Wahn oder nicht Wahn?

In der Zeit gibt es diese Woche ein Sonderheft zum Thema Psychotherapie. Da habe ich qua Profession zugegriffen. Den allgemeinen Text über Psychotherapie finde ich insgesamt gelungen, gestolpert bin ich jedoch über folgenden Absatz:

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In meinem Text zu den Reichsbürgern habe genau das Gegenteil behauptet und mich gegen eine Pathologisierung politischer Ansichten gewandt. Auch in meinem Vortrag zum Zusammenhang zwischen der Zustimmung zu irrationalen Glaubenssystemen und psychischer Gesundheit, habe ich die Ansicht vertreten, dass es ein Zeichen psychischer Gesundheit sein kann, irrational sein handeln oder denken.

Nun würden mich die Quelle dieser „Erkenntnisse“ interessieren und was KollegInnen zu dieser Aussage denken. Ich halte die Aussage für Quatsch. Damit will ich nicht ausschließen, dass ein Mensch, der an einem Wahn leidet dies durch krude politische Ansichten zeigt. Aber nur weil ein Mensch nicht zu überzeugen ist (von den Argumenten, die ihm präsentiert werden, in der Form in der sie ihm präsentiert werden), ihm oder ihr einen Wahn anzudichten, erscheint mir doch als sehr psychiatrische Perspektive. Psychologische Faktoren werden dabei ignoriert. Oder irre ich mich und halte an einer irrationalen Überzeugung fest?

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MDR an der Volksfront

Folgende Geschichte erzählte der MDR, mit dramatischem Anstrich:

Ein allein erziehender Vater verlegt den Wohnsitz der Familie von Kassel nach Leipzig. Die 15 Jahre alte Tochter muss mit. Soweit, so normal. Die Tochter lässt neben allen Freunden auch ihren Freund in Kassel zurück. Sie will nicht beim Vater bleiben und wendet sich ans Jugendamt. Das Jugendamt stellt den Willen der jungen Frau über den des Vaters und gewährt ihr die Möglichkeit in Kassel in eine WG zu ziehen. Der Freund scheint Schwierigkeiten zu haben, sich an die Regeln der Gesellschaft zu halten und gerät wiederholt mit dem Gesetz in Konflikt. Außerdem ist er Anhänger einer buddhistischen Glaubensgemeinschaft, denen bestimmte Glaubensregeln wichtig sind und die ihr Leben danach ausrichten. Auch die Tochter schließt sich dieser Glaubensgemeinschaft an und verändert ihr Äußeres. In der Familie ihres Freundes fühlt sie sich aufgenommen. Der Vater macht sich Sorgen wegen die Veränderung seiner Tochter. Er hatte nie etwas mit Buddhismus am Hut und versteht nicht, was sein Tochter daran findet. Außerdem hat er Angst, dass sich die Tochter noch weiter den Glaubenssätzen der Glaubensgemeinschaft unterwirft, sich womöglich radikalisiert (es gibt radikale Buddhisten die Gewalt gegen Andersgläubige ausüben). Die Tochter sagt, mit diesen Radikalen Kreisen habe sie nichts zu tun.

Der Versuch, ohne den Vater in Kassel zu leben, funktioniert nicht. Unter anderem, weil der Vater Himmel und Hölle in Bewegung setzt, um seine Tochter wieder nach Hause zu holen. Die Tochter sagt sich vom Vater los, will nichts mehr mit ihm zu tun haben. Doch der Vater findet in einem CDU-Politiker einen verständnisvollen Gehilfen und befreit die Tochter aus den Fängen des Jugendamtes und die Tochter kehrt zum Vater zurück. Der Freund der Tochter muss währenddessen die Konsequenzen seines Handelns tragen und geht ins Gefängnis.

Ein Versuch, die Tochter durch einen gemäßigten buddhistischen Mönch davon zu überzeugen, ihren Vater wieder zu lieben scheitert. Sie muss trotzdem bei ihm wohnen. So ist das manchmal. Kinder, die zu Erwachsenen werden lehnen die Eltern und deren Werte ab, manchmal sehr intensiv. So entwickelt sich Autonomie.

Und warum berichtet der MDR über einen solchen Fall in einem dramatisch inszenierten Beitrag? Wieso wird die Geschichte einer Jugendlichen die dabei ist, ihren Platz in der Welt zu finden, mit allen Risiken die diese Suche birgt, zur besten Sendezeit ausgeschlachtet? Weil die Glaubensgemeinschaft nicht buddhistisch ist, sondern muslimisch. Weil die junge Dame jetzt Kopftuch trägt. Kopftuch!!! Unglaublich! Vielen Dank MDR-Sachsen, Du hast nichts verstanden und bist, zumindest in diesem Beitrag, Teil der sächsischen Verhältnisse.

Und die junge Frau? Die wird sich durch kaum etwas so bestätigt fühlen, wie die durch die Ablehnung der Erwachsenenwelt. Herzlichen Glückwunsch MDR, dank Dir sind Moslems die neuen Punks. Wer heute seine Eltern schockieren will, konvertiert.

[Fairerweise möchte ich anmerken, dass die anderen Beiträge durchaus differenziert über geflüchtete Menschen und ihr Leben in Sachsen berichteten. Unter anderem dieser hier, der auch ein wenig Hoffnung macht.]

Mehr zu Religion (und was ich dazu denke) auf Diaphanoskopie:

Gottes Stimme an der Türschwelle

Zeugen im Kreuzverhör

Das ist nicht der wahre…

Wissen zum Abgewöhnen

Sterben ist nicht so leicht wie man denkt. Wenn man es nicht aktiv versucht, sind die Chance in unseren Breiten, die 6. Dekade nicht zu erleben ziemlich gut. Und wenn man ein bisschen was dagegen macht, sind auch die 7. und 8. Dekade ein realistisches Ziel. Die Regeln dafür sind mittlerweile bekannt und Allgemeinplätze: Regelmäßige Bewegung, Alkohol in Maßen und nicht Rauchen. Trotzdem sind die Zeitungen voll von Ratschlägen, die behaupten, diese oder jene Aktion sorge dafür, dass man gesund bleibt und Alt wird. Besonders Essen wird dabei gerne mythisch aufgeladen.

Aber nicht nur über die Prävention eines vorzeitigen Todes wird in den Medien geschrieben, auch für Alltagsleiden werden „Behandlungen“ angeboten. Meist sind diese Berichte schlecht und schlicht falsch. Das sage nicht nur ich, das wurde nun auch systematisch untersucht. 11% ist die magische Nummer. 11% der Berichte zu Gesundheitsthemen in den Medien entsprechen dem aktuellen wissenschaftlichen Stand. Der Wetterbericht ist genauer, das Horoskop hat mehr Informationsgehalt als Berichte über Gesundheitsthemen. Dabei ist es fast egal, ob man eine Illustrierte liest oder eine „Qualitätszeitung“. Man kann es sich also sparen diese Berichte zu lesen und unter Umständen deren unsinnige Ratschläge zu umzusetzen und die Zeit anders nutzen. Hier wäre ein Vorschlag:

Weiterlesen:

Nur 11% der Gesundheits-Nachrichten stimmen

Medizin Transparent – Wissen was stimmt

Journalismus wie von der Tarantel gebissen

Das Werbeblättchen Eltern, Kind + Kegel hatte in der Vergangenheit bereits einen Auftritt in diesem Blog, als dort unseriös über Impfen berichtet wurde. Seitdem blättere ich das Heft immer mal durch, um meine Rolle als ARO (AußerRedaktionelle Opposition) zu erfüllen. Dass in jedem Heft, in redaktionell anmutenden Texten, ungeniert für Apotheken und deren Globuliangebot in geworben wird, hatte ich bereits im letzten Text erwähnt. Eine Praxis die man beibehält. So füllt sich das Heft und die Kasse.

Einen besonders gelungenen journalistischen Kunstfehlers möchte ich an dieser Stelle würdigen. Es geht um Zeckenstiche und das Risiko einer FSME-Infektion. Das ganze wird unter der Rubrik „Kinderarztfragen“ abgehandelt. Kinderärzte kommen jedoch nicht zu Wort. Dafür eine Heilpraktikerin und ein PTA aus einer namentlich erwähnten Apotheke.

Die Autorin („elm“) hat wahrscheinlich nicht mal den Versuch gemacht, für den Artikel außerhalb des Kreises der Werbekunden zu recherchieren. Wer über Zecken schreibt und behauptet, sie würden beißen, weiß nicht, wovon er oder sie spricht. Zecken stechen. Das muss man nicht wissen, wenn man sich über Zecken unterhält, das sollte man aber wissen, wenn man das Thema journalistisch bearbeitet. Andernfalls ist man eben Journalistendarsteller im Werbetheater.

Die Autorin erwähnt gleich zu Beginn, dass es eine Impfung gegen FSME gibt, erwähnt jedoch, diese sei nicht „risikolos“ und es „sollte abgewogen werden, ob diese notwendig ist.“  Nach diesem soliden Phrasenfundament widmet sich die Autorin den verschiedenen homöopathischen „Behandlungsmöglichkeiten“. Ob der Tipp lautet, Globuli am Anfang der Zeckensaison zu schlucken, um sich vor Bissen zu schützen (kein „hundertprozentiger Schutz“) oder in der „Bissstelle“ verbliebene „Zeckenstücke“ mit Globuli „raus zutreiben“, dem magischen Ritual sind scheinbar keine Grenzen gesetzt.

Die Autorin hätte die Möglichkeit gehabt, in diesem Text wirklich mal einen informativen Artikel zu einer Impfung zu liefern, bei der es tatsächlich rationale Gründe gibt, sie eventuell nicht durchzuführen. Man hätte darüber schreiben können, wie aus „Endemiegebieten“ „Risikogebiete“ gemacht wurden. Oder sich damit beschäftigen, wieviele FSME-Fälle es seit 2002 in Sachsen gab (34) und wieviele davon auf Dresden entfielen (5: 2003, 2004, 2011, 2012 und 2013). Damit hätte man den LeserInnen ein Gefühl für das Risiko geben können, dem sie ausgesetzt sind. Man hätte sich auf das Arznei-Telegramm beziehen können, um die Einschätzung der FSME-Impfung für Kinder zu zitieren:

„28% der Ein- bis Zweijährigen bzw. 7% der Drei- bis Fünfjährigen reagieren auf (Impfstoffname entfernt) mit Fieber von 38-39° Celsius, 3% bzw. 0,6% mit Temperaturen von 39,1-40° Celsius.6 Kopfschmerzen sind sehr häufig. Nervenentzündungen, Enzephalitis u.a. kommen vor. Die Impfung von Kindern gegen FSME erscheint uns hierzulande in der Regel entbehrlich.“

Damit hätte man zumindest die Zielgruppe seines brotgebenden Werbeblattes abgedeckt. Wenn man noch etwas Service für die Großeltern hätte bieten wollen, hätte man, wieder aus dem Arznei-Telegramm, erwähnen können, dass „bei naturnahen Aufenthalten in tatsächlichen Risikogebieten zumindest für Ältere die Nutzen-Schaden-Abwägung eher positiv (erscheint).“

Die Autorin entschied sich jedoch dazu, das Thema Zeckenstiche, deren Vermeidung und Folgen magisch zu behandeln. Ein paar faktische Informationsfeigenblätter eingestreut ergibt das ganze den perfekten Werbetext. Der Informationsgehalt des Textes entspricht seinem Thema, er ist homöopathisch.

Ich war im Fernsehen – Journalismus hautnah

[Dieser Bericht beruht fast ausschließlich auf meiner Erinnerung, wie sie sich fast drei Monate nach dem Interview darstellt. Mit allen Fallstricken, die dem menschlichen Erinnerungsvermögen so innewohnen*. Das Video findet sich am Ende des Textes]

Das Fernsehen war bei mir, damit ich mich im Rahmen eines Berichtes zum Thema Homöopathie und Ebola äußere. Mittlerweile ist der Bericht veröffentlicht und ich konnte am eigenen Leib erfahren, wie Journalismus funktioniert (oder funktionieren kann). Doch von Anfang an.

Vermittelt durch die GWUP, traten ein Journalist vom MDR und ich in Kontakt. Er hatte einen Bericht geplant, in dem es um die Behandlung von an Ebola erkrankten Patienten durch eine Gruppe von Homöopathen gehen sollte. Der Journalist fand das nicht gut, ich fand das nicht gut. Wir machten einen Termin und ich wurde interviewt. Oder besser, eine gepimpte Version von mir.

Im Vorfeld wurde mir freundlich aber unmissverständlich nahegelegt, ein Sakko zu tragen. Ich trage nie ein Sakko. Außer ich will einen Job oder es nicht zu tun, würde Menschen vor den Kopf stoßen (Hochzeiten, Beerdigungen und so Sachen). In diesem Fall sollte das Sakko, so der Interviewer, dazu dienen, meinem Auftreten  (mehr?) Seriosität zu verleihen. Mein Einwand, dass die Seriosität durch meine Aussagen belegt werden sollte, wurde mit einer postulierten Erwartungshaltung der Zuschauer abgewiesen. So jemand wie ich, Dr. med., Arzt und Experte für Quatschmedizin trägt halt Sakko. Nach dem Motto: ‚Wer ein Sakko trägt, dem wird alles geglaubt‘. Da fühlt sich das Publikum sicher ernst genommen. Das Interview gab ich im Sakko und (!), auch auf expliziten Wunsch, blauem Hemd. Ich war so seriös, ich hätte mir selbst einen Bausparvertrag abgekauft. Und ich will gar keine Bausparvertrag. Die Homöopathin durfte bunte Tücher tragen 🙂 

Die meiste Zeit ging es in dem Interview um Homöopathen, Homöopathie, Infektionskrankheiten und Ebola. Alles Themen zu denen ich mir, im Kontext „Alternativmedizin“, qualifizierte (und seriöse) Aussagen zutraue. Ich habe durchaus ein paar knackige Aussagen zu gemacht, die hübsche Interviewsequenzen ergeben hätten (schreibt der Journalismuslaie). Zum Ende des Interviews wurde mir die Frage nach der Berechtigung der Gemeinnützigkeit des Vereins gestellt (Ich denke, es ging um „Homöopathen ohne Grenzen“, dem Veranstalter der Scherzaktion, Homöopathen nach Liberia zu schicken). Meine Antwort lautete ungefähr, dass Vereinsrecht nicht mein Fachgebiet sei und es Vereine gäbe, bei denen ich eine Gemeinnützigkeit weniger angemessen fände. Ob es nicht problematisch sei, dass Steuergelder dafür verbraucht würden? Auch hier gab ich an, dass das für mich nicht das primäre Problem sei und es relevantere Problemfelder der Steuerverschwendung gäbe. Trotz meiner Stellungnahme wurde ich jedoch einer (journalistischen?) Technik unterzogen, die mich dazu brachte, irgendwann eine Antwort zu geben, die den Herren zufriedenstellte. Mir wurde wiederholt die fast gleiche Frage stellen.

Dass er bereits eine Geschichte im Kopf hatte, die weniger von den wissenschaftlichen und medizinischen Schwierigkeiten rund um Homöopathie handeln sollte, hätte ich zu dem Zeitpunkt bereits ahnen können. Interessant war in der Situation auch, mich selbst zu beobachten. Denn meine letztendliche Antwort war ein Kompromiss zwischen meiner Einstellung  und dem Wunsch, dem Interviewer gegenüber nicht unhöflich zu sein. Im Vorfeld hatte er geschickt (?) eine Beziehung aufgebaut. Diese war zu dem Zeitpunkt stabil genug, damit ich ihm nicht gesagt habe, wenn ihm meine Antwort nicht gefällt, soll er jemanden anderen fragen. Ich habe mich letztlich dazu hinreißen lassen, zu sagen, dass ich eine Gemeinnützigkeit für gerechtfertigt halten würde, wenn der Zweck des Vereins eine medizinhistorische Betrachtung der Homöopathie sei, jedoch nicht, wenn es um die Verbreitung der Homöopathie als medizinische Behandlung gehe. Der allerletzte Teil hat es dann ins Video geschafft. Also die Aussage zu der ich am wenigsten qualifiziert war.

Mir ist klar, dass ein Journalist auch immer eine Geschichte erzählt, frage mich jedoch, ob hier dem Narrativ die Glaubwürdigkeit (vielleicht sogar meine?) geopfert wurde. Hätte man mir im Vorfeld gesagt, dass es um die Frage der Gemeinnützigkeit ginge, hätte ich an jemanden anders verwiesen. Im Bericht werde ich genutzt, etwas zu einem Thema zu sagen, zu dem jeder andere auf der Straße ebenso seriös eine Aussage hätte treffen können. Wahrscheinlich sollte ich deswegen ein Sakko tragen.

Der Bericht

*Irgendwo muss es Filmmaterial geben, das meine Erinnerung validieren oder widerlegen kann
Weiterlesen:

Für eine Hand voll Globuli: Im Rahmen des „Science-Cafe“ zum Thema Homöopathie durfte ich den Honorarkonsul von Liberia kennenlernen. Dieser hatte den homöopathischen Ausflug vermittelt.

Sterbehilfe und Optimierung

Jakob Augstein hat sich in seiner Spiegelkolumne gegen Sterbehilfe ausgesprochen. Und zwar, wenn ich das richtig verstanden habe, kategorischer als das bis jetzt Fall ist. Dabei ist er der Ansicht, Sterbehilfe resultiere aus dem Bestreben der Gesellschaft überall für mehr Optimierung und Effizienz zu sorgen. Das ist sozusagen seine Grundannahme und aus dieser heraus ist er gegen die Sterbehilfe, weil er der Ansicht ist, den Tod solle man doch bitte in Ruhe lassen. Das hieße also Lebenspflicht als antikapitalistisches Mahnmal. Herr Augstein spielt damit nur eine Ideologie gegen eine andere aus. Vergessen werden dabei die Menschen und die Realität des Sterbens ignoriert.

Augstein spricht von der Würde des Sterbens und nennt als Beispiel Papst Johannes Paul II. Dessen Entscheidung des öffentlichen Sterbens als Individuum respektiere ich, auch wenn ich persönlich mir würdigere Möglichkeiten des Abschieds hätte vorstellen können. Auch darf man nicht vergessen, dass Johannes Paul II. mit seinem öffentlichen Leiden ein Ausrufezeichen hinter seine Amtszeit gesetzt hat. Während dieser hat er Agnes Gonxha Bojaxhiu, besser bekannt als Mutter Teresa, einer Ikone des Leidens eine Bühne geliefert und sie unterstützt wo er nur konnte. Agnes Gonxha Bojaxhiu hat, im Gegensatz zur öffentlichen Wahrnehmung, Armut und Leid nicht bekämpft sondern gepflegt, weil sie der Ansicht war, damit Jesus einen Dienst zu erweisen, der ja auch für uns und für alle gelitten hat, zur Vergebung der Sünden. In den  „Krankenhäusern“ der „Missionarinnen der Nächstenliebe“ wurden Kranken zum Teil einfachste und Lebensrettende Behandlungen verweigert, die hygienischen Bedingungen waren schlecht und Menschen wurden teilweise gegen ihren Willen getauft. Eines Tages kam Mutter Teresa zu einer an Krebs erkrankten Frau, die starke Schmerzen hatte und sagte zu ihr: „Die furchtbaren Schmerzen die hast, sind nur der Kuss Jesu. Du bist so Nahe bei ihm am Kreuz, dass er Dich küssen kann.“ Die Frau antwortete darauf: „Bitte sag Jesus, er soll aufhören mich zu küssen“. 

Agnes Gonxha Bojaxhiu zweifelte jedoch an ihrem Glauben und an Gott, was sie in Briefen zum Ausdruck brachte. Briefe die auch den Vatikan erreichten. Man kann davon ausgehen, dass der von Augstein als Beispiel für würdiges Sterben angepriesene Papst, dieses als Glaubensbekenntnis zelebrierte. Damit hätten wir die dritte Ideologie, die in den Text hineinspielt. Aber noch nicht ein Wort über die Wirklichkeit, die Realität des Sterbens und der Sterbehilfe.

„Der Tod auf Bestellung ist kein Gewinn an Freiheit“

Augstein äußert sich nicht zur Frage, ob er auch gegen palliative Therapien ist, die das Sterben beschleunigen können. So kann Patienten mit Atemnot Morphin gegeben werden, damit sie weniger darunter leiden. Das führt aber auch dazu dass sie weniger atmen und damit früher sterben. Es gibt Patienten die keine Therapie wünschen, was ihr Sterben beschleunigt (mein Vater war so ein Patient).

Eine wichtige Frage stellt Augstein dennoch, vermischt dabei nur leider mehrere Ebenen:

„Wer schützt Alte und Kranke vor dem äußeren – oder inneren – Druck, die anderen und sich selbst von der Last und den Lasten des eigenen Leids zu befreien?“

Richtig und Essentiell ist, dass Menschen davor geschützt werden müssen, aus falsch verstandenem Altruismus aus dem Leben zu scheiden. Hier müssen wir eine gesellschaftliche Debatte führen und an dieser Stelle kommt der von Augstein erwähnte Drang zu mehr Effizienz und Optimierung ins Spiel. Denn wenn wir Menschen vermitteln, sie seien nichts mehr Wert, weil sie nichts mehr „leisten“ ist das ein Problem, was über die Sterbehilfe weit hinausgeht. Sich selbst von „den Lasten des eigenen Leidens zu befreien“ ist jedoch eine Frage von Autonomie. Zur Autonomie gehört natürlich, die Wahl zu haben: Best mögliche palliative Behandlung oder selbst (!) gewählter Freitod. Unser Bild von „Selbstmord“ ist immer noch einer christlichen Kultur, die Leben UND Leiden zur Pflicht macht, geprägt. Einen Ausweg darf nur Gott bieten.

Etwas, was ins Hintertreffen gelangt, ist das Problem, dass mit einem Verbot „der Sterbehilfe“, auch bei besserer Palliativversorgung“, nicht der Wunsch von schwer kranken Menschen aus der Welt geschafft wird, sterben zu wollen. Was ist, wenn sich immer mehr Menschen entscheiden zu einem Zeitpunkt aus dem Leben zu scheiden, an dem sie selbst noch die Entscheidung treffen und Durchführen können, aus Angst, diese Möglichkeit später nicht mehr zu haben? Das klingt auch nicht nach einem Zugewinn an Freiheit.

Dem 'Wahnsinn' verfallen?

Der neue Skeptiker ist da. Das freut mich immer sehr, ich lese den Skeptiker gern. Um so mehr ärgert es mich, wenn wieder ein psychopathologisierender Begriff in der Besprechung von Pseudomedizin genutzt wird.

Titel Skeptiker 3/2014

Titel Skeptiker 3/2014

Natürlich wird „Wahnsinn“ heute selten im eigentlichen Wortsinn genutzt, doch die Implikation ist, dass es sich um etwas Krankhaftes handelt. Und im Zusammenhang mit Globuli ist nicht gemeint, dass die Anwender sich „krank fühlen“. Die Praxis der Homöopathie wird, mithilfe eines abwertenden Begriffs, in die Nähe eine Geisteskrankheit gerückt. Das wird zum Einen Menschen nicht gerecht, die sich durch eine homöopathische Behandlung Hilfe versprechen. Zum Anderen sorgt es (mit) dafür, dass Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen weiterhin nicht so offen mit ihrer Erkrankung umgehen können, wie z.B. Menschen mit Diabetes Mellitus.

Homöopathie eine spezifische Wirkung zuzusprechen ist natürlich definitiv Unsinn, hat jedoch ebenfalls definitiv nichts mit Wahnsinn zu tun. Menschen die Globuli einnehmen und deren Umwelt, können eine Heilung erleben und diese Kausal der Homöopathie zuschreiben. Damit geht für diese Menschen UND deren Umwelt eine wahrnehmbare und (je nach Erkrankung mehr oder weniger)  objektivierbare Veränderung von den Globuli aus. Wahn ist jedoch als „objektiv falsche, mit der Realität nicht vereinbarende Überzeugung“ definiert. Die Veränderung des Zustandes der Anwender ist, das bestreiten auch KritikerInnen nicht, real. Die Veränderung ist jedoch nicht auf eine spezifische Wirkung der Globuli zurückzuführen, möglicherweise jedoch auf eine unspezifische („Placebo-Effekte“). „Wahn“ als Erklärungsmodell ist in jedem Fall fehl am Platz.

Dass man Korrelation mit Kausalität verwechselt und nicht jedes Erleben mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen abgleicht, ist menschlich und in der Regel nicht wahnhaft. Zumindest finde ich nichts davon in der ICD-10. Wenn wir die Nutzung von Homöopathie mit „Wahnsinn“ in Verbindung bringen, sollten wir uns vorher überlegen, auf wie viele Dinge dieselben Kriterien ebenfalls zutreffen, vielleicht sogar die eine oder andere von uns selbst liebgewonnene Überzeugung.

Dr. Aust mache ich in diesem Fall am wenigsten verantwortlich. Er selbst gibt an, sein medizinisches Wissen aus der Wikipedia zu haben und macht das Feld seiner Expertise transparent. Und im Gespräch immer auf trennscharfe Formulierungen zu achten, würde ich von niemandem verlangen, ich kann das selbst nicht. Aber das Interview ist gedruckt worden, da hätte also die Möglichkeit bestanden, dass „Wahn“ gegen ein „Un“ auszutauschen und der Satz wäre eine Punktlandung gewesen. So ist er für mich ein Ärgernis. Noch dazu, weil er auf der Titelseite gelandet ist, dabei hätte das Interview, welches ich sehr gerne gelesen habe, anderes hergegeben.

Ich weiß, dass man Leser dazu bekommen muss, Texte zu lesen und dafür passende Überschriften findet. Aber es sollte doch einen Weg geben, sich dabei nicht der Methoden zu bedienen, die „wir“ in der „unskeptischen“ Presse kritisieren, wenn es um wissenschaftliche Themen geht. Dr. Aust selbst erzählt sehr empathisch von seinen Bekannten, die, in der vergeblichen Hoffnung auf spezifische Wirkung, Globuli schlucken. Warum muss durch den „Wahnsinn mit Methode“ Othering betrieben werden? Wenn meine skeptischen MitstreiterInnen auf solche Feinheiten in Zukunft mehr achteten, würde mich das wirklich wahnsinnig freuen.

[Edit 14.09.2014 18 Uhr: Nach dem Hinweis von Bernd Harder habe ich den Satz: „Impliziert wird eine Geisteskrankheit, die durch den abwertenden Begriff auch gleich in ein passendes Licht gerückt wird.“ verändert.]

Publikumsbeschimpfung im Ärzteblatt

Es ist betrüblich, wenn Mitglieder eines Berufsstandes nicht wenigstens ausreichend Selbstachtung zeigen und davon absehen sich selbst und die KollegInnen zu beschimpfen. So geschehen, wieder mal, im Ärzteblatt. Eine Kollegin berichtete dort über die Reportage des Stern zu „Alternativ“medizinisch arbeitenden ÄrztInnen und HeilpraktikerInnen. Kurz, darin wurde aufgedeckt, dass es  unter Umständen eine unkluge und möglicherweise tödliche Entscheidung ist, sich mit einer Krebserkrankung an VertreterInnen „alternativer“ Heilverfahren zu wenden (ich würde sagen, dass es immer unklug ist). Der Titel ist lautet passend: „Gefährliche Heiler“.

Nun ist es schön, wenn im Ärzteblatt dieser dunkle Teil der Medizin einmal ausgeleuchtet wird, damit auch die Apologeten der „schadet ja nicht“-Alternativmedizin, sehen: tut sie doch. Dabei wirkt das Gift, welches aus diesem Bereich langsam in die akademische Medizin gelangt, subtil. Es schläfert ein, macht müde, unaufmerksam und am Ende fast wehrlos. Einem unsäglichen Artikel zum Thema Ayurveda vor einigen Monaten hatte ich die Ehre eines Leserbriefes erwiesen („Ich bin so empört, ich schreiben einen Leserbrief. EINEN LESERBRIEF!“).

Nicht so schön ist die inflationäre Nutzung des Begriffes der „Schulmedizin“ in dem Artikel. Es gibt keine Schulmedizin. Es gibt Medizin die wirkt und Medizin die nicht wirkt und damit keine Medizin ist und kein Etikett benötigt. Das Ganze ist insofern ärgerlich, als das der Begriff „Schulmedizin“ eindeutig abwertend gemeint war, als er eingeführt wurde. Hahnemann, der Erfinder der Homöopathie sprach von jeglicher Medizin, die nicht Homöopathie und zu seiner Lebzeit stark verbreitet war, von Allopathie oder „Medizin alter Schule“.  Der Begriff Schulmedizin wurde Ende des 19. Jahrhunderts erfunden.

Wiederum war es ein homöopathischer Arzt, der hier wortschöpferisch tätig wurde. Dr. Franz Fischer aus Weingarten, ein regelmäßiger Mitarbeiter der Laienzeitschrift Homöopathische Monatsblätter, war offenkundig der erste, der Mitte der 1870er Jahre den Begriff „Schulmedizin“ in die Diskussion einführte. Populär wurde der Begriff aber in homöopathischen Kreisen erst Anfang der 1880er Jahre, und zwar aufgrund des großen publizistischen Einsatzes eines Stettiner Laienhomöopathen mit Namen H. Milbrot.Quelle (PDF!)

Wer „Schulmedizin“ sagt, transportiert damit immer auch eine bestimmte Botschaft. Und die ist in der Regel abwertend, wenn nicht vom Sender selbst (weil man ja „Schulmediziner“ ist), dann von denen, von denen man sich in dem Moment abgrenzt. Diese Abgrenzung ist nicht notwendig und sie wertet die „Alternativ“medizin unnötig auf. Wenn mein Nachbar von „Schulmedizin“ spricht, soll er das von mir aus machen. Aber im Organ einer ärztlichen  Standesorganisation hat dieser Begriff ohne Anführungszeichen nichts verloren.

Vielleicht schafft man es beim Ärzteblatt ja nicht, auf solche Dinge zu achten, weil dort Alternativredakteure arbeiten und Alternativjournalismus betreiben. Da wünsche ich mir doch ein paar Journalisten alter Schule, die den Laden mal aufräumen.

Das Schlusswort gebe ich Johannes Köbberling, u.a. Mitglied der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft:

„Das Operieren mit falschen Begriffen beginnt bereits damit, daß die eigentliche Medizin als „Schulmedizin“ bezeichnet wird. Wohlwollend könnte man den Begriff so interpretieren, daß dies die Medizin ist, die an den Hochschulen gelehrt wird. Der Begriff wurde aber bereits von Hahnemann verwandt, um die zu seiner Zeit etablierte Medizin abzuqualifizieren, übrigens nicht ganz zu Unrecht. Schule war in diesem Zusammenhang als starres, unflexibles System gemeint, das in festen Denkstrukturen verhaftet und unfähig zu Innovationen ist. Es entstand die Assoziation zwischen Schulmedizin und verstaubter, verkrusteter akademischer Medizin, die weit weg von der Wirklichkeit des kranken Menschen ist, weniger an Wahrheitsfindung interessiert als an Deutung, Systematisierung und Verteidigung ihrer eigenen Wahrheitten. Auf diese Weise gelingt es leicht, die wissenschaftliche Medizin als ideologisch geprägt herabzusetzen und verächtlich zu machen. Der Begriff Schulmedizin besagt also genau das Gegenteil von dem, was ausgedrückt werden müßte, denn die wissenschaftliche Medizin vertritt ja gerade nicht ein geschlossenes System, sondern ist dadurch gekennzeichnet, daß sie sich kontinuierlich in Frage stellt. Ich habe mir deshalb angewöhnt, den Begriff Schulmedizin konsequent zu vermeiden und von Medizin schlechthin zu sprechen bzw. von wissenschaftlicher Medizin, wenn die Abgrenzung zur unwissenschaftlichen Medizin oder Paramedizin beabsichtigt ist.“

Empörung ist kein Argument II – Mehr tote Löwen

Die Welt ist kompliziert und es ist wohltuend hier und da mal eindeutig Position beziehen zu können. So ergießt sich aktuell eine Welle der Empörung über eine junge Frau Namens Kendall Jones. Wie bereits eine Journalisten vor ihr, hat sie es sich zur Gewohnheit gemacht, ihr Social-Media-Profil mit Fotos der von ihr erlegten Großsäuger zu schmücken. Abgesehen von den leblosen Überresten diverser Spezies ist auf den Bildern auch die junge Dame selbst zu sehen. Meist lächelnd, immer mit ihrem Tötungswerkzeug. Das gefällt nicht allen. Und so hat die Gruppe der Netzempörten zur ihrer schärfsten Waffe gegriffen und eine Online-Petition gestartet.

Diese richtet sich nicht gegen die Jagd wilder Tieren. Sie richtet sich auch nicht gegen die Politik von Staaten, die damit Geld verdienen. In ihr wird gefordert, Jones mögen ihre Facebookprivilegien entzogen bekommen. Virtueller Stubenarrest! Denn, wenn ich es nicht in meiner „Chronik“ sehe, passiert es auch nicht: gefällt mir.

Nun kann man dazu stehen wie man will, ob Menschen ihre Jagdtrophäen in der Öffentlichkeit präsentieren dürfen sollten. Insbesondere wenn man bedenkt, dass stillende Mütter deutlich größere Probleme habe, die erfolgreiche Jagd ihrer Säuglinge auf Facebook zu zeigen. Die Frage ist doch, ob das, was da abgelichtet wird, tatsächlich so empörenswert ist. Und wenn, dann welcher Teil davon?

Große Teile dieses Planeten wurde von Menschen soweit verändert, dass sie für ihn gute Bedingungen schaffen. Das hat dazu geführt, dass Gebiete in denen Tiere unbehelligt von ihm leben können relativ klein sind. Und oft umzäunt. Und so gibt es in einige Staaten des afrikanischen Kontinents Reservate für Wildtiere, die groß genug sind, um dort fast natürliche Bedingungen zu schaffen, aber nicht groß genug um die Populationen sich selbst zu überlassen. Also muss der Mensch eingreifen. Vor allem alte Tiere werden geschossen. Wenn ein Löwenrudel von einem jungen Löwen „übernommen“ wird, ergeht es dem alten Alphamännchen schlecht. Wir können uns alle unserer Naturromantik hingeben aber letztlich wird dem Tier in dem Fall leid erspart.

Aprops leid erspart. Ich hoffe, alle die sich so empören sind ebenso reflektiert, wenn sie sich Grillgut im Supermarkt kaufen. Oder das nächste Smartphone.

Ein Nashorn, mit welchem Jones sich ebenfalls hatte ablichten lassen war offensichtlich nicht tot, sondern für eine tierärztliche Behandlung und Markierung betäubt. So steht es im Text zum Bild, welchen viele der Empörten scheinbar nicht gelesen haben. Viele der anderen glauben es einfach nicht. Denn es würde nicht ins Bild passen. Die „Killerin“ soviel prächtiger Tiere, kann nur aus kaltblütigen, egoistischen Motiven handeln, was denn sonst. Dass die Familie wohlhabend zu sein scheint, passt da bestens ins Bild. Othering vom feinsten.

Wenn man wenigstens etwas zur Thematik recherchiert (das Meiste was zu dem Thema gebracht wird, stammt von Kendalls Facebook-Seite), stellt man fest, dass das Thema komplexer ist, als „Die knallt Löwen ab!“. Ökonomische, ökologische und politische Faktoren spielen dort hinein. Und die philosophischen sind auch nicht ohne.

So unappetitlich das Posieren mit toten Jagdtrophäen sein mag, so ekelerregend ist die Reaktion einiger Mitprimaten auf diese Bilder. Kendall Jones hat Morddrohungen erhalten. Dagegen ist das „unterzeichnen“ einer Petition dann doch die bessere Wahl. So, jetzt habe ich mich aber genug empört.

 

Mehr?

Empörung ist kein Argument – auch nicht bei abgeknallten Löwen.

Wenn die Zahnfee zweimal klingelt.

Dr. Johannes ist Arzt in Weiterbildung in Hamburg, hatten einen ziemlich beeindruckenden Lebenslauf und ist ein Workaholic. Letzteres ist meine Vermutung, wenn ich mir seine Produktion an Tweets und Videos anschaue. Ich schaffe es gar nicht alle Videos zu schauen, die er dreht. Letztens ab doch und das unter anderem auch, weil ich ob des Titels etwas skeptisch war:

Warum immer im Urlaub krank?

Darin versucht Dr. Johannes zu erklären, woran es liegt, dass man ständig vor dem Urlaub krank wird. Wen die Erklärung interessiert, sei auf das Video verwiesen (Spoiler: Immunsystem). Als Beleg, dass dieses Phänomen existiert erwähnt er auch den Begriff „Leisure Sickness“ aus dem englischsprachigen Raum. Dazu später. Nun gibt es ja viele Hypothesen zum Zusammenhang zwischen Psyche und Immunsystem. Eine nannte der Hohepriester der Vulgärpsychosomatik Rüdiger Dahlke (auch Arzt) auf seinem von mir besuchten Vortrag: „Wer (frisch) verliebt ist, wird nicht krank.“ Alle nicken. Ich auch, bis ich a) Medizin studierte und b) frisch verliebt einen fetten Schnupfen bekam. Das war wohl die Ausnahme von der Regel?

Eher nicht, ein Schnupfen ist eine Infektionskrankheit und ein Virus kümmert es nicht, ob ich verliebt bin oder nicht. Und meine Immunsystem bildet nicht extra Antikörper, nur weil ich verliebt bin (nur die durch den Austausch von Körperflüssigkeit bedingten). Alles in allem, klingt das also eher unplausibel.

Bevor ich untersuche, wie ein Phänomen entsteht, muss ich erst mal feststellen, ob es das Phänomen überhaupt gibt. Alles andere ist „Toothfairyscience„. Also habe ich Google Scholar angeschmissen und nach „Leisure Sickness“ gesucht. Viel gab es nicht, einigermaßen aktuell schien mir: „Leisure Sickness“ von Vingerhoets et. al, 2002 veröffentlicht in „Psychotherapy and Psychosomatics“. Ca. 3% (1) gaben an (2), sich am Wochenende und im Urlaub häufiger krank zu fühlen (3) als in der Woche.

(1) 3% erscheint mir nicht sehr viel, wenn man sich überlegt, dass Wochenende und Urlaub zusammen ca, 30% des Jahres ausmachen. Wenn man davon ausgeht, dass an jedem Tag die Wahrscheinlichkeit krank zu werden ungefähr gleich ist, ist es nicht anders zu erwarten, dass einige Menschen durch Zufall an arbeitsfreien Tagen eher krank werden, als an Arbeitstagen. Die Frage ist, ob das ein Statistisch signifikanter Unterschied ist? Dazu kann ich nichts finden und bin selbst leider nicht bewandert genug, um das auszurechnen 🙂

(2) Die Personen wurden retrospektiv befragt, ob sie sich krank gefühlt hätten. Es ist nicht unplausibel, dass ein Kopfschmerz, den man beim arbeiten gut ignorieren kann, einem das Wochenende „versaut“. Tendenziell wird man sich dann eher an das versaute Wochenende erinnern als an die Arbeit. „Confirmation Bias“ nennt man das auch.

(3) Sie gaben eine ganze Reihe von Symptomen und Krankheiten an, die meisten ziemlich unspezifisch.: Kopfschmerzen, Schwäche, Muskelschmerzen, Mangel an Energie, Übelkeit, Rückenprobleme. Das sind ziemlich alltägliche Symptome. Die Frage wäre auch, ob man schon als „krank“ gilt, wenn man eines dieser Symptome hat. Das Problem ist, dass jeder sich ab einem unterschiedlichen Grad „krank“ fühlt. Das müsste erst mal definiert werden. Dazu schreiben die Autoren aber nichts.

Bevor wir das Problem besprechen, warum man „immer“ vor dem Urlaub krank wird, sollten wir erst mal herausfinden, ob das überhaupt stimmt. Aber solche Mythen (ich traue mich jetzt mal, das so zu nennen) sind sehr langlebig. In jeder Notaufnahme/Geburtsabteilung wird man Personal finden, welches davon überzeugt ist, bei Vollmond sei das Patientenaufkommen höher, obwohl das nicht so ist (und es leicht zu überprüfen wäre :-))

Das alles ändert nichts daran, dass die Hinweise zur Stressreduktion am Video sicher nicht die schlechtesten sind.