Innovation aus Sachsen – Polizeirassismus

Die sächsische Polizei lieferte kürzlich per Twitter folgende Perle politischer Ahnungslosigkeit ab.

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Die gesamte Unterhaltung findet sich hier.

Polizeirassismus? Was soll das sein? Ein Definitionsversuch:

Polizeirassismus, der; gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit gegenüber uniformierten StaatsbeamtInnen/Staatsangestellten, die Mithilfe von Schutzausrüstung und Schusswaffen die Aufgabe erfüllen, dass staatliche Gewaltmonopol durchzusetzen. Polizisten sind Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft, Kultur, Religion, äußeren Erscheinung Entscheidungen in den Polizeidienst treten.

P. findet vor allem Ausdruck in systematischer Repression von Polizeiarbeit, der unverhältnismäßigen juristische Verfolgung möglichen Fehlverhaltens von PolizistInnen im Dienst, (siehe dazu auch „Verhältnisse, sächsische“).

Zu „Polizeirassismus“, womit im Tweet vermutlich Feindseligkeit gegenüber PolizistInnen von politisch links eingestellten Menschen gemeint ist, fiel mir ein kleine Beobachtung ein, die ich kürzlich machte.

Ich sah in Dresden einige Mitglieder der neu belebten Wachpolizei. Das sind Menschen mit einer polizeilichen Sparausbildung, die Tätigkeiten übernehmen sollen, für die man keine voll ausgebildeten und voll bezahlten PolizistInnen einsetzen möchte. Die Herren, die im Umfeld eines Polizeieinsatzes auf einem bekannten Dresdner Verkehrsknotenpunkt dekorativ herumstanden, trugen Uniformhemden. Die Hosen und Schuhe schienen jedoch Privateigentum (oder die Bekleidungsstelle der Polizei Sachsen hat einen merkwürdigen Sinn für Humor) zu sein. Insbesondere die Schuhe fielen mir ins Auge. Die waren bei allen Personen, die ich sah, ziemlich abgeranzt. Es ist doch interessant, wie wenig Wertschätzung die Landesregierung ihren Angestellten entgegenbringt, wenn sie es nicht einmal für notwendig erachtet, für sicheres und wetterfestes Schuhwerk zu sorgen. Das ist doch ein klarer Fall von Polizeirassismus!

 

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Linker Whataboutismus

Es gibt immer etwas Schlimmeres. Es gibt immer etwas, Wichtigeres. Es gibt immer etwas, was man dringender lösen müsste. Wenn wir nur wüssten was?

Als im Rahmen der G 20 Proteste eine Vielzahl von Autos angezündet wurde, wurde der öffentlichen Empörung darüber unter anderem damit begegnet, dass man sich jetzt zwar aufrege, wenn Autos angezündet werden, jedoch schweige wenn Gewalt gegen Menschen, in der Regel Menschen anderer Herkunft, ausgeübt werde. Daraus entstanden und darin verdichtet scheint ein Aufkleber der in meiner unmittelbaren Nachbarschaft zu finden ist.

Sehr pointiert soll er aussagen dass wir uns zwar alle mit AutofahrerInnen solidarisieren, so wie wir uns mit Terroropfern solidarisieren. Im Text darunter wird ausgeführt, dass täglich in unserem Namen, überall auf der Welt Gewalt angewendet wird. Diese Gewalt, so scheint er Aufkleber sagen zu wollen, ist uns nicht nur egal, wir heißen sie sogar gut. Gegenüber dieser Gewalt allerdings sei das Anzünden von Autos, so wird impliziert, eine Kleinigkeit. Nicht der Rede wert.

Auch wenn sie in der Sache richtig sein mag, wobei ich das hier nicht beurteilen möchte, ist das eine unemphatische Aussage. Sie ist unter anderem unemphatisch, weil sie sich zwar an die richtet, die sich über die angezündeten Autos aufregen, aber die ignoriert, deren Autos angezündet wurden. Es mag sich dabei um privilegierten Menschen einer westlichen Gesellschaft handeln, doch es handelt sich um Menschen. Menschen von denen wir nicht wissen, was das Auto für Sie bedeutet, alleine wirtschaftlich wir wissen nicht wie viel sie dafür gearbeitet haben und wir haben nicht das Recht, darüber zu urteilen ob ihnen das Auto so wichtig sein darf wie es ihnen ist.

Andererseits haben wir natürlich trotzdem das Recht, darüber zu urteilen, wie wichtig das Auto jemanden sein darf. Wir haben nur nicht das Recht dass irgend jemand unserem Urteil Gehör schenkt.

Ich finde an den Aufklebern vor allem schade, dass sie wahrscheinlich auch den Menschen vor den Kopf stoßen, die einen Großteil der Werte derjenigen Menschen teilen, die die Aufkleber aufgeklebt haben. Aber eben nicht radikal genug, nicht rein genug oder irgendwie anders unpassend. Wenn es darum geht, sich von anderen abzugrenzen, sich aufzuwerten , die eigene Radikalität unter Beweis zu stellen, dann ist so ein Aufkleber genau richtig. Wenn es aber darum geht, ein politisches Ziel zu erreichen, dann ist so ein Aufkleber eine gute Möglichkeit, den Weg möglichst lange einsam zu beschreiten. Doch es gibt wahrscheinlich Schlimmeres.

Vitamine: Krebs oder kein Krebs

Als ich überlegte, ob ich das Thema dieses Textes auswähle, kam mir ein kleiner Geistesblitz. Das, was ich bei Medikamenten als Vorteil sehe – ein isolierter, genau dosierter Wirkstoff – sehe ich bei Vitaminen als Nachteil. Die Begründung, die Menschen für den Vorteil von pflanzlichen Medikamenten vorbringen – die Wirkung profitiere vom komplexen Zusammenspiel der vielen in der Pflanze vorhandenen Substanzen – lehne ich dort ab, nutze sie jedoch bei Nahrungsmitteln selbst. Aber um diesen Widerspruch soll es an dieser Stelle nicht gehen.

Es gibt sehr wenig Belege dafür, dass Vitamine, die zusätzlich zur Nahrung eingenommen werden, einen Vorteil für die Gesundheit haben, solange kein Mangel vorhanden ist. Gleichzeitig ist ein positiver Effekt messbar1, wenn Nahrungsmittel konsumiert werden, in denen die Vitamine vorhanden sind.

Es geht hier um „B-Vitamine“. Mein Einruck ist, dass es schwierig ist, Menschen noch mit profanem Vitamin-C zu begeistern. Es ist auf unzähligen Produkten als Zusatz angeführt und irgendwie überall drin. Das liegt natürlich auch daran, dass Ascorbinsäure (aka Vitamin-C) ein Konservierungsmittel ist, was vielleicht auch zum schwindenden Nimbus als Heilsbringer beitragen könnte. Womit jedoch der Absatz von Nahrungsmitteln noch gefördert werden kann, ist der Hinweis auf „B-Vitamine“ oder einen Zusatz davon. Die werden uns jetzt aber wirklich gesund halten! Und sie werden uns vor Krebs schützen. Darum können wir auch eine Vielzahl von Produkten kaufen, in denen die Vitamine von allen angenehmen Aspekten des Essens befreit wurden: Nahrungsergänzungsmittel.

In einer Studie wurden der Einfluss der Vitamine B6, B12 und Folsäure auf das Krebsrisiko untersucht. Um es kurz zum mache, konnte kein positiver Effekt für die Einnahme von irgendeinem B-Vitamin festgestellt werden2. Das Risiko für Lungenkrebs, darum ging es in der Studie, erhöhte sich bei der Einnahme von Vitamin B6 um 84%, bei Vitamin B12 um das doppelte und bei Folsäure gar nicht, immerhin. Die Ergebnisse haben der Industrie nicht gefallen.

Vertreter der Industrie verloren keine Zeit, zu erwähnen, dass es sich um eine Beobachtungsstudie handele und man davon ausgehe, dass es sich um einen statistischen aber nicht für einen realen Effekt handele. Damit haben sie natürlich Recht. Es war keine randomisierte, doppeltverblindete, placebokontrollierte Studie. Natürlich lebt Wissenschaft davon, das Ergebnisse infrage gestellt werden. Hersteller eines untersuchten Produktes haben jedoch einen Interessenkonflikt und eine wirtschaftliche Motivation, ein Problem, welches bei Medikamentenherstellern allen einleuchtet. Trotzdem wäre es möglich, dass die Hersteller gute Argumente haben.

Sie versuchen es. Als Gegenargument, wird eine Studie aus dem Jahr 2001 angeführt, in der beinahe 400.000 Menschen eingeschlossen waren. Von diesen 400.000 Menschen wurden die knapp 900 herausgesucht die Lungenkrebs hatten. Dann wurden circa 1800 Kontrollperson herausgesucht. Der Vitamin-B6 Spiegel im Blut wurde gemessen. Bei den Menschen die eine Krebsdiagnose hatten, war die Vitamin-B6 Konzentration im Blut geringer. Das bedeutet, in dieser Studie war ein geringerer Blutspiegel von Vitamin B6 mit einer größeren Wahrscheinlichkeit eine Krebsdiagnose assoziiert. Daraus einen kausalen Zusammenhang zu ziehen, ist mindestens mutig. Es könnte auch sein, dass der Vitamin-B6 Spiegel im Blut von Körper herunterreguliert wird, weil der Tumor sonst davon profitieren würde. Oder der Vitamin-B6 Spiegel ist geringer, weil er durch die Behandlung verändert wurde. Allerdings haben die AutorInnen versucht solche Effekte herauszurechnen.

Man kann sich vielleicht einfach darauf einigen, dass es keine starken Belege für und keine starken Belege gegen einen Einfluss von Vitamin B6 auf Lungenkrebs gibt. Das lässt den Schluss zu, dass die Einnahme von Vitamin B6 und anderen Vitaminen zwar den Urin der einnehmenden Person sehr teuer macht, jedoch keinen positiven Einfluss auf die Gesundheit hat. Ein geringes Risiko besteht für negative Einflüsse auf die Gesundheit. Sicher ist, dass die Werbeversprechen der Hersteller vollkommener Unsinn und durch wissenschaftliche Daten so gut wie nicht belegt sind.

  1. Dazu muss einschränkend erwähnt werden, dass Forschung zum Effekt von Nahrungsmitteln auf die Gesundheit ein methodischer Albtraum ist. Es werden fast immer die Angaben der Menschen zu den von ihnen konsumierten Nahrungsmitteln herangezogen. Diese sind sehr, sehr ungenau, so dass man vieles, was wir heute über Essen zu glauben wissen, in Zweifel ziehen kann.
  2. Die Einschränkung ist immer, dass kein Mangel oder die Gefahr eines Mangels bestehen!

Sachsen hat einen Vogel

Früher dachte ich, die bei Demonstrationen für Sicherheit sorgenden BereitschaftspolizistInnen sähen martialisch aus. Und dann kam G20 in Hamburg. Von dort wurden, irgendwann am späten Abend, Bilder gesendet, die Spezialeinheiten zeigten. Mitten unter Demonstranten, Schaulustigen und Partyvolk. Daneben wirkten die behelmten KollegInnen der Bereitschaftspolizei harmlos, beinahe flauschig. In einigen Berichten wurde der Effekt des Auftretens deutlich: Niemand stellte sich einem der Herren (gibt es da auch Damen) mit den Gewehren in den Weg. Alle wussten, der „Spaß“ ist vorbei und ergaben sich. Spezialeinheiten schüchtern ein.

Am letzten Wochenende rief eine antifaschistische Initiative zu einer Demonstration in Wurzen auf. Ziel war es, die rassistischen Strukturen in Sachsen aufzuzeigen, für die exemplarisch die Situation in diesem Ort in Sachsen stehe. Es war eine Demonstration gegen die sächsischen Verhältnisse. Das mag man in Sachsen nicht, man möchte hier seine Ruhe haben. Darum blieben die ca. 400 Demonstrierenden auch weitgehend unter sich. Darum und weil Menschen die sich vor Ort gegen Rechtsextremismus engagieren Angst hatten, bei der Demo gesehen zu werden. Keine Angst hatten Rechtsradikale, die die Demonstration mit vulgären und antisemitischen Botschaften begleiten.

Begleitet wurde die Demonstration auch von der Polizei. Wenn antifaschistische Menschen in die sächsische Provinz reisen, ist nachvollziehbar, dass ausreichend Bereitschaftspolizei vor Ort sein muss. Dafür muss man den Demonstrierenden nicht unbedingt Gewaltbereitschaft unterstellen. Politische Lager trennen zu wollen, reicht als Erklärung aus. Die sächsische Polizeiführung entschied sich jedoch auch, die Menschen, die zur antifaschistischen Demo anreisten, vom sächsischen SEK begrüßen zu lassen. Die fadenscheinige Begründung des Pressesprechers dazu lautete:

„Dass das SEK im Einsatz ist, soll keine Provokation sein. Es ist eine Spezialeinheit, wie sie bei größeren Demos immer im Hintergrund im Einsatz sind – für den Fall, dass es eskaliert. Die Polizei geht von einem friedlichen Verlauf der Demonstration aus.“

Wenn etwas keine Provokation sein soll, sollte man auch vermeiden, dass es wie eine Provokation wirkt. Es ist ein Unterschied, ob eine Spezialeinheit im Hintergrund im Einsatz ist oder machtpornografisch zwischen zwei Wasserwerfern drapiert wird. Es macht auch einen Unterschied, ob jemand zum eigenen Schutz CS-Gas in der Tasche hat oder durch die Straße läuft, es jedem Menschen entgegenhält und ruft „Ich habe Reizgas, um mich zu schützen!“. Mir kann niemand erzählen, dass diese Spezialeinheit nicht der Einschüchterung dienen sollte. Der Einschüchterung von Menschen, die sich antifaschistisch engagieren.

Es ist ja nicht so, dass es sich hier um eine Ausnahme handelte. Die psychologische und juristische Repression demokratischen Engagements gehören in Sachsen zum guten Ton. In Dresden ist das seit den ersten Versammlungen von PEGIDA zu sehen. Das Verhalten der Versammlungsbehörde lässt vermuten, dass dort Sympathisanten für die besorgten Bürger hinter den Schreibtischen sitzen. Erinnert sei hier nochmal an das „Vollzugsdefizit“ gegenüber TeilnehmerInnen von PEGIDA. Damit ist zum Beispiel gemeint, dass in den Auflagen der Versammlung zwar Stangen über 1,5m länge nicht gestattet sind, die Teilnehmer jedoch zu dutzenden mit Teleskopstangen Dresden spazieren, unbehelligt von der Polizei. In Wurzen hingegen wurde die Mindestlänge (!) von 1,5m durchgesetzt. Die Demonstration durfte erst losgehen, als alle kürzeren Transparentbefestigungen weg waren. Man könnte von Schildbürgerstreichen ausgehen, wenn es sich nicht um sächsische Verhältnisse handeln würde.

In der Woche nach diesem erneuten Offenbarungseid der sächsischen Politik in Wurzen, wollte die Justiz in Dresden nicht nachstehen und stellte einen Prozeß zu einem rechtsextremen Übergriff im Jahr 2013 ein. Diesen hatte sie vorher wohl in guter Tradition verschleppt. Vermutlich hatte man einfach keine Zeit, weil der Versuch Tim H. doch noch zu verknacken zu viele Ressourcen benötigte?

Und wenn die Landesregierung (CDU/SPD) dafür sorgt, dass demokratisches Engagement im Keim erstickt und kriminalisiert wird, möchte die kommunale CDU, im Schulterschluss mit AfD und NPD, natürlich nicht nachstehen. Deswegen spricht sie sich gegen eine Initiative namens „Wir entfalten Demokratie.“ aus. Die Begründung der CDU lautete, die Initiative „ fokussiere nur gegen Rechtsextremismus.“ Es gibt Ortsverbände in Deutschland da würde das nicht nur ausreichen, sondern wäre Grund für Zustimmung. Dort handelt es sich um den demokratischen Arm der CDU.

Als kleine rassistisch-völkische Fingerübung durfte sich Sigmar Gabriel von AfD- und PEGIDA-Anhängern beschimpfen lassen, als er zu einem Termin im Ballhaus Watzke unterwegs war. Wem der Veranstaltungsort bekannt vorkommt, erinnert sich vielleicht an Höckes Reinszenierung der Sportpalastrede am selben Ort im Januar. Da waren die Pöbler allerdings drinnen.

Diese völkisch rassistische Kackscheiße macht mich mürbe. Und ich frage mich immer wieder: liegt es einfach an meiner Wahrnehmung? Verhält sich die Polizei Sachsen eigentlich neutral und ist nicht auf dem rechten Auge blind? Macht die Versammlungsbehörde Dresden Gegenprotest gegen PEGIDA nicht das Leben schwerer? Werden rechtsmotivierte Straftaten nicht weniger verfolgt und verurteilt als, vermeintlich, linksmotivierte Straftaten? Das frage ich mich und dann zeigt mir jemand einen Vogel. Plötzlich bin ich mir wieder sicherer, dass es stimmt.

Der Vogel war auf einem Aufnäher zu sehen, den einer der SEK-Beamten trug, die am Wochenende in Wurzen AntifaschistInnen einschüchtern sollten. Offenbar war dieser Aufnäher dem Träger so wichtig, dass er bereit war, gegen Vorschriften zu verstoßen. Private Aufnäher auf der Uniform sind nicht gestattet. Sonst wäre es ja eine Multiform. Odins Raben, einer davon war auf dem Aufnäher abgebildet, werden in der rechten Mythologie genutzt, und sind bei Neonazis beliebt. Sie haben vermutlich noch andere Bedeutungen, doch ich halte es für plausibel, dass der Beamte eben auf diese Bedeutung setzte. Sonst ergebe der Aufnäher keinen Sinn. Für ein wenig Schmuck ohne Ideologie dahinter verstößt niemand in dieser Form gegen Vorschriften. Dieser Beamte der sächsischen Polizei hat sich also sicher genug gefühlt, auf einer antifaschistischen Demonstration, für die er mit einer scharfen Waffe als Abschreckung diente, ein rechtsextremes Symbol an seiner Uniform anzubringen, womit er gegen Vorschriften verstieß. Er muss sich sicher genug gewesen sein, dass ihm von seinen Vorgesetzten der Polizei in Sachsen keine relevanten Konsequenzen drohen werden. Und so sicher wie er sich da ist, bin ich mir auch, denn wir beide kennen die sächsischen Verhältnisse.

Rechte Gewalt und Unrechte Gewalt

Immer wieder ärgere ich mich darüber, wenn Menschen betonen, „linke Gewalt“ sei genauso schlimm wie „rechte Gewalt“. Es gebe keinen Unterschied zwischen diesem und jenen. Linksextremismus sei genauso gefährlich, wie Rechtsextremismus. Wenn, wie im Zuge von G20 geschehen, von Linksterrorismus gesprochen wird, weil bescheuerte Vandalen Autos anzünden. Gleichzeitig spricht niemand von Staatsterrorismus, wenn die Polizei dazu genutzt wird, die Bewegung der Staatsgäste zu schützen, nicht aber die Bürger in einem Stadtteil. Es wäre auch Unsinn, wenn man das Staatsterrorismus nennen würde. Staatsversagen würde besser passen.

Wenn ich mich ärgere, dann weil ich das Gefühl habe, die oben genannten Aussagen der Gleichstellung stimmen nicht. Doch wenn ich mir Argumente überlege, warum sie nicht stimmen, kann ich diese ganz schnell selbst widerlegen. Leider sind mir Argumente oft sehr wichtig. Zurück bleibe ich mit dem Gefühl, dass da etwas nicht stimmt.

Es gibt keine linke oder rechte Gewalt. Es gibt Gewalt, die von Menschen ausgeübt wird, die politisch unterschiedlich motiviert sind. Für die Empfänger der Gewalt macht deren Intention im ersten Moment keinen Unterschied, die physikalischen Gesetze sind für alle gleich. Und doch ändert die politische Motivation das Ziel der Gewalt. Und damit ändert sich die Wahrnehmung. Gewalt gegen Mitglieder von Minderheiten ist medial leiser und weniger spektakulär. Gewalt gegen RepräsentantInnen des Staates und des Kapitalismus (die sehr unterschiedlich definiert werden) tritt oft gebündelt auf und erfährt größere mediale Aufmerksamkeit.

Menschen können nur auf das reagieren, was sie wissen. Was sie wissen, hängt davon ab, was sie wahrnehmen und das hängt davon ab, was auf welche Weise berichtet wird. Eine Reaktion wird bei Menschen vor allem durch Emotionen hervorgerufen. Damit kommen wir zum Känguru, das im Rahmen des G20-Gipfels immer mal wieder kritisiert wurde:

»Ein extrem wichtiges Thema. Ich sage Ihnen ganz ehrlich: Ob Links-oder Rechtsextremismus – da sehe ich keinen Unterschied.«

»Doch, doch«, ruft das Känguru laut dazwischen. »Es gibt einen Unterschied. Die einen zünden Ausländer an, die anderen Autos. Und Autos anzünden ist schlimmer. Denn es hätte mein Auto sein können. Ausländer besitze ich keine.«

Dieser zynischen Aussage liegen einige einfache, menschliche Eigenschaften zugrunde. Emotionen werden am besten von Dingen hervorgerufen, die uns betreffen. Wenn schwarz gekleidete Menschen durch Hamburger Stadtviertel marodieren und die Fahrzeuge von „durchschnittlichen Bürgern“ anzünden, dann werden mit hoher Wahrscheinlichkeit bei „durchschnittlichen Bürger“ Emotionen hervorgerufen. Am ehesten Emotionen wie Ärger und Wut. Das sind Emotionen die Handlungen fordern. UND ZWAR SOFORT. Zahlen, Statistiken oder eine differenzierte Betrachtung sind dann egal.

Der zweite Teil ist schwerer zu ertragen, wenn man sich nicht selbst als Nazi bezeichnet. Wenn Menschen von Gewalt gegen Minderheiten lesen oder erfahren, fällt es uns schwerer, eine starke emotionale Reaktion hervorzurufen, weil wir uns nicht so einfach in deren Lebenswirklichkeit hineinversetzen können. Emotional hat das wenig mit uns zu tun. Das beutetet nicht, dass es uns egal ist. Das bedeutet nicht, dass nicht unsere Werte verletzt werden und wir diese Aktion mit jeder Zelle unseres Seins ablehnen. Die Emotionen die hervorgerufen werden sind eher Trauer, Scham und Enttäuschung. Das sind Emotionen, die eher wenig Aktion verlangen und dafür sorgen, dass man sich auf dem Sofa zusammenrollt und sich mit einer Netflixserie ablenkt.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Nachrichten von Gewalt gegen Minderheiten und Andersdenkende stetig auf uns wirken. Wir gewöhnen uns daran. Wir finden es immer noch schlimm aber die Amplitude der Emotionen wird immer geringer. Das liegt nicht daran, dass wir schlechte Menschen sind, das liegt daran, dass wir Menschen sind. Die Geschichten der betroffenen Mitmenschen vermischen sich. „War das die Geschichte von letzter Woche oder ist die neu?“ Und wir fangen an, sie zu überhören und übersehen. Es sind Geschichten ohne Bilder und ohne Emotionen. Und wenn es Emotionen sind, dann solche, die wir am liebsten vermeiden.

Eigentlich sollte dieser Text von etwas anderem handeln, aber das verschiebe ich auf morgen.

Statistik der Unschuldsvermutung

Gerade wird deutlich, wie schlecht eine Datenbank des BKA gepflegt war, so dass JournalistInnen aus fadenscheinigen Gründen ihre Akkreditierung für den G20 Gipfel entzogen wurde. Das ist nur ein Vorgeschmack, von dem, was uns vermutlich blüht, wenn Überwachung und „Sicherheit“ weiter ausgebaut wird. Das tragische dabei ist, dass niemand eine „böse“ Absicht haben muss, um mit einem Ausbau der Überwachung einen riesigen Kollateralschaden zu erzeugen. Das ergibt sich aus der Logik der Statistik.

Wenn es um unsere Sicherheit geht, geht es seit Jahren um den Ausbau von Überwachung. Seit einigen Jahren wird darüber diskutiert, dass mehr Überwachung auch mehr Sicherheit bringe. Ein Argument welches auf der Seite der Befürworter ernsthaft und auf der Seite der Gegner ironisch benutzt wird, ist, dass diejenigen, die nichts zu verbergen hätten, nichts zu befürchten hätten. Dabei geht es, vor allem auf der Gegnerseite, um die Unschuldsvermutung, die damit unter Umständen infrage gestellt würde. Mit einem mehr an Daten und mehr Überwachung werden Sicherheit UND Freiheit der Bürger verschlechtern. Und das ist kein politisches Statement sondern ein statistisches.

Was die Politik versucht, würde ich als Prävention beschreiben. Man versucht Gewalt zu verhindern bevor sie passiert ist (Primärprävention). Außerdem versucht man Täter schnell zu fassen, so dass sie nicht erneut zuschlagen können (Sekundärprävention). In den letzen Jahren konnte man beobachten, wie verschiedene Programme zur Prävention von Krankheiten ein Problem hatten. Sie haben zum Teil mehr geschadet als genutzt. Darum werden sie zusehends kritischer hinterfragt. Zwar ist es auf den ersten Blick logisch, dass eine Erkrankung, die möglichst früh entdeckt und schnell behandelt wird, weniger Schaden verursacht. Dafür muss man Menschen untersuchen, wenn sie die Erkrankung noch nicht an Symptomen merken. Dafür gibt es Screeninguntersuchungen. Viele augenscheinlich gesunde Menschen werden Untersucht, um die wenigen die erkrankt sind, herauszufinden. Doch dieses Screeninguntersuchung haben ein großes Problem, es ist dasselbe Problem was auch Überwachungsmaßnahmen haben werden.

Nehmen wir einmal an, eine Überwachung wäre zu 99 % zuverlässig darin, die Menschen als unverdächtig zu erkennen, die auch wirklich unverdächtig sind. Nehmen wir weiter an, dasselbe Verfahren wäre in der Lage 99 % der Täter zu entdecken. Nehmen wir weiterhin an, dass einer von 10000 Bürgern vorhat eine terroristische Straftat zu begehen. Wenn 99 % der Menschen als unverdächtig erkannt werden, die unverdächtig sind, bleiben 1 % übrig, die als verdächtig erkannt werden, obwohl sie nicht verdächtig sind. Bei einer Bevölkerung von 80 Millionen Menschen wären das 800.000 Menschen. Das wären 800.000 Menschen in einem Jahr, die sich einer Ermittlung würden unterziehen müssten. Nehmen wir dann noch einmal an, dass das Rechtssystem dafür sorgt, dass 95 % der Menschen die unschuldig sind, als unschuldig erkannt werden und nicht verurteilt werden. Dann bleiben 5 % der Menschen die, obwohl sie unschuldig sind, als schuldig erkannt und verurteilt werden. Das würde bedeuten, dass jedes Jahr 40.000 Menschen unschuldig für eine terroristischer Tat oder deren Planung verurteilt werden würden. Das klingt nicht sicher. Das klingt nicht frei.

Nehmen wir die gleichen Zahlen für die möglichen TäterInnen. 99% der „Täter“ werden als „Täter“ erkannt. Von denen werden 95% verurteilt. Bei einem von 10 000 Bürgern hätten wir in Deutschland 8000 mögliche Täter. Von denen werden 7920 erfasst und von denen werden 7524 verurteilt. 476 wären frei.

Bei diesem System würden 40.000 unschuldig Verurteilte 7524 schuldig verurteilten gegenüberstehen.

Da ich kein Fachmann für Sicherheit, Strafverfolgung und das Justizsystem bin, kann ich nicht einschätzen, wie realistisch diese Zahlen sind. Aber selbst wenn alle „Gefährder“ gefunden und verurteilt würden und 99,9% als unschuldig erkannt würden, stünde zwei zurecht verurteilten Personen, eine unschuldig verurteilte Person gegenüber (8000 zu 4000).

Eine Person die nichts zu verbergen hatte.

Heil! Praktiker

Im Moment gibt es eine intensive Diskussion um Sinn oder Unsinn des Heilpraktikerberufes. Die Argumente will ich an dieser Stelle nicht noch einmal aufführen. Im Münsteraner Memorandum ist alles wichtige erwähnt, Joseph Kuhn hat einen Text über Heilpraktiker für Psychotherapie geschrieben und Udo Endruscheit schaut sich die von Heilpraktikern vorgebrachten „Argumente“ einmal genauer an. Die Seite der Heilpraktiker dürfte in den nächsten Wochen in den Talkshows und Zeitungen zu lesen sein. Ich vertraue auf die Medienkompetenz meiner Leserinnen die Informationen einzuordnen.

Der folgende Text kann Spuren von Polemik enthalten.

Es ist eine Binsenweisheit, dass der Beruf des Heilpraktikers durch die Nationalsozialisten mit einem Gesetz 1939 in seine heutige Form gegossen wurde. Das muss ich niemandem erzählen, der sich mit dem Thema beschäftigt. Auch dass es darum ging eine Deutsche Heilkunde zu etablieren, um die „verjudete Schulmedizin“ zu reinigen, ist weithin bekannt. Natürlich kann man den Beruf Heilpraktiker/ Heilpraktikerin trotzdem verteidigen. Man kann es als tragische Fügung des Schicksals betrachten, dass nun gerade „die Nazis“ den wichtigen Beruf des Heilpraktikers aus der Taufe hoben. Man kann auch behaupten, dass die Tatsache, dass sich die Argumente gegen die „Schulmedizin“, die heute vorgebracht werden, den Argumenten, die gegen die „verjudete Schulmedizin“ vorgebracht wurden, teilweise sehr ähneln, darin begründet liegt, dass sie einfach stimmen.

Interessant finde ich jedoch, dass sich die Ideologie nationalsozialistischer Medizin perfekt in der Praxis der Heilpraktiker gehalten hat. Ohne jedoch anrüchig zu sein oder kalt zu wirken. Die „Natürlichkeit“ und die Tendenz eine Erkrankung sich selbst zu überlassen, ohne die Folgen abschätzen zu können, ist kein Bug sondern ein Feature.

Die Nationalsozialisten hatten kein Interesse daran, allen Menschen die beste medizinische Versorgung zugute kommen zu lassen, die sie benötigen. Nicht einmal allen Deutschen (also das, was die Nazis unter „Deutsch“ verstanden). Die Aufgabe der Medizin unter den Nazis war es, den „Volkskörper“ gesund zu halten. Der Volkskörper bestand aus den Mitgliedern des Volkes und wurde von den Nazis als tatsächlich organisch vorhanden betrachtet. Ein gesunder Volkskörper wird durch „kranke Individuen“ geschwächt, darum war es die Aufgabe der Mediziner, kranke Individuen aus dem Volkskörper zu entfernen. Die Mediziner (nicht die Heilpraktiker) haben diese Aufgabe teilweise mit Begeisterung erfüllt. Die „Aktion T4“ diente dazu, wurde jedoch auch aufgrund von Protesten aus der Bevölkerung beendet. Die Menschen hatten aus irgendeinem Grund etwas dagegen, dass ihre „kranken Verwandten“ aus dem Volkskörper entfernt wurden.

„Krank“ in dem Sinne waren Menschen, bei denen nicht zu erwarten war, dass sie wieder gesund werden und in irgendeiner Form auf die Gemeinschaft angewiesen sein würden, ohne etwas dafür zu leisten. Akute Erkrankungen waren in Ordnung. Eine vulgärdarwinistische Sicht auf das Leben zog sich durch viele Bereiche Nationalsozialistischen Denkens. Die Stärksten werden überleben (Sorry Adolf, Joseph und Heinrich).

Es gibt wenig systematische Untersuchung zu Ausbildung und Praxis von Heilpraktikern. Doch ich habe bisher fast keine Therapiemethode gesehen, die von Heilpraktikern genutzt würde, die eine gezielte „Heilung“ mindestens plausibel hervorrufen könnten. Weder in den Ausbildungszentren, noch auf den Websites einzelner Heilpraktiker. Kurz, die meisten Heilpraktiker behandeln Menschen mit Therapien ohne spezifische Wirkung. Menschen die zum Heilpraktiker gehen, wären also in den allermeisten Fällen auch von alleine wieder gesund geworden. Menschen die nicht von alleine wieder gesund werden, retten sich entweder in die Hände der „Schulmedizin“ und überleben, wenn sie Glück haben oder sie sterben. Heilpraktiker sorgen also dafür, dass der Volkskörper gesund bleibt. Nichts anderes war die Intention des Gesetzes von 1939. Wir sollten den Heilpraktikern also nicht vorwerfen, dass sie ihre Aufgabe erfüllen.

Filmkritik – A Man Made epidemic

[Ich habe ein Vorurteil. Dieses Vorurteil lautet: Hebammen sind gegen das Impfen. Die einen mehr, die anderen weniger. Die weniger radikalen sprechen sich für die „individuelle Impfentscheidung aus. Die radikalen wollen der Natur vollkommen ihren Lauf lassen (dabei unterscheidet sich die individuelle Impfentscheidung nur marginal von diesem Konzept, doch ich vermute das wissen die weniger radikalen Hebammen nicht). Darum geht vermutlich, neben „Vaxxed“ auch „A Man Made Epidemic“ durch die Hände der Hebammen und damit wiederum durch die Hände werdender Eltern. Den Schaden, den Frau Beer mit dieser Aneinanderreihung von Missinformation anrichten kann, überblickt sie vermutlich selbst nicht. Aufgrund dieses Vorurteils schreibe ich einen offenen Brief an alle Hebammen, die Eltern, die sich ihnen anvertrauen diesen Film ans Herz gelegt haben.]

Liebe Hebammen,

es hat einige Zeit gedauert, doch jetzt habe ich endlich die Gelegenheit, über den Film zu schreiben. Bevor ich mich den Einzelheiten widme, ist es mir wichtig, noch etwas Grundsätzliches zu sagen: Ich denke im Kern geht es bei der Frage „Wie stehe ich zu Impfungen“ um Vertrauen. Viele der Quellen die ich nutze, stammen von staatlich initiierten oder finanzierten Institutionen oder Ämtern. Deren Aufgabe ist es, Gefahren für die Bürger frühzeitig abzuwenden. Irrtümer immer vorbehalten, geht es um die Frage, ob wir diesen Institutionen vertrauen. Ob man grundsätzlich der Meinung ist, dass die Menschen, die dort arbeiten, sich im Kern nicht von uns allen unterscheiden und gute Intentionen haben. Oder ob man der Ansicht ist, dort arbeiten (1000e) sinistre Gestalten, die über Leichen gehen. Ob man davon ausgeht, dass sie ihre Arbeit gut machen wollen und ihre Arbeit darin sehen, uns alle vor unnötigen Gefahren zu bewahren (soweit möglich). Für mich geht diese Frage an den Kern unserer Demokratie. Diese Institutionen basieren letztlich auf Entscheidungen von Menschen, die wir gewählt haben. Mir liegt fern, Entscheidungen dieser Institution kritiklos hinzunehmen, doch wenn ich kein grundsätzliches Vertrauen in sie habe, fällt jegliche Diskussionsgrundlage weg und damit ein Teil des Fundaments unserer Gesellschaft. Dann ist alles Meinung und jedeR auf sich gestellt. Insofern ist die Diskussion über den Nutzen oder Schaden vom Impfungen auch immer politisch.

Und jetzt zum Film:

Einleitung

Die Grundthese des Filmes würde ich so beschreiben: Einflüsse denen wir aufgrund unseres „modernen“ Lebens ausgesetzt sind, verursachen Autismus. Diese These hat ihren Ursprung in der Beobachtung steigender Anzahl von Autismus. Im Film wird die Behauptung aufgestellt, aktuell hätte eines von 35 Kinder Autismus. Im Jahre 2025 hätte jedes zweite Kind Autismus. Die postulierte Steigerung der Fallzahlen wird auf Impfungen, Glyphosat, Handystrahlung und GMO zurückgeführt, wobei den größten Teil des Filmes das Thema Impfungen beansprucht.

Ein Großteil der Steigerung lässt sich jedoch allein durch bessere Diagnostik und Erweiterung der Diagnosekriterien erklären 1. Bekannte Faktoren für die Erhöhung des Autismusrisikos sind, neben genetischen Faktoren, hohes Alter der Eltern, Infektionen in der Schwangerschaft (u.a. Röteln), Frühgeburtlichkeit und bestimmte Medikamente2. Im Grunde wäre damit der Rest des Filmes hinfällig und es spricht nicht für die Recherche von Natalie Beer, dass sie diese Überlegungen im Film nicht mal erwähnt.

Wakefield

Da Andrew Wakefield viel Raum in dem Film bekommt, werde ich auch noch einmal auf ihn eingehen. Insbesondere hinterfrage ich seine Glaubwürdigkeit. Er glaubt sicher mittlerweile was er sagt aber, wenn auf die Interessenskonflikte, von Mitgliedern der STIKO thematisiert wurden (insbesondere im Zusammenhang mit der Einführung der HPV-Impfung), in Diskussionen über Impfungen hingewiesen wird, sollte auch Interessenkonflikte von Wakefield hingewiesen werden. Und die sind enorm. Wakefield hat seine Studiendaten gefälscht: In den Gewebeproben, die er den Kindern im Rahmen einer Darmspiegelung entnahm, waren keine Masernviren zu finden (Aussage eines Laborassistenten, der die Proben direkt danach bearbeitet hatte). Trotzdem wird das in der – mittlerweile zurückgezogenen Arbeit – behauptet. In der Arbeit steht, die Symptome des Autismus seien maximal 7 Tage nach der Impfung aufgetaucht. Es gibt jedoch nachweislich Fälle in denen die Symptome erst mehrere Monate nach der Impfung auftauchten sowie mindestens einen Fall in dem die Symptome bereits vorher vorhanden waren. Ein Kind taucht in der Studie gar nicht auf (mindestens 13 Kinder wurden untersucht, 12 werden in der Studie erwähnt). Wakefield hat bereits seit 1993  zu einem Zusammenhang zwischen Masernimpfung und Magen-Darm-Erkrankungen geforscht. Das ist an sich vollkommen legitim. Allerdings hatte er ein Patent für einen diagnostischen Test sowie ein Patent für einen Einzelimpfstoff für Masern (er behauptete immer, nur die Dreifachimpfung Masern/Mumps/Röteln mache die Probleme). Das bedeutet, dass zukünftige Einnahmen (die von Wakefield auf mehrere Millionen geschätzt wurden) von den Ergebnissen der Studie abhingen. Das ist ein Interessenkonflikt, den Wakefield nicht öffentlich gemacht hat und bis heute als unproblematisch bewertet. Wakefield stellt es in dem Film so dar, als sei er ein Einzelkämpfer gewesen und hätte keine Unterstützung bei seinen Forschungen erhalten. Die Universität hat Wakefield jedoch lange unterstützt. Für die Reaktion nach der ersten Pressekonferenz, in der die Ergebnisse („MMR-Impfung macht autistische Enterokolitis) vorgestellt wurde, wurden extra Telefone geschaltet, um Anfragen bewältigen zu können. Im Film behauptet Wakefield, er habe nur Geld aus einem Forschungsfond erhalten. Das ist nur teilweise richtig. Wakefield arbeitete mit einem Anwalt zusammen, der Eltern vertrat, welche Impfhersteller verklagen wollten. Der Anwalt brauchte Belege für den Schaden von Impfstoffen um den Prozess zu gewinnen. Für die Forschung, um diese Belege zu liefern, zahlte er Wakefield Geld. Weil diese direkte Art der Bezahlung problematisch ist (Interessenkonflikt) wurde das Geld an die Universität gezahlt, die es wiederum über den Forschungsfond an Wakefield weiter gab. Nach der Veröffentlichung der Studie erhielt Wakefield weitere Gelder. Wakefield wirft Unternehmen vor, Kinder zu impfen um Profit zu machen und deren Schaden in Kauf zu nehmen. Er hat jedoch nachweislich durch seine Studie (unnötigen Untersuchungen) Kindern geschadet und wollte Geld mit seiner Forschung verdienen (was prinzipiell ebenfalls legitim ist, wenn es sich nicht um „alternative Ergebnisse“ handelt). Heute verdient er seinen Lebensunterhalt trotzdem mit der Behandlung und Beratung von Kindern mit Autismus. Nur eben aufgrund falscher Behauptungen. Die „Behandlungen“ die aus den Hypothesen von Wakefield und anderen in dem Film resultieren sind wirkungslos und gefährlich, es gibt nachgewiesene Todesfälle.

Wakefield trägt die Verantwortung für den Rückgang der Impfraten in Teilen Großbritanniens von 95% auf 80% und damit für 10 000e Masernfälle inklusive Todesfällen. Von unnötigen und grausamen „Behandlungen“ von Kindern mit Autismus ganz zu schweigen. Ihn als Anwalt für die Kinder auftreten zu lassen, ist an Zynismus kaum zu toppen.

Natasha Campbell-McBride

Natasha Campbell-McBride tritt in dem Film auf und behauptet, Substanzen die in der Landwirtschaft als Insektizide eingesetzt werden, würden für Autismus verantwortlich sein. Sie ist auch diejenige, die die Zahl 1/35 Kindern habe heute Autismus in die Welt setzt. Sie steht mit ihren im Film gemachten Behauptungen nicht auf dem Boden der Realität. Sie behauptet, dass Substanzen, die für Insekten schädlich sind, auch für Menschen gefährlich sind. Das ist in der Form falsch. Nikotin ist zum Beispiel für Insekten schnell tödlich, Menschen vertragen höhere Dosen. Andere Substanzen haben bei Menschen gar keine Wirkung, wieder andere sind in geringer Dosis tödlich. Die Aussage von Frau Campbell-McBride zeigen eine geringe Sachkenntnis auf. Woher sie ihre Zahlen zu Autismus nimmt (1/35 Kindern) ist unklar, sie ist falsch. Auch die Aussage, dass das Immunsystem nach der Geburt noch nicht richtig funktioniert ist nicht richtig, wenn das so wäre, wären Kinder nicht lebensfähig. Die von Frau Campbell-McBride empfohlene Diät ist nachweislich nicht wirksam für die Kernsymptomatik von Autismus. Was im Film nicht erwähnt wird, ist dass Frau Campbell-McBride selbst Nahrungsmittel verkauft, die als Behandlung der von ihre postulierten Behandlung dienen. Sie profitiert also direkt von der Angst (und der vermeintlichen Lösung, die sie anbieten), die sie schürt. Frau Campbell-McBride behauptet, es gebe kaum Forschung zum angeblichen Zusammenhang von Impfen und Autismus. Das ist glücklicherweise falsch. Es gibt Forschung und die hat gezeigt (PDF), dass es keinen Zusammenhang gibt. Dasselbe gilt für den fehlenden  Zusammenhang von Impfungen (PDF) und weiteren chronischen Erkrankungen.

Herr Troschke

Herr Troschke von der Initiative für Individuellen Impfentscheid behauptet, ebenfalls, das kindliche Immunsystem sei bei Geburt noch unreif. Wissenschaftliche Belege bleibt er schuldig. In einem Interview gab er zu, dass es sich um eine „weltanschauliche“ Ansicht handele. Im Film erwähnt er das nicht. Dort stellt er das so dar, als wäre das ein wissenschaftlicher Fakt. Herr Troschke beurteilt die Reife des kindlichen Immunsystems jedoch als Anthroposoph und nicht als Arzt. Anthroposophie ist eine Weltanschauung die unter anderem davon ausgeht, dass Menschen nicht nur einen „stofflichen“ Körper haben. Laut Rudolf Steiner, dem Gründer der Anthroposophie, bilden sich im Laufe des Lebens bestimmte „feinstoffliche“ Körper (Wesensleiber: Physischer Leib, Astralleib, Etherleib, Ich-Leib). Bis zum siebten Lebensjahr haben Kinder nur den „physischen Leib“, dann bildet sich der Astralleib, mit 14 der Etherleib und mit 21 der Ich-leib. Nach Anthroposophischer Sicht ist man erst dann ein Mensch. Die Reife menschlicher Biologie wird von einem anthroposophischen Arzt darum immer vor allem spirituell eingeschätzt. Und spirituell ist das Immunsystem eines Säuglings eben unreif. Das hat aber keinen Einfluss auf den Erfolg von Impfungen. Ich muss noch ein wenig ausholen, um den Blick von Anthroposophen auf Impfungen und „Kinderkrankheiten“ deutlich zu machen. Ebenfalls Teil der anthroposophischen Lehre ist die Annahme, Menschen würde wiedergeboren. Handlungen und Gedanken und aus einem früheren Leben können Einfluss auf das Karma (und damit auf die Wesensleiber und das Leben des Menschen) haben. Um das Karma wieder in Ordnung (meine Beschreibung) zu bringen, sind bestimmte Erkrankungen aus anthroposophischer Sicht notwendig! Unter anderem Masern. Aus anthroposophischer Sicht können Menschen, die sich im früheren Leben zuviel mit sich selbst beschäftigt haben und zuwenig mit der äußeren Welt, durch Masern wieder „heilen“. Darum sind anthroposophische Ärzte dagegen, Kinder vor dem Jugendalter zu impfen, weil Impfungen die Entwicklung Kinder behindern. Dabei meinen sie jedoch nicht die psychologische Entwicklung sondern die spirituelle. Das wird leider selten von anthroposophischen Ärzten erwähnt.

Auch in diesem Film werden Aussagen von Ärzten, die wissenschaftliche Erkenntnisse darlegen, Aussagen von Ärzten gegenüber gestellt, die sich auf die Aussagen eines 1925 verstorbenen Hellsehers berufen. Ich finde, die Aussagen, sollte man durchaus unterschiedlich bewerten.

Gericht und Autismus

Im Film wird eine Familie aus Italien gezeigt, deren Sohn Autismus hat. Die Eltern haben versucht, per Gericht eine Entschädigung für den Autismus ihres Sohnes zu erhalten. Im Rahmen des Gerichtsverfahrens sollte nachgewiesen werden, dass ihr Sohn (Valentino Bocca) durch eine Impfung Autismus bekommen habe. Dieses Urteil beruhte jedoch vor allem auf den Aussagen von Experten, die sich auf die Arbeit von Wakefield bezogen. Da die Ergebnisse von Wakefield gefälscht waren können die Aussagen der „Experten“ als widerlegt gelten. Das Urteil wurde mittlerweile von einem Gericht in einer höheren Instanz widerrufen.

Aluminium

Im Film wurde die Aussage gemacht, es gebe keinen Grenzwert für Aluminium. Das ist falsch. Das Paul Ehrlich Institut hat zu Aluminiumverbindungen in Impfstoffen letztmalig 2014 Stellung genommen. Es könne an der Einstichstelle in seltenen Fällen zu „Verhärtungen“ kommen, die in der Regel wieder zurückgehen.  Es wird aktuell diskutiert, ob elementares Aluminium an der Entstehung von Alzheimer-Demenz beteiligt ist. Eine Diskussion über eine solange Zeit bedeutet mit hoher Wahrscheinlichkeit, dass ein möglicher Effekt nicht groß ist. Große Effekte lassen sich leicht messen und werden dann nicht mehr diskutiert. Die Symptome bei einer akuten Vergiftung mit elementarem Aluminium haben nur sehr entfernt etwas mit Autismus zu tun. Auch die Symptome einer Demenz sind von Autismus gut zu unterscheiden. Wenn man zur Sicherheit die Aufnahme von Aluminium reduzieren will, sollten aluminiumfreie Pflegeprodukte verwendet und auf Alufolie sowie Alukochgeschirr verzichtet werden. Die Menge an Aluminium in Impfungen ist im Gegensatz dazu äußerst gering.

Thiomersal

Thiomersal ist eine Quecksilberverbindung. Das klingt erst mal beängstigend, dabei vergisst man jedoch schnell, dass Elemente in Molekülen vollkommen andere Eigenschaften haben können als als Element. Auch hat vermutlich niemand Angst vor Meditonsin, worin ebenfalls eine Quecksilberverbindung vorhanden ist. Thiomersal wurde bereits 2001 aus allen Impfstoffen für Kinder entfernt. Dies geschah als Vorsichtsmaßnahme, weil T. seit 1930 in Impfungen verwendet wurde und damals keine Studien gemacht wurden, die heutigen Standards entsprechen. Thiomersal wurde zur Konservierung der Impfstoffe eingeführt. Damals entnahm man den Impfstoff noch aus großen Ampullen. Wenn die Kühlkette unterbrochen wurde, kam es gelegentlich zu Bakterienwachstum in den Ampullen. Die Bakterien wurden dann Kindern injiziert. Außerdem muss gesagt werden, dass die Grenzwerte für Thiomersal (Ethylquecksilber) an denen von Methylquecksilber angelehnt waren. Methylquecksilber ist die Substanz die mit Fisch aufgenommen wird und Menschen vergiften kann. Methylquecksilber bleibt lange im Körper und reichert sich an. Ethylquecksilber hingegen ist nach wenigen Stunden aus dem Körper entfernt und ist darum deutlich weniger schädlich. Doch aufgrund der fehlenden Studien wurde es entfernt.

Wenn (!) Thiomersal mit Autismus zusammenhängen würde, hätte es in den USA nach der Entfernung einen Rückgang von Diagnosen geben müssen. Den gab es nicht.

Unplausible Thesen im Film

Im Film wird behauptet, beim Impfen gehe es nur darum, möglichst viel Geld zu verdienen: Wenn Profit das vorrangige Ziel wäre, würde dieses Ziel besser erreicht werden, wenn nicht mehr geimpft würde. Früher waren die Kinderkliniken voll mit Kindern, die an Keuchhusten, Diphtherie, Maserenzephalitis, Meningokokkensepsis u. v. a. erkrankt waren und zum Teil Wochen im Krankenhaus bleiben mussten (oder dort starben). Eine Erkrankung zieht viele Behandlungen nach sich, die – wenn das das einzige Ziel wäre – deutlich höhere Gewinne bringen würden als Impfungen. Die Gewinne waren in den USA in den 1980ern so gering, dass die Hersteller, nachdem sie einige Klagen verloren hatten (es ging dabei um einen Impfstoff mit relativ hoher Komplikationsrate, der heute nicht mehr hergestellt wird), aufhörten Impfstoffe herzustellen. Darum wurde ein besonderes Gesetz verabschiedet, welches dazu dient, die Hersteller vor übermäßigen Klagerisiken zu schützen und Menschen die durch Impfungen geschädigt wurden zu kompensieren3.

Es gibt eine „Epidemie“ von Autismus: Die Beschreibung von „Autismus“ ist relativ neu. Erstmals tauchte der Begriff 1911 auf, hatte jedoch noch wenig mit unserem heutigen Verständnis der Störung zu tun. In den 1940ern beschrieb Kanner den nach ihm benannten frühkindlichen Autismus. Alle im Film vorgestellten Kindern würden (wahrscheinlich) in diese Kategorie fallen. Asperger faste die Definition von Autismus weiter. Allerdings wurde diese Definition erst in den 1990er Jahren in die relevanten Diagnosebeschreibungen aufgenommen. Man geht davon aus, dass viele Kinder, die heute die Diagnose „Autismus“ erhalten, früher unter dem Begriff „geistig Behindert“ erfasst wurden oder eben gar nicht erkannt. Es findet also zum Teil eine Verschiebung zwischen Diagnosen statt, teils werden Menschen diagnostiziert, die früher nicht erkannt worden wären. Zum Teil erhalten heute Kinder Hilfe, die früher als „schwierig“ gegolten hätten. Es gibt keine Belege für die behauptete Epidemie die Steigerung der Erkrankungszahlen lässt sich ohne Umweltauslöser gut erklären4.

Ich plane einen zweiten Teil, in dem ich auf ein paar weitere Fragen zum Impfen eingehe, die aber nicht direkt etwas mit dem Film zu tun haben.

  1. Explaining the Increase in the Prevalence of Autism Spectrum Disorders
    The Proportion Attributable to Changes in Reporting Practices, Stefan N. Hansen
  2. Autistische Störungen – State-of-the-Art und neuere EntwicklungenEpidemiologie, Ätiologie, Diagnostik und Therapie, Christine M. Freitag
  3. In Deutschland gibt es ein ähnliches Gesetz. Darin heißt es, dass ein Schaden durch eine Impfung nur „wahrscheinlich“ sein muss, um eine Entschädigung zu erhalten. Von 1972 bis 1999 sind die anerkannten Impfschäden von 191 auf 21 pro Jahr zurückgegangen (PDF). Bei mehreren Millionen gegeben Impfdosen ist das eine sehr geringe (wenn auch immer noch zu hohe) Anzahl.
  4. Es gibt eine Gruppe von Menschen, die der Ansicht sind, Autismus sei die nächste Stufe der menschlichen Evolution.

[Update: 07.05.17: An dieser Stelle stand unter „Rausschmeißer“ noch eine spezielle Kritik, die in der Form nicht gut formuliert war, darum habe ich sie wieder entfernt. Eventuell wird sie überarbeitet und im zweiten Teil noch einmal aufgegriffen.]

Nazimilch

Es ist toll, weiß zu sein! Louis CK hat eine Nummer in der erklärt, wie großartig es ist, ein weißer Mann zu sein. Er meint damit, dass man als weißer Mann zu beinahe jedem Zeitpunkt der Geschichte, an beinahe jedem Punkt der Erde zu der Gruppe von Menschen gehört hätte, der es besser ging als dem Rest. Er meint das als Beschreibung der Wirklichkeit, nicht als ihre Rechtfertigung. Es gibt jedoch Menschen, die meinen das genau so. Die sind der Ansicht, ihre spärlich ausgeprägte Pigmentierung sei äußeres Zeichen einer inneren Überlegenheit gegenüber Menschen mit stärker ausgeprägter Pigmentierung. Bar jeder Kenntnis in Biologie sprechen diese Menschen gern von „Rassen“.

Und, so erfuhr ich kürzlich, sie, die weißen Überlegenen, trinken gerne Milch. Denn Milch ist auch weiß! Und weiß sein ist toll.

In New York hatte Shia LaBeouf, ein Schauspieler, eine Kamera eingerichtet, die eigentlich dazu dienen soll, zu zeigen, dass wir alle Schwestern und Brüder sind. Nackte Affen auf einem kleinen blauen Planeten. Der Platz vor der Kamera wurde von „White Supremasists“ dazu genutzt, ihre spärlich pigmentierten (jedoch Stellenweise künstlich nachpigmentierten) Oberkörper zu präsentieren, um ihrer politischen Botschaft Ausdruck zu verleihen: „Wir sind die besten. Und zwar nicht, weil wir irgendwas besser können als weniger Pigmentierte, sondern WEIL wir spärlich pigmentiert sind.“ Und welches Getränk könnte besser dazu dienen, dieses differenzierte Weltbild zu transportieren als Milch.

Die Herren trinken Milch vor der Kamera. Denn, so die Ansicht dieser Herren, die Tatsache, dass sie als Erwachsene ein Enzym besitzen, welches Laktose in Galactose und Glukose spaltet (Lactaste-Persistenz), sei Beleg dafür, dass sie an der Spitze der Evolution stünden. Prost!

In einem Paper aus Nature ist zu erfahren, dass die Fähigkeit Lactase auch als Erwachsener zu bilden (Kinder können es ohnehin) mit der Mutation einer DNA-Base in der Nähe des Gens für Lactase zu tun hat. Dabei wurde die DNA-Base Cytosin durch Thymin ausgetauscht. Es geht also, bei der Überlegenheit der weißen „Rasse“ um ein (EIN!) Molekül. Ein fragiles Konzept, will beherzt verteidigt sein.

Im selben Paper ist auch zu lesen, dass auch Menschen ohne Lactase-Persistenz Milchprodukte zu sich genommen hätten. Sie hätten lediglich dafür sorgen müssen, den Lactoseanteil in der Nahrung zu reduzieren. Dazu wurde Milch unter anderem zu Käse verarbeitet. Käse herzustellen ist gar nicht so einfach, diese Menschen konnten es bereits vor 8000 Jahren. Damit hatten sie diese Fähigkeit vor dem Zeitpunkt als die Lactase-Persistenz erstmals auftrat (ca. 7500 Jahre).

Man könnte also sagen, Menschen mit Lactase-Persistenz müssen sich weniger Gedanken machen wenn sie etwas essen wollen. Und sie sind zu faul, sich leckeren Käse zu machen. Sie trinken die Milch einfach aus dem Kanister.

Und wie das so ist, mit zufälligen Mutationen einzelner DNA-Basen, entstehen diese auch woanders. So zum Beispiel in Westafrika und Südasien. Auch dort gibt es Lactase-Persistenz. Zufällige Mutationen einzelner DNA-Basen entstehen auch bei Menschen mit stärker ausgeprägter Pigmentierung.

Es ist toll, weiß zu sein. Du denkst, du übernimmst die Herrschaft aber die Milch macht’s.

Nazis schlagen

Im letzten Jahr wurde von einigen Menschen in meiner Filterblase ein Video geteilt, auf dem Nazis von der Polizei in Luxemburg verprügelt werden, als sie dort eine Kundgebung veranstalten. Das Verhalten der Polizei wurde goutiert und oft mit „So muss man mit Nazis umgehen“ abgenickt. Ich habe nirgendwo etwas gefunden, was den Ausschnitt in einen Kontext stellt, der Gewalt in der gezeigten Form legitimiert.

Im Rahmen von Gegenprotesten zur Vereidigung von Donald Trump wurde Richard Spencer, der die USA zu einer arischen Nation machen möchte, von einem Demonstranten geschlagen.

Es ist nicht so, dass ich nicht emotional nachvollziehen kann, warum man sich darüber freut, wenn Faschisten vermöbelt werden. Besonders wenn sie öffentlich auftreten. Ich kann sogar das rationale Argument nachvollziehen, dass Faschisten wissen sollen, dass sie eine Preis zahlen müssen, wenn sie ihre Ansichten öffentlich vertreten. Und doch bin ich dagegen, Nazis zu schlagen. Ich bin dagegen irgendjemanden zu schlagen weil er bestimmte politische Ansichten hat.

„Gewalt ist die letzte Zuflucht der Unfähigen.“

Isaac Asimov

So befriedigt der nackte Affe in mir durch diese Impulsdurchbrüche meiner Artgenossen auch sein mag, so sehr bezweifelt der Humanist in mir, damit meinem Ziel näher gekommen zu sein. Eher im Gegenteil. Durch Gewalt gegen Nazis, erreichen sie viel mehr ihre Ziele als „wir“ unsere.

Wann ist es ok einen Nazi zu schlagen? Die beiden oben verlinkten Videos verschaffen dem nackten Affen Befriedigung. Was wäre, wenn Spencer vom nächsten Demonstranten geschlagen worden wäre und vom nächsten und vom nächsten? Wäre ein Tritt auch ok? Dürften Knochen brechen oder offene Wunden entstehen? Wäre die Grenze erreicht, wenn er ins Krankenhaus gemusst hätte oder wäre auch eine Reha im Anschluss noch angebracht gewesen?

Reicht es, einen rassistischen Witz zu erzählen, um es verdient zu haben, geschlagen zu werden? Oder muss man auch der NPD angehören? Ab welchem Alter darf man Nazis schlagen? Müssen sie volljährig sein oder ist es auch bei Jugendlichen ok? Wie ist es mit Menschen die Aufseher im KZ waren? Sind die zu alt um geschlagen zu werden? Ist es ok, wenn sie am Schlag sterben? Wie sieht es aus, wenn sie bereuen, was sie getan haben?

Ich habe bei Reddit einen Kommentar gelesen, in dem eine Dame, die schrieb, sie sei früher Nazi gewesen, sie wünscht sich heute, jemand hätte sie damals geschlagen. Dann wäre sie früher „da rausgekommen“.

Machen wir unsere Zustimmung, ob man Nazis schlagen darf vom Ergebnis abhängig? Wie lange darf man einen Nazi verprügeln, bis man aufgibt, weil man es nicht schafft in „da rauszubringen“ (oder sie)? Und wie weit nach links muss er gewandert sein, damit man aufhören kann?

Ich habe gezweifelt, ob ich es nicht doch ok finde, Nazis zu schlagen. Insbesondere, wenn ich an einen Abend vor einigen Wochen zurückdenke, als ein Mann laut grölend an unserer Wohnung vorbeilief und übelste rassistische Parolen von sich gab. Als er merkte, dass er beobachtet wird, entfernte er sich und drohte, unsere Wohnung anzuzünden. Danach rief er, die SA und die SS würden bald marschieren und dann…

Das macht mich ängstlich und wütend. Das ruft niedere Instinkte in mir wach. Das macht mich ihm ähnlicher. Das will ich nicht. Das sollten wir nicht wollen.

Es ist nicht richtig, Nazis zu schlagen. Es ist richtig sich gegen Nazis zu wehren, ihnen zu widersprechen, sich ihnen in den Weg zu stellen und zu setzen und ihnen das Leben und vor allem die politische Aktivität schwer zu machen. Doch es ist nicht richtig, sie zu schlagen, egal wie schön das Gefühl ist, wenn man sich das wieder und wieder ansieht.

Anmerkung I:

Im Rahmen von legitimer Selbstverteidigung sieht das natürlich anders aus, nur um Missverständnisse zu vermeiden. Ich bin weder Gandhi noch Märtyrer.

Anmerkung II:

Wer im Einsatz für eine demokratische und offene Gesellschaft die Grenze zur Gewalt überschreitet und Konsequenzen (rechtlich, körperlich) zu tragen hat, hat meine Solidarität ohne, dass ich mit seiner oder ihrer Handlung einverstanden sein muss.