Verwirrung über Pirinccis Rede

Mittlerweile ist sicher allgemein bekannt, dass Akif Pirinçci gestern bei PEGIDA eine Rede gehalten hatte, die ihm heute bereits erste Schwierigkeiten bereitete. Lutz Bachmann hat sich auf der Facebook-Seite von PEGIDA (‚Ami Go Home‘) mittlerweile für die Rede entschuldigt. Beziehungsweise dafür, nicht früher eingeschritten zu sein. Er schreibt:

Einen gravierenden Fehler habe ich gestern begangen, als unser Gastredner Akif Pirinçci ans Mikrofon trat und seine ersten Sätze verlas, dass er eigentlich aus seinem Buch „Umvolkung“ lesen wollte, auf einmal aber stattdessen eine eigene Rede für den besonderen Anlass ankündigte.

Dies geschah ohne Absprache mit uns und wir waren völlig überrumpelt. Ich hätte in diesem Moment die einzig richtige Entscheidung treffen müssen und sofort das Mikro abschalten. Im Regelfall lesen wir die Vorträge unserer Gäste quer, um derartige Vorfälle zu verhindern. Das von Herrn Pirinçci Vorgetragene lag uns so nicht vor, sonst hätten wir von vornherein abgesagt.

Ich nehme diese Entschuldigung nicht an.

Er hat also von nichts gewusst. Das hat in Deutschland Tradition, hinterher „von nichts gewusst“ zu haben. Dabei hätte beispielsweise Frau Festerling Herrn Pirincci ja einfach mal fragen können, was er denn so erzählen wird? Kaum vorstellbar, dass sich die beiden RednerInnen nicht im Vorfeld über ihre Reden ausgetauscht haben. Sie scheinen sich ja gut zu verstehen, wenn man Pirinccis Twitter-Account glauben darf. Doch bereits am Tag vorher hätte Bachmann einfach mal auf die Website seines Redners (mittlerweile offline*) schauen müssen. Der schrieb da bereits:

Morgen, also Montag (19. 10. 2015), werde ich anläßlich des einjährigen Bestehens von PEGIDA in Dresden auftreten und einen hübschen Text vorlesen, der in Sachen Wutrede in diesem Lande Maßstäbe setzen wird. Es wird um die Verbrechen gehen, die man diesem Volk gegenwärtig antut. Man erwartet bis zu 30.000 Leute, ich glaube, daß es mehr werden. Ach, Herr Staatsanwalt…

Gruß und Kuß!

Euer kleiner Akif

Das klingt nicht nach Buchlesung. Das klingt nach eigens geschriebener „Wutrede“. Eine „Wutrede“ auf die Lutz Bachmann seinen Redner im Vorfeld hätte ansprechen können. Entweder wusste also Bachmann Bescheid, dann lügt er. Oder er war tatsächlich ahnungslos, dann ist er unfähig. Ich denke, er hatte nichts konkretes abgesprochen und damit gerechnet, dass der kleine Akif das Ding sauber über die Bühne bringt. Der hat nun leider über das Ziel hinausgeschossen. Allerdings anders als die PEGIDA jetzt glauben machen wollen. Er hat einfach zu lange gebraucht und ist kein guter Redner. Die Masse auf dem Theaterplatz war nicht empört. Sie war gelangweilt. Deswegen wird nächsten Montag frische Hetze geliefert.

Ergänzung:

Am Anfang seiner Rede sagt Herr Pirincci, er habe eigentlich aus seinem Buch „Umvolkung“ lesen wollen. Der Teil der Aussage Bachmanns scheint also wahr zu sein. Bleibt, die öffentliche Ankündigung Pirinccis und die Vermutung, dass Frau Festerling Bescheid wusste. Vielleicht zeigen sich hier erste Risse in der aktuellen PEGIDA-Führung?

*Teilweise im Google-Cache einsehbar.

Update 21.10.15 13 Uhr:

Auf Freitag.de ergänzt Magda:

„Es ist in der Tat so, dass Pirincci nicht intendiert hat, dass man Flüchtlinge ins KZ’s stecken sollte, sondern dem Landrat Lübcke ironisch untestellt, er könne ja leider die KZ’s – gegen Deutsche – nicht in Betrieb nehmen.“

Das macht die Rede von ihm nicht weniger übelkeiterregend, soll aber der Vollständigkeit halber erwähnt werden.

Auf Dame von Welt hat sich ein paar Gedanken zum „kleinen Akif“ gemacht.

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Vollzugsdefizit und Volkswutüberschuss

Willkommen in Dresden

Seit bald einem Jahr beschäftigen mich die PEGIDA. Meine erste Begegnung mit dem Folg um Bachmann war eine Gegendemonstration im letzten Jahr. Am Goldenen Reiter hörte ich einen Redebeitrag, in dem vor PEGIDA gewarnt wurde. Die Antifa hat sich als politisches Immunsystem gezeigt und bereits früh vor dem Gewaltpotenzial der PEGIDA gewarnt. Zu einem Zeitpunkt als Ministerpräsident Tillich und sein Helferlein Ulbig noch routiniert den rechten Kessel anheizten. Meinen ersten Text zum Thema hatte ich am 14.11.14 veröffentlicht. In den Kommentaren der PEGIDA-Facebookseite wurde bereits damals durchgespielt, was wir heute im ganzen Osten sehen. Die Befürwortung von Gewalt war PEGIDA von Beginn an immanent.

„Doch Matze weiß die Lösung, nämlich dem verschissenen Zeckenpack den Schädel einschlagen und in die rinne kehren.

„Jürgen greift das gleich auf und bepöbelt die eigenen Leute, weil diese nicht den Schneid in der Hose hätten, um sich zusammenzutun und dieses Pack aus der Stadt zu jagen. Silvio ist damit noch nicht zufrieden, er will alle rausschmeissen aus unserem Land. Wobei Jürgen an die guten alten Kreuzfahrerzeiten erinnert, als man die Jungs angenagelt hat und runterfaulen lies. Manuel lässt sich von der kreativen Stimmung anstecken: ’sing’ Wetzt die langen Messer an dem Bürgersteig, lasst die Messer flutschen in den Salafisten leib….. ‚sing‘.“

„Michi ist das alles zu kompliziert, er plädiert für die pragmatische Lösung: Kopf ab fertig aus.
Zitate @diaphanoskpie 14.11.14

Jetzt wird es wieder länger Dunkel. Je früher die Sonne im Osten untergeht, desto mehr Menschen versammeln sich, um den Gestalten auf dem Rednerpult im kleinen Plastikanhänger zuzujubeln. Der Ton, der den Meinungsluken auf dem Plastikanhänger entweicht, hat sich über den hitzigen Sommer geändert. So wie die Stimmung auf dem Platz. Die Zeit der Rechtfertigungen ist vorbei. In den Anfangszeiten wurde immer wieder betont, bei PEGIDA habe niemand etwas gegen „Ausländer“ oder „Moslems“. Menschen muslimischen Glaubens wurden vom Bachmann Lutz explizit auf die Demonstrationen eingeladen. Eine Idee, die bei beinahe täglicher Gewalt gegen Andersdenkende in Sachsen, grotesk erscheint. Wiederholt wurde versucht, die Spaziergänge, mit der Gefahr des „radikalen Islam“ zu rechtfertigen. Das hat sich geändert. Es geht gegen „das System“. Offen wird ein „Umsturz“ herbeigesehnt und fantasiert. Denn ohne diesen Umsturz gehe es „Deutschland“ an den Kragen. „Die Amerikaner“, so warnen PEGIDA-Redner immer wieder, hetzen „uns“ die Flüchtlinge auf den Hals, um einen „Bürgerkrieg“ zu provozieren. Dieser stehe kurz bevor.

In den letzten Wochen stand ich wiederholt auf dem Theaterplatz oder dem Neumarkt. In Anbetracht der grölenden Menge, klingen Umsturz und Bürgerkrieg dort beinahe wie realistische Szenarien. Die Angst, die sich bei mir vegetativ in Übelkeit ausdrückt, muss auf Seiten des Folgs ein warmes, wohliges Gefühl sein. Vielleicht wie Blut, das einem über die Hände läuft. Ich werde das Gefühl nicht los, als wünschten sich die Wortproduzenten auf dem kleinen Plastikanhänger nichts sehnlicher als einen „Bürgerkrieg“. Dann können sie endlich mal richtig aufräumen. Können es den „linksversifften Gutmenschen“ mal richtig zeigen. Wer Anfang des Jahres dachte, die RednerInnen von PEGIDA seien aggressiv, hat die neue Angriffslust noch nicht erlebt. Wer PEGIDA immer noch unterstützt, legitimiert Gewalt und Selbstjustiz. Niemand kann sagen, er habe nichts gewusst.

„Bernhard hält, definitionsgemäß, nichts von islamischem Recht, möchte aber gerne, das die Salafisten, die scheinbar in Kirchen eingebrochen waren, ihre eigenen Lehren zu spüren bekommen, was seiner Meinung nach hieße: Händeabhacken.“

Da schreibt man schon mal unschön, aus der Wut heraus wie Paul, der das viehzeug abknallen will. Julius ist für Selbstjustiz!!! Jetzt!!!
„Kevin rät, man solle seine Handys in Sicherheit bringen und würde sich nicht wundern, wenn das ding brennt.
Zitate @diaphanoskopie 20.11.14

Die kaum noch verklausulierten Gewaltfantasien der Protagonisten wundern sicher niemanden. Aber als der Bachmann Lutz verkündete, eine Partei gründen zu wollen, war ich kurz erstaunt. Meinen ersten Gedanken, dass es sich mit PEGIDA dann bald erledigt haben würde, verwarf ich schnell wieder. Dazu hatte ich mich im letzten Jahr bereits zu oft geirrt. Die Hoffnung stirbt zwar zuletzt. In Sachsen liegt sie jedoch bereits auf der Intensivstation.

Zum einjährigen von Lutz und seinen BrüllkameradInnen soll es in Dresden ein breites Bündnis des Gegenprotests geben. Alle demokratischen Parteien Sachsens haben dazu aufgerufen. Also nicht die CDU Sachsen. Die CDU Sachsen ist so damit beschäftigt, die eigene Macht zu erhalten, dass sie es nicht schafft, sich gegen eine eindeutig antidemokratische Bewegung zu stellen. Tillich und seine Leute unterspülen das Fundament einer freien Gesellschaft. PEGIDA ist längst über das Thema Asyl hinausgewachsen und nutzt es nur noch als Brandbeschleuniger. Ziel ist ein „Systemsturz“. Die Bewegung träumt von Dresden als dem neuen München; Hauptstadt der Bewegung.

Unterstützt wird PEGIDA dabei von Seiten des Landes und der Kommune. Dort spricht man, was die Einhaltung der Auflagen bei PEGIDA-Demonstrationen angeht, von einem „Vollzugsdefizit“. Während rechte Demos freundlich durchgewunken werden, setzt man auf der linken Seite früh die Helme auf. Es sind sächsische Verhältnisse. So wie die Tatsache, dass Gegendemonstranten und Journalisten nahegelegt wird, sich aus der Umgebung von PEGIDA-Demonstrationen zu entfernen, weil man nicht für den Schutz garantieren könne.

Eine Befürchtung, die sich in den letzten Tagen in Sachsen immer wieder traurig bewahrheitet. Eine Veranstaltung, die zum Dialog eingeladen hatte, wurde von Rechten gesprengt, Teilnehmer angegriffen. Unter den Augen der Polizei. Den einzelnen Beamten kann man vielleicht keinen Vorwurf machen, haben sie doch ein Recht auf Eigenschutz. Dass aber in Sachsen das Potential des rechten Mobs, dem sich besorgte Bürger anschließen, systematisch ignoriert wird, ist ein Skandal.

Die einzige Möglichkeit, in Sachsen Asylunterkünfte zu schützen BEVOR etwas passiert, ist eine linke Demo davor zu organisieren. Dann kommt nämlich auch die Polizei. Sächsische Verhältnisse.

Wir haben es in Sachsen weit gebracht im letzten Jahr. Von einem verschlafenen Freistaat mit einigen „Leuchttürmen“, zu einem vom Mob regierten Gebiet mit Gewaltmetropolen. Danke Herr Tillich! Als Landesvater tragen sie die Verantwortung für den Brutalität in ihrer Familie. Es wird Zeit, Konsequenzen daraus zu ziehen. „Wäre es nicht schön in Sachsen“, muss sich Herr Tillich denken, „wenn nicht diese ganzen Ausländer zu uns kämen?“. Es wird ein langer Winter in Dresden.

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Angriffe auf Flüchtlinge nach PEGIDA-Demonstration

PEGIDA-Demonstranten beschimpfen Schüler

Journalisten fordern besseren Schutz bei Pegida-Demonstrationen

Die traumatisierten Flüchtlinge

Opfer! Darum dreht sich alles bei den PEGIDA. Denn Opfer sind in erster Linie die besorgten Bürger selbst. Opfer des Mainstream, Opfer der Politik, Opfer der Medien, Opfer des Genderterrors. Damit bleibt allen anderen die Rolle der Täter. Abgesehen von einer kleinen Gruppe von Opfern, die die PEGIDA angeblich als legitim betrachten: Flüchtlinge.

Flüchtlinge? Ja, ich habe es selbst gehört. Irgendwann im Winter, es war dunkel und kalt, stand ein Redner auf dem kleinen Plastikanhänger und rief dem Folg zu: „Flüchtlinge aufnehmen ist Menschenpflicht„. Da soll noch einer sagen der Lutz Bachmann und sein Folg seien Rassisten oder Asylgegner. Alles Quatsch! Natürlich müssen wir Flüchtlinge aufnehmen. Wir sind doch keine Unmenschen. Untermenschen schon gar nicht.

Aber es müssen die richtigen Flüchtlinge sein! Echte Flüchtlinge. Flüchtlinge auf die man stolz sein kann. Nicht so stolz wie auf Deutschland! Aber stolz genug, um sie sich auf die Visitenkarte drucken zu lassen oder in den Lebenslauf zu schreiben. Flüchtlinge, echte Flüchtlinge, das wissen die besorgten Bürger, sind traumatisiert.

Wer traumatisiert ist, sitzt in der Ecke und blickt leer in der Gegend herum. Der ist dankbar und lieb und nett und ein gebrochener Mensch. Ein Opfer. Opfer sind gute offizielle Flüchtlinge. Auf Opfer kann man mittleidig herabblicken, ohne sich von ihnen bedroht zu fühlen.

Vor einiger Zeit kursierte ein Video auf dem zu sehen ist, wie einige Bewohner der Zeltstadt Dresden sich mit Gartenmöbeln und allerhand anderer Wurfgeschosse zu treffen versuchen. Kurz danach hatte die Polizei die zwei Gruppen, sich streitender Menschen, auseinander gehalten. Für die, die gerne sagen, was man doch wohl man sagen dürfen muss, ist das Beleg, dass es sich bei den „jungen Männern“ nicht um echte Flüchtlinge halten könne. Denn traumatisierte Menschen Verhalten sich anders. Opfer werfen keine Gartenstühle!

Heute ist es der Gartenstuhl, morgen der Djihad!

Aber was heißt das eigentlich traumatisiert kann man das einfach so behaupten ich bin traumatisiert gibt es Definition? Nicht jeder Mensch, der ein Trauma erlebt hat, behält davon einen sichtbaren psychischen „Schaden“. Trägt jemand einen sichtbaren Schaden davon, kann es sich um eine posttraumatische Belastungsstörung handeln.
Schaut man sich die Definition einer posttraumatischen Belastung Störung an, findet man eine Menge von Symptomen, die solche Menschen zeigen können. Neben dem Bild wie ich es oben beschrieben habe, gibt es auch andere Reaktion. Nämlich aggressive und impulsiven Verhaltensweisen. Menschen mit einer posttraumatischen Belastungstörung haben manchmal Schwierigkeiten ihre Emotionen zu kontrollieren. Sie werden von ihren Emotionen „überschwemmt“ und haben wenig Möglichkeiten sich dagegen zu schützen. Wenn es sich bei dieser Emotion beispielsweise um Angst handelt, gibt es grob zwei Möglichkeiten: fliehen oder kämpfen. Da die Menschen in ihren Unterkünften und Zeltstädten oft keine Möglichkeiten haben, sich zurückzuziehen und es keine oder nicht ausreichende psychologische Betreuung gibt, läuft es darauf hinaus, dass Konflikte sich aufschaukeln. Zumindest sind gewalttätige Konflikte wahrscheinlicher unter diesen Bedingungen.
Das bedeutet nicht, dass dort lauter „gewalttätige junge Männer“ wohnen, die nur darauf warten ihre Aggressionen an Deutschen auszulassen. Es bedeutet, dass dort Menschen unter Bedingungen leben, die Gewalt untereinander und gegeneinander deutlich begünstigen. Wenn man diese Menschen in eine andere Umgebung bringt und die Hilfe gibt, die sie benötigen, wird sich ihr Verhalten auch verändern. Geflüchtete sind keine „schlechteren“ oder „besseren“ Menschen. Es sind Menschen.
Natürlich erwarte ich nicht das Lutz Bachmann oder irgend einer aus seiner Gevolkschaft ihre Meinung über „traumatisierte Flüchtlinge“ ändert. Denn wer seine Meinung ändert, müsste seine Sicht auf die Welt ändern und dann auch seine Sicht auf Asylbewerber. Und das ging ja gar nicht. Dabei sollten wir nicht vergessen, dass auch Lutz Bachmann und seine Gevolkschaft von Emotionen geleitet werden. Das soll ihr Verhalten nicht entschuldigen, sondern erklären. Nur wenn wir herausfinden, was die Emotionen hinter dem Rassismus sind und sie in unsere Reaktionen mit einbeziehen, können wir hoffen, dass sich die Meinung des einen oder anderen ändert. Schaut man sich andere Teile der Republik, dann hat das ja auch schon mal geklappt. Einige Sachsen brauchen vielleicht noch ein bisschen Zeit.
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Mehr Texte über PEGIDA

Flucht und Klimawandel

Das Wissen um die global steigenden Temperaturen begleitet mich bereits seit meiner Kindheit. Damals nannte mein Vater das Phänomen noch Klimakatastrophe. Bei Spaziergängen zeigte er uns Kindern immer die Knospen an den Bäumen und sagte, diese seien zu früh dran. Für ihn war das ein Zeichen für durch die Klimaerwärmung verursachte Veränderungen. Für mich war seit meiner Kindheit klar, dass die Welt sich durch die zunehmend Erwärmung verändern würde. Illustriert wurde diese Veränderung nachhaltig, durch einen Film. Ich erinnere mich nicht mehr an den Titel. Es ging darum, dass Klimaveränderungen in den USA zu katastrophalen Dürren geführt hatten und die Menschen nach Kanada flohen. Die Szene, in der abgekämpfte Menschen glücklich an der kanadischen Grenze ankamen und dort von den Grenzbeamten freundlich empfangen wurden* blieb mir besonders im Gedächtnis.

Obwohl in den letzten Jahren die Diskussion um die Klimakatastrophe, die heute Klimawandel genannt wird, an prominenter Stelle geführt wird, waren die Veränderungen aus meiner Sicht eher marginal. Hier gab es eine Dürre, dort stiegen Lebensmittelpreise, da gab es Überschwemmungen. Mir ist klar, dass diese Ereignisse für die Menschen vor Ort katastrophal waren, doch für mich blieben sie Abstrakt. Für mich fand der Klimawandel nicht spürbar statt.

Dachte ich zumindest. Doch die Auswirkungen des Klimawandels zeigten sich auf den Straßen Dresdens. Entgegen dem Trend der Temperatur, kühlte sich das gesellschaftliche Klima in Dresden deutlich ab. Die PEGIDA gingen auf die Straße. Damals angeblich als Reaktion auf Ausschreitungen zwischen Kurden und Salafisten in deutschen Städten (die bisher, entgegen dunklen Ankündigungen, Einzelfälle blieben) und gegen die Islamisierung des Abendlandes. Das man sich Menschen mit kurdischen Wurzeln als Kronzeugen für diese angebliche Islamisierung aussuchte, zeigte bereits, dass es eigentlich um etwas anderes ging: Die Etablierung einer neuen völkischen Bewegung.

Diese hätte vielleicht nicht das Momentum erreicht, welches die Reste der deutschen Zivilgesellschaft Anfangs überrollte, wenn nicht die Anzahl der nach Europa und Deutschland flüchtenden Menschen merkbar gestiegen wäre. So steigerte sich die Angst vor dem gesellschaftlichen Abstieg (was in Deutschland vor allem materiellen Abstieg bedeutet) in Teilen der bürgerlichen Mitte zur Panik. Einige ihrer Mitglieder begannen wild um sich zu schlagen. Mit dem Scheinargument „nur“ gegen „Wirtschaftsflüchtlinge“ zu sein, hetzte man gegen alles und jeden, der oder die andere Werte und Ideen vertrat.

Der hohe Anteil von PEGIDA AnhängerInnen, die Verschwörungstheorien verfallen sind, lässt vermuten, dass auch Klimawandelleugner stark vertreten sind. Immerhin haben Menschen, die an eine Verschwörungstheorie glauben ein erhöhtes Risiko, auch weiteren Verschwörungstheorien anzuhängen (das sogenannte „Lex Bartoschek“). Damit verleugnen sie einen Grund für die steigende Anzahl von Menschen, die nach Europa flüchten. Unter anderem die aus Syrien stammenden Menschen sind aufgrund der Global steigenden Temperatur aus ihrer Heimat geflüchtet**.

Damit ist der Klimawandel vor unserer Haustür angekommen. In Form vom Menschen die vor den Folgen flüchten, die aus steigenden Temperaturen auf diesem Planeten resultieren. Und es wird wärmer. Das bedeutet, wir können damit rechnen, dass in den nächsten Jahren mehr Menschen ein neues zu Hause bei uns*** suchen. Die Aufnahmen von klatschenden Menschen an Bahnhöfen in Deutschland, die Geflüchtete begrüßen, erinnerten mich an den Film, den ich vor ca. 20 Jahren gesehen hatte. Wir müssen uns darauf einstellen, dass mehr Menschen zu uns kommen werden und einen Weg finden, auch emotional ein Einwanderungsland zu werden. Sonst steuern wir auf eine gesellschaftliche Klimakatastrophe zu. Und das letzte Mal als Menschen aus Deutschland flüchten mussten, endete das für die ganze Welt katastrophal.

*Ich glaube, das war das Happy End des Filmes. Es kann aber auch sein, dass ich das im Nachhinein positiver erinnere als es dargestellt wurde.

** It’s a little bit more complicated than that. Obviously.

Bildquelle

*** uns = alle Mitglieder dieser Gesellschaft = alle in diesem Land lebenden Menschen.

Schon wieder Dresden – Ohne Worte

Gestern fand in Dresden eine Demonstration zur Unterstützung von Geflüchteten statt. Erstmals seit dem Auftreten von PEGIDA scheint die Anzahl der Demonstranten auf der Gegendemo zumindest gleich hoch gewesen zu sein. Es war eine Demonstration die den Namen verdient hat, eine Demonstration wie sie einer Stadt wie Dresden angemessen ist. Dank gilt auch der Unterstützung durch von außerhalb Zugereiste.

Die Organisation um „Dresden Nazifrei“ entschied, nicht direkt an der Flüchtlingsunterkunft vorbei zu ziehen, um die Menschen dort nicht zu stören. Nach dem Ende der Demo versuchten einige hundert TeilnehmerInnen zum Lager zu gelangen. Ziel war es die Menschen dort vor den erwarteten Angriffen Rechtsextremer zu schützen. Die waren am Montag Abend immer wieder in Kleingruppen in der Gegend gesichtet worden. Die Polizei, die in den letzten Tagen und besonders am Freitag Schwierigkeiten hatte, die Menschen im Lager angemessen zu schützen, war Zahlreich zugegen.

Die Beamten nutzten die Gelegenheit, zu üben, wie man Menschen daran hindert, zum Ziel zu kommen. Die Flüchtlingsunterstützer wurden wiederholt behindert. Gegen 22 Uhr wurden dann die Wege geöffnet und eine Mahnwache angemeldet. Die Beamten sollen sich gegen Mitternacht weitgehend entfernt haben. Einige Demonstranten blieben vor Ort. Die verbliebenen Beamten schienen sich bemüht zu haben, ihre Anwesenheit durch Schikane zu rechtfertigen.

Für 0:42 Uhr findet sich dann folgender Eintrag im Ticker von „PEGIDA#Watch“:

„+00:42+
#Alerta! Die letzten Supporter werden gerade von ca. 50 Hooligans angegriffen und u.a. mit Flaschen beworfen. Ein Verletzter mit Platzwunde… Täter weiterhin in der Gegend, sind im Bereich des Alberthafens unterwegs. Höchste Alarmstufe! Polizei wurde bereits 3x angerufen. Seit 10 Minuten noch immer keine Kräfte vor Ort!“

Leider ist somit das Kalkül der linken Demonstration nicht aufgegangen. In Kenntnis der sächsischen Verhältnisse waren durch die Anwesenheit linker Demonstranten Polizeikräfte zum Flüchtlingscamp gelockt worden. Die Polizei hätte dann, während sie auf die wartenden Linken aufpasst, nebenbei das Lager auch vor Angriffen durch Rechtsextreme beschützt. Leider hat die Polizei in Sachsen diesem Plan durch den vorzeitigen Abzug und das dann verspätete Eintreffen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Es bleibt dabei: In Sachsen ist man seinen Rechten näher als seinen Pflichten.

Sächsische Verhältnisse in Dresden

„Was ist denn da los bei Euch in Dresden?“

Ich war auf dem Heimweg von der Arbeit, fuhr an der Elbe entlang und Sebastian stellte mir diese Frage am Telefon. Das war vor ein paar Wochen. Wir sprachen über Freital. Und damit weiß nun jeder, dass wir über Rassismus sprachen. Freital in Sachsen, mittlerweile ist das nicht nur eine topographische sondern auch eine politische Positionsbeschreibung. Diese Frage interessierte mich, selbst erst wenige Jahre Dresdner, auch. Seit ich das erste Mal von den sächsischen Verhältnissen gehört hatte. Drängend wurde die Frage, nachdem ich die sächsischen Verhältnisse am eigenen Leib erlebt hatte. „Was ist denn los bei uns in Dresden?“

Die PEGIDA konnten unter anderem soviel Wucht entwickeln, weil die Politik in Sachsen und Dresden alles falsch gemacht hat. Im Umgang mit Extremisten im Allgemeinen und mit sich dem Bürgertum anbiedernden Extremisten im Speziellen.

Der erste Gegenprotest gegen die PEGIDA formierte sich bereits im Herbst 2014, umbemerkt von der Bundesöffentlichkeit und weitgehend ignoriert von der sächsischen Zivilgesellschaft. Am Goldenen Reiter, einem der Wahrzeichen Dresdens, bekam ich, ebenfalls auf dem Weg von der Arbeit, einen Flyer in die Hand gedrückt. Ich erfuhr, in Dresden sammeln sich Menschen, die keine Nazis sind, aber rechts soweit offen, dass diese Kameraden fröhlich mit marschieren konnten. Die Dynamik der „Bewegung“ hatte zu dem Zeitpunkt vielleicht nicht mal das kleine Häufchen Aufrechter im kulturbesoffenen Touristenmagneten des Ostens geahnt.

Als ich vom Zuschauer zum Teilnehmer geworden war, durfte ich erleben, wie man in Sachsen mit antifaschistischem Engagement umgeht. Man verhindert es soweit wie Möglich. Die Idylle des Elbflorenz soll erhalten werden. Konflikte, die über die Neubesetzung von Intendanten hinaus gehen, stören. Alles was über Symbolpolitik a la Menschenkette hinausgeht ist unerwünscht.

Protest in Hör- und Sichtweite der PEGIDA wurde so oft und so gut wie möglich verhindert. Das ging soweit, dass der Zugang zu PEGIDA-Märschen für deren Teilnehmer bequem möglich waren, während die Gegenveranstaltung jedoch, durch hermetische Polizeisperren, für deren Teilnehmer kaum zu erreichen war.

Die Kommunal- und Landespolitik reagierte auf die PEGIDA Anfangs Dröge und später kontraproduktiv. Gegenprotest wurde abgewertet als linksextremistische Veranstaltungen der „Antifa“. Damit war die CDU-Führung das erste Mal auf einer Linie mit Bachmann und seiner Truppe. Das passte zur Linie der Stadt, Gespräche mit Dresden Nazifrei über Jahre abzulehnen und damit diejenigen auszuladen, die effektiv dafür gesorgt hatten, den größten Naziaufmarsch der Nachkriegszeit in Europa das Wasser abzugraben.

Was Bundesweit kaum jemand mitbekommen hat, war das Timing von Bemerkungen des sächsischen Innenministers Markus Ulbig zu einer Art schnellen Eingreiftruppe gegen „straffällige Asylanten“. Die PEGIDA waren zu dem Zeitpunkt bereits groß genug um vor Ort bemerkt zu werden. Bundesweit waren sie aber noch unter dem Radar der Medien. Eine kritische Äußerung des sächsischen Landesvaters Tillich zu PEGIDA und ihren Forderungen, die über Allgemeinplätze hinausging, hatte es noch nicht gegeben. Mit der Bildung einer speziellen Polizeitruppe für straffällige Asylbewerber blies die Landesregierung ins Horn der islamophoben Rassisten und legitimierte deren Veranstaltung.
Während wir mit ein paar 100 Menschen auf dem Postplatz standen und auf den Zug 1000en Rassisten warteten, kam mir hilflos vor, ob des fehlenden Rückgrats „meiner“ Regierung. Das panische agieren hatte den Gegenprotest nicht nur nicht unterstützt, sondern torpediert. In der Staatskanzlei herrschte Panik vor einem weiteren Wählerverlust. NPD und AFD hatten bei den Landtagswahlen zusammen 15% geholt. Diese Wähler wollte Tillich zurück. Er entschied sich gegen die Rolle des aufrechten Demokraten, gegen den Aufstand der Anständigen und für die Rolle des servilen Demagogen.

Ob es zuerst die Hoteliers oder die Professoren der TU-Dresden waren, die öffentlich hörbar Alarm schlugen weiß ich nicht mehr. Doch zu diesem Zeitpunkt versuchte auch die sächsische Landesregierung tapsig, sich zu positionieren. Für Tillich hieß das, zu sagen, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Für seine verlorenen Wähler war das zu spät und zu wenig, die keiften bereits seit Wochen „Volksverräter“.

Mitleid mit diesem älteren Herren mit einem Gesichtsausdruck der Bräsigkeit und Ekel mischt, bekam ich auf der Veranstaltung für ein weltoffenes Dresden. Fast. Ob er sich beim Anblick des Transparents „Schön, dass Ihr auch schon da seid“ schämte, ist nicht überliefert. Dem Saboteur der sächsischen Zivilgesellschaft schallten Sprechchöre entgegen: „Winterabschiebestopp!!!“. Er vermied jedes Risiko, sein Gesicht zu verlieren und hielt sich an seinem Manuskript fest. Es war die Inszenierung von Interesse an der Sache, um den Imageschaden gering zu halten.
Den hätte er allerdings selbst im Vorfeld fast vergrößert. Die Veranstaltung weltoffenes Dresden war im letzten Moment umbenannt worden. Der ursprüngliche Titel „Eine Stadt, Ein Land, Ein Volk“ war von mehreren Seiten harsch kritisiert worden. Tillich überlies dieses, proklamierte, Volk kampflos den völkischen Verführern.

Die von der Politik hinterlassene Lücke in der Dresdner Zivilgesellschaft versuchten Privatleute zu füllen. Zur Veranstaltung „Dresden für alle“ kamen ca. 30 000 Menschen, FlüchtlingsvertreterInnen, KünstlerInnen und Herbert Grönemeyer. Für alle, die sich in den Wochen davor die Montagabende um die Ohren gehauen haben, die an Polizeisperren gescheitert waren, die von der Straße getragen worden waren und Dienstags vom Schreien heiser gewesen waren, war das eine Veranstaltung der gemischten Gefühle.

Am Montag danach hieß es auf der Straße wieder „Business as usual“. Ein paar hundert DresdnerInnen zeigten ihr Gesicht gegen die braune Masse.

Durch das Medieninteresse und die Kritik aus dem Rest des Landes und der Welt, äußerten sich vermehrt mehr oder weniger wichtige DresdnerInnen zum Thema. Viele Äußerungen die sich gegen PEGIDA und ihre Forderungen richteten krankten an der Motivation. Politiker mahnten, Deutschland müsse Einwanderer willkommen heißen, weil es einen Mangel an Fachkräften gebe. Die Professoren machten sich Sorgen um Doktoranden und Forscher aus dem Ausland. Der Wissenschaftsstandort Dresden sei in Gefahr. Die Hoteliers sorgten sich um das Geschäft mit den Touristen und der Bürgermeister um den Ruf Dresdens. Was sollen die Investoren denken? Selten wurde angeführt, dass es ein Menschenrecht auf Asyl gibt. Dass dieses jedem Menschen ohne Hinblick auf seinen Nutzen für uns zusteht. Dass der Kampf gegen die PEGIDA ein Kampf für Menschenrechte ist, das war kaum jemand zu hören und zu lesen.

Seit Anfang des Jahres wurde der Protest weniger. Die Gruppen vor Ort beschlossen, ihre Kräfte für sinnvollere Aufgaben zu nutzen. Unter anderem die Blockade des Naziaufmarsches am 13. Februar, der Dresden jedes Jahr heimsucht. Am 13. Februar wurde dieser von der Polizei gewohnt routiniert durchgesetzt. Die Teilnehmerzahl der PEGIDA sank und das Interesse der Medien ebenfalls. Doch das Feld war bestellt.

Mit der Einladung von Geerd Wilders erhofften sich die PEGIDA im Frühjahr wohl den langsamen Rückgang der Teilnehmerzahlen aufhalten zu können. Die Veranstaltung wurde abseits der Innenstadt durchgeführt, von den 30 000 angekündigten, erschienen 10 000. Durch das Vorgehen der Ordnungskräfte war auch hier kein Protest in Hör- und Sichtweite möglich. So entstanden Fernsehbilder von deutschen Rassisten, die einem bekannten Rechtspopulisten zujubeln. Während Gegendemonstranten am effektiven Protest gehindert wurden, geleitete die Polizei Gruppen der PEGIDA durch die Reihen der Gegendemonstranten. In Sachsen ist man seinen Rechten eben näher als seinen Pflichten.

Eine konkrete Veränderung in Dresden seit dem Erscheinen der PEGIDA war der gestiegene Mut, rassistische Meinungen in der Öffentlichkeit zu vertreten. Der Rausch der 10 000 gab das Gefühl, einer Mehrheit anzugehören. Die Wut der Anderen, nährte den Glauben daran, auf der richtigen Seite zu stehen.

Und dann kam Freital. Die Fernsehbilder, des brüllenden Nazimobs, der in einer Gruppe besorgter Bürger aufgeht, sind die Aufführung des allmontäglichen Dresdner Schauspiels im Kleinen. Rechtsextreme und Rechtskonservative bilden eine gefährliche Melange des Hasses.

Tillich will die Sorgen dieser Melange ernst genommen wissen und schickt seinen blassen Innenminister Ulbig, nach seiner verlorenen Bürgermeisterwahl in Dresden, in eine Bürgerversammlung. Die Sorgen der Bürger entpuppen sich dort als selbstgerecht vorgetragene, rassistsche Ressentiments und Verschwörungstheorien. Letztere Aufgeschnappt bei den Chefideologen der Querfrontbewegung um Jebsen und Elsässer. Ulbig geht unter. Einem Volksverräter traut man in Freital nicht. Man diskutiert nicht mit ihm, man richtet ihn symbolisch hin.

Kaum etwas jedoch kann die sächsischen Verhältnisse besser illustrieren als die Geschehnisse im ehemaligen Hotel Leonardo. Dort sollen nicht nur Menschen ein und ausgehen, die Verbindungen zu PEGIDA und den Freitaler „Bürgerbewegung“ haben. Sie sollen auch Spenden für die Flüchtlinge verwalten. Dass Menschen die in Deutschland Hilfe suchen der Willkür von Rassisten aussetzen müssen, ohne dass politisch eingeschritten wird, ist ein Skandal. Ein Skandal der in Sachsen bis auf wenige einsame Facebookseiten kaum thematisiert wird.

Als in der Nacht zum Freitag Flüchtlinge in einem kurz zuvor hochgezogenen Zeltlager ankamen, waren die Nazis schon da. Eine überraschte Polizei versuchte 200 Rechte von Attacken auf 350 Gegendemonstranten abzuhalten. Gegendemonstranten, die nicht nur zum Protest gekommen waren, sondern auch zum Schutz der geflüchteten Menschen. Auch in der Nacht zum Montag waren vor dem Zeltlager Menschen verblieben, um es vor Angriffen durch Nazis zu schützen. Die fühlen sich offensichtlich Stark genug, um Asyleinrichtungen in Ganz Dresden heimzusuchen.

Das lieber Sebastian ist in Dresden los. Das sind sächsische Verhältnisse.

Weiterlesen:

Mehr Texte über PEGIDA (es sind schon viel zu viele).

Science Slams PEGIDA

[Die Polizei hat für morgen in Dresden alle Veranstaltungen unter freiem Himmel untersagt. Damit fallen sowohl die Versammlung der PEGIDA als auch jeglicher Gegenprotest ins Wasser. Geplant war auch ein Science Slam, zu dem ich einen Beitrag vorbereitet hatte. Da ich nicht weiß ob und wann die Veranstaltung nachgeholt wird, veröffentliche ich den Text an dieser Stelle. Falls die Veranstaltung nachgeholt wird, ist die Gefahr relativ gering, dass allzu viele Zuschauer ihn bereits kennen 🙂 ]

Die ersten Flüchtlinge waren wahrscheinlich das, was PEGIDA heute als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnen würde. Sie machten sich vor ca. 160 000 Jahren auf den Weg, den afrikanischen Kontinent zu verlassen. Ohne ihren Mut und ihre Entbehrungen wären wir vielleicht heute nicht hier in Dresden. Nicht nur niemand von uns, auch keine Artgenossen, kein Homo sapiens. Diese ersten Wirtschaftsflüchtlinge sind also Schuld an PEGIDA. Hätten sie sich ihrem Schicksal ergeben und wären einfach verhungert als sich das Klima ihrer Umwelt veränderte, wäre Dresden einiges erspart geblieben.

Vor circa 80 000 Jahren gab es einen gigantischen Vulkanausbruch. Dessen Folgen löschten einen Großteil der auf der Erde lebenden Menschen aus und brachte unsere Art an den Rand der Ausrottung. Auch in Pompeji vernichtete ein Vulkan Teile der „abendländischen“ Kultur und vor einigen Jahren legte ein Vulkan Teile des Flugverkehrs auf der nördlichen Hemisphäre lahm. Vulkane sind gefährlich! Dafür haben wir Belege. Für die Islamisierung des Abendlandes gibt es keine ernsthaften Belege. Warum demonstrieren die PEGIDA nicht gegen Vulkane?! Patriotische Europäer gegen die Vulkanisierung des Abendlandes.

Das schöne an Wissenschaft ist, dass man sich irren darf. Irren gehört zum System. Wer sich nicht irrt, macht nicht etwa Alles richtig, sondern irgendetwas falsch.

Als Menschen der Wissenschaft, der Kunst und als Menschen, die sich den Werten der Aufklärung verpflichtet fühlen, haben wir nicht nur das Recht, sondern geradezu die Pflicht, alles zu hinterfragen. Darum haben AnhängerInnen dogmatischer Weltanschauungen oft auch so ein Problem mit Wissenschaft, freier Kunst, kritischem Denken und dem beharrlichen Hinterfragen der eigenen Annahmen. So wie Kreationisten. Diese lehnen Evolution ab, weil deren Annahmen den Aussagen der Bibel widersprechen. Egal wieviele Belege man diesen Menschen zeigt, wie genau man es ihnen erklärt, sie werden ihre Meinung nicht ändern. Es ist ein Glaube. Glaube ist äußerst faktenresistent. Das ist nicht schlimm, solange man nicht von anderen Menschen verlangt, dem eigenen Glauben nach zu handeln. Doch genau das wollen die PEGIDA!

Kritisches Denken ist dem Homo sapiens nicht in die Wiege gelegt, wir müssen es lernen. Dummerweise haben Menschen die eine bescheuerte Theorie glauben, ein erhöhtes Risiko weitere bescheuerte Theorien zu glauben. Ein prominentes Beispiel ist der Reichskanzler von 1933-1945. Adolf Hitler war zum Beispiel Anhänger der Welteislehre.

Diese besagt, vor Millionen von Jahren sei ein „riesiger Planet“ aus Eis und Metall in einen „gigantischen Stern mit der millionenfachen Masse unserer Sonne“ eingedrungen. Eine „Schmutzschicht“ verhinderte das Verdampfen des Wassers. Sein Inneres heizte sich auf und überhitzter Wasserdampf wurde erzeugt. Schließlich „zerbarst der Planet in einer gewaltigen Explosion“. Seine Bestandteile wurden aus der Sonne in den Weltraum gestoßen. Die leichtesten Bruchstücke bildeten eine „Glutmilchstraße“. Aus dem Rest und gefrierendem Wasserdampf wurde unser Sonnensystem sowie eine „Eismilchstraße“ in „dreifacher Entfernung des Planeten Neptun gebildet“.

Was heute skurril wirkt, stand auch schon damals bekanntem Wissen entgegen. Trotzdem stürmten Anhänger der Lehre sogar astronomische Vorlesungen und forderten die Absetzung der klassischen Astronomie.

Da u.a. Hitler so ein Fan war, sollte im Zweig Wetterkunde der SS-Forschungsgemeinschaft Ahnenerbe eine Wirkung des ewigen Welteises auf das Germanentum nachgewiesen werden.

Früher hieß es Germanentum, heute heißt es Abendland.

Außerdem glaubte Hitler, die Erde sei entweder hohl und wir lebten auf deren Innenseite oder sie sei eine Art Halbkugel auf deren Innenseite wir alle kopfüber herumspazieren. Darum ließ er Werner von Braun Raketen im 45°Grad Winkel in den Himmel schießen, um zu sehen, ob man Australien trifft. Man traf nicht. Werner von Braun, darauf bedacht, Hitlers Glauben nicht zu beleidigen, erklärte das damit, dass die Raketen einfach nicht genug Reichweite hätten.

Die Nationalsozialisten und Hitler wären vor allem empört gewesen, zu erfahren, dass sie von den zu Beginn erwähnten „Wirtschaftsflüchtlingen aus Afrika“ abstammen sollten. Man war der Ansicht, Nachfahre von Übermenschen zu sein: den Ariern. Die Nazis glaubten, der Atlantismythos sei real. Sie glaubten, die Arier hätten sich von Atlantis retten können. Sie waren der Meinung, deren direkte Nachfahren würden noch in Tibet leben. Eine von Hitler und Himmler dorthin geschickte Expedition fand jedoch nichts. Himmler sagte daraufhin zum Expeditionsleiter: „Dann haben sie wohl nicht richtig geguckt“. Der Mythos von den Germanen als Nachfahren der Arier, vom Deutschen als Übermenschen, war Teil des Fundaments des Nationalsozialismus und seiner Folgen.

Die Islamisierung des Abendlandes findet nicht statt. Trotz Zahlen die das zeigen und die Behauptungen der PEGIDA widerlegen, halten diese daran fest. Man hat, nicht erst seit PEGIDA, einen Mythos geschaffen. Den Mythos von der Islamisierung des Abendlandes. Mithilfe dieses Mythos gelingt es, sehr unterschiedliche Menschen zusammenzubringen, die normalerweise nie etwas miteinander zu hätten. Die Angst verbindet. Der Mythos ist der Kit, der die Bewegung zusammenhält. Heute ist es die Islamisierung. Zu einer anderen Zeit, war es der Mythos einer überlegenen Rasse. Dieser Mythos hat Menschen dazu bewegt, andere Menschen als minderwertig zu sehen und in einen Krieg, den Endkampf, zu ziehen. Dieser Mythos hat getötet. Und vielleicht hat der Mythos von der Islamisierung des Abendlandes auch schon sein erstes Opfer gefordert. Lasst uns dafür sorgen, dass es sein letztes bleibt.

Ich bin kein Teil eines Volkes. Ich bin Teil einer Spezies nackter Affen, die Schuhe tragen. Ich heiße alle meine Artgenossen willkommen!

Weiterlesen:

Mehr Texte über PEGIDA (es sind schon viel zu viele).

Demofragmente

Rennen über Kopfsteinpflaster. Schneller als die Polizei erlaubt. Ziviler Ungehorsam. Alberne Gedanken „Wer kämpft kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren.“ Hippiescheiße! Querstraße, dicht. Wanne an Wanne. Querstraße, dicht. Wir können rennen aber die haben Funk. Die lenken uns zum Postplatz. Geschickt, da ist ohnehin Demovorbereitung und: Wanne an Wanne an Wanne. Weiterlaufen, ein Polizist ruft etwas, lachend. Deeskalation geht anders, Vollidiot. Stehenbleiben, schauen. Weiter vorne Unruhe, Beamte rennen, durchkommen? Noch ist Zeit, noch werden die Reden geschwungen. PEGIDA steht und grölt. Volk und so. Wohngebiet, alles dicht. Die Ordnungshüter sind gut vorbereitet, meine Steuern sind gut angelegt. Aufgeben, gehen, dann eben zur Demo. Demonstrieren ist besser als gar nichts. Blockieren wäre besser. Nur Symbolisch aber besser. Besser als die Straßen meiner Stadt strukturellen FaschistInnen zu überlassen. Die Schwester ruft an. Fragt wie’s geht. Gar nicht geht’s alles dicht. Unterhalten, über das Kind über Dresden. Die braune Perle des Ostens. Dabei ist es im Sommer ganz schön hier. Da muss man doch nicht rechts werden! Bescheuerte Gedanken. Der Postplatz, vorbei an Beamten. Allein mit Telefon am Ohr. Unauffällig. Wanne an Wanne. Huch! Ich bin auf der falschen Seite. Also der richtigen. Überall Uniformen vereinzelt kleine Gruppen von AntifaschistInnen. Resigniert? Entschlossen? Verzweifelt? Wütend? Aufgeregt? Irgendwie alles. Gehen sie schon? Sie gehen schon. Mehr als letzte Woche. In Leipzig 30 000 dagegen. Auf dem Altmarkt 30 Menschen. Twitter sagt, am Karstadt gibt es eine Blockade! Gab es. Sie gehen schon wieder und schwenken Fahnen. Wieso sitze ich jetzt auf der Straße? Ich bin nicht mutig! Jemand hakt sich ein, hält fest. Der Polizist spricht, fragt ob er freiwillig mitkommt. Kommt er nicht. Man zieht, weg ist er. Ich gehe freiwillig, ich bin nicht mutig. In der Uniform ist ein Herr, der ist nicht sehr freundlich und schubst mich ein wenig. An den Rand. Ab jetzt gibt es 1:1 Betreuung. Da kommen sie. Meine Fresse sind das viele und sie haben einen schwarzen Block! Nein, das ist die Polizei, die vorne weg geht und den Weg frei räumt. Hier schützt die Aufklärung ihre Feinde, wie es sich gehört. Und mich. Mich schützen sie auch, wenn ich mir die so ansehen. Die verspeisen mich zum Frühstück. Laut sind die, sollten die nicht schweigen…trauern? Sie marschieren vorne weg, mit einer Lücke zum Rest der Demo. Gut, dass vor uns Polizisten stehen, so können wir sie in Ruhe anschreien. Sie grölen zurück, freuen sich über die Aufmerksamkeit. Wäre PEGIDA ein dreijähriger würde ich sein Verhalten ignorieren, dann würde sich das geben. Aber der darf auch nicht wählen und wenn er zuschlägt sind meine Knochen nicht in Gefahr. Und es besteht Hoffnung, dass er eines Tages Argumenten zugänglich ist. Menschen, Fahnen, Kreuze, Sprüche. Eine Verfassung wollen sie! Menschen, Fahnen, Kreuze, Sprüche. Volksverräter ausweisen. Menschen, Fahnen, Kreuze, Sprüche. Merkel verhüllt, Compact lässt grüßen. Menschen, Fahnen, Kreuze, Sprüche. Keine Sharia. Menschen, Fahnen, Kreuze, Sprüche. Deine Mudda! Menschen, Fahnen, Kreuze, Sprüche. Ein beherzter Griff in den Schritt in Richtung Gegendemonstranten, auch so kann man also trauern. Menschen, Fahnen, Kreuze, Sprüche. Viele junge Männer, ist das neu? Menschen, Fahnen, Kreuze, Sprüche. Vorbei.

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Zum Postplatz. Auf die richtige Seite. Vorbei ein Beamten. Resignation. Wanne an Wanne. Das kann doch alles nicht wahr sein! Bis nächsten Montag.

Bonusmaterial:

So trauern die PEGIDA:

Weitere Texte über die PEGDIA:

Völkisches Volkstheater

Montag ist PEGIDA-Tag

PEGIDA Live – Auf der dunklen Seite

Position ohne Haltung

Beschimpfte Hüter des Abendlandes

Dresdens besorgte Bürger

You don’t fool me

Der Zug der PEGIDA ist in die Spur gesetzt und rollt in die gewünschte Richtung. Das Orga-Team ist zufrieden, hat Medien gefunden, die nicht der Lügenpresse angehören und kann sich dort ungestört äußern. Nach der großkotzigen Einladung des Ministerpräsidenten agiert man weiter zunehmend selbstzufrieden. So wie es sich für politische Akteure gehört, die sich ihrer Sache sicher sind und Woche für Woche ein Bad im Jubel der Menge nehmen.

Dass die Reflexionsbereitschaft, oder Fähigkeit, wer weiß das schon, nicht besonders ausgeprägt ist, merkt man unter anderem daran, dass die Protagonisten der PEGIDA ähnlich handeln, wie sie es ihren Widersachern vorwerfen. So fühlen sie sich ungerecht behandelt, wenn die ganze „Bewegung“ nach den Taten und Einstellungen weniger Teilnehmer bewertet wird. Gleichzeitig qualifiziert man aber eine ganze Religionsgemeinschaft als gewalttätig ab, weil einzelne Mitglieder dieser gewalttätig sind. Einzelne Mitglieder berufen sich bei ihren Taten auf die Religion und damit werden alle anderen Anhänger in Mithaftung genommen. Dass so ziemlich jede Religion genutzt werden kann, um Gewalt gegen Andersdenkende zu legitimieren und dieses Potential durch die Werte der Aufklärung in Zaum gehalten wird fällt dabei hinten runter.

Die PEGIDA suchen sich bestimmte Aspekte der Wirklichkeit so heraus, dass sie in die eigene Argumentation passen. Das machen natürlich alle Lobbygruppen, aber es werden eben auch alle Lobbygruppen dafür kritisiert. Und eine Lobbygruppe, in der Fremdenhass und Demokratiefeindlichkeit strukturell angelegt sind, bekommt in einer demokratischen Gesellschaft von vielen Seiten Gegenwind. Es passiert zum Beispiel nicht alle Tage, dass ICH dem Aufruf eines CDU-Ministerpräsidenten folge und mich an einer von ihm initiierten Veranstaltung beteilige. So stand ich aber kürzlich des Sonntags mit 35 000 anderen vor der Frauenkirche und applaudierte den verschiedenen RednerInnen. Mal mehr und mal weniger. Die Veranstaltung stand unter dem Motto „Weltoffenheit, Mitmenschlichkeit und Dialog“. Herrn Tillichs Rede, die mir, denkt man z.B. an die Unmenschlichkeit der Praxis von Winterabschiebungen, ziemlich verlogen vorkam, habe ich mir nicht bis zum Ende angehört. Aber zurück zu den verschiedenen Aspekten der Wirklichkeit, welche die PEGIDA sich entscheiden, selektiv wahrzunehmen oder zu ignorieren. In dem erwähnten Interview werfen sie zum Beispiel der Umma in Deutschland vor, Sonderrechte zu verlangen. Darin unterscheide sie sich von anderen Religionsgemeinschaften in Deutschland. Andere Religionsgemeinschaften, so verkündet man der Gefolgschaft, würden sich an „deutsche Gepflogenheiten“ halten.

„Es geht allerdings nicht um den Ausländeranteil. Es geht darum, dass mit zunehmendem Anteil von Muslimen – eigentlich von einer Minderheit von diesen – immer mehr Forderungen an die Gesellschaft gerichtet werden. Auf diese Forderungen wird immer mehr eingegangen.
Allerdings gibt es in Deutschland noch viele andere Religionen, aus deren Gemeinden heraus nicht ständig Forderungen gestellt werden und die hier einfach nur ihre Religion nach ihren Vorstellungen leben, ohne andere damit zu behelligen, man möge sich doch bitte nach ihnen richten. Die sich auch nicht ständig durch irgend etwas beleidigt fühlen und sich an der deutschen Kultur auch nicht stören. Die muslimische Minderheit nimmt aber ständig Anstoß an den deutschen Gepflogenheiten und das finde ich nicht akzeptabel.“

Vielleicht meinen sie die „deutsche Gepflogenheit“, Frauen die „Pille danach“ zu verweigern, wie das in kirchlichen Krankenhäusern teilweise Praxis ist. Oder sie meinen die „deutsche Gepflogenheit“ kirchlichen Arbeitgebern ein besonderes Arbeitsrecht zuzugestehen, welches ArbeitnehmerInnen schlechter stellt. Oder vielleicht meinen sie die „deutsche Gepflogenheit“ Menschen in gleichgeschlechtlichen Beziehungen zu diskriminieren, wenn sie sich herausnehmen, gleiche Rechte zu fordern, wie die „traditionelle Familie“? Der Kampf um gleiche Rechte für Menschen in gleichgeschlechtlichen Beziehungen wird in diesem Land weniger gegen muslimischen als gegen christlichen Widerstand geführt. In Uganda wurde von evangelikalen Christen versucht, die Todesstrafe für homosexuelle  Menschen einzuführen. Nach internationalem Protest gab es nur noch lebenslänglich. Aber gut, das ist weit weg.

Vielleicht, das ist nur ein Gedanke, geht es den PEGIDA weniger um die vermeintliche Islamisierung, sondern viel mehr um die Herstellung des Status Quo der 50er Jahre. Zumindest die Fortschrittlichen. Es zeigt sich die Sehnsucht nach den guten alten Zeiten. Es zeigt sich eine Angst vor Veränderungen. Veränderungen die u.a. ein erhöhtes Maß an Komplexität zur Folge haben. Diese Angst scheint ein starker Motivator zu sein. Um so schwächer sind ihre Kompetenzen als Beraterin.

Für Menschen die sich als Demokraten verstehen oder dies zumindest vorgeben, legt man offenbar wenig Wert auf einen demokratischen Prozess wenn es um Veränderungen geht. Nach der Praxis um das Positionspapier, zeigt das auch das aktuelle Interview. Was ist gegen Forderungen einzuwenden? Was spricht dagegen, Forderungen zu diskutieren? Was ist dagegen einzuwenden, wenn einige Forderungen durchgesetzt werden? Einige werden mir nicht gefallen, andere schon. Den Rahmen gibt das Grundgesetz. Anstelle der Muslime würde ich viel mehr Forderungen stellen. Zum Beispiel, ebenfalls Kirchensteuer durch den Staat eintreiben zu lassen. Oder im Rundfunk dem Bevölkerungsanteil entsprechend weltanschaulich geprägte Sendezeit zu bekommen. Auf geht es, liebe muslimische Mitbürger, holt Euch Euren Anteil vom weltanschaulichen Kuchen der Öffentlich Rechtlichen (bevor die PEGIDA die GEZ abschaffen). Und wenn wir gerade bei einer Neuaufteilung sind, können die Ansichten von AtheistInnen und HumanistInnen ebenfalls dem Bevölkerungsanteil nach gerecht abgebildet werden. Dann werden wir auch sehen, was die warmen Worte der kirchlichen Vertreter wert sind. Gemeinsam nach dem Motto:

„Ich missbillige, was du sagst, aber würde bis auf den Tod dein Recht verteidigen, es zu sagen“ (Evelyn Beatrice Hall)

Die PEGIDA können aber noch mehr. Sie schaffen es hervorragend, die Position ihrer Gegner misszurepräsentieren. Soweit dass es eine Lüge wird. Das ist eigentlich Kernkompetenz von „Lügenpresse“ und „Volksverrätern“. So wird zum Beispiel weiterhin darauf Bezug genommen, dass am Anfang der Demonstrationen, einige Politiker und Prominente die PEGIDA fälschlicherweise als „Nazis“ bezeichnet hatten. Dass die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit mittlerweile deutlich differenzierter (bis hin zur Verharmlosung) ist, wird ignoriert. Man stellt sich weiter als Opfer der „Politikerkaste“, „Gutmenschen“ und „Lügenpresse“, sowie von der Antifa gegängelt dar. Dabei war es von Anfang an die Antifa, die gesagt hat, dass die PEGIDA keine Nazis sind. Was nicht bedeutet, dass man nicht „Nazipropaganda“ verbreiten könnte (daher der Sprechchor „Es gibt kein Recht auf Nazipropaganda“).

OK, dass die PEGIDA nicht die Werte der Aufklärung vertreten, wie sie immer behaupten, ist keine Überraschung. In den vergangen Wochen konnten wir genug Beispiele für ihr Weltbild sammeln. Sowohl die Anhänger als auch das Orgateam selbst lassen, trotz wiederholter Beteuerungen des Gegenteils, immer wieder ihr reaktionäres, rechtes Weltbild durchscheinen. Da ich jedoch ein naiver Zeitgenosse bin und in stetem Zweifel lebe, frage ich mich, auch bei den Mitgliedern des Orga-Teams, dennoch immer wieder: „Wissen die vielleicht wirklich nicht, wofür sie da stehen?“

Doch wissen sie. Dass Lutz Bachmann bei einem Versandhandel bestellt, der Neu-Rechte Kundschaft bedient, wurde bereits früh gezeigt. Unter anderem von PEGIDA#Watch. Auch der Spiegel lieferte kürzlich Informationen aus den inneren Kreisen des Orga-Teams, die zeigen, wie viel Kreide man offensichtlich fressen muss, bevor man vor die Mikros tritt. Und das Interview mit dem Orgateam, welches fleißig auf Facebook geteilt werden soll („Teilen, Teilen, Teilen“), ist mit Bildern geschmückt, von denen zwei ganz eindeutig der Identitären Bewegung zuzuordnen sind.

Montag gehen die PEGIDA wieder „spazieren“, zumindest werden sie es versuchen. Das Vertreten eines reaktionären Weltbildes wird als Trauermarsch für ermordete Cartoonisten getarnt. Cartoonisten denen die PEGIDA noch eine Woche vorher nichts abgewinnen konnten, die zur „Lügenpresse“ gehörten. Cartoonisten, deren überlebende Kollegen eine ziemlich eindeutige Meinung zu deren Vereinnahmung durch die PEGIDA haben. Cartoonisten die wohl zu den Journalisten gehört hätten, die, geht es nach Facebookkommentaren, „ab 2016 gelyncht“ werden.

Alerta! Alerta! Antifascista!

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Völkisches Volkstheater

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PEGIDA Live – Auf der dunklen Seite

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Beschimpfte Hüter des Abendlandes

Dresdens besorgte Bürger

Völkisches Volkstheater

[Dieser Text basiert, immunsystembedingt, nicht auf der Anwesenheit vor Ort, sondern auf der Verfolgung des Live-Streams, den Russia Today Deutschland von PEGIDA sendete. Ja, Russia Today Deutschland. Ja ein Live-Stream. Ja, zwei Stunden Sendematerial. Keine Pointe.]

Diesmal war Kathrin Oertel an der Reihe und durfte, im weißen Anhänger stehend, den PEGIDA sagen, was Sache ist. Ein Zettel, der durch einen Windhauch von ihrem Pult geblasen worden war, wurde durch eine dicke Rolle VW-Absperrband gesichert (vorher auch immer diese stammt). Dann durfte sie die Woche in PEGIDA-Manier Revue passieren lassen. Wie auch Bachmann Lutz gelang es ihr, zustimmungsfähige Äußerungen aneinanderzureihen. Den Jubel der PEGIDA genoss sie sichtlich.

PEGIDA Asylschwindler

Während sie von einigen Hundertschaften der Polizei dabei geschützt wurde, ihre Meinung in den Dresdner Abendhimmel zu blöken, proklamierte sie, das „Recht der freien Meinungsfreiheit“ sei in Deutschland nicht mehr gegeben. Die Ironie der Situation entging den PEGIDA.

Der, in den letzten Tagen bekannt gewordene, Vorfall in der Centrum-Galerie, bei dem PEGIDA-Demonstranten im Dezember junge Menschen mit Migrationshintergrund angegriffen haben sollen, wurde genutzt, um den Oper-Mythos der PEGIDA fortzuschreiben. Es sei nämlich -wie sollte es anders sein- umgekehrt gewesen. Was an der Geschichte wahr ist und wie sich zugetragen hat, wird (hoffentlich) durch Ermittlungsbehörden aufgeklärt. Die Hoffnung, dass „sächsische Verhältnisse“ dem nicht entgegenstehen, stirbt zuletzt. Für die PEGIDA ist die Sache allerdings bereits jetzt klar. In der Faktenresistenz bleibt man sich treu, wurde sie doch in den letzten Wochen fleißig geübt. Von der Lügenpresse und Statistiken (‚Hallo, das sind Zahlen! Ich SEHE doch, dass es anders ist‘) lässt sich die Bewegung nicht beirren. Zu denken geben könnte den Damen und Herren, dass einigen Menschen aus ihren Reihen ein solcher Angriff nicht nur zugetraut, sondern dieser als wahrscheinlich angesehen wird. Könnte.

PEGIDA Volk verraten

Witzig ist auch, dass man sich „politisch verfolgt“ fühlt, weil man seine Meinung nicht unkommentiert ins Mikro rülpsen kann. Widerspruch wird als „Abschaffung der freien Meinungsfreiheit“ und  kritische Kommentierung als politische Verfolgung verkauft. Und die PEGIDA glauben alles, was aus den Lautsprechern dröhnt. Sie sind das Folg!

Kathrin beklagt sich über den Vorwurf, die PEGIDA seien ausländerfeindlich und versucht diesen unter Verweis auf das Positionspapier zu entkräften, um im nächsten Moment von einer „Asylindustrie“ zu sprechen. Ironie – da ist sie wieder und bleibt unerkannt in der Dresdner Nacht.

PEGIDA Abtreibung

Wie groß die Eier des Orga-Teams mittlerweile zu sind, nachdem sie Woche für Woche vom Folg bejubelt wurden (die Mitglieder des Orga-Teams, nicht die Eier), wird klar, als Kathrin Stanislav Tillich einlädt. Er soll vor dem Folg sprechen. Auch hier wird mit der Behauptung, es habe keine Gesprächsangebote gegeben, ein bisschen Mythenpflege betrieben.

Nun folgt der Star des Abends, Udo Ulfkotte. Der wäre, ähnlich dem Weihnachtsliedersingen vom 22.12.14, ein ziemlicher Rohrkrepierer geworden, hätte er in den PEGIDA nicht ein so unheimlich dankbares Publikum gefunden. Damit passt er in die Reihe seiner VorgängerInnen und Deutschland wartet weiter auf einen mitreißenden Demagogen. Aber das sind Stilfragen, uns kümmert der Inhalt.

PEGIDA Respekt dem Volk

Ulfkotte illustriert die Islamisierung des Abendlandes an vier Beispielen. Diese Beispiele, das sollte man sich vor Augen führen, hält er für schlimm genug, um den Untergang des Abendlandes zu fürchten. In einigen KiTas gibt es aus Rücksicht (!) auf Kinder aus muslimischen Familien kein Schweinefleisch mehr. Man stelle sich nur vor, christliche Konfessionen würden ihre Werte Anderen ähnlich aufdrücken. Undenkbar. Außerdem erwähnt Ulfkotte getrennte Badezeiten für Männer und Frauen in einigen Schwimmbädern, eine Erlaubnis von Polygamie für Moslems und gesonderte Bereiche für Moslems auf Friedhöfen.

Mal abgesehen davon, dass Ulfkotte scheinbar seit Jahren dieselben Beispiele runterrattert (Teile seiner Rede sind 1:1 als Interview im KOPP-Verlag zu finden), sind es wirklich lächerliche Beispiele für die angebliche Islamisierung des Abendlandes. Wer von den PEGIDA leidet wohl unter gesonderten Schwimmzeiten für Menschen muslimischen Glaubens (bei denen es sich vermutlich einfach um gesonderte Badezeiten für weibliche Menschen handelt). Und werden dann auch bald Frauentage in der Sauna abgeschafft und Unisex-Toiletten zur Pflicht? Was die Polygamie angeht, gibt es keine Sonderrechte für Moslems, sondern einen rechtlichen Graubereich, den vermutlich der eine oder andere nutzt. Gut, dass die PEGIDA ihren Rednern nicht zuhören, sondern nur auf Stichworte warten, um den Kehlkopf und den motorischen Kortex zu betätigen. Der frontale Kortex, Zentrum für Vernunft und Reflexion, wird am PEGIDA-Tag mit völkischer Meditation ruhiggestellt.

Niemand habe etwas gegen Ausländer, und Flüchtlinge müsse man aufnehmen, das sei „Menschenpflicht“. Nur die Richtigen müssen es sein. Ulfkotte fordert „Rückführungsbeauftragte“ für -Trommelwirbel- radikale Islamisten, abgelehnte Asylbewerber und natürlich die kriminellen Asylbewerber. Die Friedlichen, das sagt er ganz klar, die dürften bleiben. Es wundere ihn jedoch, warum in Deutschland nur die jungen kräftigen Männer ankämen? Diejenigen, die wahrscheinlich sogar in den Konflikten gekämpft haben, vor denen sie flüchten? Hier zeigt Ulfkotte seinen Hang zur konstitutionellen Phrenologie und einer Kategorisierung, die so einfach ist, dass man sie „Rassismus“ nennen könnte. Aber das kann nicht sein, denn Herr Ulfkotte weist diese Zuschreibung von sich. „Wo sind die ausgezehrten Alten, die Schwachen, die Kinder?“, fragt Ulfkotte. Teilweise, wäre eine Antwort, auf dem Grund des Mittelmeers oder begraben auf Lampedusa. Teilweise, wäre eine andere, in den Flüchtlingsheimen. Wenn man denn bereit wäre, die Wirklichkeit anzuerkennen und sich nicht in völkischen Mythen zu verlieren.

Ulfkotte fühlt sich in seinen kulturellen Besonderheiten ignoriert und fremd im eigenen Land, so wie viele andere der PEGIDA. Wenn Ulfkotte seine kulturellen Besonderheiten nicht gewahrt sieht, weil er seinen Leib nicht jederzeit in ein Schwimmbad schaffen darf, dann fühle ich mich diskriminiert, weil ich bei IKEA nicht ins Bällebad darf. Bazinga!

Aber das alles wird sich bald ändern, denn „die Völker erwachen“. Wirklich, hat er gesagt, ohne Ironie. Auch hat er den Naidoo gemacht und dem deutschen Staat die Souveränität abgesprochen. Die Lügenpresse verwende „Trottelsprache“ und verbreite „politische Korrektheit„. Ein Mann der in einem Atemzug die Worte „Bundesregierung,“ „Kriegshetze“ und „Wutstau“ benutzt, ereifert sich tatsächlich über „Trottelsprache“. Die Ironie versucht zu diesem Zeitpunkt gar nicht sich den PEGIDA noch zu präsentieren.

PEGIDA Fackel

Derart hochgepeitscht schafft es Stephane Simon schließlich, in der Rede im Rahmen seiner Vendetta gegen den deutschen Staat (weil er während der Ausbildung bei der Polizei gemobbt worden sei), den PEGIDA einen „Volksverräter“ Sprechchor zu entlocken.

Der Spaziergang wurde ebenfalls Live und in voller Länge übertragen. Das Schweigen wurde häufig durch „Lügenpresse“-Rufe unterbrochen und das Wetter schien der Stimmung entsprochen zu haben. Diese griff Kathrin am Ende noch einmal auf. Sie verstehe den Frust, der entstehe, weil man nicht durch die Innenstadt spazieren könne. Dieser hatte offenbar eine Gruppe von Demonstranten dazu bewogen, zu versuchen, sich in die Innenstadt abzusetzen. Die Folgsverräter wurden jedoch von den Vertretern des „Lügenstaates“ davon abgehalten. Dafür bedankte sich Kathrin am Ende ganz artig bei der Polizei und versprach den PEGIDA, sie würden in die Innenstadt zurückkehren. Wenn das gelingt, könnten es passieren, dass sich die PEGIDA nicht nur fremd im eigenen Land, sondern fremd in der eigenen Stadt fühlen werden. Zumindest hoffe ich in diesem Fall auf Widerstand der DresdnerInnen. Daran wäre zwar weder Staat, noch Lügenpresse oder der Islam schuld aber daran ließe sich eine Woche später etwas drehen, im weißen Anhänger vor dem Folg.

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