Therapie durch Gewalt

Donald Trump liebt den Präsidenten der Philippinen, Rodrigo Duterte. Und PEGIDA liebt Donald Trump. Putin liebt sie alle und sich selbst. Die starken Männer von Heute sind begeistert voneinander. Bis sie sich in die Quere kommen, dann ist das Geheule wieder groß. Starke Männer machen alles mit Druck. Sie nutzen Durchsetzungskraft, Erziehung durch Härte, Verbote, Strafen. Alles was sie wollen, erwarten sie zu erhalten, wenn sie nur genug Gewalt anwenden. Verbale Gewalt, physische Gewalt, institutionelle Gewalt oder wirtschaftliche Gewalt. Hauptsache stark.

Irgendwann, als ich auf dem Theaterplatz in Dresden angerührt den exklusiven „Wir sin’ das Volk“-Rufen lauschte, habe ich mich gefragt was wohl passieren würde, wenn die AfD und PEGIDA die Macht erhalten würden, die sie anstreben. Zum Beispiel mit mir? Ich denke, in einem Staat der nach den Vorstellungen der neurechten Bewegungen organisiert wäre, gäbe es keinen Platz für Psychotherapie. Psychotherapie ist nichts für die starken Männer. Psychotherapie, beziehungsweise eine Veränderung in der Psychotherapie, kann man nicht herbeidrücken. Manchmal erreichen Menschen nicht einmal die gewünschte Veränderung, wenn sie wollen wollen. Schlimmer wäre für sie jedoch der Gedanke, dass in der Psychotherapie Dinge gesagt würden, von denen sie, die starken Männer, nichts wüssten.

Daran musste ich denken, als ich von den Philippinen las, wo Menschen mit einer Suchterkrankung die Wahl haben, eine Therapie zu machen oder umgebracht zu werden. Das, so würden die starken Männer meinen, sind hervorragende Voraussetzungen für eine erfolgreiche Therapie! Jemand, dem der Tod droht, wird sehr motiviert sein, mitzumachen, würden sie denken. Gewaltiger Druck für eine gewaltige Heilung. Dabei geht es bei einer Psychotherapie nicht nur darum, „mitzumachen“. Es geht darum, mitmachen zu wollen, um mitmachen zu können. Es geht darum, etwas Neues über sich zu lernen, sich zu verstehen, sich neu zu sehen, anders mit sich umzugehen. Dafür muss man sich mit sich beschäftigen mit sich und seinen oder ihren Emotionen.

Die Erwartung bei Nichterfolg unter Umständen sterben zu müssen, dürfte Angst hervorrufen. Wenn man Angst hat, ist es schwer, sich auf eine Therapie einzulassen. Angst ist ein dominantes Gefühl, mit der Tendenz, den Rest des emotionalen Erlebens in den Schatten zu stellen oder in ihrem Licht anzustrahlen. Wenn im außen der Tod droht, wird das Innen zur Nebensache. Das verstehen natürlich die starken Männer nicht, weil die denken man braucht nur genug Druck.

“Morde sind nicht die Lösung”, sagt Sikini Labastilla. Auf Facebook schreibt er: “Ich verstehe langsam, dass in jedem Süchtigen ein Schmerz festsitzt.” Beide Sätze klingen selbstverständlich. Auf den Philippinen sind sie in diesen Tagen revolutionär.

Was auf den Philippinen passiert, ist eine Erinnerung daran, wie dünn der Stoff ist, den wir Zivilisation nennen. Der Stoff, der uns von der Barbarei trennt, die die starken Männer so lieben, weil sie von der eigenen inneren Ödnis ablenkt.

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Sachsen hat einen Vogel

Früher dachte ich, die bei Demonstrationen für Sicherheit sorgenden BereitschaftspolizistInnen sähen martialisch aus. Und dann kam G20 in Hamburg. Von dort wurden, irgendwann am späten Abend, Bilder gesendet, die Spezialeinheiten zeigten. Mitten unter Demonstranten, Schaulustigen und Partyvolk. Daneben wirkten die behelmten KollegInnen der Bereitschaftspolizei harmlos, beinahe flauschig. In einigen Berichten wurde der Effekt des Auftretens deutlich: Niemand stellte sich einem der Herren (gibt es da auch Damen) mit den Gewehren in den Weg. Alle wussten, der „Spaß“ ist vorbei und ergaben sich. Spezialeinheiten schüchtern ein.

Am letzten Wochenende rief eine antifaschistische Initiative zu einer Demonstration in Wurzen auf. Ziel war es, die rassistischen Strukturen in Sachsen aufzuzeigen, für die exemplarisch die Situation in diesem Ort in Sachsen stehe. Es war eine Demonstration gegen die sächsischen Verhältnisse. Das mag man in Sachsen nicht, man möchte hier seine Ruhe haben. Darum blieben die ca. 400 Demonstrierenden auch weitgehend unter sich. Darum und weil Menschen die sich vor Ort gegen Rechtsextremismus engagieren Angst hatten, bei der Demo gesehen zu werden. Keine Angst hatten Rechtsradikale, die die Demonstration mit vulgären und antisemitischen Botschaften begleiten.

Begleitet wurde die Demonstration auch von der Polizei. Wenn antifaschistische Menschen in die sächsische Provinz reisen, ist nachvollziehbar, dass ausreichend Bereitschaftspolizei vor Ort sein muss. Dafür muss man den Demonstrierenden nicht unbedingt Gewaltbereitschaft unterstellen. Politische Lager trennen zu wollen, reicht als Erklärung aus. Die sächsische Polizeiführung entschied sich jedoch auch, die Menschen, die zur antifaschistischen Demo anreisten, vom sächsischen SEK begrüßen zu lassen. Die fadenscheinige Begründung des Pressesprechers dazu lautete:

„Dass das SEK im Einsatz ist, soll keine Provokation sein. Es ist eine Spezialeinheit, wie sie bei größeren Demos immer im Hintergrund im Einsatz sind – für den Fall, dass es eskaliert. Die Polizei geht von einem friedlichen Verlauf der Demonstration aus.“

Wenn etwas keine Provokation sein soll, sollte man auch vermeiden, dass es wie eine Provokation wirkt. Es ist ein Unterschied, ob eine Spezialeinheit im Hintergrund im Einsatz ist oder machtpornografisch zwischen zwei Wasserwerfern drapiert wird. Es macht auch einen Unterschied, ob jemand zum eigenen Schutz CS-Gas in der Tasche hat oder durch die Straße läuft, es jedem Menschen entgegenhält und ruft „Ich habe Reizgas, um mich zu schützen!“. Mir kann niemand erzählen, dass diese Spezialeinheit nicht der Einschüchterung dienen sollte. Der Einschüchterung von Menschen, die sich antifaschistisch engagieren.

Es ist ja nicht so, dass es sich hier um eine Ausnahme handelte. Die psychologische und juristische Repression demokratischen Engagements gehören in Sachsen zum guten Ton. In Dresden ist das seit den ersten Versammlungen von PEGIDA zu sehen. Das Verhalten der Versammlungsbehörde lässt vermuten, dass dort Sympathisanten für die besorgten Bürger hinter den Schreibtischen sitzen. Erinnert sei hier nochmal an das „Vollzugsdefizit“ gegenüber TeilnehmerInnen von PEGIDA. Damit ist zum Beispiel gemeint, dass in den Auflagen der Versammlung zwar Stangen über 1,5m länge nicht gestattet sind, die Teilnehmer jedoch zu dutzenden mit Teleskopstangen Dresden spazieren, unbehelligt von der Polizei. In Wurzen hingegen wurde die Mindestlänge (!) von 1,5m durchgesetzt. Die Demonstration durfte erst losgehen, als alle kürzeren Transparentbefestigungen weg waren. Man könnte von Schildbürgerstreichen ausgehen, wenn es sich nicht um sächsische Verhältnisse handeln würde.

In der Woche nach diesem erneuten Offenbarungseid der sächsischen Politik in Wurzen, wollte die Justiz in Dresden nicht nachstehen und stellte einen Prozeß zu einem rechtsextremen Übergriff im Jahr 2013 ein. Diesen hatte sie vorher wohl in guter Tradition verschleppt. Vermutlich hatte man einfach keine Zeit, weil der Versuch Tim H. doch noch zu verknacken zu viele Ressourcen benötigte?

Und wenn die Landesregierung (CDU/SPD) dafür sorgt, dass demokratisches Engagement im Keim erstickt und kriminalisiert wird, möchte die kommunale CDU, im Schulterschluss mit AfD und NPD, natürlich nicht nachstehen. Deswegen spricht sie sich gegen eine Initiative namens „Wir entfalten Demokratie.“ aus. Die Begründung der CDU lautete, die Initiative „ fokussiere nur gegen Rechtsextremismus.“ Es gibt Ortsverbände in Deutschland da würde das nicht nur ausreichen, sondern wäre Grund für Zustimmung. Dort handelt es sich um den demokratischen Arm der CDU.

Als kleine rassistisch-völkische Fingerübung durfte sich Sigmar Gabriel von AfD- und PEGIDA-Anhängern beschimpfen lassen, als er zu einem Termin im Ballhaus Watzke unterwegs war. Wem der Veranstaltungsort bekannt vorkommt, erinnert sich vielleicht an Höckes Reinszenierung der Sportpalastrede am selben Ort im Januar. Da waren die Pöbler allerdings drinnen.

Diese völkisch rassistische Kackscheiße macht mich mürbe. Und ich frage mich immer wieder: liegt es einfach an meiner Wahrnehmung? Verhält sich die Polizei Sachsen eigentlich neutral und ist nicht auf dem rechten Auge blind? Macht die Versammlungsbehörde Dresden Gegenprotest gegen PEGIDA nicht das Leben schwerer? Werden rechtsmotivierte Straftaten nicht weniger verfolgt und verurteilt als, vermeintlich, linksmotivierte Straftaten? Das frage ich mich und dann zeigt mir jemand einen Vogel. Plötzlich bin ich mir wieder sicherer, dass es stimmt.

Der Vogel war auf einem Aufnäher zu sehen, den einer der SEK-Beamten trug, die am Wochenende in Wurzen AntifaschistInnen einschüchtern sollten. Offenbar war dieser Aufnäher dem Träger so wichtig, dass er bereit war, gegen Vorschriften zu verstoßen. Private Aufnäher auf der Uniform sind nicht gestattet. Sonst wäre es ja eine Multiform. Odins Raben, einer davon war auf dem Aufnäher abgebildet, werden in der rechten Mythologie genutzt, und sind bei Neonazis beliebt. Sie haben vermutlich noch andere Bedeutungen, doch ich halte es für plausibel, dass der Beamte eben auf diese Bedeutung setzte. Sonst ergebe der Aufnäher keinen Sinn. Für ein wenig Schmuck ohne Ideologie dahinter verstößt niemand in dieser Form gegen Vorschriften. Dieser Beamte der sächsischen Polizei hat sich also sicher genug gefühlt, auf einer antifaschistischen Demonstration, für die er mit einer scharfen Waffe als Abschreckung diente, ein rechtsextremes Symbol an seiner Uniform anzubringen, womit er gegen Vorschriften verstieß. Er muss sich sicher genug gewesen sein, dass ihm von seinen Vorgesetzten der Polizei in Sachsen keine relevanten Konsequenzen drohen werden. Und so sicher wie er sich da ist, bin ich mir auch, denn wir beide kennen die sächsischen Verhältnisse.

PEGIDA und die schützende Hand

Obwohl ich seit einige Monaten selbst nicht mehr auf der Gegendemo war, verfolge ich das Geschehen medial regelmäßig mit. Über den routiniert ablaufenden Marsch der Besorgten in Dresden lohnt es sich nicht wirklich, Worte zu verlieren. Abgesehen von bewährter verbaler Eskalation und erneutem Streit im PEGIDA Führungsteam (diesmal mit Frau Festreling – der Lutz und seine Damen, was läuft da nur falsch?), handelt es sich um rassistische Routine in Dresden.

Aber manchmal gibt es schon Vorkommnisse, die schön vor Augen führen, wie dünn der demokratische Putz ist, in den sich Institutionen in Sachsen hüllen. Am Montag war wieder die Polizei Sachsen an der Reihe das zu zeigen.

Dem Marsch der Besorgten stellten sich auf der Prager Straße (eine breite Einkaufsstraße) 26 Personen entgegen und hielten ein Plakat hoch auf dem „Rassismus tötet“ zu lesen war. Die Polizei war sofort zur Stelle und setzte die Störer fest. Dabei gingen die Beamten gewohnt sächsisch, handfest vor.

Nun könnte man einwenden, auch die Besorgten hätten ein Recht auf Versammlung und Demonstration und die Aufgabe der Polizei bestünde darin, dieses Recht durchzusetzen. Und diesem Einwand würde ich, zähneknirschend, nicht widersprechen.
Nur ist es, man sieht es auf den Videos, nicht so, als hätten die 26 Menschen an dieser Stelle, in dieser Formation, den Marsch der PEGDIA aufhalten können. Die Demo wäre gut an den Menschen vorbei gekommen. Ob es also notwendig war, die Gegendemonstranten derart anzugehen, bezweifle ich stark.

Allerdings begnügete sich die Einsatzleitung nicht damit, die Protestierenden rabiat aus dem Weg räumen zu lassen. Sie hielt es auch für notwendig, sie „erkennungsdienstlich“ zu behandeln.

So wird jungen Menschen klar gemacht, dass ihr Protest nicht nur nicht erwünscht ist, sie werden aktiv eingeschüchtert. Die Polizei Sachsen macht sich durch ihr Verhalten zum Büttel der PEGIDA, zum Erfüllungsgehilfen einer faschistisch, völkischen Protestbewegung. Die Polizei Sachsen schützt nicht unserer Demokratie, sie schaufelt ihr Grab.

Ich übertreibe? Ja, das würde ich selbst auch denken, wenn ich diesen Text bis hierhin gelesen hätte. Das Verhalten der Einsatzkräfte, beschränkt auf diesen Fall mag meine Bewertung nicht rechtfertigen. Der Vergleich des Verhaltens der Kommunal- und Landesbehörden gegenüber den PEGIDA und dem bürgerlichen Gegenprotest hingegen schon.

Da ist zum Beispiel der Herr, der versucht, den 26 Protestierenden ihr Plakat zu entreißen. Dieser Herr konnte in aller Seelenruhe an den Polizeibeamten, die die Demonstranten festgesetzt hatten, vorbeimarschieren und nach dem Plakat greifen. Als das misslang, ging er ungehindert wieder zurück, träge beobachtet von den Ordnungshütern. Stellen wir uns einmal vor, ähnliches wäre durch jüngere Menschen aus „dem linken Spektrum“ passiert. In Dresden wurden junge Menschen wegen geringerer Vergehen schikaniert. Wir können die Reaktionen mit der Reaktion in diesem Video vergleichen (zugegeben, es handelt sich nich um die Polizei Sachsen und die beiden jungen Herren gehen energischer vor und sind erfolgreich…zumindest kurz).

Die Beispiele für das unterschiedliche Verhalten von Polizei Sachsen gegenüber den PEGIDA und deren Gegendemonstranten sind zahlreich. Im Herbst letzten Jahres gab die Stadt ein „Vollzugsdefizit“ bei PEGIDA zu. Lakonisch wurde das mit der hohen Teilnehmerzahl begründet. Ein Zustand an dem sich bis heute nichts geändert hat. Ich selbst stand neben Menschen auf der PEGIDA-Demo, die, nachdem sie keine 10m von Polizisten entfernt waren, Teleskopfahnenstangen von 3m und mehr auszogen, während die Auflagen verlesen wurden, nach denen nur 1,5m erlaubt waren. Den Alkoholkonsum muss ich sicher nicht erwähnen. Das Bündnis Herz statt Hetze hat dutzende Vorfälle vom PEGIDA-Geburtstag dokumentiert und veröffentlicht.

Passiert ist nichts. Die kleine Gegenbewegung die sich in Dresden gegen PEGIDA auflehnt, wird von behördlicher Seite aktiv behindert und kriminalisiert, während bei den PEGIDA die Augen zugedrückt werden. So baut man eine Bewegung auf, die die eigene Abschaffung fordert. Das lässt den Eindruck zurück als verhülle der demokratische Putz der sächsischen Behörden ein Fundament, in dem der Rost den Stahlbeton langsam braun färbt. Doch die DresdnerInnen haben andere Probleme, sie sorgen sich um ihr Image. Die Stadt nutzt lieber Putz als am Fundament zu arbeiten, Hauptsache das sieht keiner.

Das Menschenmaterial von Öderland

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Die Wölfe besuchen den Neumarkt

Ich hätte mehr Publikum erwartet, im Schauspielhaus Dresden. Unter anderem, weil das Stück „Graf Öderland – Wir sind das Volk“ nach dieser Vorstellung nur noch zweimal aufgeführt werden wird. Außerdem bietet das Stück die Gelegenheit, sich kritisch mit PEGIDA auseinanderzusetzen, ohne sich mit „den Linken“ gemein machen zu müssen. Eine Angst, die das demokratische Engagement vieler Dresdner zu behindern schein. Mit den bekannten Konsequenzen. Wen man in Sachsen mit „den Linken“ meint, ist mir bis heute nicht ganz klar. Die tiefe Aversion für alles, was irgendwie „links“ dünkt, scheint aber auch zu verhindern, sich für Menschenrechte einzusetzen. So ist jeder leere Stuhl an diesem Abend ein weiteres Symptom für die Trägheit der Dresdner Bürgergesellschaft.

Ich gehe nicht so gerne ins Theater, ich habe oft das Gefühl, nicht zu verstehen, was auf der Bühne passiert und oft (bezogen auf die wenigen Male, die ich das Theater besuchte) berührt es mich nicht. Das war bei Graf Öderland anders. Die SchauspielerInnen erweckten die Kommentarspalten zum Leben. Es wurde von Anfang an viel Geschrien auf der Bühne. So wird den, aus Facebookkommentaren, Reden und Interviews gesammelten, Absonderungen der PEGIDA in einem neuen Kontext der ganze Hass entzogen und dem Publikum entgegengeschleudert. Es war schwer, ruhig auf dem Sitz zu sitzen und diesen Hass zu ertragen. Wie muss es den Menschen gehen, für die der Hass ursprünglich gemeint war? Ich könnte mich dem Hass durch wohlfeiles Benehmen gegenüber den VolkgenossInnen entziehen. Vielen Menschen ist das nicht möglich, sie sind aufgrund des Phänotyps oder tief verwurzelter kultureller Merkmale Hassobjekte.

Als Ben Daniel Jöhnk und Lea Ruckpaul, vor dem Vorhang stehend, Lutz Bachmann und Tatjana Festerling zur Kenntlichkeit erstellt zum Leben erwachen ließen oder die Horde der Frustrierten mit Fackeln und Fahnen hysterisch ihrer Angst Luft machten, fühlte es sich an, wie auf dem Theaterplatz. Wenn dort aus 1000en Kehlen „Widerstand“ zur Elbe schallt. Nur die Intensitäten von Angst und Scham kehrten sich um. Das, was hier dargestellt wird, passiert wöchentlich in Dresden und anderen Orten in Sachsen. Nur in Echt. Der Bürgerkrieg, im Schauspielhaus von Max Frisch geborgt, wird von den Besorgten auf dem Theaterplatz erdacht, nein, herbeigesehnt. Über die Lust auf Gewalt können dort viele PEGIDA nur mühsam den Mantel der Zivilisation zerren.

Zu den Monologen der SchauspielerInnen, wurde an anderer Stelle bereits geschrieben, dass sie durch ihre Authentizität eine Kraft entwickeln, die einen umhaut. In manchen Momenten hatte ich jedoch den bedrückenden Eindruck, als sei das Schauspielhaus Dresden, der letzte Ort, an dem man demokratische, humanistische und aufklärerische Gedanken und Ideen noch offen ausgesprochen werden können. Zumindest, ohne sich als Gutmensch oder Zecke beschimpfen zu lassen. Im besseren Fall. Dabei sollten diese Gedanken und Ideen eigentlich selbstverständlich sein in Deutschland im Jahre 2016.

Sind sie aber nicht. Verantwortung dafür trägt unter anderem die CDU-Sachsen. Auch das hatte Platz auf der Bühne und was für einen! Annedore Bauer las der Politik in Sachsen die Leviten und machte dabei nicht bei den Besorgten halt, sondern zeichnete ein Bild des umfassenden Versagens. Man könnte ihre These vielleicht zusammenfassen in der Aussage, dass für die sächsische Regierung, die Bevölkerung nichts mehr ist als im Dienste des Wirtschaftswachstums eingesetztes Menschenmaterial. Was ich besonders interessant fand, war die Aussage zum „Burnout“ bei SchülerInnen, aufgrund des massiven Leistungsdrucks. Anekdotisch kann ich das aus meiner Arbeit bestätigen, wäre aber an empirischen Belegen interessiert. In der CDU-Sachsen hat man sich den Mantel der Demokratie umgeworfen um den autokratischen Stil der Vergangenheit in die Zukunft zu retten. Diesmal jedoch nicht im Dienst des Sozialismus sondern des Kapitalismus. Leider haben die Sachsen das noch nicht gemerkt. Oder es stört sie nicht.

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Wenn die Bühnenbesorgten sich im Zuschauerraum verteilen und die Hetze von allen Seiten kommt, wird im Theater das Lebensgefühl, welches jedeN DemokratIn in Dresden seit Oktober 2014 subtil begleitet, so greifbar, dass ich mich frage, wie wir das ertragen. Es ist schon komisch, warum nicht schon viel mehr Menschen dieser Stadt den Rücken gekehrt haben. Nicht, dass das nicht bei vielen bereits eine Option ist. Vielleicht bekommen die stolzen und furchtsamen Sachsen ja noch, was sie wollen und man lässt sie allein. Be careful what you wish for.

Weiterlesen:

PEGIDA auf diaphanoskopie.

PEGIDA, zieh Dich warm an auf nachtkritik.de

Brand-Sätze auf der Bühne auf zeit.de

Humorzone Dresden – Das weinende Auge

„Ich gebe zu, wir hatten auch unsere Vorurteile aber Ihr wart ein geiles Publikum!“
Khalid Bounouar

Viel zu Lachen gibt es in Dresden in den letzten eineinhalb Jahren nicht. PEGIDA hat, gemeinsam mit dem völkendenden Haufen von der AfD die braune Suppe in Sachsen, über dem von der Landes-CDU geschürten Feuer, richtig zum Kochen gebracht. Und so richtig schlimm scheint das hier niemand zu finden. Zumindest, wenn ich mir viele der Reaktionen im Alltag anschaue.

Darum habe ich mich auf die Humorzone Dresden gefreut. Ich hatte Tickets für vier Veranstaltungen gekauft, in der Erwartung, mich dort mit körpereigenen Endorphinen in den Pointen-Orbit schießen zu können und die Welt wieder etwas leichter zu nehmen. Pustekuchen.

Donnerstag begann das Festival für mich mit Kay Ray. Zu Kay Ray geht man eigentlich um Tabubrüche zu erleben, die auch den Rahmen „normaler“ Comedy sprengen. Weil er Witze erzählt, die sich sonst keiner zu erzählen traut. Gerne über Minderheiten. Kay Ray sagt, Minderheiten werden nur wirklich integriert, wenn sie ernst genommen werden. Dann macht man auch Witze über sie, wie über alle anderen Gruppen. Soweit so plausibel.
Nun scheint Kay Ray geläutert; kein Rauchen auf der Bühne, kein Alkohol auf der Bühne, keine Figuren mit dem Penis.

Dafür gab es intime Einsichten in die dunklen Zeiten eines Menschen. Und ein paar harte Wahrheiten über unser Gesundheitssystem und wie es Menschen behandelt. Kay Ray hatte einige Anekdoten aus der Kur mitgebracht und die Banalität des dortigen Alltags schmerzhaft zutage gefördert. Wird es eigentlich erst auf der Bühne deutlich, wie grotesk es ist, einem erwachsenen Menschen als Freizeitbeschäftigung „Stricken“ anzubieten? Wenn man in Bad Wildung die Patienten so ernst nehmen würde, wie Kay Ray Menschen mit Behinderung in seinen Witzen, wäre viel gewonnen.

„Die haben mich nicht entlassen, ich habe das Gefühl, ich bin entkommen“ Kay Ray

Leider hat sich Kay Ray in seiner Fundamentalopposition etwas verrannt. Nur weil er nicht in „die rechte Ecke“ gehört, wenn er „politisch unkorrekte“ Dinge sagt, heißt dass nicht, dass es nicht Menschen gibt, die politisch unkorrekte Dinge sagen, die dort hervorragend hinpassen. Und gerade Eva Herrmann als Kronzeugin heranzuziehen, wie fies der Mainstream mit Abweichlern umgeht, ist hoffentlich mangelnder Information über ihre völkischen Äußerungen geschuldet und nicht Überzeugung. Dann müsste ich den zweiten Satz in diesem Absatz nämlich nochmal überdenken.

Kay Ray mach Witze über den Islam aber nicht über Moslems. Mir ist unklar ob allen im Publikum der Unterschied klar ist. Das lässt jede Pointe bitter im Hals zurück. Wer sich als „Menschenrechtspopulist“ bezeichnet kann eigentlich von PEGIDA-Apologeten keinen Applaus bekommen wollen. Andererseits meint Kay Ray die Aussage, „wenn nichts mehr verboten wäre, hätte ich hier oben nichts mehr zu tun“ wahrscheinlich sehr ernst.
Brüche im Programm waren die Lieder. Keine Interpretationen bekannter Hits, sondern Lieder, die wie der Versuch klangen, einem Schmerz Ausdruck zu verleihen, der – ohne Alkohol, Zigaretten und Nacktheit – im Rest des Programms keinen Platz mehr findet.

Am Freitag Abend durfte Olaf Schubert, der Schirmherr der Veranstaltung, gemeinsam mit Klaus Weichelt „Eine ganz normale Freakshow“ in der Schauburg improvisierend moderieren. Untertitelt was das Ganze mit „The dark side of Olaf Schubert und Klaus Weichelt“. Dark side indeed!

Johnny Armstrong, Carl-Einar Häckner, Der Tod und Matthias Egersdörfer lieferten solide Comedy ab. Doch was für mich den Abend überschattete waren die sächsischen Verhältnisse.

Olaf Schubert zitierte in einem Witz die Zeichnung des ertrunkenen Jungen am Mittelmeerstrand in Charlie Hebdo. Er hatte ein Foto mit zwei dunkelhäutigen Kindern und sagte etwas in der Art: „Hier, das sind die Kanackenkinder, wenn die klein sind, sind die ja ganz süß…aber wenn die groß werden…“. Lachen im Publikum. Den beiden Herren vor mir gefiel dieser Scherz ganz besonders gut. Es waren dieselben Herren, die in der Pause die meiste Zeit damit verbrachten auf einer Bautzner Nazi-Seite auf Facebook zu surfen.

So wusste ich spätestens nach der Pause, wer da mit mir lachte. Wobei mein Lachen immer öfter auf dem Weg zum Kehlkopf stecken blieb. Spätestens als Olaf Schubert über die Herkunft von schlechten Zigaretten sinnierte, war klar, dass es sich bei ihm auch um ein sächsisches Urgestein handelt. Denn, so klärte er auf, Zigaretten gebe es bei den „Tschechenfidschis“, den „Polenfidschis“ und den „Rumänienfidschis“. Keine Pointe. Trotzdem ein brüllender Saal. Willkommen in Sachsen.

Dass „der Tod“ mit seinem Scherz, PEGIDA-Demonstranten gerne auf Arabisch begrüße, nur vereinzelten Applaus erntete, war da nur das i-Tüpfelchen dieses peinlichen Stelldicheins sächsischen Kleingeists.

Am Samstag war Zeit für Jochen Malmsheimer und Uwe Rössler, dem riskantesten Kartenkauf. Was soll ich sagen, „Zwei Füße für ein Halleluja – Mit einem Regenten unterwegs.“ war großartig! Malmsheimer hatte sichtlich Spaß am gemeinsamen Spiel mit Uwe Rössler, der musikalische Pointen setzte. Dabei schaffte es Malmsheimer, Heinrich IV. zum Leben zu erwecken, in die heutige Sprache zu überführen und meine Abdominalmuskulatur an ihre Kapazitätsgrenze zu bringen. Anschauen!

Am Sonntag sagte meine Begleitung „Nicht das typische Scheunenpublikum…“. Ja, das stimmte, so unkaukasisch wie am Sonntag Abend habe ich es in der Scheune, ja irgendwo in Dresden, noch nicht erlebt. Als wäre ich zurück in Aachen, herrlich!
Aus dem Saal drang lauter Bass. Dass ich nicht mehr zur „jungen Generation“ gehöre, wurde an der Entscheidung deutlich, vor „dem Lärm“ zu flüchten, bis die Show beginnt. In fünf Jahren gehe ich dann zum DJ und frage, ob das wirklich so laut sein muss?

Auf dem Programm stand „Rebell Comedy„! Und was in NRW vielleicht normaler Bühnenalltag ist, kam in Dresden einem Erdbeben gleich. Die Souveränität mit der die Künstler aus verschieden Kulturen schöpfend vor den Augen des Dresdner Publikums etwas Neues erschufen, war Balsam auf meine neusächsische Seele. Und dem Rest des Publikums schien es ähnlich zu gehen. Lachen und Applaus wirkten befreit: so also kann sich Normalität in Deutschland anfühlen. So ist das, wenn „die anderen“ zum „wir“ werden, weil wir alle gleich sind. So wie der 13 Jahre alte Junge, der bei seinem ersten Urlaub im Iran erfahren muss, dass er „deutscher“ ist, als er angenommen hatte. Oder der Sohn, der sich beim Elternsprechtag über die sprachlichen Unzulänglichkeiten seines Vaters lustig macht. Wie es sich für Jugendliche gehört, die Autonom werden. Gleichzeitig erklärt er jedoch etwas über die Unterschiede deutscher und arabischer Grammatik und plötzlich wird klar, warum „die“ so komisch sprechen.

Es ist nämlich gar nicht so, dass „man nichts mehr sagen darf“ oder „gleich in die Rechte Ecke“ gestellt wird, wenn man etwas „politisch nicht korrektes“ äußert. Nur wenn man etwas politisch unkorrektes sagt, weil man Rechts ist, passiert einem das. Der Unterschied liegt nicht immer in den Worten aber immer in der zu Haltung.

Mir haben Benaissa Lamroubal, Ususmango, Pu, Khalid Bounouar, Hany Siam, Alain Frei und Özcan Cosar (leider war die einzige auf dem Plakat sichtbare Dame, Anissa Amani, in Dresden nicht anwesend. Typisch Moslems!!!elf1!) neben vielem Lachen, ein paar Stunden mit dem Gefühl verschafft, wie schön das Zusammenleben in diesem Land sein kann. Rebell Comedy zeigte im Tal der Ahnungslosen das Potential der real existierenden Demokratie in Deutschland. Danke dafür!

Deeskalation a la Sachsen

 So schnell sind sie dahin, die guten Vorsätze. Immerhin bieten die erschütternden Bilder aus Clausnitz die Gelegenheit, meinen Fachbereich wenigstens am Rand in diesen Blog zu bringen. Das ist dann aber auch schon der letzte Lichtblick in diesem Beitrag.

Als ich gestern die pöbelnde, grölende Maße sächsischer Männer im Video auf Spiegel-Online sah, setzte meine sächsische Schamroutine ein und ich hakte dieses, zur Zeit mein zu Hause genannte, Bundesland wieder ein Stückchen ab. Frankfurt am Main ist auch ganz schön. Eigentlich jede größere Stadt Deutschlands außerhalb Sachsens. Am Rande sei bemerkt, wie erschreckend die eigene emotionale Verrohung in Angesicht des Schreckens ist, den meine -da führt kein Weg dran vorbei- Mitbürger unter geflüchteten Menschen in Deutschland verbreiten.

Heute morgen sah ich dann einen Post auf Facebook zu dem zweiten Video, auf dem zu sehen ist, wie ein Vertreter des Gewaltmonopols einen höchstens neun Jahre alten Jungen unter dem Johlen der umstehenden Faschisten gegen dessen Willen aus dem Bus zerrt. Zwei Dinge an diesem Video haben es durch meine sächsische Schamroutine geschafft und mich bis ins Mark erschüttert. Zum einen ist deutlich, dass der umstehende Pöbel die Beamten der sächsischen Polizei als Vollstrecker des hausgegrölten Volkswillens sieht. Zwar widersprechen sich die Willensäußerungen diametral („Fahrt nach Hause!“ vs „Hol ihn raus!“), doch die Sympathien zwischen Polizei und Folg scheinen in Sachsen so tief zu gehen, dass die gegenseitige Liebe auch in schweren Gewässern hält.

Wenn es sich dabei um den ersten Vorfall dieser Art in Sachsen handeln würde, könnte man von einem Ausreißer sprechen. Vieles spricht jedoch für ein, wie Sebastian Bartoschek schrieb, „strukturelles Problem“. Ich bin froh, dass ich mittlerweile ein sächsische Schamroutine entwickelt habe, so werde ich die kommende Zeit emotional überstehen. Die geflüchteten Menschen in Sachsen haben da weniger Glück.

Der zweite Aspekt in dem Video ist die zur Schau gestellte Unprofessionalität der Polizei. Gibt es so etwas wie eine Einsatzleitung, die, abseits vom direkten Geschehen einen kühlen Kopf bewahrend, die Situation überschaut? Gibt es Deeskalationsausbildung? Ist der Begriff bekannt?

In der Kinder- und Jugendpsychiatrie gibt es immer wieder Situationen in denen körperliche Gewalt (ich nenne es so, weil es vom Empfänger so empfunden wird, nicht weil es vom Ausübenden so intendiert ist!) im Rahmen von Zwangsmaßnahmen notwendig sein kann, um einen Menschen vor sich oder andere vor ihm zu schützen. Durch Deesekalationsstrategien lässt sich die Fequenz dieser Maßnahmen jedoch auf Einzelfälle reduzieren. Mir ist klar, dass ein Polizeieinsatz andere Bedingungen hat als eine psychiatrische Behandlung. Die Prinzipien sollten sich aber in beiden Fällen aus den Menschenrechten herleiten lassen.

So muss es die Abwägung geben, ob die ausgeübte Zwangsmaßnahme im Verhältnis zu dem steht, was ich durchsetzen will oder ob es mildere Mittel gibt. In Clausnitz war das Ziel (?), Menschen aus einem Fahrzeug in ein Gebäude zu bringen. Diese Menschen haben sich, aus einer nicht unberechtigten Angst, geweigert oder gesträubt, diesen Bus zu verlassen. Denn sie sahen durch sächsische Männer ihr Recht auf körperliche Unversehrtheit gefährdet. Und offensichtlich waren sie der Ansicht, das die sächsische Polizei in der anwesenden Personaldecke und der gezeigten Haltung ihnen gegenüber nicht in der Lage war oder sein wollte, sie adäquat zu schützen.

Doch Anstatt die Ursache für die Angst der Menschen zu beseitigen und dafür zu sorgen, dass der Pöbel gebührenden Abstand hält, zwingt man die Menschen, sich diesem Pöbel auszusetzen. Hat der junge Mensch, der von einem sächsischen Polizisten mit Gewalt aus dem Bus gezerrt wird*, den Krieg, die Reise über das Mittelmeer, die Reise durch das winterliche (klimatisch und emotional) Europa und die Zeit in den Erstaufnahmestellen ohne ein Trauma überstanden, sorgt sächsische Polizei fürsorglich für Abhilfe. Weiß sie doch, dass PEGIDA & Co nur traumatisierte Geflüchtete akzeptieren. Man hilft ja, wo man kann. Danke Polizei.

Eine weitere Möglichkeit wäre gewesen, einfach zu warten. Die Menschen auf der Straße wären nicht ewig dort geblieben. Man hätte den Menschen sagen könne, dass man sie schützen wird, Präsenz zeigen und wenn die Lage sich beruhigt hat, die Menschen aussteigen lassen.

Oder man hätte, den Bus umdrehen lassen können und am nächsten Tag einen erneuten Anlauf starten können, besser vorbereitet und mit einem neuen Heimleiter.

Oder, mein Favorit, man hätte die Personalien der Pöbler feststellen sollen, den Bus zum nächsten hochklassigen Hotel bringen lassen und die Menschen darin solange unterbringen, bis eine sichere Ankunft in Clausnitz möglich wäre. Die Hotelrechnung wäre dann den Pöblern zugestellt worden.

*Es ist natürlich möglich, dass die Art zu handeln aus der immer noch weit verbreiteten Ansicht resultiert, es sei kein Problem, Kinder mit körperlicher Gewalt zu etwas zu zwingen. In dem Fall könnte die Polizei gleich zwei Probleme in den eigenen Reihen angehen.

Weiterlesen:

Mehr Texte zu PEGIDA und den sächsischen Verhältnissen aus Sicht eines Wirtschaftsflüchtlings (das bin ich) auf Diaphanoskopie.

Dresdner Frust

 

Blick von der Augustusbrücke auf das Terrassenufer

 
13 000 Menschen waren am 13.02.2016 bei der Menschenkette, welche die Dresdner Altstadt symbolisch schützen soll. 13 000 meiner MitbürgerInnen, die sonst jeden Montag zentrale Plätze ihrer Altstadt einem rassistischen Mob überlassen, haben sich an einem Samstag Abend im Februar an den Händen gehalten und durften sich dem warmen Gefühl hingeben…? Tja das weiß ich auch nicht, welches Gefühl da transportiert werden sollte. Im besten Fall eines, die offene Gesellschaft vor denen zu schützen, die sie bedrohen (in Sachsen wohl am ehesten „Linksfaschisten“). Im schlechtesten Fall ein Gefühl von, in lokaler Tradition verbundener, Gemeinschaft. Ein Gefühl, dass im sächsischen Alltag ohnehin schon aus jeder Pore trieft. Der Lokalpatriotismus in diesem Bundesland ist schwer zu ertragen, vor allem im Hinblick auf den Preis, den er mit sich bringt.

Ich weiß gar nicht, was mich seit Oktober 2014 mehr zermürbt hat. Zu demonstrieren, ohne einen relevanten Effekt zu sehen, mal davon abgesehen, dass viele der Forderungen von PEGIDA im politischen Mainstream angekommen sind. Oder von Gesellschaft und Politik in Dresden und Sachsen das Gefühl vermittelt zu bekommen, mit dem Protest gegen eine faschistische Bewegung, zu den eigentlichen Störern zu gehören.

Ich weiß nicht mehr, wie oft ich hörte oder las, dass demokratischer Gegenprotest in Sachsen mit Gewalt und Aggression gleichgesetzt wurde. Wie oft ich mich fragte, wieso die Dresdnerinnen und Dresdner solche Abneigung gegen die pflegen, die für Demokratie und humanistische Werte eintreten?

Mich hat das zermürbt und müde gemacht. Ich verlor die Lust am Schreiben und den Glauben an Dresden. Darum mache ich jetzt Pause. Der Täterspuren Mahngang wird für die nächste Zeit meine letzte Demo gewesen sein. Ich habe Lust, mich wieder mehr dem eigentlichen Thema dieses Blogs zu widmen. Mal schauen, ob das klappt 🙂

Es ist ein bisschen so, als würden die Emotionen, die besorgte Bürger bei PEGIDA vereint, aus mir herausgesaugt. Als am 06.02.16 PEGIDA am Königsufer brüllte und der beschämend kleine Rest der Dresdner Zivilgesellschaft demonstrierte, war ich vor allem resigniert. Das liegt auch daran, dass Gegenprotest in dieser Stadt einfach nicht willkommen ist, das sind alles Unruhestifter. Ich kann jetzt verstehen, wie man in dieser Stadt phlegmatisch wird und lange auch Horden von Nazis mit einem Schulterzucken hinnahm.

Es ist fast, als wäre der Lebenswille, Mut dieser Stadt am 13.02.1945, in den letzten Tagen des faschistischen Terrorregimes, verbrannt. Doch man hat nicht verstanden, dass man große Teile des Weges, der zur Katastrophe vom 13.2. geführt hat, mitgegagengen war. Das man, so wie man Opfer wurde auch Täter war. Anstatt aus der Asche zu steigen, geht man in ihr und begnügt sich darin, Opfer zu sein. Opfer der Stasi, Opfer der Wessis, Opfer der PEGIDA. Armes Dresden.

PEGIDAs Sorge um den Rotmilan

Michael Bittner dürfte einer der intimsten Kenner der Seele von PEGIDA sein. Regelmäßig veröffentlicht er „Fanpost“ von Menschen die zu den Veranstaltungen gehen. Dabei wird immer wieder deutlich, dass vielen TeilnehmerInnen gar nicht wichtig zu sein scheint, was man vorne auf der Bühne in den Abendhimmel ablässt. Einige sind angeblich nicht mal damit einverstanden. Einig sind sich jedoch alle darin, dass es falsch läuft in Deutschland. Alle wissen, dass sie unzufrieden sind und alle wissen, wer daran Schuld hat: die „Volksverräter“. Und so nutzen sie PEGIDA um dem eigenen Frust Ausdruck zu verleihen. Dabei übersehen sie, dass sie als Treibstoff für das Projekt einer neurechten Bewegung verfeuert werden.

So wie ein Teilnehmer, den ich darum bat ein Foto von seiner Fahne machen zu dürfen. Auf den ersten Blick sah es aus wie eine Friedenstaube, die in den Farben der Wirmer-Flagge auf weißem Grund flatterte. Doch ich würde aufgeklärt, es handele sich um einen Rotmilan. Dieser sei durch die „bescheuerte Energiewende“ mittlerweile gefährdet. Darum sei man nicht nur „gegen Ausländer“ sondern auch gegen die Energiewende. In der Nähe seines Wohnortes seien Windräder geplant. Das habe der Tillich im Wahlkampf noch anders versprochen, sei aber vor der „kleinen SPD“ eingeknickt. Umweltschutz ist Heimatschutz und Merkel killt den Rotmilan.

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Und so denkt jeder, sein oder ihr kleines Anliegen würde im Glanze von PEGIDA erstrahlen und Rückendeckung vom Volke erfahren. Doch die Führer des Volkes haben eigene Pläne. Ob der Rotmilan darin Platz hat, ist fraglich.

Im Zuge der Vorkommnisse der Silvesternacht in Köln wird nun versucht die komatöse „KÖGIDA“ unter dem Motto „PEGIDA schützt“ wiederzubeleben. Somit ist die Zivilgesellschaft in Köln gezwungen sich damit zu beschäftigen, einen rechten Aufmarsch zu verhindern, anstatt differenziert darüber zu diskutieren, welche Antwort wir als Gesellschaft geben wollen.

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So treiben uns die FaschistInnen vor sich her und bestimmen den Ton im Diskurs.

Die 'Besorgten' wollen's wissen

Nun legen sie es darauf an. Die Teilnehmerzahlen stagnieren und so langsam wird es, ‚Hymne‘ hin oder her, allmontäglichen etwas zäh auf dem Theaterplatz: Plärren, Fähnchen schwenken, schimpfen, nach Hause fahren. Darum besinnen sich die MacherInnen der neofaschistischen PEGIDABewegung auf das, was sie können und begeben sich auf den Weg in die Opferrolle. Das will gut vorbereitet sein. Erst der „vernünftige“ Verzicht auf den Theaterplatz. Dann die Anmeldung in der Neustadt, die, erwartbar, Widerstand hervorruft und nun das herbeireden „linker Gewalt“, damit man hinterher sagen kann: Wir haben es ja schon immer gesagt, alle wollen uns unterdrücken.

Nach den Erfahrungen der vergangenen und aktuellen PEGIDA-Saison wird sowohl das Verhalten der Stadt als auch der Polizei der „Bewegung“ in die Hände spielen. Die völkischen Freunde der verschiedenen Ebenen reichen sich die Hände und inszenieren gemeinsam ein vorhersehbares Schauspiel. Die  Stadt genehmigt den PEGIDA-Aufmarsch auf dem Schlesischen Platz. Die Polizei wird Protest in Hör- und Sichtweite mit massivem Aufgebot verhindern und so für Frust bei den GegendemonstrantInnen sorgen. Dann fehlt nur ein kleiner Funke zur Eskalation und der wird sich finden lassen.

Hinterher können sich die PEGIDA-Anhänger und die Dresdner Bürgerschaft über die „Linken Chaoten“ die „auch nicht besser sind als die Rechten“ aufregen und sich weiterhin vom Protest gegen PEGIDA fernhalten. Die Empörten aus dem gesamten Bundesgebiet werden sich den „linksgrünen Terror“ nicht gefallen lassen und wieder vermehrt nach Dresden reisen. Die Zahlen bei PEGIDA werden wieder steigen und Bachmann & Co freuen sich.

PEGIDA führt die Stadt am Nasenring durch die Manege und die zuckt dabei mit den Schultern. Das sind sächsische Verhältnisse.

PEGIDA – Dresden, selbst Schuld

Was mich wirklich nervt, sind Äußerungen von Menschen, die DresdnerInnen pauschal beschimpfen, weil sie nichts gegen die PEGIDA unternehmen würden. Mich macht das wütend, weil ich Dresdner bin und etwas dagegen unternehme, dagegen auf die Straße gehe. Doch dann kommt wieder irgendeiner der etablierten, satten, trägen und bürgerlichen DresdnerInner und macht den Mund auf. Und ich denke: OK, „wir“ haben diese Beschimpfungen verdient. Wer so wenig verstanden hat, muss sich nicht wundern, dass eine faschistische Bewegung vor der eigenen Haustür solche Erfolge feiert.

„Claudia Greifenhahn vom Café Aha an Oberbürgermeister Dirk Hilbert dem fremdenfeindlichen Pegida-Bündnis nicht mehr so viel öffentlichen Raum einzuräumen.“

Das steht in den Dresdner Neuesten Nachrichten. Was die Dame von sich gibt, bestätigt wirklich jedes Vorurteil, das in den letzten Monaten über die Dresdner Zivilgesellschaft angeführt wurde. Anstatt selbst anzupacken, schaut man auf die Obrigkeit. 

Nun macht doch mal was! So kann ich doch nicht in Ruhe Kaffee und Kuchen verkaufen!“

Mal abgesehen davon, dass die Cafebetreiberin als Kritik an PEGIDA vor allem die damit verbundenen, allmontäglichen Unanehmlichkeiten anführt (die ganze Innenstadt ist verstopft, sowas aber auch!), schießt sie mit dieser Äußerung den Vogel ab:

„Sie beteilige sich bewusst nicht an den Gegendemonstrationen gegen Pegida, sondern setze auf eine friedliche Auseinandersetzung.“

Was zur Hölle soll das denn heißen? Was ist denn bitte an „den Gegendemonstrationen“ nicht friedlich? Und wie stellt sich Frau Greifenhahn eine „friedliche Auseinandersetzung“ vor; erst mal Eierschecke und dann reden wir bei einer Tasse „fairen Kaffee“ ein wenig über Rassismus? Eine „Menschenkette“? Und wieso hat sich noch nicht damit angefangen? Diese Aussage ist ein bodenlose Frechheit. Sie unterstellt all denjenigen, die seit über einem Jahr antifaschsistische Arbeit auf der Straße leisten, dabei Gewalt auszuüben. Die Berichte von Übergriffen AUF die Gegendemonstrationen sind zahlreich (einigen Aktivisten wurde die Schuld dafür gegeben, allein ihre Anwesenheit sei eine Provokation gewesen). Ich glaube es hackt!

Die Aussage erklärt auch, warum die BürgerInnen in Dresden den Hintern einfach nicht hochbekommen. Während rechte Gewalttaten verharmlost werden, wird das Ausmaß „linker Gewalt“ massiv aufgeblasen. Wenn Flüchtlingsheime brennen und Reporter geschupst werden, ist das nicht schön. Vor allem für das Bild dieser „weltoffenen Stadt“ nach außen. Wenn aber nach einer Großdemo, wie am 9.11.15, ein paar Schilder, Absperrgitter und Warnbaken auf der Straße liegen, bekommen die Dresdner BürgerInnen einen Herzkasper: „Die schlimmen Linken! Bitte nur „friedliche Auseinandersetzung“!“

Doch nicht nur, dass man es in Dresden als bürgerliche Mitte nicht schafft, mal selbst nachzuprüfen, wie das denn so ist, bei einer „linken“ Gegendemo (in erster Linie laut, Ohrensschutz ist empfehlenswert). Man möchte scheinbar auch Unanehmlichkeiten aus dem Weg gehen. Anfang des Jahres sagte Frau Greifenhahn im Focus:

„Normalerweise macht ihr hier niemand das Leben schwer, sagt sie im Gespräch mit FOCUS Online. Die Dresdner seien aufgeschlossen und tolerant. Doch seit einiger Zeit sei der Montag eine besondere Herausforderung, zumindest während der zwei Stunden, die die Pegida-Veranstaltung gewöhnlich dauert.

Direkt vor ihrer Tür laufen dann die Leute vorbei. „Wenn ich dort hindurch gehen muss, nimmt mir die Atmosphäre, vielleicht sogar Hass, den Atem. Man will dann Dinge tun oder sagen, die man sonst nicht täte“, sagt Greifenhahn. Sie habe beobachten können, wie Polizisten Pegida-Sympathisanten bevorzugten, wenn es darum ging, durch die Stadt gelassen zu werden. Aus den selben Gründen meidet sie aber auch die Gegendemonstrationen. Und so ergehe es vielen Dresdnern.“

Wer Kuchen backen will, muss auch ein paar Eier zerbrechen – damit meine ich lautstarken Protest. Ich weiß wirklich nicht, wie sich die DresdnerInnen diese „friedliche Auseinandersetzung“ im Rahmen von Demonstationen vorstellen. Was ist das überhaupt für ein Verständnis von Demokratie? „Von emotionalen Demonstrationen ist abzusehen„. Was wünscht sich Dresden? Eine Republik der Schweigemärsche?  Mehr Selbstvergewisserung bei Podiumsdiskussionen? Vielleicht hat man sich in der Stadt deswegen so lange mit Europas größtem Naziaufmarsch arrangiert? Die Damen und Herren hatten sich immer benommen und ihre Parkgebühren bezahlt.

„Nicht zu verbieten, aber umzulenken. Die Stadt wieder dem verbindenden und nachdenklichen Volk zurück zu geben, das nicht auf Konfrontation sondern auf Kommunikation ausgerichtet ist. Dem neugierigen und weltoffenen Volk, das vielleicht auch Ängste hat, mit diesen aber umzugehen lernt. Wir sind so viele, aber wir sind sprach- und fassungslos angesichts dieser großen dunklen Montagsmenge, die vielleicht nicht Dresden, aber sehr wohl einen Teil Sachsens widerspiegelt.“

Kommunikation und Konfrontation sind keine Gegensätze. Konfrontation ist eine Form von Kommunikation. Es ist anstrengend und wird von vielen Menschen als unangenehm empfunden. Trotzdem ist manchmal eine Konfrontation notwendig. Man kann sich natürlich wünschen, dass alle lieb zueinander sind, die Wirklichkeit sieht anders aus.

Wenn die Ansichten von Frau Greifenhahn tatsächlich in der Dresdner Bevölkerung mehrheitsfähig sind, ist diese Stadt an die Demokratiefeinde verloren. Wenn PEGIDA es jetzt nicht schaffen sollte und die DresdnerInnen in ihrer demokratischen  Unmündigkeit verharren, dann wird es die nächste völkische Bewegung schaffen. Dresden – auf ewig die Stadt der Bewegung.