hand voll Globuli

Nachdem ich zum Thema „Impfmythen“ bereits als „Experte“ beim Science-Cafe anwesend war, durfte ich nun auch zum Thema Homöopathie die Fahne des kritischen Denkens hochhalten. Die Veranstaltung hätte natürlich „Pseudoscience-Cafe“ heißen müssen aber dann wäre wohl niemand gekommen.

Ich hatte mich gut vorbereitet und eine Woche vorher begonnen, drei mal täglich fünf Globuli Coffea C30 zu nehmen. In Anlehnung an die 10^23 Aktionen, bei denen eine „Überdosis“ Homöopathie genommen wird, machte ich dies als homöopathischen Selbstversuch. Nach homöopathischem Verständnis handelte es sich dabei um eine Arzneimittelprüfung. Gesunde Personen nehmen Globuli, stellen fest, welche Symptome sie bekommen und sammeln diese. Daraus wird das Arzneimittelbild erstellt. Meine mutigen Vorgängerinnen und Vorgänger haben für Coffea C30 unter anderem „migräneartigen Kopfschmerz“, „Schlaflosigkeit“ und „Ohnmacht bei großer Freude“ herausgearbeitet. Es gibt aber auch Symptome wie „wird um 3 Uhr morgens Wach“, „trägt einen Hut“, „hat Angst vor dem nach Hause kommenden Ehemann“. Allerdings war von vornherein klar, dass bei mir nichts passieren würde, denn Hahnemann selbst forderte eine Offenheit der Methode gegenüber, um „Prüfling“ sein zu können. Ich war so offen, wie ich konnte aber nicht offen genug, wie es scheint. Denn obwohl ich nach vier Tagen die Dosis steigerte, auf drei mal drei Globuli und am letzten Tag gar auf drei mal ein Globuli, blieb jeglicher Effekt aus. Abgesehen davon, und hier sollten Homöopathen hellhörig werden, dass ich die letzten fünf Tage einen Ohrwurm hatte.

Im „Cafe“ selbst herrschte eine angenehme Atmosphäre. Nach dem Einführungsfilm sammelten sich schnell Menschen an meinem Tisch und diskutierten engagiert. Dabei hatte ich ein meiner Ansicht eher zugeneigtes Publikum, was für einen GWUPi wohl eher ungewöhnlich ist. Ein Herr zeigte sich jedoch sehr skeptisch ob meiner Skepsis (um nicht zu sagen, Ablehnung) und versuchte, seine Punkte loszuwerden. Wichtig war ihm, dass Homöopathie nur von Ärzten durchgeführt werden dürfe, da nur diese verantwortlich damit umgehen könnten. Das hieß für ihn auch, keine schweren Erkrankungen zu behandeln. Viele Fragen, zum Beispiel die Frage, wo eine „schwere Erkrankung“ anfängt, konnten in diesem Rahmen nicht ausreichend geklärt werden, weil sonst andere Gäste zu kurz gekommen wären.

Trotzdem habe ich gefragt, ob zum Beispiel Ebola eine schwere Erkrankung sei, was er bejahte, jedoch anfügte, Ebola sei auch „schulmedizinisch“ (von ihm ohne Anführungszeichen genutzt) nicht zu behandeln. Ich musste widersprechen, denn Ebola ist zwar nicht ursächlich zu behandeln, sehr wohl jedoch symptomatisch (was Homöopathen gar nicht mögen). Durch die „unterstützende Behandlung“ (etwas, was Homöopathen eigentlich für sich in Anspruch nehmen) kann die Sterblichkeit immerhin deutlich gesenkt werden. Ein Argument gegen komplementär zur Medizin eingesetzte Homöopathie bei Ebola sind die knappen Ressourcen vor Ort. Mit dem Geld für die Homöopathen, die kürzlich in Liberia waren, hätte man Besseres anfangen können, als Globuli zu verteilen…oder nicht zu verteilen.

Ich hatte den Herren nicht zufällig nach Ebola gefragt, denn während der Film (s.u.) lief, las ich den Namen der Ärztin, die als Expertin für Homöopathie eingeladen war. Denselben Namen hatte ich in einem Spiegel-Artikel gelesen, in dem es um die vier Homöopathen ging, die in Liberia waren, um Ebola-Patienten zu behandeln und denen dies von der Regierung verweigert wurde. Dabei handelte sich um die Frau des Honorarkonsuls von Liberia, der den Tripp organisiert und zu finanzieren geholfen hatte. Beide waren nun im Science-Cafe anwesend..

Ich denke, der Herr und ich führten ein, bedenkt man unsere Einstellungen, konstruktives Gespräch mit einigen Gemeinsamkeiten und vielen Differenzen. Nach der Veranstaltung trafen auch seine Frau und ich aufeinander und auch zwischen ihr und mir war ein Gespräch nicht nur möglich, sondern sogar erfreulich. Wobei wir die ganz heißen Eisen liegen ließen 🙂 An einer Vertiefung wäre ich dennoch einmal interessiert. Und sei der um der Erfahrung willen. Es wäre natürlich einfacher, Homöopathie zu kritisieren, wenn ihre Vertreter unsympathische Gesellen wären, aber man kann nicht alles haben im Leben.

Skurril empfand ich die Frage, ob „Skeptiker“ denn wirklich von der Pharmaindustrie finanziell unterstützt würden. Falls das so ist, dann nur in homöopathischen Dosen. Ich denke, ich konnte vermitteln, dass, dem kritischen Denken verpflichten Menschen egal ist, wer schlechte Wissenschaft macht. Durchgehen lassen wir das niemandem. Aber Pharmakritik ist nicht unser Kerngeschäft.

In dem Video mache ich einen Schnitzer, wer ihn findet, darf ihn behalten.

Autismus und Pseudomedizin

[Dieser Text ist ursprünglich in der Zeitschrift „Der Skeptiker“ in der Ausgabe 3/2013 erschienen. Er beruht auf einem Vortrag, den ich auf der Skepkon in Köln 2013 gehalten habe.]

Einleitung

Symptome

Entstehung

Diagnostik

Therapie

KISS-Syndrom

CEASE-Therapie

Antibiotika gegen Autismus

Schluss

Literatur und Qellen

Einleitung

Wenige Menschen kennen sich mit Autismus aus, sehr wenige gut. Die Darstellung von Menschen mit Autismus in den Medien zeigt oft ein verzerrtes Bild, weil sie sich auf Betroffene mit durchschnittlicher oder überdurchschnittlicher Intelligenz, sogenannte „hochfunktionale Autisten“, konzentriert. Bisweilen drängt sich sogar der falsche Eindruck auf, Autismus sei eine „Edelbehinderung”. Bei Autismus handelt es sich um eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, wobei der Anteil der „hochfunktionalen Autisten“ relativ gering ist. Weil die Bandbreite von leichten, subklinischen Formen bis zu schweren Beeinträchtigungen reicht, ist es richtiger, von Autismusspektrumsstörung (ASS) zu sprechen.

Symptome

ASS zeichnen sich durch qualitative Unterschiede in der Kommunikation, und der sozialen Interaktion sowie durch die Neigung zu wiederholten und stereotypem Verhalten aus. Achtet man einmal darauf, wie vielschichtig die Bedeutung von Worten ist, die wir benutzen, und wie unscharf wir zum Teil mit Sprache umgehen, ist es fast ein Wunder, dass wir uns überhaupt verstehen. Menschen mit ASS haben mit dieser Unschärfe Probleme. Sie denken oft konkretistisch und haften an der wörtlichen Bedeutung von Worten, können den übertragenen Sinn dahinter nicht erkennen. Besonders fällt das bei Sprichwörtern und Redewendungen auf, wie zum Beispiel „jemanden auf den Arm nehmen“.

Soziale Interaktion, so leicht sie uns oft fällt, ist eine komplexe Tätigkeit, die viel implizites Wissen und intuitives Handeln erfordert. So begreifen wir zum Beispiel schon früh im Leben, dass, wenn jemand mit dem Finger auf ein Objekt zeigt, das entfernte Objekt von Interesse ist, und nicht die Fingerspitze. Dafür müssen wir nicht nur die Bedeutung dieser Geste kennen, wir müssen uns auch in den anderen hineinversetzen und die Intention hinter der Geste erkennen. Dieses Hineinversetzen ist Kernbestandteil der „Theory of Mind“ (ToM) und bildet sich in den ersten Lebensjahren eines Menschen aus. Kinder unter vier Jahren können sich noch nicht vorstellen, dass eine andere Person einen anderen Wunsch haben könnte als sie selbst. Auch Menschen mit ASS haben Probleme mit der ToM. Es fällt ihnen schwer, zwischen sich und anderen zu trennen. Besonders auffällig ist oft die Weigerung von betroffenen Kindern Blickkontakt zu halten, also anderen Menschen in die Augen zu sehen. Häufig zeigen sie auch kein erkennbares Interesse an Mama und Papa; wie belastend solch eine Situation ist, können sich vermutlich nicht nur Eltern vorstellen.

Viele Kinder mit einer ASS neigen zu stundenlanger Beschäftigung mit sich wiederholenden Tätigkeiten. Sie drehen beispielsweise das Rad eines Spielzeugautos oder bewegen die Finger direkt vor den Augen und schauen sie intensiv an. Viele Kinder haben auch ein Sonderinteresse: etwas, mit dem sie sich sehr gut auskennen, mit dem sie sich am liebsten ausschließlich beschäftigen wollen, und worüber sie ausgiebig reden. Nicht selten entwickeln sie auf diesem Gebiet Fähigkeiten, die ihnen in anderen Bereichen fehlen. So können zum Beispiel einige Kinder ganze Nahverkehrsfahrpläne auswendig lernen, sind jedoch nur schwer dazu zu bringen, Vokabeln zu lernen. Den letzten Punkt können wahrscheinlich Eltern am besten nachvollziehen, man muss sich nur vorstellen, das ganze Jahr wäre wie die Woche nach Weih-nachten, in der man mehr mit dem neuen Spielzeug spielt als im Rest des Jahres. Alles andere verblasst daneben. Auch ist die Fähigkeit weniger ausgeprägt, in der einen Situation Gelerntes auf eine andere zu übertragen. Für Eltern kann das bedeuten, dass ihr Kind sich zu Hause die Jacke alleine anziehen kann, im Kindergarten jedoch nicht. Das Kind bittet dann jedoch nicht um Hilfe, denn auch dieses Konzept muss erst mühevoll erlernt werden. Solche Situationen werden für Eltern oft zur Geduldsprobe.

Entstehung

Die genaue Entstehung von Autismus ist heute noch nicht bekannt. Doch seit der Erstbeschreibung sind viele Hinweise auf eine starke genetische Komponente zusammengekommen (Freitag 2012). Umweltfaktoren spielen ebenfalls eine Rolle, jedoch wahrscheinlich in geringerem Maße. Die frühe Entwicklung des Kindes erscheint häufig relativ „normal“. Auffälligkeiten zeigen sich sehr dezent, erstes Anzeichen ist oft eine mangelnde Sprachentwicklung. Das vermeintlich „plötzliche“ Auftreten der Symptome kann dazu führen, dass diese mit einem besonderen Ereignis in Verbindung gebracht werden, welches in der Vergangenheit stattgefunden hat. Das ist wahrscheinlich ein Grund, warum sich der Mythos vom Zusammenhang zwischen Autismus und Impfen so hartnäckig hält, obwohl er seit Jahren widerlegt ist (Offit 2008). Von Anhängern der „Impfthese“ wird die steigende Prävalenz von ASS als Argument gegen eine genetische Beteiligung vorgebracht.

Dieser Anstieg lässt sich jedoch teilweise durch eine Änderung von Diagnosekriterien erklären, nach der Patienten mit „Asperger-Syndrom“ den ASS zugerechnet werden (Freitag 2012). Außerdem waren ASS in der Vergangenheit wahrscheinlich unterdiagnostiziert, während Ärzte heute bei entsprechenden Symptomen eher an eine ASS denken. In Gegenden mit steigender ASS-Prävalenz sinkt im gleichen Maße die Häufigkeit anderer (diagnostizierter) Behinderungen (King 2009). Belastung Da eine ASS in der Kindheit beginnt, kommt es in sehr vielen Fällen im Laufe der Entwicklung zu einer, teils von der Förderung abhängigen, Besserung der Symptome. Viele Kinder, die bis ins Kleinkindalter keine Lautsprache zeigen, beginnen später doch zu sprechen. Auch hier zeigt sich ein Spektrum in der Ausprägung, vom Ausbleiben der Sprache bis zu kaum merklichen, nur noch mit Erfahrung erkennbaren Unterschieden in der Kommunikation. Wenn ein Kind plötzlich beginnt zu sprechen, ist das natürlich eine große Freude für die Eltern, doch leider bedeutet es nicht, dass das Kind geheilt wäre.

Diagnostik

Der Begriff „Spektrum“ macht deutlich, dass nicht alle Symptome bei jedem Menschen mit Autismus in gleichem Maße vorkommen. Er zeigt auch, dass die Grenze zwischen gesund und krank nicht immer ganz einfach zu ziehen ist. Gerade bei der Beurteilung von Menschen mit guten kognitiven Fähigkeiten (hochfunktionaler Autismus) ist dies der Fall. Dies ist einer der Gründe, warum die Diagnosestellung bei Autismus alles andere als trivial ist. An der Autismusambulanz Dresden sind zwischen 5 und 8 Termine á 1–2 Stunden nötig, in unklaren Fällen gefolgt von einer Hospitation in Schule und Kindergarten oder der langfristigen Teilnahme an Gruppenangeboten, um das Kind in einer weniger künstlichen Umgebung zu erleben. Wenn behauptet wird, ein Kind mit Autismus sei geheilt worden, sollte man die Möglichkeit einer falsch positiven Diagnose mindestens in Betracht ziehen.

Therapie

Eine Heilung gibt es bis heute nicht. Dennoch bestehen Möglichkeiten, Kindern und Eltern das Leben zu erleichtern und gemeinsam viel zu erreichen. Ziel ist dabei immer das höchstmögliche Maß an Selbständigkeit zu erreichen, wozu in der Regel Methoden der Verhaltenstherapie und externe Strukturierung dienen. Die intensivste Methode ist Applied Behaviour Analysis (ABA), bei der erwünschte (kommunikative) Handlungen der Kinder verstärkt werden. Die Vorgehensweise ist sehr kleinschrittig mit vielen Wiederholungen, der Umfang kann bis zu 40 Stunden wöchentlich betragen. Weiterhin gibt es Methoden der unterstützten Kommunikation (nicht zu verwechseln mit gestützter Kommunikation ). Dabei liegt ein Schwerpunkt darauf, den Kindern eine Möglichkeit zu geben, mit der Umwelt zu kommunizieren. Um auf die verschiedenen Bedürfnisse und Fähigkeiten der Kinder einzugehen, wurden zahlreiche Techniken entwickelt, beispielsweise das Picture Exchange Communication System (PECS), welches ohne gesprochene Sprache funktioniert, jedoch auf deren Entwicklung nicht bremsend wirkt. Obgleich Autismus nicht heilbar ist, existieren dennoch Hinweise darauf, dass eine Untergruppe Betroffener mit guten kognitiven Fähigkeiten aus dem Autismusspektrum „herauswachsen“ kann (Fein et al. 2013). Wahrscheinlich sind in diesen Fällen die Symptome so gut kompensiert, dass die Betroffenen keine Auffälligkeiten mehr zeigen. Die evidenzbasierte Autismustherapie ist ein mühevoller und wenig glamouröser Weg, doch seine Wirksamkeit ist belegt. Ganz im Gegensatz zu den im Folgenden diskutierten Methoden.

Im deutschsprachigen Raum gibt es wenig Forschung zur Verbreitung von „Alternativ“-Medizin im Allgemeinen und bei Autismus im Speziellen. Da die Ansätze und Methoden so vielfältig sind wie die Anbieter fantasievoll, kann im begrenzten Rahmen dieses Artikels nur auf die folgende Auswahl eingegangen werden: Das Kiss-Syndrom ist eine beliebte Diagnose von osteopathisch orientierten Therapeuten, die Behandlung erfolgt u.a. mittels craniosakraler Therapie. Ein Homöopath hat sich ebenfalls des Autismus angenommen und eine komplette Therapieform entwickelt, die CEASE-Therapie: sanft, ganzheitlich und ohne Fundament in der Realität. Auch ein Nobelpreisträger für Physiologie und Medizin spielt in der Szene eine prominente und unrühmliche Rolle, seine Idee für eine Therapie hat das Potential, direkten Schaden anzurichten.

KISS-Syndrom

Als Beispiel für Disease Mongering (Krankheitserfindung) eignet sich die Kopfgelenkinduzierte Symmetrie-Störung oder das KISS-Syndrom, die erste Krankheit, die nicht weiß ob sie eine Störung oder ein Syndrom ist. Eine Störung beschreibt eine erhebliche Abweichung im Erleben oder Verhalten, während bei einem Syndrom gleichzeitig verschiedene Krankheitszeichen vorliegen, deren ursächlicher Zusammenhang, die Entstehung und Entwicklung der Krankheit, jedoch nicht bekannt sind. Das KISS – Syndrom wurde von Gutmann 1953 als „Säuglingsskoliose“ beschrieben1 (Hülse 2005). Beim KISS-Syndrom sollen die ersten Wirbel der Halswirbelsäule irgendwie nicht an der richtigen Stelle oder in der richtigen Stellung sein. „Blockiert“ nennen das die „Experten“. Als Leser des Skeptikers weiß man, was alles blockiert sein kann: Gelenke, Energien, Reinkarnation, eigentlich alles. Zwar kann kaum jemand plausibel erklären, worum genau es sich bei diesen Blockaden handelt; sie zu therapieren ist jedoch kein Problem. Wenn man liest, welche Folgen das

„KISS-Syndrom“ angeblich haben kann2, scheint die Behandlung für verantwortungsvolle Eltern Pflicht. Es heißt, dass viele „Schreibabys“ unter dem KISS-Syndrom litten, daraus könnten Probleme beim Stillen (inklusive Brustentzündung), ein platter Hinterkopf und motorische Entwicklungsstörungen entstehen. Doch damit nicht genug. Aus einem unbehandelten KISS-Syndrom entwickle sich das KIDD-Syndrom, die „Kopfgelenk induzierte Dysgnosie und Dyspraxie“, und die Folgen lassen staunen: „ADS, ADHS, ADHDS (sic!), Lern- und Konzentrationsstörungen, Dyslexie, Dyskalkulie, Kopfschmerzen, Migräne, Rücken- und Knieschmerzen, Störungen der Feinmotorik und Grobmotorik, Emotionsstörungen, Hyperkinesie, Hyperaktivität (Zappelphilipp), Hypoaktivität (Träumsuse), Schlafstörungen, Bettnässen“. Anatomisch und physiologisch ist es wenig plausibel, all dies auf eine „Blockade“ der oberen Halswirbel zurückzuführen. Wenn sich Wirbel gegeneinander physisch verschieben (einige Eltern berichteten von Verschiebungen um 1 cm) dürfte es statt zu Hyperaktivität zu Lähmungen und Tod kommen.

Die Gesellschaft für Neuropädiatrie e.V. hat in einer Stellungnahme das Konzept von KISS und KIDD angezweifelt.3 Darin wird unter anderem dargelegt, dass die als Beweis für die Existenz und Behandlungswürdigkeit des KISS-Syndroms angeführte „Fehlhaltung“, welche sich bei einem Drittel aller Säuglinge zeigte, bei allen Kindern nach dem 18. Lebensmonat (wenn die allermeisten laufen können) deutlich besserte – ohne Therapie. Bis heute konnten KISS/KIDD nicht nachgewiesen werden, geschweige denn ein Zusammenhang zwischen KISS/KIDD und Entwicklungsstörungen. Wenn Eltern ihrem Kinderarzt besorgt berichten, dass ihr Kind viel schreie, hören sie oft, es gebe eben Kinder die viel schreien, das sei normal und würde bald aufhören. In dieser Situation fühlen sich viele Eltern mit ihren Sorgen nicht ernst genommen (immerhin muss der Kinderarzt nicht alle 30 Minuten in der Nacht aufstehen um ein schreiendes Kind zu beruhigen). Einige von ihnen landen irgendwann bei einem Experten und der hat die Diagnose: KISS-Syndrom, ganz klar! Eine Blockade im Halswirbel kann man röntgen und behandeln, chiropraktisch oder craniosacral, kommt ganz darauf an. Bisher habe ich noch niemanden getroffen, der sich gewundert hätte, dass ein Kind trotz behandeltem KISS-Syndrom Symptome einer ASS zeigt. Die Eltern haben je- doch eine unmittelbare Erklärung für das Schreien ihres Kindes, mag es auch eine falsche sein; eine Behandlung, sei sie auch unplausibel, und vor allem einen verständnisvollen Therapeuten. Den Rest erledigen Placebo-Effekte, die Regression zur Mitte und die normale Entwicklung des Kindes.

CEASE

Mit CEASE hat uns der Homöopath und Arzt Tinus Smits die in ihrer komplexen Schlichtheit eleganteste Pseudotherapie für Autismus entwickelt. CEASE steht für „Complete Elimination of Autism Spectrum Effects“ ein ziemlich mutiger Name, denn hier wird Heilung versprochen, wo es keine gibt. Smits gibt in seinem Buch „Beyond Autism“ an, er habe bereits mehr als 300 Fälle von Autismus geheilt. Und das, obwohl er hohe Maßstäbe an sich setzt. In „Autism Beyond Despair“ (Smits 2010) erwähnt er an vielen Stellen, die Heilung eines Kindes sei ihm noch nicht vollständig gelungen, und er beschreibt, wie er auch noch die letzte Verhaltensauffälligkeit wegtherapiert.

Im Falle von CEASE dient Homöopathie nicht nur der Therapie, sondern auch der Diagnostik. Nach einer Anamnese von beliebigem Umfang beginnt Smits mit der „Entgiftung“ der von ihm für den größten Schaden verantwortlich gemachten Noxe (Schadstoff im weiteren Sinn).

Der Schaden besteht, wenig überraschend, in blockierter Energie. Smits hält ASS für das Resultat von Energieblockaden, welche auch aus einem Mangel an Inkarnation (!) resultieren können. Meist sind eine oder mehrere Impfungen verantwortlich, der Impfstoff wird homöopathisch potenziert und in steigender Potenz verabreicht. Dieses Verfahren nennt sich Isopathie, weil als Heilmittel der „Schadstoff“ selbst genommen wird. Stellt sich nach Wochen oder Monaten keine Besserung ein, war die potenzierte Noxe nicht der Auslöser, und der Therapeut nimmt sich der nächsten möglicherweise verantwortlichen Noxe an. Da es auch Fälle von ungeimpften Kindern gibt, geht Smits davon aus, dass Autismus durch mehrere Faktoren hervorgerufen wird. Stellt sich keine Besserung ein, war diese Noxe nicht der Auslöser und es wird das nächste Mittel probiert. An dieser Stelle spielen dem Therapeuten zwei Dinge in die Hand: Zum einen die Zeit. Viele Eltern gehen Monate und Jahre von Anlaufstelle zu Anlaufstelle, bevor die Diagnose gestellt wird. Je später man beim CEASE-Therapeuten landet, desto höher die Chance einer Besserung in der Zeit der Therapie. Kommt es nicht gleich zur Besserung, bleiben viele Noxen übrig, an denen man jahrelang herumprobieren kann. Smits hat mit dieser Methode u.a. folgende Stoffe ausgemacht, die Autismus (mit-)verursachen können:

  • Impfstoffe,
  • Antibiotika in der Schwangerschaft (eigentlich jedes Medikament in der Schwangerschaft),
  • Narkosemittel unter der Geburt,
  • Lokalanästhesie,
  • Nasentropfen,
  • Milch (in Plastikflaschen in der Mikrowelle erwärmt).

Wie mögen Eltern sich fühlen, wenn ihnen im Rahmen von CEASE eröffnet wird, durch welche Dinge sie ihrem Kind geschadet haben sollen?

Sollten nach der Isotherapie noch Symptome bleiben, die der CEASE-Therapeut für behandlungswürdig hält, geht er zur „Inspirational Homeopathy“ über. Auch diese Methode ist eine Erfindung von Smits. Der Mensch wird dabei gesehen wie eine Zwiebel, mit einzelnen Symptom-Schichten, die von bestimmten Homöopathika abgetragen werden, bis man an den Kern gelangt.Die Reihenfolge ist immer gleich. Nur die äußerste Symptomschicht ist der klassischen Homöopathie nach Hahnemann mit ihrer individuellen Mittelwahl zugänglich. Während der gesamten Therapie werden Vitamine und andere Substanzen der orthomolekularen Medizin, sogenannte Vitalstoffe (Vitamine, Mineralien und Omega-Fettsäuren), in recht hoher Dosierung angewendet, um die Heilung und Detoxifikation zu unterstützen. Kernthese der orthomolekularen Medizin ist die Schädlichkeit freier Radikaler, welche durch Radikalfänger (Antioxidantien) neutralisiert werden. Mittlerweile ist die Sicht auf freie Radikale jedoch deutlich differenzierter, als Vertreter der Methode es darstellen.4

Es gäbe durchaus einen Mechanismus, über den die CEASE-Therapie einen positiven Effekt für die Kinder haben könnte. Durch die regelmäßige Einnahme von verschiedenen Mittelchen könnten die Familien den Tagesablauf gut strukturieren. Menschen mit Autismus werden durch regelmäßig und verlässlich geschehende Dinge in einem Maße beruhigt, wie es für neurotypische Menschen schwer vorstellbar ist; jede Form von Ritual ist besser als Unsicherheit. Deshalb könnte allein schon die Tagesstruktur zu einer Besserung führen.

Smits arbeitet mit Potenzen weit jenseits von C30. Auch C1000 wird regelmäßig eingesetzt, eines seiner liebsten Mittel war seine eigene Idee: Saccharum officinale. Das ist nichts anderes als Haushaltszucker (Saccharose), der Grundstoff, aus dem heute die meisten Globuli hergestellt werden.

Antibiotika gegen Autismus

Die mögliche Verbindung zwischen Autismus und dem kindlichen Verdauungstrakt wurde Ende der 90er von Andrew Wake- field einem breiten Publikum vermittelt. Bekanntheit erlangte Wakefield mit der Behauptung, die Masern-Mumps-Röteln- Impfung sei für viele Fälle von ASS verantwortlich. Diese Aussage stützte er auf einer Studie, in der er bei mehreren Kindern mit ASS während einer Darmspiegelung Proben aus dem Darm entnommen und dort entzündete Lymphknoten gefunden hatte.5 Oder dies zumindest behauptet, denn in einem Gerichtsprozess in den USA sagte ein ehemaliger Labormitarbeiter Wakefields aus, er habe bei allen untersuchten Proben keine Auffälligkeiten gesehen und dieses Wakefield auch mitgeteilt.

Nicht nur aus diesem Grund ist Wakefields Reputation erheblich angekratzt. So erhielt er 800000 $ vom Anwalt einer Elterngruppe, die versuchte, die ASS ihrer Kinder als Impfschaden anerkennen zu lassen. Das Geld stammte aus Prozesskostenhilfe. Ferner verschwieg Wakefield bei der Veröffentlichung seiner Ergebnisse, dass er ein Patent für einen Maserneinzelimpfstoff besaß. Als diese und andere Fakten ans Tageslicht kamen, distanzierten sich die Mitautoren des Papers von der Publikation. Das Paper wurde zurückgezogen und Wakefield verlor seine Zulassung als Arzt. In der Gemeinde der Impfgegner gilt er bis heute als Held. Doch die Idee, der Darm könnte etwas mit ASS zu tun haben, wurde auch von anderer Seite verfolgt. Nachdem einem Kleinkind mit ASS im Rahmen einer Untersuchung der Bauchspeicheldrüsenfunktion das Hormon Sekretin gespritzt worden war, bemerkte die Mutter, dass sich die Symptome des Autismus verbesserten. Die Mutter und der Arzt waren von einem Zusammenhang zwischen Sekretin und Besserung überzeugt, und machten dies öffentlich. Ärzte begannen die Behandlung durchzuführen, und die Nachricht, Sekretin könne Autismus heilen, verbreitete Hoffnung in der Welt. Doch als die vermeintliche Heilung systematisch untersucht wurde, blieb nichts von der Behauptung übrig.6 Dennoch wollten viele Eltern, die an der Studie teilgenommen hatten, die Behandlung weiter durchführen, weil sie vom Effekt überzeugt waren (Offit 2008). Und es dauerte Jahre, bis die Therapie wieder weitestgehend verschwand.

Ähnlich war es bei den casein- und glutenfreien Diäten, die auch heute noch eine gewisse Rolle spielen. Hier gab es auch einen postulierten Mechanismus. Substanzen aus dem Darm sollten über die, durch Gluten und Casein geschädigte, Darmwand in das Blut und von dort ins Hirn gelangen, wo sie einen Beitrag zum Autismus leisten. Auch hier gibt es nur eine geringe Plausibilität und wenige Hinweise auf einen Zusammenhang.7 Ähnlich wie bei der umfassenden Behandlung im Rahmen des CEASE-Programms könnte eine strenge Diät und die damit verbundene bessere Strukturierung im Tagesablauf für die Verbesserung gesorgt haben.

Einen weiteren Schub für die Hypothese der „Darm-Hirn-Achse“ brachte eine Pilotstudie von 2001, bei der Veränderungen der Symptomatik durch das Antibiotikum Vancomycin bei elf Kindern mit ASS untersucht wurden (Sandler et al. 2000). Vancomycin hat den Vorteil, dass es nicht vom Darm resorbiert wird und seine Wirkung nur dort zeigt. Allerdings gehört es zu den wenigen Antibiotika, welche gegen Multiresistente Staphylokokken (MRSA) eingesetzt werden können, harmlos ist es nicht. Um zu verstehen, wie man auf die Idee kommt, ein Reserve-Antibiotikum an Kinder ohne Zeichen für eine entsprechende Infektion zu verabreichen, muss man einen Schritt zurückgehen.

Mit der Aufnahme von Autismus ins Klassifikationssystem DSM-III im Jahr 1984 wurde über dessen Ursachen spekuliert. Dabei wurde immer wieder der Einfluss des Immunsystems diskutiert. Einige betroffene Eltern glaubten, ihre Kinder hätten aufgrund ihres „schwachen“ Immunsystems häufiger Mittelohrentzündungen als Kinder ohne ASS. Mittelohrentzündungen wurden oft mit Antibiotika behandelt, dadurch soll die Darmflora geschädigt worden sein. Solch eine Schädigung ist durchaus vorstellbar, doch die darauf aufbauenden Behauptungen verlieren sich in bloßer Spekulation.

So sollen sich aufgrund der Schädigung dauerhaft „schlechte“ Bakterien den Darm angesiedelt haben. Speziell der Keim Clostridium difficile wurde verdächtigt, mittellange Fettsäuren, insbesondere „Propionsäure“, zu produzieren, die über das Blut ins Hirn gelangen und dort für Veränderungen sorgen sollten, die den Autismus auslösten. Diese Argumentationskette hat so viele schwache Glieder, dass sie ihr eigenes Gewicht nicht hält. Weder leiden Kinder mit Autismus häufiger unter Mittelohrentzündungen, noch verändern Antibiotika die Darmflora dauerhaft.

Die Clostridien produzieren keineswegs solche Mengen Propionsäure, dass die Konzentration relevant hoch wird, und der Stoff durchdringt auch nicht die Blut-Hirn-Schranke. Natürlich kann keine Rede davon sein, all dies würde Autismussymptome hervorrufen. In der Pilotstudie fanden die Autoren signifikante Verbesserungen in der Symptomatik der behandelten Kinder. Doch es gab weder eine Kontrollgruppe noch eine Verblindung der Behandler oder der Eltern. Die Eltern waren selektiert, weil sie von vornherein der Ansicht waren, ihre Kinder hätten eine „zerstörte“ Darmflora. Die verblindete Bewertung des Verhaltens der Kinder durch einen Kinderpsychiater anhand von 30 Minuten Videomaterial vor und während der Behandlung spielt in dem Paper kaum eine Rolle. Es wird nur erwähnt, dass hier ein weniger deutlicher Effekt zu sehen gewesen sei (Sandler et al. 2000).

In einem Konsensuspapier wurde 2010 dargelegt, dass es keine Hinweise für eine kausale Beteiligung des Darms an der Entstehung von ASS gibt und dass die bisher vorgelegten Ergebnisse bei weitem nicht ausreichen, um darauf eine Therapie zu basieren.8 Der Nobelpreisträger für Medizin von 2008 Luc Montagnier hat es dennoch getan. Er hat eine Methode zum Nachweis von abgelaufenen Infektionen entwickelt, die an Sensitivität alles in den Schatten stellt, was man heute in Labors findet. Wenn die Methode replizierbar wird, können dem Nobelpreis in Medizin einer in Physik folgen.

Wahrscheinlicher ist, dass Montagnier unter der „Nobel Disease“9 leidet, einem Phänomen, dem auch die Reputation von Linus Pauling zum Opfer gefallen ist. Montagnier behauptete in einem Paper 2009 die „elektromagnetischen Schwingungen“ von Bakterien-DNA noch nachweisen zu können, wenn diese soweit verdünnt war, dass in der Lösung kein Molekül mehr vorhanden sein dürfte. Das klingt irgendwie vertraut. Daher dürfte es nicht verwundern, dass das Gerät, welches zum „Messen“ der Schwingungen genutzt wurde, ursprünglich dazu diente, die Informationen homöopathischer Mittelchen zu digitalisieren und per E-Mail zu verschicken.10 Montagnier nutzt seine diagnostische Methode, um bei Kindern mit ASS Hinweise auf abgelaufene bakterielle Infektionen zu finden und sie langfristig (über Wochen bis Monate) mit Antibiotika zu behandeln. In einem Interview im Rahmen einer ARTE-Sendung zu dem Thema gibt er an, mit dieser Methode gute Ergebnisse zu erzielen.11 Als Alternative würde ich die zwar wirkungslose, aber zumindest ungefährliche psychoanalytische Therapie des Autismus vorziehen, die in Frankreich immer noch einen gewissen Stellenwert haben soll.

Schluss

Für die Behandlung von Menschen mit Autismus benötigt man eine der knappsten Ressourcen im heutigen Gesundheitssystem: Zeit. Zeitmangel und gehetztes Personal werden als häufigste Gründe angegeben, warum pseudomedizinische Methoden in anderen Bereichen so beliebt sind. Beim Thema Autismus greift dieses Argument in der Regel nicht. Eltern wollen alles unternehmen, was ihrem Kind nutzen könnte. Und wenn es Anbieter für Therapien gibt, die einen Nutzen versprechen, werden diese angenommen. Das ist nicht nur das Recht der Eltern, es ist, in gewissem Maße, ihre Pflicht. In unserer Welt kann ein Einzelner nicht mehr alles wissen und vollständig verstehen, sondern ist auf Informationen anderer angewiesen. So vertrauen Anwender, in diesem Fall die Eltern von Kindern mit Autismus, auf das Wissen, die Ausbildung und die Erfahrung von Anbietern. Diese glauben in der Regel an ihre Methoden und sind auch durch widersprechende Fakten nicht davon abzubringen sind. Dennoch sind sie es, die in den Fokus der Kritik gehören.

Den Anwendern sollten wir, als Skeptiker und Skeptikerinnen, im Rahmen unserer Möglichkeiten zur Seite stehen. Dazu gehört, kritisch über die Methoden der Anbieter zu berichten ohne die Anwender zu ver- und ihre Entscheidung zu beurteilen. Denn wenn wir die Realität der Betroffenen, ihre Wünsche und Bedürfnisse ignorieren, wird aus einem offenen ein autistischer Skeptizismus.

Craniosacrale-Therapie
Vorwissenschaftliche Methode der Osteopathie. Schädelnähte erinnerten den Osteopathen Sutherland Anfang des 20. Jahrhunderts an Fischkie- men und er postulierte, sie dienten der Atmung. Dieses als „craniosacraler Rhythmus“ bezeichnete Phänomen wollen Therapeuten anhand von Bewegungen der Schädelknochen gegeneinander spüren. Diese sind möglich, jedoch so gering, dass menschliche Sinneszellen sie nicht „auflösen“ können. Bei einem Test 1994 waren die von Therapeuten getroffenen Aussagen nicht replizierbar, nicht einmal vom selben Therapeuten, beim selben Patienten.

Gestützte Kommunikation
Auch Faciliated Communication (FC) genannt. Ein Stützer versucht Impulse des Gestützten zu interpretieren und die vom Gestützten intendierte Bewegung auszuführen. Grundgedanke ist die höchstspekulative Annahme, dass die gestützte Person ihre Äußerungen zwar denken, aber nicht ausführen kann. In systematischen Untersuchungen konnte bisher nur gezeigt werden, dass die gemachten Äußerungen von Stützer stammten (Offit 2008). In Deutschland bietet das „FC-Netz“ Ausbildungen in FC an und erhebt wissenschaftlichen Anspruch.

Literatur

  • Fein et al. (2013): Optimal outcome in individuals with a history of autism. Journal of child psychology and psychiatry. 54, 2 195–205.
  • Freitag, C. M (2012): Autistische Störungen – State-of- the-Art und neuere Entwicklungen. In. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und –psychotherapie, 40, 3/2012, S. 139–149.
  • Hülse, M. (2005): Die obere Halswirbelsäule: Pathophysiologie und Klinik. Springer, Heidelberg.
  • King, M. et al. (2009): Diagnostic change and the increased prevalence of autism. Int J Epidemiol. 2009 October; 38(5): 1224–1234.
  • Offit, P. (2008): Autism’s False Prophets: Bad Science, Risky Medicine, and the Search for a Cure. Columbia University Press, New York City.
  • Sandler, R. H. et al. (2000): Short-term Benefit From Oral Vancomycin Treatment of Regressive-Onset Autism. J Child Neurol July 2000, vol. 15, 7, 429–435.
  • Smits, T. (2010): Autism Beyond Despair. Hoemopathy Has the Answers. Emryss Publishers, Haarlem.

Quellen:

  1. http://www.neuropaediatrie.com/uploads/ media/Kiss_und_Arlen_neu._01.pdf, Zugriff am 29.07.2013
  2. http://kiss-therapie.de/kiss.php, Zugriff am 28.07.2013.
  3. http://www.neuropaediatrie.com/uploads/ media/Kiss_und_Arlen_neu._01.pdf, Zugriff am 29.07.2013.
  4. http://www.arznei-telegramm.de/html/sonder/1301015_02.html, Zugriff am 28.07.2013.
  5. http://briandeer.com/wakefield-deer.htm, Zugriff am 29.07.2013.
  6. http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD003495.pub3/abstract, Zugriff am 29.07.2013.
  7. http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD003498.pub3/abstract, Zugriff am 29.07.2013.
  8. Evaluation, Diagnosis, and Treatment of Gastrointestinal Disorders in Individuals With ASDS: A Consensus Report. http://pediatrics. aappublications.org/content/125/Supplement_1/S1.short, Zugriff am 29.07.2013.
  9. http://rationalwiki.org/wiki/Nobel_disease, Zugriff am 29.07.2013.
  10. http://www.quackometer.net/blog/2009/10/ why-i-am-nominating-luc-montagnier-for. html, Zugriff am 28.07.2013.
  11. Siehe dazu auch Luc Montangiers Vortrag „The Microbial Track“, http://www.autismone.org/content/microbial-trac, Zugriff am 15.08.2013.

Jubel der Globulisten

Der GWUP-Blog berichtet über die Umfrage, die im Ärzteblatt veröffentlich wurde, wonach „Homöopathie immer beliebter“ werde. Wen die Zahlen interessieren, folge dem Link, wirklich wichtig sind sie nicht. Wissenschaftliche Belege liefert man nicht mit einem Beliebtheitswettbewerb. Das Ärzteblatt verlinkt lustigerweise zu einem Artikel aus dem Juni, mit der Überschrift:

Homöopathie: Patienten schätzen ärztliche Zuwendung mehr als Globuli

Das ist eine Aussage, die ebenfalls aus einer Umfrage stammt, sich jedoch auch durch die Daten einer Studie belegen lässt. Der Titel lautet

„Homeopathy has clinical benefits in rheumatoid arthritis patients that are attributable to the consultation process but not the homeopathic remedy“

Homöopathie hat klinische Vorteile für Patienten mit rheumatoider Arthritis, die dem Gespräch, jedoch nicht der homöopathischen Arznei zuzuordnen sind.

Nachdem es den Homöopathen nicht gelingt, ihre Magie in Studien zu verifizieren, scheint eines unvermeidbar:

„Homöopathieumfragen immer beliebter“

Weiterlesen:

Ärztezeitung präsentiert Quatschmedizin

Spagyrik – Das flüssige Horoskop

Der Heilpraktiker und die Depression

Jeder Mensch in Deutschland hat ca. 4,5 Depressionen. Diese alarmierende Aussage folgt aus dem aufrüttelnden Text eines Heilpraktikers. Immerhin „350 Millionen Deutsche“ (Nicht-Deutschen scheint es besser zu gehen) litten an einer Depression. Potzblitz! Bei einer Einwohnerzahl von ca. 80 Millionen ist das eine enorme Belastung für die Einzelnen. Vielleicht müssen es Heilpraktiker mit Zahlen nicht so genau nehmen. Solange es mit den 10er und 100er-Potenzen klappt, ist alles in Ordnung.

350 Mio Depression

Nachdem die erste Aussage also unser Interesse geweckt und das Vertrauen gestärkt hat, schauen wir mal nach, wie es mit der, dem Autoren wichtigen Aussage aussieht: „Akupunktur sehr hilfreich Depression“. Die Cochrane Collaboration befand 2010:

We found insufficient evidence to recommend the use of acupuncture for people with depression. The results are limited by the high risk of bias in the majority of trials meeting inclusion criteria.
Wir fanden unzureichende Belege um Akupunktur für Menschen mit Depression empfehlen zu können. Die Ergebnisse sind durch das hohe Risiko von Bias in der Mehrheit der eingeschlossenen Studien eingeschränkt.
Bei Akupunktur ist es wie bei anderen Verfahren auf Placebo-Niveau: Je besser die Studie, desto kleiner der Effekt. Wobei der Effekt sich natürlich summiert, bei 350 Millionen Deutschen. Wirklich wirksam, also in der Welt mit einem ca.80 Mio Einwohner zählenden  Deutschland, sind bei Depression übrigens Psychotherapie und Pharmakotherapie. Je nach Art und Ausprägung der „Depression“ kommen noch andere Verfahren dazu (u.a. Lichttherapie, körperliche Aktivität, Schlafentzugstherapie).
Akupunktur, Traditionelle chinesische Medizin, Diäten oder Zungendiagnostik kommen in der AWMF-Leitlinie zum Thema merkwürdigerweise nicht vor. Wahrscheinlich, weil sie in der Wirklichkeit nicht funktionieren. Aber in Wirklichkeit gibt es ja auch nur 80 Millionen „Deutsche“. Dann bleiben für den engagierten Heilpraktiker 270 Millionen Kunden übrig, für die er sich „mit dem Herzen“ „Zeit nehmen kann“ .
[Edit: 29.10.2014 21:46: Der Text ist mittlerweile angepasst und es ist von 350 Millionen Menschen weltweit die Rede.]

Globuli gegen Krebs?

Natürlich würden vernünftig arbeitende ÄrztInnen Homöopathie niemals gegen Krebs einsetzen. Ich würde ja sagen, sie würden Homöopathie gegen Nichts einsetzen aber das ist ein anderes Thema. Und wie wäre es mit ein paar Globuli gegen ein Virus, dass das Krebsrisiko deutlich erhöht? So wie das Humane Papilloma Virus (HPV) zum Beispiel? Eine Infektion damit erhöht das Risiko für Gebärmutterhalskrebs. Dazu sagt die Autorin einer Seite, die sich „Homöopathie Online – honatur“ nennt:

“Generell gibt es bisher noch keine wirksame Therapie gegen den Papillomavirus. Das betrifft sämtliche mögliche Behandlungsmethoden. Allerdings gibt es verschiedene Möglichkeiten von der Allopathie bis zur Naturmedizin und der Homöopathie, welche die negativen Auswirkungen dieser Infektion lindern können”

Interessant. Unser Virologie-Professor sagte uns, wir sollten niemals dem fachlichen Urteil von Menschen trauen, die „der Virus“ sagen. Zumindest wenn es um biologische Viren geht. Suche ich nach der Autorin Clara Garcia werde ich denn auch nicht enttäuscht. Sie scheint einzig auf Honatur zu veröffentlichen. Sie schreibt im weiteren Text wenig qualifiziert über HP-Viren und schwärmt von diversen Methoden, die den Infektionsverlauf positiv beeinflussen sollen.

Nur über die einzige Methode, mit der man eine Infektion mit (Hochrisikotypen von) HPV verhindern kann, nennt sie nicht. Die Impfung. Dabei verlinkt sie sogar auf eine Seite, die ausführlich Studien zitiert, welche die Sicherheit und Wirksamkeit der Impfung belegen.

Die Impfung verschweigt sie, nennt dafür jedoch den Shiitake-Pilz als möglichen Heilsbringer. Zu dem und seinen Inhaltsstoffen gibt es zwar ein paar Studien, belastbare Ergebnisse gibt es jedoch noch nicht. Dafür gibt es aber Produkte! Pulver, Pillen und die ganze Frucht. Und der Pilz hilft eigentlich gegen alles. Vor dem Shiitake-Pilz hat das Bundesamt für Risikobewertung empfindlich gewarnt. In Einzelfällen (genaueres ließ sich nicht sagen) kommt es zu allergischen Hautreaktionen nach dem Verzehr. Das ist bei Nahrungsmitteln natürlich weder ungewöhnlich, noch an sich skandalös. Auf der Seite wird das jedoch mit keinem Wort erwähnt.

Dass auf einer anderen, von der Autorin verlinkten, Seite die HPV-Impfung skandalisiert wird, muss ich sicher nicht erwähnen? Falls sich jemand darüber aufregen sollte, dass solche Halbwahrheiten und Falschinformationen verbreitet werden, gibt es dazu jedoch keinen Grund! Denn auf der Seite findet sich dieser (Pflicht-)Hinweis.

„Die Informationen dürfen auf keinen Fall als Ersatz für professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte angesehen werden. Der Inhalt von honatur.com kann und darf nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.“

Na, dann ist ja gut. Fehlt nur noch der Satz:

„Die Kompetenz unserer Autoren darf in keinem Falle als gegeben angenommen werden! Dies ist eine reine Werbeplattform.“

Das nennt man „conflict of interest“.

 

[Übrigens, schon für eine bessere Medizin unterschrieben?]

Kindesmisshandlung: Tipps für Profis

[In diesem Beitrag geht es um Kinder, Gewalt und Pseudomedizin, eine Mischung die bei mir Zynismus hervorruft. Das schlägt sich im Text nieder. Wer das nicht verträgt, hört besser hier auf zu lesen.]

Über den KinderDoc bin ich auf eine Seite gestoßen, die Bachblüten gegen Kindesmisshandlung anbietet. Das hört sich doch nach einer guten Sache an. Wer kann denn dagegen sein, dass weniger Kinder misshandelt werden? Auf der Seite heißt es, die Bachblütenmischung helfe…

  • Die traumatische Erfahrung zu verkraften
  • Das Selbstvertrauen wiederherzustellen
  • Ein positiveres Selbstbild zu schaffen
  • Ängste zu verringern
  • Wieder Lebensmut zu bekommen
  • Gemütsruhe zu bringen
  • Sich wieder trauen, Kontakte mit anderen zu knüpfen

Klar, wer Kinder misshandelt, hat sicher selbst einige Probleme und da ist es gut, wenn Bachblüten helfen die zu lösen. Da wird die Ursache der Kindesmisshandlung bekämpft. Etwas weiter unten heißt es allerdings zu den Details:

Bachblüten heilen emotionale Wunden durch Kindesmisshandlung

…die Mischung ist also für die Kinder? Das ergibt nun wirklich keinen Sinn. Kinder werden in der Mehrheit der Fälle von den Eltern oder anderen ihnen nahestehenden Personen misshandelt. Wieso sollten dieser Personen für ihr Kind Bachblüten bestellen? Erstens werden die wenigsten vor sich zugeben, dass sie ihr Kind misshandeln, sowas passt einfach schlecht in das Selbstbild der meisten Menschen. Und zweitens können diejenigen, die es vor sich zugegeben etwas anderes tun, um dem Kind zu helfen: aufhören. Und wer es vor sich zugibt aber kein Problem damit hat, wird sich bestimmt nicht mit Bachblütenmischungen aufhalten. Insofern sehe ich einfach auch keinen Markt für das Zeug. Vielleicht sollte man es einfach anders bewerben:

„Am Wochenende ist Ihnen wieder wiederholt die Hand ausgerutscht? Sie konnten die Gürtel wieder nicht im Schrank lassen? Montag waren zwar die Striemen weg aber das Balg hat wieder in der Schule nicht gesprochen? In seiner Undankbarkeit schaute es traurig in die Welt, so dass der Lehrer anrief und lästige Fragen stellte, weil er sich Sorgen machte?

Das muss nicht sein!

Unserer Bachblütenmischung gegen Kindesmissbrauch verschafft Ihnen ein neues Kind, widerstandsfähig, duldsam und voller Lebensmut. Egal was am Wochenende passiert ist, am Montag steht ein lächelndes Kind in der Schule, dass seine traumatischen Erfahrungen verkraftet hat und mit seinem positiven Selbstbild lästige Nachfragen der Lehrer verhindert.

Doch das ist noch nicht alles!

Durch die neu gewonnene Gemütsruhe verkürzt sich die Zeit, die das Kind nach Erziehungsmaßnahmen mit heulen und wimmern verbringt auf ein Minimum. Endlich wieder in Ruhe fernsehen!

Bestellen sie noch heute!“

Vielleicht sollte ich doch ins Marketing gehen.

Auch die Ruhrbarone haben das Thema aufgegriffen.

[Update 25.11.13 22:58: Der Anbieter hat das Angebot mittlerweile von seiner Seite entfernt]

Spagyrik – Das flüssige Horoskop

Viele Leute werden sicher nicht reich mit Spagyrik. Bei diesem vorwissenschaftlichen Verfahren handelt es sich wohl eher um ein Randphänomen der pseudomedizinischen Szene. Ein Grund mehr, ordentlich die Werbetrommel zu rühren und etwas für den Umsatz zu tun. Auch HeilerInnen leben nicht von Prana allein. Und so werden  die arglosen Leser zwischen Artikeln zu Pionieren der Onkologie und  zum Pflegenotstand von einem Promotionblabla über Quatschmedizin kalt erwischt.

Spagyrik wird da in eine Reihe gestellt mit Pflanzenheilkunde, obwohl nach dem komplizierten (und sinnlosen) Verarbeitungsprozess soviel von der Pflanze übrig bleibt wie von Weidenrinde nach einem Osterfeuer. Nicht erwähnt wird hingegen die Alchemie, in der die Spagyrik ihre Wurzeln hat. Vielleicht fürchtet man sonst, es mangele der Methode an Seriosität.

Die Aussage im Text geht gegen Null. Wir erfahren: Es gibt Spagyrik, Spagyrik ist alt und ganz toll, nicht giftig, prophylaktisch einsetzbar und bei chronischen Krankheiten, man kann es kaufen (bei PHYLAK Sachsen z.B.) und Frau genannte Spezialistin kennt sich damit so gut aus, dass sie Menschen das Zeug verschreibt. Evidenz? Wer braucht Evidenz, „alt“ haben wird doch schon gesagt.

Wer mehr erfahren will, kann ja ein Seminar des Herstellers besuchen:

Grundlagen der Astromedizin als Basis der Spagyrik nach Dr. Zimpel

Moment! Astromedizin?

Was ist Spagyrik? – Verschiedene Herstellungsverfahren und das Besondere beim Zimpelschen Herstellungsverfahren – Einführung in die Astromedizin anhand der Elemente im Jahreskreis – Die einzelnen Elemente und ihre Zuordnung an die Körpersysteme

  • Feuer: Stoffwechsel
  • Erde: Immunsystem
  • Luft: Sinnes- und Nervensysteme
  • Wasser: Endokrinologie
  • Aether: Salutogenese und Spagyrik

zu jedem Element werden die wichtigsten Organe, ihre Besonderheiten und die spagyrischen Mittel erklärt. Das Weltbild der Alchemie:

  • 5 Elemente: Feuer, Erde, Luft, Wasser, Äther –
  • 3 Ursubstanzen: Sulfur, Merkur, Sal –
  • 3 Lebensprinzipien: Geist, Seele, Materie –

Die Elemente im Jahreskreis:

  • -Feuer: Widder, Löwe, Schütze
  • – Erde: Stier, Jungfrau, Steinbock
  • – Wasser: Krebs, Skorpion, Fische, Luft: Wassermann, Zwilling, Waage –

Die Planetenkräfte im Jahresrad: Mond, Sonne, Merkur, Venus, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus, Neptun, Pluto, Isis.

Der Mensch als Spiegel des Kosmos: – Astromedizinische Grundlagen: Wie oben so unten

Krankheit, Gesundheit, Heilung in der Alchemie und der Astromedizin mit praktischen Beispielen

Spagyrik bedeutet also, nach dem Besuch beim Astrologen gleich einen Schnaps zu trinken.

Na dann Prost, aber muss man in einer Veröffentlichung, die sich „Top Gesundheitsforum“ nennt, wirklich dem Alkoholkonsum das Wort reden?

Weiterlesen?

Vergebliche Suche nach dem „Universalmittel“

Spagyrik