Neue Heilmethode

ICH habe soeben eine neue Heilmethode empfangen! Hier habt Ihr zuerst von ihr gehört*. Es ist die

Astrohydroradionik

Man benötigt das Sternbild des Patienten. Mithilfe eines Teleskops wird ein Stern fokussiert, der sich im Sternzeichen des jeweiligen Patienten befindet. Je nach Symptom wird der richtige Stern vorher per Pendel bestimmt. Dazu können Patienten im Fachhandel zertifizierte Pendelsets erwerben, so dass eine Selbstbehandlung problemlos möglich ist. Das Licht des Sterns wird mit dem Teleskop gebündelt und durch einen Photonenpotenzierer geschickt. Dann wird mit der Energie des Sterns eine kleine Menge Wasser bestrahlt und die heilende Kraft auf das Wasser übertragen. Einige Behandler sagen das Wasser werde nicht bestrahlt, sondern „beschienen“, es gibt zwei Lager unter den Astrohydroradionikern.

Die Behandlungsergebnisse der Astrohydroradionik entsprechen übrigens denen der Homöopathie. Auch die Anwendungsbereiche zeigen erstaunliche Überschneidungen. Die Astrohydroradionik ist sanft, ganzheitlich und hat keine Nebenwirkungen. Sie bekämpft die Ursache der Erkrankung und unterdrückt nicht nur Symptome, wie es in der Schulmedizin so oft geschieht. Allerdings kann man die Mittel nicht patentieren, darum hat die Pharmaindustrie kein Interesse daran, dass das mir geschenkte Wissen in Umlauf kommt.

Obwohl das Verfahren mindestens so gut ist, wie die Homöopathie, wird es nicht anerkannt. Die Homöopathen wird ganz eindeutig bevorzugt. Somit werden Astrohydroradioniker und Astrohydroradionikerinnen in ihrer freien Berufswahl eingeschränkt. Daher fordert der, noch zu gründende Verband für Astrohydroradionik die Aufnahme der Methode in den Binnenkonsens oder dessen Abschaffung.

*Außer Ihr lest die Ruhrbarone, was ihr solltet, dann habt ihr es vielleicht Ruhrbaron Bartoschek zur Homöopathie schon gesehen.

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YiXue – Krebsbehandlung mit magischem Sport

Gestern war in Dresden das „Mutter-Erde-Festival“, veranstaltet durch die Lotus-Akademie e.V.

„Das Mutter Erde Festival entstand als eine Initiative zum Schutz der Erde und für ein friedliches und harmonisches Miteinander.“

Das klingt schon mal gut, irgendwie. Als weitere Motivation für das Festival gibt der Verein an:

„Das Festival und der Umzug „Ein liebendes Herz für die Mutter Erde“ bezwecken mehr als nur Toleranz und Akzeptanz für fremde Kulturen – sie sind ein interaktives Fest aller beteiligten Menschen mit unserer Lebensgrundlage, der Erde.“

Da haben die Organisatoren sich aber einiges vorgenommen für einen Samstagnachmittag in Dresden. Eein wenig harmonisches Miteinander könnte Dresden aktuell nicht schaden und Toleranz ist ebenfalls Mangelware.

Ob allerdings der Weg über das Mutter-Erde-Festival der Richtige ist? Auf der YiXue-Veranstaltungswebsite ist zu lesen, „wir“ seien „alle“ durch Schwingungen miteinander verbunden und irgendwie sei alles eins. Darum müssten wir in Harmonie mit Mutter Erde leben. Oder so. Belegt wird das mit dem Albert Einstein Zitat „Alles Leben ist Schwingung“, das von Abraham Lincoln übermittelt wurde.

Die YiXue-Akademie bietet, statt Hilfe für „Mutter-Erde“, doch wieder nur eine Art ideologisch aufgeladene Sportveranstaltung an. Ein besondere Form der QiGong wird gepriesen, um das Chi wieder in Ordnung zu bringen. Die kann man in Nossen, in der Nähe von Dresden praktizieren, im YiXue-Bildungszentrum. Erklärt, wie das nun mit „Mutter-Erde“ zusammenhängt wird leider nirgendwo. Vielleicht weil keine fragt. Wahrscheinlich sind es die „Schwingungen“. Am Informationsstand gibt es nur die üblichen Plattitüden über „Ganzheitlichkeit“, „Energie“, „Blockaden“ und so weiter.

Bereits im letzten Jahr schrieb „S.T.“ zu der Veranstaltung:

„Das ganze ist nämlich nichts anderes als eine Werbeveranstaltung für die Lotusakademie e.V., eine Sekte die sich dem „Großmeister Wei Ling Yi” verpflichtet fühlt.“

Die Geschichte mit der Sekte konnte ich nicht validieren. Wo die Reise jedoch hingehen soll und welche Zielgruppe YiXue anspricht, wird schnell klar, wenn man das „YiXue-Journal“ aufschlägt. Das wurde extra für die Veranstaltung gedruckt und angeblich mit Spenden finanziert.

Die Veranstaltung ist hervorragend geeignet, um starken Fremdscham hervorzurufen. So bei der „Zeremonie“ auf der Bühne, in deren Rahmen verschiedene Menschen bunte Synthetikbänder (die hat „Mutter-Erde“ besonders gerne) an einen kleinen Baum binden und Wünsche in Form von Phrasen ins Mikrophon flüstern („Frieden“, „Harmonie“ „Alles wird gut“). Auch schön ist die Tanzgruppe aus einem „Land, das gaaaanz weit weg ist, wo es warm ist und wo Elefanten leben“ (auf der Bühne anwesende Kinder wurde genötigt „Afrika“ zu sagen. Sie waren höflich genug, nicht darauf hinzuweisen, dass es sich um einen Kontinent handelt), deren Teilnehmer in Kleidung mit Leopardenfellmuster gekleidet waren und komische Kopfbedeckungen aus Federn trugen. So wie sich alte (und sehr junge) weiße Menschen „die Afrikaner“ halt so vorstellen. Höchste Verzückung rief bei mir der wiederholte Aufruf aus, sich gegen eine Spende Luftballons zu holen, die am Ende der Veranstaltung mit „Wünschen an Mutter-Erde“ fliegen gelassen wurde. Nichts drückt Respekt vor der Natur besser aus, als sie vollkommen unnötig mit einer, kaum abzubauenden, elastischen Substanz füllen, an der Lebewesen elendig zugrunde gehen wenn sie sie fressen.

Apropos, elendig zugrunde gehen. Im 4-Seitigen „YiXue“-Journal widmet man sich auf einer Seite der Behandlung von an Krebs erkrankten Patienten. Diesen bietet man in Nossen „YiXue-Kang Ai“-Seminare an, wobei es sich um „Energie-Regulierungsworkshops“ handelt. In der Einleitung steht, es gehe darum, die „schulmedizinische“ Behandlung zu „begleiten“. Der größte Teil der Seite wird jedoch dem Bericht einer Studentin gewidmet, die durch das Chi-Gedöns geheilt worden sei. Von Krebs. Das könne vorkommen, steht in der Einleitung, nur verlassen kann man sich nicht darauf, weil es „auch bei Kant Ai zur Ausnahme (gehöre)“. Man wundert sich, warum dem Auftreten so einer Ausnahme so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird?

„Anfangs hielt ich Kang Ai einfach für eine Chance, die Tumorerkrankung zu besiegen. Doch jetzt, wo ich gesund geworden bin, würde ich sagen, dass die Ursache für all unsere Leiden in der Seele liegt. Durch Praktizieren und Energieübertragungen von Wei Ling Yi kommen wir in unsere Kraft, damit wir mit uns selbst arbeiten können. Und so ist es für mich beides: Energietankstelle und auch harte aber wirklich unbezahlbar kostbare und nachhaltige Arbeit an sich selbst.“

Den Grund warum einige Menschen geheilt werden und andere nicht, liefert die geheilte Studentin gleich mit:

„Was passierte, war mehr, als ich je für möglich gehalten hätte: Nachdem ich bereits viele Male die kostbare Erfahrung machen durfte, in der Meditation der Seele von Wei Ling Yi zu begegnen, besuchte sie mich am 29. Mai 2013 erneut in der Meditation um 21 Uhr. Es war eine Begegnung, in der ich erkannte, dass die Ursachen meiner Krankheiten bei mir selbst lagen und in der ich den Entschluss fasste, gesund zu werden und die dafür nötige Energie und die dafür nötigen Informationen von Wei Ling Yi auch erhielt.“

Wer nicht gesund wird, erkennt nicht, dass man nur gesund werden wollen muss und erkennen, dass die Ursachen bei einem selbst liegen. Esoterischer Zynismus in seiner reinsten Form. Und das Schöne ist, man kann ihn für eine Kursgebühr von 199,- Euro am eigenen Leib erfahren. Oder man schreibt auf, dass man gesund werden will und lässt den Wunsch an einem Luftballon in den Himmel steigen. Das ist genauso sinnvoll aber deutlich billiger.

Für eine Hand voll Globuli

Nachdem ich zum Thema „Impfmythen“ bereits als „Experte“ beim Science-Cafe anwesend war, durfte ich nun auch zum Thema Homöopathie die Fahne des kritischen Denkens hochhalten. Die Veranstaltung hätte natürlich „Pseudoscience-Cafe“ heißen müssen aber dann wäre wohl niemand gekommen.

Ich hatte mich gut vorbereitet und eine Woche vorher begonnen, drei mal täglich fünf Globuli Coffea C30 zu nehmen. In Anlehnung an die 10^23 Aktionen, bei denen eine „Überdosis“ Homöopathie genommen wird, machte ich dies als homöopathischen Selbstversuch. Nach homöopathischem Verständnis handelte es sich dabei um eine Arzneimittelprüfung. Gesunde Personen nehmen Globuli, stellen fest, welche Symptome sie bekommen und sammeln diese. Daraus wird das Arzneimittelbild erstellt. Meine mutigen Vorgängerinnen und Vorgänger haben für Coffea C30 unter anderem „migräneartigen Kopfschmerz“, „Schlaflosigkeit“ und „Ohnmacht bei großer Freude“ herausgearbeitet. Es gibt aber auch Symptome wie „wird um 3 Uhr morgens Wach“, „trägt einen Hut“, „hat Angst vor dem nach Hause kommenden Ehemann“. Allerdings war von vornherein klar, dass bei mir nichts passieren würde, denn Hahnemann selbst forderte eine Offenheit der Methode gegenüber, um „Prüfling“ sein zu können. Ich war so offen, wie ich konnte aber nicht offen genug, wie es scheint. Denn obwohl ich nach vier Tagen die Dosis steigerte, auf drei mal drei Globuli und am letzten Tag gar auf drei mal ein Globuli, blieb jeglicher Effekt aus. Abgesehen davon, und hier sollten Homöopathen hellhörig werden, dass ich die letzten fünf Tage einen Ohrwurm hatte.

Im „Cafe“ selbst herrschte eine angenehme Atmosphäre. Nach dem Einführungsfilm sammelten sich schnell Menschen an meinem Tisch und diskutierten engagiert. Dabei hatte ich ein meiner Ansicht eher zugeneigtes Publikum, was für einen GWUPi wohl eher ungewöhnlich ist. Ein Herr zeigte sich jedoch sehr skeptisch ob meiner Skepsis (um nicht zu sagen, Ablehnung) und versuchte, seine Punkte loszuwerden. Wichtig war ihm, dass Homöopathie nur von Ärzten durchgeführt werden dürfe, da nur diese verantwortlich damit umgehen könnten. Das hieß für ihn auch, keine schweren Erkrankungen zu behandeln. Viele Fragen, zum Beispiel die Frage, wo eine „schwere Erkrankung“ anfängt, konnten in diesem Rahmen nicht ausreichend geklärt werden, weil sonst andere Gäste zu kurz gekommen wären.

Trotzdem habe ich gefragt, ob zum Beispiel Ebola eine schwere Erkrankung sei, was er bejahte, jedoch anfügte, Ebola sei auch „schulmedizinisch“ (von ihm ohne Anführungszeichen genutzt) nicht zu behandeln. Ich musste widersprechen, denn Ebola ist zwar nicht ursächlich zu behandeln, sehr wohl jedoch symptomatisch (was Homöopathen gar nicht mögen). Durch die „unterstützende Behandlung“ (etwas, was Homöopathen eigentlich für sich in Anspruch nehmen) kann die Sterblichkeit immerhin deutlich gesenkt werden. Ein Argument gegen komplementär zur Medizin eingesetzte Homöopathie bei Ebola sind die knappen Ressourcen vor Ort. Mit dem Geld für die Homöopathen, die kürzlich in Liberia waren, hätte man Besseres anfangen können, als Globuli zu verteilen…oder nicht zu verteilen.

Ich hatte den Herren nicht zufällig nach Ebola gefragt, denn während der Film (s.u.) lief, las ich den Namen der Ärztin, die als Expertin für Homöopathie eingeladen war. Denselben Namen hatte ich in einem Spiegel-Artikel gelesen, in dem es um die vier Homöopathen ging, die in Liberia waren, um Ebola-Patienten zu behandeln und denen dies von der Regierung verweigert wurde. Dabei handelte sich um die Frau des Honorarkonsuls von Liberia, der den Tripp organisiert und zu finanzieren geholfen hatte. Beide waren nun im Science-Cafe anwesend..

Ich denke, der Herr und ich führten ein, bedenkt man unsere Einstellungen, konstruktives Gespräch mit einigen Gemeinsamkeiten und vielen Differenzen. Nach der Veranstaltung trafen auch seine Frau und ich aufeinander und auch zwischen ihr und mir war ein Gespräch nicht nur möglich, sondern sogar erfreulich. Wobei wir die ganz heißen Eisen liegen ließen 🙂 An einer Vertiefung wäre ich dennoch einmal interessiert. Und sei der um der Erfahrung willen. Es wäre natürlich einfacher, Homöopathie zu kritisieren, wenn ihre Vertreter unsympathische Gesellen wären, aber man kann nicht alles haben im Leben.

Skurril empfand ich die Frage, ob „Skeptiker“ denn wirklich von der Pharmaindustrie finanziell unterstützt würden. Falls das so ist, dann nur in homöopathischen Dosen. Ich denke, ich konnte vermitteln, dass, dem kritischen Denken verpflichten Menschen egal ist, wer schlechte Wissenschaft macht. Durchgehen lassen wir das niemandem. Aber Pharmakritik ist nicht unser Kerngeschäft.

In dem Video mache ich einen Schnitzer, wer ihn findet, darf ihn behalten.

ADHS und Ginkgo biloba

Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist eine recht häufige Erkrankung bei Kindern. Es gibt evidenzbasierte pharmakologische Behandlungen, am Besten ist wahrscheinlich Methylphenidat (MPH) bekannt. MPH hat leider einen sehr schlechten Ruf, ist jedoch gut wirksam und ziemlich sicher. Es gibt daneben natürlich noch einen bunten Strauß „alternativer Therapiemethoden“ (Cam-Methoden), sowohl pharmakologische als auch andere. Einige werden noch erforscht, andere sind in ihrer Wirkung nicht be- viele auch schon widerlegt. Ich habe mich also nicht gewundert, als ich eine Studie las, in der die Wirkung von Ginkgo bei ADHS untersucht wurde. Gewundert habe ich mich über den Ort der Veröffentlichung, nämlich die Zeitschrift der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, dem offiziellen Organ eben dieser. In den Richtlinien der Zeitschrift kann man lesen, dass dort veröffentlichte Arbeiten neue wissenschaftliche Ergebnisse liefern sollten.

Die Studie heißt “Ginkgo biloba Extract EGb 761® in Children with ADHD“. EGb 761® ist Hauptinhaltsstoff von „Tebonin“ ®, einem Phytotherapeutikum, hergestellt von der „Dr. Wilma Schwabe GmbH“. Im Abstract kann man lesen:

“One possible treatment, at least for cognitive problems, might be the administration of Ginkgo biloba, though evidence is rare.This study tests the clinical efficacy of a Ginkgo biloba special extract (EGb 761®) (…) in children with ADHD (…).“

“Eine erfolgversprechende, bislang kaum untersuchte Möglichkeit zur Behandlung kognitiver Aspekte ist die Gabe von Ginkgo biloba. Ziel der vorliegenden Studie war die Prüfung klinischer Wirksamkeit (…) von Ginkgo biloba-Extrakt Egb 761® bei Kindern mit ADHS.“ (Aus der deutschen und englischen Version des Abstracts.)

Die Versuchsgruppe bestand aus 20 Teilnehmern(!), die kein MPH nehmen wollten oder es nicht vertragen hatten (“did not tolerate or were unwilling“). Die Tatsache, dass einige Teilnehmer MPH nicht nehmen wollten, finde ich problematisch. Ich denke, es ist ziemlich wahrscheinlich, dass eher die Eltern ihren Kindern kein MPH geben wollten, als das diese es nicht nehmen wollten (sonst hätten sie wahrscheinlich auch kein Ginkgo genommen). Unter diesen Bedingungen besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit für Selektionsfehler,  so dass Eltern, die alternativmedizinischen Methoden (CAM-Methoden) ohnehin positiv gegenüber stehen ausgewählt werden.

Die Autoren geben drei Hauptfragen Phytotherapie betreffend an, für deren Beantwortung empirische Belege benötigt werden. An erster Stelle stellen sie die Frage nach Nebenwirkungen, die ihrer Aussage nach in 1% der Fälle bei einigen CAM-Methoden auftreten (wobei CAM-Methoden nicht mit Phytotherpie gleichzusetzen sind!). Zweitens die Frage nach Arzneimittelinteraktionen und drittens die Frage, ob Eltern mit die behandelnden ÄrztInnen ihrer Kinder über benutzte CAM-Methoden informieren.

Ein großer Teil der Studie beschäftigt sich außerdem mit den Ergebnissen eines EEG-Protokolls. Den Teil habe ich ignoriert, weil die klinischen Ergebnisse so mäßig sind, dass die sekundären EEG-Ergebnisse wahrscheinlich unerheblich sind.

Bevor ich mich jedoch der Studie selbst widme, ist es wichtig, sich einmal anzuschauen, was über die Verwendung von Ginkgo bereits bekannt war. Ginkgo ist am besten bekannt für seinen Einsatz bei Demenz, kognitiven Einschränkungen und Tinnitus. Die Cochrane-Collaboration hat 2009 über die Einsatz im Rahmen dieser Erkrankungen geschrieben:

„Es gibt keine Überzeugenden Belege, dass Ginkgo biloba bei Demenz oder kognitiven Einschränkungen wirksam ist.“ (Übersetzung von mir)

“There is no convincing evidence that Ginkgo biloba is efficacious for dementia and cognitive impairment“ [1].

Die Autoren unserer Studie zitieren Sarris et al. (2011), ein systematisches Review von CAM-Methoden bei ADHS. Sarris et al. erwähnen darin Salehi et al. (2010), die Ginkgo gegen MPH testeten. MPH war deutlich besser als Ginkgo, aber Sarris et al. weisen darauf hin, dass Gingko seine volle Wirkung vielleicht erst nach mehr als 6 Wochen entfaltet (solange hatte die Studie gedauert). In der vorliegenden Studie wurde Ginkgo über 3-5 Wochen verabreicht.

Die oben genannten Informationen im Hinterkopf ist mir unklar, warum die Autoren von einer „möglichen“ (englischer Abstract „possible“), bzw von einem erfolgversprechenden Behandlungsansatz sprechen. Auch warum sie schreiben, Gingko sei kaum untersucht ist mir nicht klar.

In einer unverblindeten, unkontrollierten Studie, mit einer Versuchsgruppe, die wahrscheinlich durch einen Selektionsfehler verzerrt ist, wäre alles andere als ein positives Ergebnis merkwürdig. Bei der Behandlung von Autismus gibt es diverse Beispiel von unplausiblen Behandlungsansätzen, die wirksam erschienen, solange Eltern wussten, dass ihre Kinder die Therapie erhielten. Sie wurden jedoch unwirksam, sobald verblindet wurden (z.B. Sekretin).

Das Ziel der Studie war, die klinische Wirksamkeit zu testen. Doch die Zusammenfassung beginnt mit der Aussage, wie gut Ginkgo toleriert wurde. Die Wirkung wurde dann wie folgt beschrieben:

„Nach der Verabreichung von Ginkgo wurden Verbesserungen von miteinander zusammenhängenden Verhaltensskalen detektiert“ (Übersetzung von mir)

“Following administration, interrelated improvements on behavioral ratings of ADHD symptoms (…) were detected (…).“

Dabei ist vor allem interessant, wie diese Verbesserungen detektiert wurden. Die Autoren nutzten einen etablierten Fragebogen (FBB-HKS) um die Eltern das Verhalten ihrer Kinder einschätzen zu lassen. Nur die Eltern. Den Kindern oder Lehrern wurden keine FBB-HKS gegeben, obwohl das Standard in der ADHS-Diagnostik ist (und obwohl den Kindern Fragebögen zur Lebensqualität gegeben wurden, die, nebenbei, keine signifikante Veränderung zeigten).

Keine der eingangs gestellten Hauptfragen (Nebenwirkung, Medikamenteninteraktion, Information des Arztes) können mit der vorliegenden Studie beantwortet werden. Ich bin kein Statistikerxperte, aber es erscheint mir unwahrscheinlich, mit 20 Patienten die Frage nach Nebenwirkungen, die in 1% der Fälle auftreten sollen, sinnvoll beantworten zu können. Dennoch schreiben die Autoren, sie hätten Nebenwirkungen an „700 Beobachtungstagen“ mit einer Rate von 0,004% feststellen können.

Die Autoren schließen mit:

„Zusammenfassend bietet die vorliegende Studie einige vorläufige Evidenz, dass Gingko biloba EGb 761® kurzfristig gut toleriert zu werden scheint und eine klinisch nützliche Therapie bei ADHS sein könnte. Doppelt-verblindete randomisierte Studien werden benötigt um den Wert der vorliegenden Daten einschätzen zu können.“ (Übersetzung von mir)

“Taken together, the current study provides some preliminary evidence that Ginkgo biloba Egb 761® seems to be well tolerated in the short term and may be a clinically useful treatment for children with ADHD. Double-blind randomized trials are required to clarify the value of the presented data.“

Zieht man die oben erwähnten, im Prinzip bereits vor Beginn der Studie vorliegenden, Informationen in Betracht, könnte man mit diesem Schluss begonnen haben um gleich eine doppelt-verblindete randomisierte Studie durchzuführen.

„Klinische Signifikanz:
Die Trends dieser vorläufigen offenen Studie können suggerieren, dass Ginkgo biloba EGb 761® als komplementäre oder alternative Therapie für die Behandlung von Kindern mit ADHS in Erwägung gezogen werden könnte.“ (Übersetzung von mir)

“Clinical Significance
The trends of this preliminary open study may suggest that Ginkgo biloba Egb 761® might be considered as a complementary or alternative medicine for treating children with ADHD.“

Und? Warum ist mir das wichtig genug, um einen Text dazu zu verfassen, wenn vorläufige Evidenz „suggerieren könnte“, dass etwas als Behandlung „erwogen werden könnte“? Weil ich denke, dass diese Studie keine wichtige Frage beantwortet oder irgendeine nützliche Information liefert. Ich denke, den Richtlinien der Zeitschrift folgend, hätte die Studie gar nicht veröffentlicht werden dürfen. Außerdem halte ich die Studie für eine Stück „Bad Science“. Nicht nur wegen des Mangels an kritischem Denken, sondern auch, weil es ein weiteres Stück verwirrende Information ist, welches über die ADHS und ihre Behandlung durch das Netz geistert. Die Studie wurde im September veröffentlicht und im November habe ich eine Website gefunden, auf der diese Studie fälschlicherweise als „klinischer Beweis“ („clinical proof“) für die Wirksamkeit von Gingko bei der ADHS angeführt wurde. Warum das Unsinn ist, dürfen dann Kinder- und JugendpsychiaterInnen und PädiaterInnen Eltern von betroffenen Kindern ausführlich erklären, anstatt sich um die Probleme der Patienten zu kümmern.

Irgendwie habe ich das ungute Gefühl bei dieser Studien ging es eher um Marketing als um Wissenschaft. Ich frage mich, ob Schwabe auch helfen wird, die notwendige doppelt-verblindete randomisierte Studien zu finanzieren…

[Dieser Text ist eine Übersetzung des englischen Text, der zuerst auf dem Blog von Edzard Ernst veröffentlicht wurde. An dieser Stelle noch einmal vielen Dank für diese Möglichkeit!]

English version

[1] http://summaries.cochrane.org/CD003120/DEMENTIA_there-is-no-convincing-evidence-that-ginkgo-biloba-is-efficacious-for-dementia-and-cognitive-impairment#sthash.oqKFrSCC.dpuf

Hoffen, zahlen, sterben.

Eine Reportage von AlJazeera zeigt die Grenze Mexikos zu den USA in einem anderen Drogenkrieg. Ein Krieg, der vorgibt gegen Krebs geführt zu werden, jedoch letztlich vor allem um Geld geht. Das Geld der Kranken und Sterbenden.

In Mexiko gibt es eine blühende Industrie, die alternative Heilmethoden gegen Krebs anbietet. Vor allem Menschen, die mit konventionellen Methoden keine Chance auf Heilung haben, wenden sich an diese „Kliniken“. Deren Therapien sind wirkungslos im Besten, gefährlich im schlechtesten Fall. Eines sind sie immer: teuer. Behandelt wird gegen Bares.

Sarah Macdonald, die selbst eine Brustkebserkrankung und deren Behandlung hinter sich hat, ist nach Mexiko gefahren und hat sich die Kliniken, ihre Versprechungen und ihre Methoden genauer angesehen. Unterwegs sprach sie mit anderen, die in der Hoffnung auf Heilung dorthin gefahren sind. Dabei ist eine sehr einfühlsame Reportage entstanden. Die Motivation der einzelnen wird sehr deutlich und ist überaus verständlich.

This film came about because I wanted to find out more, to investigate these treatments and the clinics behind them. At first it seemed easy enough. The facilities promote their services through glossy brochures and online video testimonials, such as one from a woman called Lorraine Weaver, who describes how she reacted to suggestions for conventional medical treatment for lung cancer: „They said they were going to do chemo and radiation and I said I don’t think so. I walked out and called my niece and she said you go to Oasis of Hope … and I came down and I was cured and I thank God every day, don’t ever give up hope.“

Das Video [1] ist auf der Website von AlJaazera zu sehen und dauert 25min.

 

[1] http://www.aljazeera.com/programmes/peopleandpower/2012/01/2012111152415164558.html