Therapie durch Gewalt

Donald Trump liebt den Präsidenten der Philippinen, Rodrigo Duterte. Und PEGIDA liebt Donald Trump. Putin liebt sie alle und sich selbst. Die starken Männer von Heute sind begeistert voneinander. Bis sie sich in die Quere kommen, dann ist das Geheule wieder groß. Starke Männer machen alles mit Druck. Sie nutzen Durchsetzungskraft, Erziehung durch Härte, Verbote, Strafen. Alles was sie wollen, erwarten sie zu erhalten, wenn sie nur genug Gewalt anwenden. Verbale Gewalt, physische Gewalt, institutionelle Gewalt oder wirtschaftliche Gewalt. Hauptsache stark.

Irgendwann, als ich auf dem Theaterplatz in Dresden angerührt den exklusiven „Wir sin’ das Volk“-Rufen lauschte, habe ich mich gefragt was wohl passieren würde, wenn die AfD und PEGIDA die Macht erhalten würden, die sie anstreben. Zum Beispiel mit mir? Ich denke, in einem Staat der nach den Vorstellungen der neurechten Bewegungen organisiert wäre, gäbe es keinen Platz für Psychotherapie. Psychotherapie ist nichts für die starken Männer. Psychotherapie, beziehungsweise eine Veränderung in der Psychotherapie, kann man nicht herbeidrücken. Manchmal erreichen Menschen nicht einmal die gewünschte Veränderung, wenn sie wollen wollen. Schlimmer wäre für sie jedoch der Gedanke, dass in der Psychotherapie Dinge gesagt würden, von denen sie, die starken Männer, nichts wüssten.

Daran musste ich denken, als ich von den Philippinen las, wo Menschen mit einer Suchterkrankung die Wahl haben, eine Therapie zu machen oder umgebracht zu werden. Das, so würden die starken Männer meinen, sind hervorragende Voraussetzungen für eine erfolgreiche Therapie! Jemand, dem der Tod droht, wird sehr motiviert sein, mitzumachen, würden sie denken. Gewaltiger Druck für eine gewaltige Heilung. Dabei geht es bei einer Psychotherapie nicht nur darum, „mitzumachen“. Es geht darum, mitmachen zu wollen, um mitmachen zu können. Es geht darum, etwas Neues über sich zu lernen, sich zu verstehen, sich neu zu sehen, anders mit sich umzugehen. Dafür muss man sich mit sich beschäftigen mit sich und seinen oder ihren Emotionen.

Die Erwartung bei Nichterfolg unter Umständen sterben zu müssen, dürfte Angst hervorrufen. Wenn man Angst hat, ist es schwer, sich auf eine Therapie einzulassen. Angst ist ein dominantes Gefühl, mit der Tendenz, den Rest des emotionalen Erlebens in den Schatten zu stellen oder in ihrem Licht anzustrahlen. Wenn im außen der Tod droht, wird das Innen zur Nebensache. Das verstehen natürlich die starken Männer nicht, weil die denken man braucht nur genug Druck.

“Morde sind nicht die Lösung”, sagt Sikini Labastilla. Auf Facebook schreibt er: “Ich verstehe langsam, dass in jedem Süchtigen ein Schmerz festsitzt.” Beide Sätze klingen selbstverständlich. Auf den Philippinen sind sie in diesen Tagen revolutionär.

Was auf den Philippinen passiert, ist eine Erinnerung daran, wie dünn der Stoff ist, den wir Zivilisation nennen. Der Stoff, der uns von der Barbarei trennt, die die starken Männer so lieben, weil sie von der eigenen inneren Ödnis ablenkt.

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Vitamine: Krebs oder kein Krebs

Als ich überlegte, ob ich das Thema dieses Textes auswähle, kam mir ein kleiner Geistesblitz. Das, was ich bei Medikamenten als Vorteil sehe – ein isolierter, genau dosierter Wirkstoff – sehe ich bei Vitaminen als Nachteil. Die Begründung, die Menschen für den Vorteil von pflanzlichen Medikamenten vorbringen – die Wirkung profitiere vom komplexen Zusammenspiel der vielen in der Pflanze vorhandenen Substanzen – lehne ich dort ab, nutze sie jedoch bei Nahrungsmitteln selbst. Aber um diesen Widerspruch soll es an dieser Stelle nicht gehen.

Es gibt sehr wenig Belege dafür, dass Vitamine, die zusätzlich zur Nahrung eingenommen werden, einen Vorteil für die Gesundheit haben, solange kein Mangel vorhanden ist. Gleichzeitig ist ein positiver Effekt messbar1, wenn Nahrungsmittel konsumiert werden, in denen die Vitamine vorhanden sind.

Es geht hier um „B-Vitamine“. Mein Einruck ist, dass es schwierig ist, Menschen noch mit profanem Vitamin-C zu begeistern. Es ist auf unzähligen Produkten als Zusatz angeführt und irgendwie überall drin. Das liegt natürlich auch daran, dass Ascorbinsäure (aka Vitamin-C) ein Konservierungsmittel ist, was vielleicht auch zum schwindenden Nimbus als Heilsbringer beitragen könnte. Womit jedoch der Absatz von Nahrungsmitteln noch gefördert werden kann, ist der Hinweis auf „B-Vitamine“ oder einen Zusatz davon. Die werden uns jetzt aber wirklich gesund halten! Und sie werden uns vor Krebs schützen. Darum können wir auch eine Vielzahl von Produkten kaufen, in denen die Vitamine von allen angenehmen Aspekten des Essens befreit wurden: Nahrungsergänzungsmittel.

In einer Studie wurden der Einfluss der Vitamine B6, B12 und Folsäure auf das Krebsrisiko untersucht. Um es kurz zum mache, konnte kein positiver Effekt für die Einnahme von irgendeinem B-Vitamin festgestellt werden2. Das Risiko für Lungenkrebs, darum ging es in der Studie, erhöhte sich bei der Einnahme von Vitamin B6 um 84%, bei Vitamin B12 um das doppelte und bei Folsäure gar nicht, immerhin. Die Ergebnisse haben der Industrie nicht gefallen.

Vertreter der Industrie verloren keine Zeit, zu erwähnen, dass es sich um eine Beobachtungsstudie handele und man davon ausgehe, dass es sich um einen statistischen aber nicht für einen realen Effekt handele. Damit haben sie natürlich Recht. Es war keine randomisierte, doppeltverblindete, placebokontrollierte Studie. Natürlich lebt Wissenschaft davon, das Ergebnisse infrage gestellt werden. Hersteller eines untersuchten Produktes haben jedoch einen Interessenkonflikt und eine wirtschaftliche Motivation, ein Problem, welches bei Medikamentenherstellern allen einleuchtet. Trotzdem wäre es möglich, dass die Hersteller gute Argumente haben.

Sie versuchen es. Als Gegenargument, wird eine Studie aus dem Jahr 2001 angeführt, in der beinahe 400.000 Menschen eingeschlossen waren. Von diesen 400.000 Menschen wurden die knapp 900 herausgesucht die Lungenkrebs hatten. Dann wurden circa 1800 Kontrollperson herausgesucht. Der Vitamin-B6 Spiegel im Blut wurde gemessen. Bei den Menschen die eine Krebsdiagnose hatten, war die Vitamin-B6 Konzentration im Blut geringer. Das bedeutet, in dieser Studie war ein geringerer Blutspiegel von Vitamin B6 mit einer größeren Wahrscheinlichkeit eine Krebsdiagnose assoziiert. Daraus einen kausalen Zusammenhang zu ziehen, ist mindestens mutig. Es könnte auch sein, dass der Vitamin-B6 Spiegel im Blut von Körper herunterreguliert wird, weil der Tumor sonst davon profitieren würde. Oder der Vitamin-B6 Spiegel ist geringer, weil er durch die Behandlung verändert wurde. Allerdings haben die AutorInnen versucht solche Effekte herauszurechnen.

Man kann sich vielleicht einfach darauf einigen, dass es keine starken Belege für und keine starken Belege gegen einen Einfluss von Vitamin B6 auf Lungenkrebs gibt. Das lässt den Schluss zu, dass die Einnahme von Vitamin B6 und anderen Vitaminen zwar den Urin der einnehmenden Person sehr teuer macht, jedoch keinen positiven Einfluss auf die Gesundheit hat. Ein geringes Risiko besteht für negative Einflüsse auf die Gesundheit. Sicher ist, dass die Werbeversprechen der Hersteller vollkommener Unsinn und durch wissenschaftliche Daten so gut wie nicht belegt sind.

  1. Dazu muss einschränkend erwähnt werden, dass Forschung zum Effekt von Nahrungsmitteln auf die Gesundheit ein methodischer Albtraum ist. Es werden fast immer die Angaben der Menschen zu den von ihnen konsumierten Nahrungsmitteln herangezogen. Diese sind sehr, sehr ungenau, so dass man vieles, was wir heute über Essen zu glauben wissen, in Zweifel ziehen kann.
  2. Die Einschränkung ist immer, dass kein Mangel oder die Gefahr eines Mangels bestehen!

Bedürfnisse und Opium

Ärzte sind auch nur Menschen. Das macht eine rationale Medizin so schwierig. Selbst ohne falsche Anreize und ein durchrationalisiertes System (also haben wir doch eine rationale Medizin?) wäre es schwierig, immer möglichst rationale Entscheidungen zu treffen. Das liegt daran, dass Patienten auch nur Menschen sind. Um diese Allgemeinplätze etwas mit Leben zu füllen, schauen wir uns eine Interaktion zwischen ÄrztInnen und PatientInnen einmal genauer an.

PatientInnen gehen zu ÄrztInnen, weil sie Hilfe wollen. Das Ziel von ÄrztInnen ist, ihren PatientInnen zu helfen1. Patienten haben Erwartungen, die sich u. a. aus ihren Bedürfnissen, ihren Erfahrungen und ihrem Wissen bilden2. ÄrztInnen treffen Entscheidungen, die auf Ihren Erfahrungen und ihrem Wissen beruhen. Ihre Bedürfnisse sollten erst einmal eine untergeordnete Rolle spielen3. Ein Patient mit Schmerzen kommt in der Regel mit der Erwartung zur Ärztin, dass diese ihm den Schmerz nimmt. Für ÄrztInnen ist der Schmerz ein Symptom, dass auf eine Gefahr hinweisen kann, die es auszuschließen gilt. Das ist das erste Ziel. Wenn eine unmittelbare Gefahr ausgeschlossen wurde, kommt die angemessene Behandlung. Bei akuten Schmerzen, können das Schmerzmittel sein und Abwarten. Wenn die Schmerzmittel wirken und die Schmerzen nach ein paar Tagen weg sind, sind beide Seiten zufrieden.

Wenn die Schmerzen bleiben, ändert sich das. Die Erwartungen der Patienten bleiben dieselben. Das Wissen der ÄrztInnen ändert sich nicht. Sie wissen, dass die meisten Schmerzen ohne klar erkennbare Ursache wieder verschwinden, auch wenn es unter Umständen länger dauern kann. Sie wissen, dass die Einnahme von Schmerzmitteln über einen längeren Zeitraum problematisch ist, weil die Wirkung nachlässt und die Nebenwirkungen zunehmen. Sie wissen, dass es für viele Schmerzen keine klare Ursache gibt. Sie wissen, dass oft Dinge auf Röntgenbildern eine Veränderung zu sehen ist, diese Veränderung ich jedoch nicht mit den Symptomen zusammenhängen muss. Sie wissen, dass oft das Gegenteil der Fall ist. Trotzdem muss das Röntgenbild, ist es erst einmal gemacht, den Patienten erklärt werden. Wenn das Röntgenbild zu den Symptomen des Patienten zu passen scheint, ist es schwer, ihm oder ihr zu erklären, dass es wahrscheinlich keinen Zusammenhang zwischen dem Bild und den Symptomen gibt gibt.

Wir haben dann einen Patienten der gerne möchte, dass seine Symptome verschwinden, einen Arzt, der den Patienten dabei zwar unterstützen möchte, jedoch weiß, dass er eigentlich nicht viel tun kann, und ein Röntgenbild was auf den ersten Blick die Beschwerden erklärt, es bei näherem hinsehen jedoch nicht tut.

Rational wäre es in einem solchen Fall, den Patienten von der rationalen Behandlung zu überzeugen und herauszufinden, welche er Unterstützung er oder sie in der Zwischenzeit benötigt. Wenn der Patient jedoch durchsetzungsstärker, rhetorisch geschickter oder aus anderen Gründen überzeugender ist als der Arzt, sieht die Sache anders aus. Vielleicht kann er diesen dazu überreden, dass er zum Beispiel ein stärkeres Schmerzmittel bekommt. Das führt zu einer irrationalen Behandlung. Unter Umständen ist der Patient dann zwar zufrieden, bekommt aber eine schlechte Behandlung. Auch das Gefühl von Hilflosigkeit auf Seiten von ÄrztInnen kann dazu führen, dass sie lieber etwas machen, als dass sie nichts machen, selbst wenn nichts zu machen, die rationale Entscheidung wäre.

Es gibt eine Studie zur Patientenzufriedenheit. In dieser Studie konnte ein Zusammenhang zwischen der Patientenzufriedenheit und dem Therapieergebnis sowie der Sterblichkeit. Waren Patienten mit Ihrem Arzt besonders zufrieden, war das Behandlungsergebnis schlechter und die Patienten hatten eine erhöhte Sterblichkeit. Natürlich ist ein Zusammenhang noch kein kausaler Zusammenhang. Aber es ist kein Signal. Das Ergebnis der Studie passt zu einem Phänomen, welches man in den USA beobachten kann. Dort hängt das Gehalt der Ärzte teilweise davon ab, wie sie nach einer Behandlung von ihren Patienten bewertet werden. Das führt unter Umständen dazu, dass Ärzte eine medizinisch schlechtere Behandlung wählen, weil dies die Patienten zufriedener macht. Zum Beispiel könnte eine Patientin ein Opioid-Schmerzmittel verabreicht werden, obwohl ein leichteres Schmerzmittel oder gar keines eigentlich die richtige Behandlung gewesen wären. Der Patient ist dann zufrieden, der Arzt bekommt eine gute Bewertung, und der Pharmakonzern freut sich. In den USA haben aggressive Werbung direkt an die Konsumenten und dieses Wertungssystem dazu geführt, dass dort von einer Opioidkrise gesprochen wird. Mittlerweile sterben in den USA mehr Menschen an einer Überdosis von Opioidschmerzmitteln als an Schusswunden.

In Deutschland stehen wir bisher nicht vor einem Problem dieser Größenordnung. Deutschland ist traditionell zurückhaltend mit der Verordnung von Schmerzmitteln. Das hat über Jahrzehnte dafür gesorgt dass Patienten unnötig gelitten haben. Mittlerweile schlägt das Pendel jedoch – zumindest teilweise – in eine andere Richtung. Es gibt Rehabilitationseinrichtungen, die sich überwiegend damit beschäftigen, Menschen von Opiaten zu entgiften und zu entwöhnen, die sie aufgrund chronischer Schmerzen verschrieben bekommen hatten.

Um nicht falsch verstanden zu werden, Opiate sind ein wichtiges Standbein der Schmerztherapie. Aber Opiate haben auch starke Nebenwirkungen und ein großes Suchtpotenzial. Früher dachte man, Menschen die Schmerzen haben, seien vor dem Suchtpotenzial geschützt. Sind sie aber nicht. Darum wurde eine Leitlinie(PDF) herausgegeben, in der die evidenzbasierte Langzeitbehandlung von „nicht tumorbedingten Schmerzen mit Opiaten“ behandelt wird. Man könnte denken, ärztliche Kollegen würden sich darüber freuen, mit wissenschaftliche Evidenz versorgt zu werden, um rationale Entscheidungen treffen können. Natürlich wird in der Leitlinie auch auf die Nebenwirkungen und Gefahren von Opiaten hingewiesen. Das hat die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin dazu veranlasst, in einer Pressemitteilung gegen die Leitlinie Stellung zu beziehen. Die Gesellschaft warnt davor, in Zeiten zurück zu fallen, in denen eine „Opiatphobie“ geherrscht habe, sie spricht sich gegen Bevormundung aus. Man hält LONTS für zu wissenschaftlich, Probleme von Schmerzpatienten seien viel zu individuell und die Leitlinie behindere die Ärzte in ihrer Therapiefreiheit. Die Gesellschaft fürchtet, dass Menschen eine sinnvolle Behandlung vorenthalten werden, weil Gefahren der Opiate zu sehr betont würden.

Wenn die Ergebnisse der Leitlinie der Praxis der Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin widersprechen, sollte sich die Praxis der Leitlinie annähern und nicht umgekehrt. Dabei ist es durchaus möglich, dass es Argumente gegen die in der Leitlinie ausgesprochenen Empfehlungen gibt. Diese Argumente müssen jedoch eine wissenschaftliche Grundlage haben. Mit der Behauptung „in der Praxis“ laufe es halt anders eine Leitlinie abzutun, spricht schon für einen Mangel an Verständnis für Medizin. Es ist betrüblich, wen Fachgesellschaften für Patienten die Chance auf eine rationale und langfristig sinnvolle Behandlung verringern, statt sie zu erhöhen.

Im letzten Beitrag zu fehlerhaften Behandlungen schrieb ich u. a. auch etwas zur systematischen Überschätzung des Wertes von Erfahrungen unter Medizinern. Mir scheint als hätte die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin diesen systematischen Fehler auch hier begangen.

  1. Das ist sehr allgemein gehalten, eine Präzisierung benötigte aber einen eigenen Absatz.
  2. Das ist natürlich vereinfacht dargestellt.
  3. These: Je höher der Stress, desto höher werten ÄrztInnen eigene Bedürfnisse.

Exportschlager aus Asien – Magisches Denken

Der große Mao Zedong kichert leise in seinem Grab. Über uns. Aus Mangel an ausgebildeten Ärzten, wurden zur medizinischen Versorgung der Bevölkerung im China der 50er Jahre sogenannte „Barfußdoktoren“ ausgebildet. In einer kurzen Ausbildung brachte man ihnen ein paar Grundlagen zu Medizin und vor allem Hygiene bei, die sie unter die Menschen bringen sollten. Sie erhielten ein kleines Buch mit den wichtigsten Informationen zu ein paar Medikamenten für akute Erkrankungen. Da in China Medikamente rar waren und man davon ausging, dass es besser sei, den Menschen irgendetwas anzubieten als nichts, stand im hinteren Teil dieses Buches etwas zur chinesischen Volksmedizin. Ein Potpourri verschiedener Therapieschulen, wild zusammengemixt. Das ist der Kern der heutigen „traditionellen“ chinesischen Medizin. Wir sind Maos Resteverwerter.

Im Ärzteblatt wurde kürzlich über den Internationalen Kongress traditioneller asiatischer Medizin berichtet und unkritisch dargelegt, was Schleswig-Holsteins Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP) und einige Experten dazu zu sagen hatten. Es zeigt, wie tief magisches Denken in der deutschen Ärzteschaft verankert ist und wie erfolgreich das Marketing der alternativen Medizinindustrie war und ist.

Da das Ärzteblatt es nicht schafft, die Äußerungen kritisch einzuordnen, soll dies an dieser Stelle versucht werden.

Traditionelle asiatische Medizin etwa aus China, Tibet, Nepal oder Indien sollte von der westlichen Schulmedizin mit größerer Offenheit als bisher vorurteilsfrei geprüft und genutzt werden.

Für Vorurteile sorgen vor allem die Befürworter selbst, weil sie sich Marketingbegriffen wie „Traditionelle xxx Medizin“ bedienen. Die Vorurteile sind dabei gewollt, sie sollen jedoch nur in die positive Richtung wirken. Der Begriff „Traditionelle xxx Medizin“ (TxM) soll beim Publikum genau den Eindruck hervorrufen, den der Minister später wohlfeil wiederholen wird: Ganzheitlich, natürlich, alt, sanft u. s. w. Es ist eine Ironie des Schicksals, dass diese – durch die Industrie selbst erfolgreich hervorgerufenen – Vorurteile jetzt von kritischen VertreterInnen der Ärzteschaft aufgegriffen und hinterfragt werden und ein Minister sie bittet, das nicht zu tun.

Garg forderte, Ärzte und Patienten sollten frei über ihre medizinische Behandlung entscheiden können – innerhalb eines gesetzlichen Rahmens, der die Sicherheit der Patienten garantiere.

Was will uns der Minister mit dieser Aussage vermitteln? Dass es anders sei? Dass heute Menschen dazu gezwungen würden, eine Behandlung durchzuführen, die sie nicht wollen1. Wahrscheinlich meint er das „marktliberal“, in dem Sinne, dass alles erlaubt sein müsse, was nachgefragt werde. Warum sollten wir dann aber bei TxM stehen bleiben? Auch Astrologie bietet hervorragende Anknüpfungspunkte um eine Therapieform daraus zu entwickeln, traditionell ist die auch und ganzheitlich sowieso. Wie Hohn wirkt die Aussage, der „gesetzliche Rahmen“ garantiere die Sicherheit der Patienten. Zum einen kann es keine Garantie für Sicherheit geben (ich dachte, als Liberaler sauge man das mit der Muttermilch auf), zum anderen gab es erst im letzten Jahr ein tragisches Beispiel, wie lax der Gesetzgeber es mit der Sicherheit von Patienten von TxM2 nimmt.

Der liberale Politiker warnte, dass die zunehmende Standardi­sierung und der Blick nur auf ökonomische Faktoren zu einem gefährlichen Verlust des Kontaktes mit den Patienten führen könne.

Man stelle sich einmal vor, der Minister hielte eine Rede vor der deutschen Industrie und versuche, für das Konzept des „Traditionellen asiatischen Maschinenbaus“ einzutreten und die Aufhebung der deutschen Industrienorm (DIN) zu fordern. Die Vertreter würden herzlich lachen und für den satirischen Beitrag danken. Mediziner nehmen das ernst.

Einen Kommentar darüber, dass ein FDP-Politiker über den „Blick auf ökonomische Faktoren“ in der Medizin Krokodilstränen vergießt, spare ich mir lieber. Wer alles einer ökonomischen Logik unterzieht und die Gesundheit der Menschen als Ware betrachtet, kann sich doch nicht darüber wundern, dass Teilnehmer des Systems den Blick mehr und mehr auf ökonomische Faktoren richten.

Asiatische Medizin setze auf die Selbstheilungskräfte und habe einen ganzheitlichen Ansatz.

Jeder Chirurg setzt auf die Selbstheilungskräfte. Gebe es sie nicht, wüchsen Operationswunden nämlich nicht zu. Was das Wort ‚ganzheitlich‘ angeht, handelt es sich auch um einen Marketingbegriff, der ein heimeliges Gefühl hervorrufen soll, jedoch keine konkrete oder nützliche Information transportiert.

Europäische Gesundheitssysteme könnten hiervon lernen, sich nicht nur auf den körperlichen Zustand zu konzentrieren. Mentale, soziale und auch spirituelle Aspekte seien wichtige Kofaktoren.

Man kann mit so schön klingenden Worten einen Großteil der Menschen, die im deutschen Gesundheitssystem arbeiten, ganzheitlich abwatschen. Jede Pflegekraft, die einem Patienten ermutigende oder tröstende Worte zuspricht, kümmert sich um mentale Aspekte. Das wird nur nicht so aufgeblasen, sondern als normal angesehen (und schlecht bezahlt, ökonomische Faktoren und so). Leider ist der Druck im Gesundheitssystem so hoch, dass das Personal oft so gestresst es, dass es einfach keine Ressourcen für diese Worte hat. Daran wird aber auch keine irgendwie geartete TxM etwas ändern, sondern allein politischer Wille.

Case Manager kümmern sich in deutschen Kliniken um wichtige sozialen Aspekte und organisieren beispielsweise außerhäusliche Pflege. In der Psychotherapie, die auch zur Medizin gehört, sind soziale Aspekte ein integraler Bestandteil.

Auf spirituellen Aspekten liegt sicherlich kein Fokus im deutschen Gesundheitssystem. Man kann darüber streiten, ob solch ein Fokus die Aufgabe eines Gesundheitssystems ist oder sein kann. Wenn, dann wird es eine komplexe Aufgabe. In der Rede von Garg erscheint es so, als sei Spiritualität etwas, wofür man keine Spezialisten bräuchte. So als könnte jeder Arzt, jede Schwester einfach mal so die spirituellen Bedürfnisse von Patienten stillen. Ohne eine konkrete Idee, was damit gemeint ist, handelt es sich um einer weitere hohle Phrase.

Es solle untersucht werden, ob Braunalgen und Tang Wirkstoffe zur Behandlung von Augenleiden bцten, berichtete Ralph Schneider vom Exzellenzcluster „Future Science“  und Direktor des Forschungsschwerpunktes Kiel Marine Science. Er sprach von einem „Goldrausch nach marinen Wirkstoffen“.

Das ist keine TxM. Das ist medizinische Forschung. Nur weil eine Substanz in Asien entdeckt wird, gehört sie doch nicht zur TxM. Haftet jeder Substanz aus Asien etwas ganzheitlich, spirituelles an? Paclitaxel (ein Krebsmittel) wird auch nicht der „traditionellen amerikanischen Heilkunde“ zugerechnet, nur weil der Wirkstoff ursprünglich aus der Pazifischen Eibe gewonnen wurde. Wirkstoffe werden zu Medikamenten, wenn sich ihre Wirksamkeit im Rahmen eines standardisierten Prozesses hinreichend belegen lässt.

Laut Messner kaufen Pharmakonzerne zudem in Asien große Kräuterflächen auf.

Das ist kein Beleg für die Überlegenheit von TxM, sondern vom guten Marketing der Vergangenheit, von welchem die Pharmakonzerne profitieren wollen. In den USA beispielsweise werden TCM-Kräuter teilweise als Nahrungsergänzungsmittel verkauft und sind deutlich weniger reguliert als Medikamente. Es winken Profite.

Bluthochdruck ist nach Ansicht von Detlev Ganten von der Berliner Charité ein weiteres Beispiel für die begrenzte Reichweite konventioneller Tablettenbehandlung. Er selbst habe zusätzlich zu Tabletten seinen stressigen Lebensstil „im Hamsterrad“ umgestellt, nehme weniger Termine an und treibe mehr Sport.

Und wer hat ihm dazu geraten? Vermutlich sein schnöder Hausarzt, der stinklangweilige evidenzbasierte Leitlinien umsetzt, weil in Studien belegt wurde, dass eine Lebensstiländerung (so nennt man das, was der Herr Ganten gemacht hat) eine Verbesserung der Gesundheit bewirkt, die nachhaltiger ist, als die Einnahme von Tabletten. Leider, leider, können Patienten selbst entscheiden ob sie dem Rat ihrer Ärzte folgen werden und gerade Lebensstiländerungen fallen uns Menschen schwer. Wir handeln nämlich nicht immer so ganzheitlich, wie wir uns wünschen behandelt zu werden.

Die Wissenschaftler sprachen von einem großen Transformationsprozess in der westlichen Medizin.

Wann in den letzen 200 Jahren war die Medizin einmal nicht in einem „großen Transformationsprozess“. Im Moment ist er unter anderem durch die Verteilung von Ressourcen geprägt.

Bildung, Ernährung und Bewegung seien die drei wichtigen Parameter für Gesundheit, sagte Ganten. Er berichtete, wie schwierig es gewesen sei, an der Charité einen Lehrstuhl für alternative Medizin zu etablieren. „Inzwischen sind das die beliebtesten Vorlesungen.“

Was hat der erste Satz mit dem zweiten Satz zu tun? Wieso sind Bildung, Ernährung und Bewegung Teil der „alternativen Medizin“ nicht aber der Medizin?

Als Kernproblem nannte Ganten, der sich als begeisterter Verfechter der westlichen Medizin bekannte, die unterschiedlichen Kulturen und Denkweisen. Das streng kausale Denken des Westens sei in anderen Kulturen nicht verbreitet. „Es gibt keine Wahrheit, auch keine wissenschaftliche Wahrheit, es gibt nur Wahrscheinlichkeiten“, sagte Ganten.

Wahrscheinlich täte den Herren etwas mehr Strenge beim kausalen Denken ganz gut. Aber dann hätte Mao nichts mehr zu lachen.

Bild: Elefant mit Akupunkturpunkten; World Health Organization (WHO);

  1. Natürlich ist beinahe jede notwendige medizinische Behandlung ein Zwang, weil die meisten Menschen lieber keine Erkrankung und damit keine Behandlung hätten aber das meint er Minister vermutlich nicht.
  2. Ich nutze den Begriff hier sehr locker, weil er nicht definiert ist und fast jede pseudomedizinische Methode sich darein pressen lässt.

Operation – Aus Erfahrung gut

In Diskussionen um Pseudomedizin gehe ich grundsätzlich davon aus, dass die AnbieterInnen pseudomedizinischer Verfahren, ihren PatientInnen helfen wollen. Zumindest die große Mehrheit. Gleiches gilt für MedizinerInnen die Medizin betreiben. Doch nach der ARD-Dokumentation „Operieren und Kassieren“ fiel es mir schwer, an dieser Überzeugung festzuhalten. Ich habe es aber geschafft1.

Darin geht es um regionale Unterschiede2 in der Häufigkeit bestimmter Operationen und deren Ursache. Gehe ich davon aus, dass Indikationen (das, was für eine Therapie spricht) für Operationen streng gestellt werden (Anhand von Leitlinien und der besten vorhandenen Evidenz), kann ich mir je nach Operation einen Unterschied zwischen 10 und 100% vorstellen. Auch wenn es Leitlinien gibt, hängt die Stellung der Indikation auch immer von unscharfen Faktoren ab: Welche Erfahrung hat der/die ChirurgIn, wie bewertet man bestimmte Symptome, was wollen die Patienten, wie ist die regionale Kultur, gibt es genetische Belastungen in der Region.

Das erklärt jedoch nicht die Unterschiede, die die JournalistInnen in der ARD-Dokumentation aufgedeckt haben.

Ein Kaiserschnitt beispielsweise wird in einigen Regionen in Ostdeutschland in 17% der Fälle durchgeführt. In Einigen Regionen in Rheinland Pfalz liegt die Rate bei bis zu 51%. In der Dokumentation werden Frauen aus einem Geburtsvorbereitungskurs in Cloppenburg gezeigt, von denen jede zweite die Hand hebt, als gefragt wird, wer einen Kaiserschnitt hatte. Dabei wollte keine der Betroffenen einen „Wunschkaiserschnitt“. Als die Frauen von ihren Erfahrungen erzählten, lief es mir kalt den Rücken herunter. So stelle ich mir Medizin in Gruselfilmen vor, nicht in einer Demokratie im 21. Jahrhundert. Der Unterschied bei „Mandeloperationen“ ist noch dramatischer. Je nach Region ist die Wahrscheinlichkeit, die Mandeln entfernt zu bekommen 8x größer (oder geringer).

Als ich versucht habe, herauszufinden, wie hoch die Komplikationsrate bei Mandeloperationen ist, habe ich zwar herausgefunden, dass Blutungen in 0,3% und 9% aller Fälle auftreten3. Allerdings auch, dass es keine einheitliche Definition für diese Komplikation gibt und sie nicht systematisch erfasst werden. Fassungslos hat mich jedoch gemacht, dass tödliche Komplikationen nicht nur nicht zentral erfasst werden, sondern dass einige Klinikchefs angeben, diese Komplikation nicht zu kennen. Ich glaube zwar, dass sie davon ausgehen, dass diese Aussage richtig ist, bin aber erschrocken über diesen Mangel an kritischem Denken, fachlicher Reflexion und Fehlerkultur.

Noch dramatischer ist die Situation bei Operationen am Rücken, hier ist die Chance in einigen Regionen 13x höher als in anderen. Die Frage ob einem der Rücken aufgeschnitten wird oder nicht, hängt mehr vom Wohnort ab als von medizinischen Befunden. Dabei liegt das Problem nicht nur bei einer unnötigen Operation, sondern auch mögliche Folgen der Operation gehören dazu (Infektion, Nervenschäden, Bewegungseinschränkungen, Tod). Die Geschichten der in der Dokumentation vorgestellten Menschen machen betroffen. Und wütend.

Die Erklärung für die diese Unterschiede wird von den AutorInnen in wirtschaftlichen Fehlanreizen und politischen Entscheidungen gesucht (zum Beispiel, dass in einer gut versorgten Region eine weitere Neurochirurgische Klinik eröffnet, die sich ihre Patienten „sucht“). Die Erklärung ist plausibel, erwärmt mein linkes Herz und birgt eine einfache Lösung: die wirtschaftlichen Fehlanreize müssen weg und alles wird wieder gut.

Aber eigentlich glaube ich nicht, dass es so „einfach“ sein wird. Ich denke, ein Teil des Problems liegt tiefer. Es liegt in uns. Es ist dasselbe Problem, welches dafür sorgt, dass wir an Astronomie, Globuli und Chemtrails glauben. Wir überschätzen massiv die Validität unserer Erfahrungen und treffen darum immer wieder Entscheidungen die objektiv irrational sind, sich für uns aber logisch und richtig anfühlen. Und in vielen Bereichen können diese Entscheidungen und die Überzeugung gut für uns sein. In der Medizin des 21. Jahrhunderts sind sie es in der Regel nicht.

Für mich deckt die Dokumentation „Operieren und Kassieren“ eines der fundamentalen Probleme in der Medizin auf, nämlich die -menschlich normale- Überschätzung der eigenen Erfahrung durch die Mediziner. Leider wird diesem Problem deutlich schlechter beizukommen sein als wirtschaftlichen Fehlanreizen. Die „Erfahrung“ mit dem schnellen Operieren die richtige Entscheidung getroffen zu haben, haben jetzt eine Menge Mediziner (wieso denke ich dabei nur an Männer?) gemacht. Diese Erfahrung wieder zu ändern wird, nach meiner bisherigen Erfahrung4, nur sehr schwer möglich sein. Denn wenn jemand seine Erfahrung überschätzt, sind es immer die anderen.

  1. Wenn man so will, könnte das ein Beleg für meine These sein. Die in der Dokumentation präsentierten Informationen könnten durchaus als Beleg für eine gegenteilige These genutzt werden. Meine Erfahrungen mit Menschen/Ärzten waren bisher jedoch andere, darum behalte ich mein grenzwertig naive Haltung bei.
  2. Ich möchte mich dafür entschuldigen hier die Bertelsmannstiftung als Quelle anzuführen, leider habe nur dort die Daten gefunden.
  3. Quelle: „Lebensbedrohliche und tödliche Tonsillektomie-Nachblutungen“; Diwa Baburi; RWTH Aachen 2009
  4. :-/

Heil! Praktiker

Im Moment gibt es eine intensive Diskussion um Sinn oder Unsinn des Heilpraktikerberufes. Die Argumente will ich an dieser Stelle nicht noch einmal aufführen. Im Münsteraner Memorandum ist alles wichtige erwähnt, Joseph Kuhn hat einen Text über Heilpraktiker für Psychotherapie geschrieben und Udo Endruscheit schaut sich die von Heilpraktikern vorgebrachten „Argumente“ einmal genauer an. Die Seite der Heilpraktiker dürfte in den nächsten Wochen in den Talkshows und Zeitungen zu lesen sein. Ich vertraue auf die Medienkompetenz meiner Leserinnen die Informationen einzuordnen.

Der folgende Text kann Spuren von Polemik enthalten.

Es ist eine Binsenweisheit, dass der Beruf des Heilpraktikers durch die Nationalsozialisten mit einem Gesetz 1939 in seine heutige Form gegossen wurde. Das muss ich niemandem erzählen, der sich mit dem Thema beschäftigt. Auch dass es darum ging eine Deutsche Heilkunde zu etablieren, um die „verjudete Schulmedizin“ zu reinigen, ist weithin bekannt. Natürlich kann man den Beruf Heilpraktiker/ Heilpraktikerin trotzdem verteidigen. Man kann es als tragische Fügung des Schicksals betrachten, dass nun gerade „die Nazis“ den wichtigen Beruf des Heilpraktikers aus der Taufe hoben. Man kann auch behaupten, dass die Tatsache, dass sich die Argumente gegen die „Schulmedizin“, die heute vorgebracht werden, den Argumenten, die gegen die „verjudete Schulmedizin“ vorgebracht wurden, teilweise sehr ähneln, darin begründet liegt, dass sie einfach stimmen.

Interessant finde ich jedoch, dass sich die Ideologie nationalsozialistischer Medizin perfekt in der Praxis der Heilpraktiker gehalten hat. Ohne jedoch anrüchig zu sein oder kalt zu wirken. Die „Natürlichkeit“ und die Tendenz eine Erkrankung sich selbst zu überlassen, ohne die Folgen abschätzen zu können, ist kein Bug sondern ein Feature.

Die Nationalsozialisten hatten kein Interesse daran, allen Menschen die beste medizinische Versorgung zugute kommen zu lassen, die sie benötigen. Nicht einmal allen Deutschen (also das, was die Nazis unter „Deutsch“ verstanden). Die Aufgabe der Medizin unter den Nazis war es, den „Volkskörper“ gesund zu halten. Der Volkskörper bestand aus den Mitgliedern des Volkes und wurde von den Nazis als tatsächlich organisch vorhanden betrachtet. Ein gesunder Volkskörper wird durch „kranke Individuen“ geschwächt, darum war es die Aufgabe der Mediziner, kranke Individuen aus dem Volkskörper zu entfernen. Die Mediziner (nicht die Heilpraktiker) haben diese Aufgabe teilweise mit Begeisterung erfüllt. Die „Aktion T4“ diente dazu, wurde jedoch auch aufgrund von Protesten aus der Bevölkerung beendet. Die Menschen hatten aus irgendeinem Grund etwas dagegen, dass ihre „kranken Verwandten“ aus dem Volkskörper entfernt wurden.

„Krank“ in dem Sinne waren Menschen, bei denen nicht zu erwarten war, dass sie wieder gesund werden und in irgendeiner Form auf die Gemeinschaft angewiesen sein würden, ohne etwas dafür zu leisten. Akute Erkrankungen waren in Ordnung. Eine vulgärdarwinistische Sicht auf das Leben zog sich durch viele Bereiche Nationalsozialistischen Denkens. Die Stärksten werden überleben (Sorry Adolf, Joseph und Heinrich).

Es gibt wenig systematische Untersuchung zu Ausbildung und Praxis von Heilpraktikern. Doch ich habe bisher fast keine Therapiemethode gesehen, die von Heilpraktikern genutzt würde, die eine gezielte „Heilung“ mindestens plausibel hervorrufen könnten. Weder in den Ausbildungszentren, noch auf den Websites einzelner Heilpraktiker. Kurz, die meisten Heilpraktiker behandeln Menschen mit Therapien ohne spezifische Wirkung. Menschen die zum Heilpraktiker gehen, wären also in den allermeisten Fällen auch von alleine wieder gesund geworden. Menschen die nicht von alleine wieder gesund werden, retten sich entweder in die Hände der „Schulmedizin“ und überleben, wenn sie Glück haben oder sie sterben. Heilpraktiker sorgen also dafür, dass der Volkskörper gesund bleibt. Nichts anderes war die Intention des Gesetzes von 1939. Wir sollten den Heilpraktikern also nicht vorwerfen, dass sie ihre Aufgabe erfüllen.

Vitamine statt Statine

Lasst uns über Statine streiten!

Statine sind Medikamente, die dafür sorgen, dass der Cholesterinspiegel im Blut sinkt. Die Einnahme von Stationen geht mit einer Reduktion der Mortalität von Herz- Kreislauferkrankungen einher (d. h. es sterben nicht so viele Menschen daran). Statine werden sowohl bei Menschen eingesetzt, die noch keinen Herzinfarkt hatten aber ein Risiko, als auch bei Menschen, die bereits einen hatte. Im ersten Fall spricht man von Primärprävention, im zweiten Fall spricht man von Sekundärprävention. Statine waren vor einigen Jahren in der Kritik, weil die Industrie, also die Pharmaindustrie, teilweise erfolgreich, versucht hat, die Indikation für ihre Medikamente deutlich auszuweiten. Es wurde empfohlen auch Menschen mit relativ niedrigem Cholesterinspiegel Statine zu geben. Mittlerweile ist die Diskussion ruhiger geworden und Statine werden differenzierter gesehen.

Glücklicherweise gibt es eine natürliche Alternative! Wobei das Wort „Alternative“ vielleicht etwas zuviel verspricht. Der so genannte „rot fermentierten Reis“, enthält natürlicherweise den Stoff Monacolin K. Monacolin K ist auch als Lovastatin bekannt und in Medikamenten enthalten, es ist ein Statin. Weil rot fermentierter Reis ein Naturprodukt ist, gibt es Menschen, die der Ansicht sind, dass es gesünder ist, damit den Cholesterinspiegel zu sorgen. Oft wird so etwas mit dem „komplexen Zusammenspiel“ der diversen Inhaltsstoffe in Naturprodukten begründet. Dafür gibt es zwar nur selten Hinweise aber es klingt gut. Manchmal ist es auch ein „harmonisches Zusammenspiel“.

Für rot fermentierten Reis wurde nun eine Studie unternommen in der dessen Wirkung mit der von Statinen verglichen wurde. Statine haben gewonnen. Das lag auch daran, dass der Wirkstoffgehalt im rot verschimmelten Reis stark schwankte. Man wüsste also nicht, wieviel Reis man zu sich nehmen müsste, um die erwünschte Wirkung zu bekommen. Da man einen erhöhten Cholesterinspiegel nicht spürt, gibt es, abgesehen von Laborkontrollen, keine Möglichkeit, die Wirkung zu überprüfen. Auch die Menge von Citrinin im Reis dürfte schwanken. Citrinin ist ein Gift – entschuldigung – eine natürlich vorkommende Substanz, welches von dem Pilz produziert wird, der den Reis zum rot fermentierten Reis macht. Citrinin gilt als krebserregend, vielleicht ist das dieses komplexe Zusammenspiel, das alle meinen?

Der schwankende Wirkstoffgehalt ist nur eines der Probleme, mit denen Nahrungsergänzungsmittel und alternative Medizinprodukte behaftet sind. Manchmal ist auch nicht klar, ob die behauptete Wirkung überhaupt auftritt, weil es keine Studien gibt. Manchmal sind auch Substanzen in Nahrungsergänzungsmittel oder alternativen Medizinprodukte enthalten, die nicht aufgeführt sind. Manchmal sind die Substanzen nicht enthalten, die aufgeführt sind. Obwohl die Einnahme dieser Produkte teilweise einer Lotterie entspricht, haben sie ein besseres Image als echte Medikamente. Medikamente in denen Substanzen in kontrollierter Menge enthalten sind, deren Wirkung unter kontrollierten Bedingungen überprüft wurden1.

Komischerweise finde ich ’natürliche‘ Arzneimittel bis heute sympathischer als ‚pharmazeutische‘. Trotz Medizinstudium und dem damit erworbenen Wissen. Trotz der Beschäftigung mit Pseudomedizin und den mangelnden Belegen für deren Wirksamkeit und die Belege für den Schaden den sie verursachen können. Ich würde zwar heute keine Nahrungsergänzungsmittel oder Phytopharmaka mehr schlucken, von magischen Arzneimitteln ganz zu schweigen, aber ich kann die Bedürfnisse verstehen, die dahinter stecken. Diese Bedürfnisse nach Natürlichkeit, Ursprünglichkeit und ‚ganzheitlicher Gesundheit‘ wissen die Hersteller zu nutzen und schlagen daraus Profit.

Der wirkliche Geniestreich liegt jedoch darin, dass sich eine ganze Industrie gegen jegliche Kritik immunisiert. Außerdem schafft sie es, die eigene Kundschaft dafür einzuspannen, Kritiker als von der „Pharmaindustrie gekauft zu denunzieren. Respekt. Und das obwohl die Industrie rund um „alternative“ Gesundheitsprodukte, Lobbyarbeit macht, wie jede andere Industrie. Im Gleichen Lobbyverband wie alle anderen Pharmahersteller. Obwohl sie Gewinne macht und obwohl sie, aufgrund laxer Kontrollen immer wieder Menschenleben gefährdet. Was auch immer man für ein Zeug nehmen muss, um das zu schaffen: Ich will das auch!!!

Oh…

  1. Ja, ich weiß. In diesem Bereich wird viel Schindluder betrieben. Und darum gibt es die Initiative alltrials.net, die sich dafür einsetzt, dass alle Daten von allen Studien, die jemals gemacht wurden, veröffentlicht werden. Wer diese Initiative nicht mindestens mit einer digitalen Unterschrift unterstützt, darf nicht über „die Pharmaindustrie“ schimpfen.

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Immunsystem stärken!

Wer möchte nicht ein „starkes“ Immunsystem haben? Ein „starkes“ Immunsystem. Das klingt nach Gesundheit, nach Sicherheit, nach langem Leben, nach Superkräften. Es klingt zu schön, um wahr zu sein.

Stärkt man ein Immunsystem, erhöht also seine Aktivität, kommt es in der Regel zu Entzündungsreaktionen. Das wiederum klingt weniger nach Gesundheit und und Superkraft. Das klingt nach Aua. Oder nach Krankenhaus. Menschen deren Immunsystem seine volle Stärke zeigt, sind zum Beispiel Menschen, die eine Sepsis haben. Gemeinhin auch „Blutvergiftung“ genannt. Solche Menschen liegen in der Regel auf der Intensivstation, werden beatmet und kämpfen um ihr Leben. Oft verlieren sie.

Ursache einer Sepsis ist eine akute Infektion, welche das Immunsystem versucht, zu bekämpfen. Dabei zieht es den Körper in Mitleidenschaft, oft sterben Menschen nicht an der Infektion direkt, sondern an der Reaktion des Immunsystems auf die Infektion. Aber auch weniger akute Infektionen können Folgen haben. So haben Menschen nach einer Grippe ein höheres Risiko an einer Herz- Kreislauferkrankung zu versterben. Auch Menschen mit dem Metabolischen Syndrom haben oft erhöhte Entzündungswerte und ein höheres Risiko, einer Herz-Kreislauferkrankung zu erliegen.

Darum ist es auch nicht verwunderlich, dass Medikamente, die Entzündungen unterdrücken, eine positive Auswirkung auf Herz- Kreislauferkrankungen haben. Gerade wurde ein neues Medikament vorgestellt, das genau dort ansetzen soll. Eigentlich ist es für die Behandlung von ‚Rheuma‘ bei Jugendlichen gedacht. In einer Studie konnte es jedoch auch die Rate an Toten durch Herzinfarkt reduzieren. Leider sind dafür mehr Menschen an Infektionen gestorben, so dass es sich insgesamt ausgeglichen hat. Außerdem ist das Medikament sehr, sehr teuer. Ob es einen sinnvollen Platz in der Therapie von Herz- Kreislauferkrankungen bekommt, wird sich zeigen.

Immunsystem stärken?

Am Beispiel der Herz-Kreislauferkrankungen kann man schön zeigen, wie unsinnig die Idee eines ’starken‘ Immunsystems ist. Ein schwaches Immunsystem gibt Mikroorganismen die Möglichkeit uns umzubringen, ein starkes Immunsystem tötet uns selbst. Wer versucht, etwas zur Stärkung des Immunsystems anzubieten, hat entweder keine Ahnung oder keine Skrupel. Ich wünsche mir ein gut reguliertes Immunsystem. Es soll sich die meiste Zeit im Hintergrund halten und im richtigen Moment gezielt eingreifen. Wie kompliziert diese Regulation ist, zeigen uns die Beispiele vieler Medikamente, die in die Regulation eingreifen. Meist sind unsere Eingriffe relativ grob. Trotzdem können sie Leben retten. Bis auf diese wenigen Ausnahmen können wir jedoch nur wenig machen, um unser Immunsystem besser zu regulieren. Und glücklicherweise auch wenig, um es zu stärken.

Filmkritik – A Man Made epidemic

[Ich habe ein Vorurteil. Dieses Vorurteil lautet: Hebammen sind gegen das Impfen. Die einen mehr, die anderen weniger. Die weniger radikalen sprechen sich für die „individuelle Impfentscheidung aus. Die radikalen wollen der Natur vollkommen ihren Lauf lassen (dabei unterscheidet sich die individuelle Impfentscheidung nur marginal von diesem Konzept, doch ich vermute das wissen die weniger radikalen Hebammen nicht). Darum geht vermutlich, neben „Vaxxed“ auch „A Man Made Epidemic“ durch die Hände der Hebammen und damit wiederum durch die Hände werdender Eltern. Den Schaden, den Frau Beer mit dieser Aneinanderreihung von Missinformation anrichten kann, überblickt sie vermutlich selbst nicht. Aufgrund dieses Vorurteils schreibe ich einen offenen Brief an alle Hebammen, die Eltern, die sich ihnen anvertrauen diesen Film ans Herz gelegt haben.]

Liebe Hebammen,

es hat einige Zeit gedauert, doch jetzt habe ich endlich die Gelegenheit, über den Film zu schreiben. Bevor ich mich den Einzelheiten widme, ist es mir wichtig, noch etwas Grundsätzliches zu sagen: Ich denke im Kern geht es bei der Frage „Wie stehe ich zu Impfungen“ um Vertrauen. Viele der Quellen die ich nutze, stammen von staatlich initiierten oder finanzierten Institutionen oder Ämtern. Deren Aufgabe ist es, Gefahren für die Bürger frühzeitig abzuwenden. Irrtümer immer vorbehalten, geht es um die Frage, ob wir diesen Institutionen vertrauen. Ob man grundsätzlich der Meinung ist, dass die Menschen, die dort arbeiten, sich im Kern nicht von uns allen unterscheiden und gute Intentionen haben. Oder ob man der Ansicht ist, dort arbeiten (1000e) sinistre Gestalten, die über Leichen gehen. Ob man davon ausgeht, dass sie ihre Arbeit gut machen wollen und ihre Arbeit darin sehen, uns alle vor unnötigen Gefahren zu bewahren (soweit möglich). Für mich geht diese Frage an den Kern unserer Demokratie. Diese Institutionen basieren letztlich auf Entscheidungen von Menschen, die wir gewählt haben. Mir liegt fern, Entscheidungen dieser Institution kritiklos hinzunehmen, doch wenn ich kein grundsätzliches Vertrauen in sie habe, fällt jegliche Diskussionsgrundlage weg und damit ein Teil des Fundaments unserer Gesellschaft. Dann ist alles Meinung und jedeR auf sich gestellt. Insofern ist die Diskussion über den Nutzen oder Schaden vom Impfungen auch immer politisch.

Und jetzt zum Film:

Einleitung

Die Grundthese des Filmes würde ich so beschreiben: Einflüsse denen wir aufgrund unseres „modernen“ Lebens ausgesetzt sind, verursachen Autismus. Diese These hat ihren Ursprung in der Beobachtung steigender Anzahl von Autismus. Im Film wird die Behauptung aufgestellt, aktuell hätte eines von 35 Kinder Autismus. Im Jahre 2025 hätte jedes zweite Kind Autismus. Die postulierte Steigerung der Fallzahlen wird auf Impfungen, Glyphosat, Handystrahlung und GMO zurückgeführt, wobei den größten Teil des Filmes das Thema Impfungen beansprucht.

Ein Großteil der Steigerung lässt sich jedoch allein durch bessere Diagnostik und Erweiterung der Diagnosekriterien erklären 1. Bekannte Faktoren für die Erhöhung des Autismusrisikos sind, neben genetischen Faktoren, hohes Alter der Eltern, Infektionen in der Schwangerschaft (u.a. Röteln), Frühgeburtlichkeit und bestimmte Medikamente2. Im Grunde wäre damit der Rest des Filmes hinfällig und es spricht nicht für die Recherche von Natalie Beer, dass sie diese Überlegungen im Film nicht mal erwähnt.

Wakefield

Da Andrew Wakefield viel Raum in dem Film bekommt, werde ich auch noch einmal auf ihn eingehen. Insbesondere hinterfrage ich seine Glaubwürdigkeit. Er glaubt sicher mittlerweile was er sagt aber, wenn auf die Interessenskonflikte, von Mitgliedern der STIKO thematisiert wurden (insbesondere im Zusammenhang mit der Einführung der HPV-Impfung), in Diskussionen über Impfungen hingewiesen wird, sollte auch Interessenkonflikte von Wakefield hingewiesen werden. Und die sind enorm. Wakefield hat seine Studiendaten gefälscht: In den Gewebeproben, die er den Kindern im Rahmen einer Darmspiegelung entnahm, waren keine Masernviren zu finden (Aussage eines Laborassistenten, der die Proben direkt danach bearbeitet hatte). Trotzdem wird das in der – mittlerweile zurückgezogenen Arbeit – behauptet. In der Arbeit steht, die Symptome des Autismus seien maximal 7 Tage nach der Impfung aufgetaucht. Es gibt jedoch nachweislich Fälle in denen die Symptome erst mehrere Monate nach der Impfung auftauchten sowie mindestens einen Fall in dem die Symptome bereits vorher vorhanden waren. Ein Kind taucht in der Studie gar nicht auf (mindestens 13 Kinder wurden untersucht, 12 werden in der Studie erwähnt). Wakefield hat bereits seit 1993  zu einem Zusammenhang zwischen Masernimpfung und Magen-Darm-Erkrankungen geforscht. Das ist an sich vollkommen legitim. Allerdings hatte er ein Patent für einen diagnostischen Test sowie ein Patent für einen Einzelimpfstoff für Masern (er behauptete immer, nur die Dreifachimpfung Masern/Mumps/Röteln mache die Probleme). Das bedeutet, dass zukünftige Einnahmen (die von Wakefield auf mehrere Millionen geschätzt wurden) von den Ergebnissen der Studie abhingen. Das ist ein Interessenkonflikt, den Wakefield nicht öffentlich gemacht hat und bis heute als unproblematisch bewertet. Wakefield stellt es in dem Film so dar, als sei er ein Einzelkämpfer gewesen und hätte keine Unterstützung bei seinen Forschungen erhalten. Die Universität hat Wakefield jedoch lange unterstützt. Für die Reaktion nach der ersten Pressekonferenz, in der die Ergebnisse („MMR-Impfung macht autistische Enterokolitis) vorgestellt wurde, wurden extra Telefone geschaltet, um Anfragen bewältigen zu können. Im Film behauptet Wakefield, er habe nur Geld aus einem Forschungsfond erhalten. Das ist nur teilweise richtig. Wakefield arbeitete mit einem Anwalt zusammen, der Eltern vertrat, welche Impfhersteller verklagen wollten. Der Anwalt brauchte Belege für den Schaden von Impfstoffen um den Prozess zu gewinnen. Für die Forschung, um diese Belege zu liefern, zahlte er Wakefield Geld. Weil diese direkte Art der Bezahlung problematisch ist (Interessenkonflikt) wurde das Geld an die Universität gezahlt, die es wiederum über den Forschungsfond an Wakefield weiter gab. Nach der Veröffentlichung der Studie erhielt Wakefield weitere Gelder. Wakefield wirft Unternehmen vor, Kinder zu impfen um Profit zu machen und deren Schaden in Kauf zu nehmen. Er hat jedoch nachweislich durch seine Studie (unnötigen Untersuchungen) Kindern geschadet und wollte Geld mit seiner Forschung verdienen (was prinzipiell ebenfalls legitim ist, wenn es sich nicht um „alternative Ergebnisse“ handelt). Heute verdient er seinen Lebensunterhalt trotzdem mit der Behandlung und Beratung von Kindern mit Autismus. Nur eben aufgrund falscher Behauptungen. Die „Behandlungen“ die aus den Hypothesen von Wakefield und anderen in dem Film resultieren sind wirkungslos und gefährlich, es gibt nachgewiesene Todesfälle.

Wakefield trägt die Verantwortung für den Rückgang der Impfraten in Teilen Großbritanniens von 95% auf 80% und damit für 10 000e Masernfälle inklusive Todesfällen. Von unnötigen und grausamen „Behandlungen“ von Kindern mit Autismus ganz zu schweigen. Ihn als Anwalt für die Kinder auftreten zu lassen, ist an Zynismus kaum zu toppen.

Natasha Campbell-McBride

Natasha Campbell-McBride tritt in dem Film auf und behauptet, Substanzen die in der Landwirtschaft als Insektizide eingesetzt werden, würden für Autismus verantwortlich sein. Sie ist auch diejenige, die die Zahl 1/35 Kindern habe heute Autismus in die Welt setzt. Sie steht mit ihren im Film gemachten Behauptungen nicht auf dem Boden der Realität. Sie behauptet, dass Substanzen, die für Insekten schädlich sind, auch für Menschen gefährlich sind. Das ist in der Form falsch. Nikotin ist zum Beispiel für Insekten schnell tödlich, Menschen vertragen höhere Dosen. Andere Substanzen haben bei Menschen gar keine Wirkung, wieder andere sind in geringer Dosis tödlich. Die Aussage von Frau Campbell-McBride zeigen eine geringe Sachkenntnis auf. Woher sie ihre Zahlen zu Autismus nimmt (1/35 Kindern) ist unklar, sie ist falsch. Auch die Aussage, dass das Immunsystem nach der Geburt noch nicht richtig funktioniert ist nicht richtig, wenn das so wäre, wären Kinder nicht lebensfähig. Die von Frau Campbell-McBride empfohlene Diät ist nachweislich nicht wirksam für die Kernsymptomatik von Autismus. Was im Film nicht erwähnt wird, ist dass Frau Campbell-McBride selbst Nahrungsmittel verkauft, die als Behandlung der von ihre postulierten Behandlung dienen. Sie profitiert also direkt von der Angst (und der vermeintlichen Lösung, die sie anbieten), die sie schürt. Frau Campbell-McBride behauptet, es gebe kaum Forschung zum angeblichen Zusammenhang von Impfen und Autismus. Das ist glücklicherweise falsch. Es gibt Forschung und die hat gezeigt (PDF), dass es keinen Zusammenhang gibt. Dasselbe gilt für den fehlenden  Zusammenhang von Impfungen (PDF) und weiteren chronischen Erkrankungen.

Herr Troschke

Herr Troschke von der Initiative für Individuellen Impfentscheid behauptet, ebenfalls, das kindliche Immunsystem sei bei Geburt noch unreif. Wissenschaftliche Belege bleibt er schuldig. In einem Interview gab er zu, dass es sich um eine „weltanschauliche“ Ansicht handele. Im Film erwähnt er das nicht. Dort stellt er das so dar, als wäre das ein wissenschaftlicher Fakt. Herr Troschke beurteilt die Reife des kindlichen Immunsystems jedoch als Anthroposoph und nicht als Arzt. Anthroposophie ist eine Weltanschauung die unter anderem davon ausgeht, dass Menschen nicht nur einen „stofflichen“ Körper haben. Laut Rudolf Steiner, dem Gründer der Anthroposophie, bilden sich im Laufe des Lebens bestimmte „feinstoffliche“ Körper (Wesensleiber: Physischer Leib, Astralleib, Etherleib, Ich-Leib). Bis zum siebten Lebensjahr haben Kinder nur den „physischen Leib“, dann bildet sich der Astralleib, mit 14 der Etherleib und mit 21 der Ich-leib. Nach Anthroposophischer Sicht ist man erst dann ein Mensch. Die Reife menschlicher Biologie wird von einem anthroposophischen Arzt darum immer vor allem spirituell eingeschätzt. Und spirituell ist das Immunsystem eines Säuglings eben unreif. Das hat aber keinen Einfluss auf den Erfolg von Impfungen. Ich muss noch ein wenig ausholen, um den Blick von Anthroposophen auf Impfungen und „Kinderkrankheiten“ deutlich zu machen. Ebenfalls Teil der anthroposophischen Lehre ist die Annahme, Menschen würde wiedergeboren. Handlungen und Gedanken und aus einem früheren Leben können Einfluss auf das Karma (und damit auf die Wesensleiber und das Leben des Menschen) haben. Um das Karma wieder in Ordnung (meine Beschreibung) zu bringen, sind bestimmte Erkrankungen aus anthroposophischer Sicht notwendig! Unter anderem Masern. Aus anthroposophischer Sicht können Menschen, die sich im früheren Leben zuviel mit sich selbst beschäftigt haben und zuwenig mit der äußeren Welt, durch Masern wieder „heilen“. Darum sind anthroposophische Ärzte dagegen, Kinder vor dem Jugendalter zu impfen, weil Impfungen die Entwicklung Kinder behindern. Dabei meinen sie jedoch nicht die psychologische Entwicklung sondern die spirituelle. Das wird leider selten von anthroposophischen Ärzten erwähnt.

Auch in diesem Film werden Aussagen von Ärzten, die wissenschaftliche Erkenntnisse darlegen, Aussagen von Ärzten gegenüber gestellt, die sich auf die Aussagen eines 1925 verstorbenen Hellsehers berufen. Ich finde, die Aussagen, sollte man durchaus unterschiedlich bewerten.

Gericht und Autismus

Im Film wird eine Familie aus Italien gezeigt, deren Sohn Autismus hat. Die Eltern haben versucht, per Gericht eine Entschädigung für den Autismus ihres Sohnes zu erhalten. Im Rahmen des Gerichtsverfahrens sollte nachgewiesen werden, dass ihr Sohn (Valentino Bocca) durch eine Impfung Autismus bekommen habe. Dieses Urteil beruhte jedoch vor allem auf den Aussagen von Experten, die sich auf die Arbeit von Wakefield bezogen. Da die Ergebnisse von Wakefield gefälscht waren können die Aussagen der „Experten“ als widerlegt gelten. Das Urteil wurde mittlerweile von einem Gericht in einer höheren Instanz widerrufen.

Aluminium

Im Film wurde die Aussage gemacht, es gebe keinen Grenzwert für Aluminium. Das ist falsch. Das Paul Ehrlich Institut hat zu Aluminiumverbindungen in Impfstoffen letztmalig 2014 Stellung genommen. Es könne an der Einstichstelle in seltenen Fällen zu „Verhärtungen“ kommen, die in der Regel wieder zurückgehen.  Es wird aktuell diskutiert, ob elementares Aluminium an der Entstehung von Alzheimer-Demenz beteiligt ist. Eine Diskussion über eine solange Zeit bedeutet mit hoher Wahrscheinlichkeit, dass ein möglicher Effekt nicht groß ist. Große Effekte lassen sich leicht messen und werden dann nicht mehr diskutiert. Die Symptome bei einer akuten Vergiftung mit elementarem Aluminium haben nur sehr entfernt etwas mit Autismus zu tun. Auch die Symptome einer Demenz sind von Autismus gut zu unterscheiden. Wenn man zur Sicherheit die Aufnahme von Aluminium reduzieren will, sollten aluminiumfreie Pflegeprodukte verwendet und auf Alufolie sowie Alukochgeschirr verzichtet werden. Die Menge an Aluminium in Impfungen ist im Gegensatz dazu äußerst gering.

Thiomersal

Thiomersal ist eine Quecksilberverbindung. Das klingt erst mal beängstigend, dabei vergisst man jedoch schnell, dass Elemente in Molekülen vollkommen andere Eigenschaften haben können als als Element. Auch hat vermutlich niemand Angst vor Meditonsin, worin ebenfalls eine Quecksilberverbindung vorhanden ist. Thiomersal wurde bereits 2001 aus allen Impfstoffen für Kinder entfernt. Dies geschah als Vorsichtsmaßnahme, weil T. seit 1930 in Impfungen verwendet wurde und damals keine Studien gemacht wurden, die heutigen Standards entsprechen. Thiomersal wurde zur Konservierung der Impfstoffe eingeführt. Damals entnahm man den Impfstoff noch aus großen Ampullen. Wenn die Kühlkette unterbrochen wurde, kam es gelegentlich zu Bakterienwachstum in den Ampullen. Die Bakterien wurden dann Kindern injiziert. Außerdem muss gesagt werden, dass die Grenzwerte für Thiomersal (Ethylquecksilber) an denen von Methylquecksilber angelehnt waren. Methylquecksilber ist die Substanz die mit Fisch aufgenommen wird und Menschen vergiften kann. Methylquecksilber bleibt lange im Körper und reichert sich an. Ethylquecksilber hingegen ist nach wenigen Stunden aus dem Körper entfernt und ist darum deutlich weniger schädlich. Doch aufgrund der fehlenden Studien wurde es entfernt.

Wenn (!) Thiomersal mit Autismus zusammenhängen würde, hätte es in den USA nach der Entfernung einen Rückgang von Diagnosen geben müssen. Den gab es nicht.

Unplausible Thesen im Film

Im Film wird behauptet, beim Impfen gehe es nur darum, möglichst viel Geld zu verdienen: Wenn Profit das vorrangige Ziel wäre, würde dieses Ziel besser erreicht werden, wenn nicht mehr geimpft würde. Früher waren die Kinderkliniken voll mit Kindern, die an Keuchhusten, Diphtherie, Maserenzephalitis, Meningokokkensepsis u. v. a. erkrankt waren und zum Teil Wochen im Krankenhaus bleiben mussten (oder dort starben). Eine Erkrankung zieht viele Behandlungen nach sich, die – wenn das das einzige Ziel wäre – deutlich höhere Gewinne bringen würden als Impfungen. Die Gewinne waren in den USA in den 1980ern so gering, dass die Hersteller, nachdem sie einige Klagen verloren hatten (es ging dabei um einen Impfstoff mit relativ hoher Komplikationsrate, der heute nicht mehr hergestellt wird), aufhörten Impfstoffe herzustellen. Darum wurde ein besonderes Gesetz verabschiedet, welches dazu dient, die Hersteller vor übermäßigen Klagerisiken zu schützen und Menschen die durch Impfungen geschädigt wurden zu kompensieren3.

Es gibt eine „Epidemie“ von Autismus: Die Beschreibung von „Autismus“ ist relativ neu. Erstmals tauchte der Begriff 1911 auf, hatte jedoch noch wenig mit unserem heutigen Verständnis der Störung zu tun. In den 1940ern beschrieb Kanner den nach ihm benannten frühkindlichen Autismus. Alle im Film vorgestellten Kindern würden (wahrscheinlich) in diese Kategorie fallen. Asperger faste die Definition von Autismus weiter. Allerdings wurde diese Definition erst in den 1990er Jahren in die relevanten Diagnosebeschreibungen aufgenommen. Man geht davon aus, dass viele Kinder, die heute die Diagnose „Autismus“ erhalten, früher unter dem Begriff „geistig Behindert“ erfasst wurden oder eben gar nicht erkannt. Es findet also zum Teil eine Verschiebung zwischen Diagnosen statt, teils werden Menschen diagnostiziert, die früher nicht erkannt worden wären. Zum Teil erhalten heute Kinder Hilfe, die früher als „schwierig“ gegolten hätten. Es gibt keine Belege für die behauptete Epidemie die Steigerung der Erkrankungszahlen lässt sich ohne Umweltauslöser gut erklären4.

Ich plane einen zweiten Teil, in dem ich auf ein paar weitere Fragen zum Impfen eingehe, die aber nicht direkt etwas mit dem Film zu tun haben.

  1. Explaining the Increase in the Prevalence of Autism Spectrum Disorders
    The Proportion Attributable to Changes in Reporting Practices, Stefan N. Hansen
  2. Autistische Störungen – State-of-the-Art und neuere EntwicklungenEpidemiologie, Ätiologie, Diagnostik und Therapie, Christine M. Freitag
  3. In Deutschland gibt es ein ähnliches Gesetz. Darin heißt es, dass ein Schaden durch eine Impfung nur „wahrscheinlich“ sein muss, um eine Entschädigung zu erhalten. Von 1972 bis 1999 sind die anerkannten Impfschäden von 191 auf 21 pro Jahr zurückgegangen (PDF). Bei mehreren Millionen gegeben Impfdosen ist das eine sehr geringe (wenn auch immer noch zu hohe) Anzahl.
  4. Es gibt eine Gruppe von Menschen, die der Ansicht sind, Autismus sei die nächste Stufe der menschlichen Evolution.

[Update: 07.05.17: An dieser Stelle stand unter „Rausschmeißer“ noch eine spezielle Kritik, die in der Form nicht gut formuliert war, darum habe ich sie wieder entfernt. Eventuell wird sie überarbeitet und im zweiten Teil noch einmal aufgegriffen.]

Sinupret in der Kritik

Das pflanzliche Arzneimittel Sinupret® ist bei akuter und chronischer Entzündung der Nasennebenhöhlen zugelassen. Die meisten Menschen nehmen es, wenn sie „Schnupfen“ haben. Ich habe als Kind auch so einiges an Sinupret® verstoffwechselt, geschadet hat es mir (wahrscheinlich) nicht.

Der Nutzen von Sinupret® ist laut „arznei-telegramm“ nicht belegt. Sinupret® warb vor einigen Jahren mal mit einer Reihe von Studien, deren Methoden eher fragwürdig waren.

Für mich gehört Sinupret® zu den Arzneimitteln, die im Rahmen einer Krankheitskultur bei banalen Infekten und Männergrippe eingenommen werden können. So eine Art „Placebo-Plus“: Es ist ein Arzneimittel mit schwacher Evidenz, dass seine Wirkung aber nicht mit Magie begründet. Also ein „normales“, wahrscheinlich nicht wirksames Mittel. Eigentlich gehört es vom Markt genommen, aber es gibt andere Medikamente, die deutlich mehr Schaden anrichten. Zumindest sah es bisher so aus.

In der aktuellen Ausgabe des „arznei-telegramm“ (11/16) wird von einer Überempfindlichkeitsreaktion nach der Einnahme von Sinupret Extract ® berichtet. Bei der Patientin mit einem bekannten Asthma bronchiale führte das zu einem schweren Asthmaanfall (Status asthmaticus).

Pflanzliche Arzneimittel haben bei vielen Menschen einen guten Ruf, weil sie „natürlich“ sind. Dass viele Pflanzen „natürliche“ Abwehrstoffe gegen Fraßfeinde (dazu gehört auch der Mensch) produzieren, die auch tödlich sein können, wird dabei gern vergessen. Nebenwirkungen sprechen nicht grundsätzlich gegen die Einnahme eines Medikamentes, sie müssen jedoch durch die positive Wirkung aufgehoben werden.

Bei Sinupret® scheint die positive Wirkung überwiegend subjektiver Natur zu sein. Man muss also entscheiden, ob dieser Nutzen die Gefahr von Schadwirkung aufhebt. Leider gibt es immer noch nicht die Transparenz, von Seiten der Pharmaindustrie, auf die Patienten ein Recht haben. Im Gegenteil. In derselben Ausgabe des „Arznei-telegramm“ wird davon berichtet, dass die chinesische Behörde, die die Pharmaindustrie überwachen soll, 80% (!) der Studienergebnisse in China als Fälschung nachweisen konnte. Wir brauchen ALLE DATEN!!!

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Tod durch Intransparenz – 1:0 für die Pharmariesen

The Heat Is On For The Chinese Pharmaceutical Industry