Homöopathie ist keine Kindesmisshandlung

[Am Ende habe ich in einem Update ein paar Punkte aufgegriffen, die auf Twitter angeführt wurden.]

In meinem Beruf muss ich mich mit der Einschätzung potentieller Kindesmisshandlung beschäftigen. Dabei muss ich unter anderem einschätzen, ob ich meine ärztliche Schweigepflicht brechen darf, um ein Kind oder eineN JugendlicheN zu schützen oder ob es andere Mittel der Unterstützung und Hilfe gibt. Ich halte mich durch meine Facharztausbildung für eine Einschätzung von Kindesmisshandlung qualifiziert.

Vermutlich muss ich niemandem erklären, dass ich Homöopathie für Unsinn halte. Ich schreibe das nur, damit nicht irgendwer meint, mich darüber aufklären zu müssen. Homöopathie hat keine spezifische Wirkung, sie ist ein Placebo. Wenn das geklärt ist:

Einem Kind Homöopathie zu geben ist keine Kindesmisshandlung.

Nicht mal im entferntesten. Wer sowas behauptet, schadet zum einen der Kritik an der Homöopathie1 und zum anderen Kindern, die misshandelt werden. Die Behauptung, weil Eltern ihren Kinder Zuckerkügelchen geben, würden sie ihre Kinder misshandeln, ist ein Schlag ins Gesicht aller Kinder, die misshandelt werden und wurden. Hört auf damit! Die Aussage Homöopathie sei Kindesmisshandlung ist unterkomplex, uninformiert und dumm.

Eltern geben Ihren Kindern Homöopathie, weil sie das Beste für ihr Kind wollen. Das ist der einzige Grund. Sie wollen verhindern, ihnen Medikamente zu geben, die Nebenwirkungen haben. In den allermeisten Fällen funktioniert das gut, weil die meisten Erkrankungen selbstlimitierend sind und die Behandlung ohnehin vor allem symptomatisch. Es gibt Kinder, die kommen schwer zu Schaden, weil ihre Eltern ihnen Homöopathie geben. Es gibt Fälle, da kommen Kinder zu schaden, weil sie falsch medizinisch behandelt wurden. Diese Fälle sind selten und ob es sich dabei um Kindesmisshandlung handelt, entscheidet ein Gericht. Kein moralisch empörter Twitterer.

In der Wikipedia steht folgendes zum Thema Kindesmisshandlung. Wer sich für das Thema und dessen Komplexität interessiert, dem oder der sei der Artikel zum Einstieg empfohlen.

Kindesmisshandlung ist Gewalt gegen Kinder oder Jugendliche. Es handelt sich um eine besonders schwere Form der Verletzung des Kindeswohls. Unter dem Begriff Kindesmisshandlung werden physische als auch psychische Gewaltakte, sexueller Missbrauch sowie Vernachlässigung zusammengefasst. Diese Handlungen an Kindern sind in den meisten westlichen Industrieländern strafbar. Statistiken haben ergeben, dass die Täter häufig die Eltern oder andere nahestehende Personen sind.

Wie passt diese Definition zu der Idee, Kindern Zucker zu geben, könnte in irgendeiner Form Kindesmisshandlung sein? Wenn Homöopathie Kindesmisshandlung ist, ist es auch Kindesmisshandlung, Kindern keinen Fahrradhelm aufzusetzen. Und ihnen den Helm auf dem Spielplatz nicht abzunehmen. Nicht in jedem Moment zu wissen, wo sich Gefäße mit heißen Flüssigkeiten auf dem Tisch und in der Küche befinden: Kindesmisshandlung. Die Tür zur Treppe nicht geschlossen zu haben: Kindesmisshandlung. Nicht alle Schubladen in der Wohnung gesichert zu haben: Kindesmisshandlung. Jugendliche in dunkle Räume mit lauter Musik lassen, wo sie sich neurologische Substanzen einflößen können: Kindesmisshandlung. Antibiotika geben, obwohl es eine virale Infektion ist: Kindesmisshandlung. Eine Impfung, die nicht von der STIKO empfohlen wurde: Kindesmisshandlung. Ein unnötiger Arztbesucht, den ich aus Sorge unternehme, der zu einer unnötigen Blutentnahme führt: Kindesmisshandlung. Dass ich meinem Kind an diesem Abend nicht die Zähne putze, weil ich einfach am Ende bin: Kindesmisshandlung. Pusten, wenn ein Kind gefallen ist: Kindesmisshandlung.

Eltern wollen das Beste für ihre Kinder2. Um vernünftige Entscheidungen treffen zu können, benötigen sie (mindestens!) vernünftige Informationen. Und wenn sie diese Informationen haben, steht es ihnen in einem sehr weiten Rahmen frei auch unvernünftige Entscheidungen zu treffen. Das mag mir nicht gefallen. Ich kann versuchen, das zu ändern. Doch eine sichere Methode, dass diese Eltern nie wieder darauf hören, was ich für Informationen habe, ist der Vorwurf, sie würden ihr Kind misshandeln. Gerade bei Schmerzen sind Placebos bei Kindern enorm wirksam. Schmerz hat eine emotionale Komponente und für den Effekt ist es nicht wichtig, ob das Kind Zuneigung durch Worte und Globuli oder durch Worte und Pusten erfährt. Und wenn die Globuli nicht helfen, haben die meisten Eltern Ibuprofen oder Paracetamol im Schrank. Es gibt ausreichend Gründe, die Gabe von Homöopathie bei Kindern zu kritisieren. Kindesmisshandlung ist KEINER davon.

Wenn Ihr Homöopathie als Kindesmisshandlung bezeichnet, verliert der Begriff jegliche Bedeutung. Dann ist Kindesmisshandlung nicht mehr so schlimm. Dann ist es dieselbe Kategorie, wenn ein kleiner Mensch so lange verprügelt wurde, bis er seinen Verletzungen erliegt und wenn ein kleiner Mensch ein Zuckerkügelchen bekommt, weil er sich das Knie aufgeschlagen hat.

Wenn Ihr tatsächlich der Meinung seit, Menschen würden ihr Kind misshandeln, dann hört auf, darüber zu twittern und unternehmt etwas. Dafür gibt es eine Website und eine Nummer.

 

Update 02.03.2019:

In der Diskussion zu diesem Thema wurden auf Twitter vor allem drei Punkte erwähnt, auf die ich kurz eingehen möchte:

Schmerzen:

Es wurde gesagt, dass Kinder, denen Medikation verweigert werde, Schmerzen haben könnten und dass dies die Kriterien der Kindesmisshandlung erfüllen würde.

Das scheint mir eine sehr eindimensionale Sicht auf das Leben und auf die Natur von Schmerzen. Schmerzen gehören zum Leben dazu, sie sind ein wichtiges Warnsignal. Eltern die ihrem Kind Schmerzen um jeden Preis ersparen, hindern es als Nebenwirkung wahrscheinlich daran, wichtige Dinge zu lernen (Laufen z. B.). Viele Freizeitaktivitäten beinhalten die Gefahr, einige die Garantie, für Schmerzen. Trotzdem würde niemand auf die Idee kommen, Eltern Kindesmisshandlung vorzuwerfen, weil sie ihre Kinder Fussball spielen lassen. Nicht jeder Schmerz bedarf einer Behandlung. Es ist sogar wichtig, dass Kinder erfahren, dass sie Schmerzen selbst bewältigen können.

Schmerz und der Umgang damit sind individuell sowie kulturabhängig und hat eine emotionale Komponente. Ich kannte mal eine Kinderchirurgin, die mir erzählte, bei der Untersuchung von Kindern von „Russlanddeutschen“ sei sie immer besonders gründlich, weil die „Nie“ Schmerzen angeben würden. Es ist also möglich, dass in einigen Familien eine Augenbraue gehoben wird, in der nächsten wird der Ibuprofensaft rausgeholt und die letzte hat gerade den Notarzt gerufen. Eltern sollte zugetraut werden, das befinden ihrer Kinder einzuschätzen und gerade bei akuten Schmerzen die Wirkung ihrer Intervention einschätzen uz können. Und dass die Gabe von Globuli Schmerzen lindern kann, wird kaum jemand bestreiten (auch wenn es Placeboeffekte sind und man genausogut pusten könnte). Wenn Eltern den Schmerz ihrer Kinder ignorieren, tun sie das, egal welche Intervention sie wählen.

Verweigerte Behandlung:

Die meisten Erkrankungen, die wir heute haben, gehen auch ohne Behandlung wieder vorbei. Oft geht es um Symptombehandlung, um die Erkrankung besser erträglich zu machen oder Risiken zu vermindern. Fieber wird (im ambulanten Sektor bei ansonsten unkompliziertem Verlauf) gesenkt, um Fieberkrämpfe zu verhindern. Ob man die hilfreiche Wirkung des Fiebers gegen das Risiko eines meist ungefährlichen Fieberkrampfes abschätzt, sollten Eltern selbst entscheiden dürfen. Nur weil man Fieber nicht senkt, handelt man nicht unverantwortlich, von „Kindesmisshandlung“ ganz zu schweigen. So verhält es sich bei vielen Erkrankungen. Es gibt Eltern, die geben ihren Kindern gar nichts, wirkungslose pflanzliche Mittel oder fragwürdige Hausmittel. Misshandeln die ihre Kinder auch?

Es gibt gerichtsfeste Fälle von Kindern, die von ihren Eltern misshandelt wurden und die dabei auf Globuli gesetzt haben. Die sind aber die Ausnahme.

  1. Als Sympathisant des Informationsnetzwerks Homöopathie sehe ich mein Ziel darin, Menschen über Homöopathie aufzuklären, damit sie eine informierte Entscheidung treffen können. Niemand wird sich von mir informieren lassen, wenn ich ihm oder ihr vorwerfe, das eigene Kind zu misshandeln.
  2. Wir haben unterschiedliche Werte, Ideen, Ressourcen (emotional, kognitiv und materiell), darum kann es von außen manchmal anders wirken. Und es gibt Eltern, die ihren Kindern schaden. Doch in den allermeisten Fällen, nehmen sie Hilfe an, die dazu führt, dass sie damit aufhören können.

5 Gedanken zu “Homöopathie ist keine Kindesmisshandlung

  1. „Bei ‚Behandlung‘ von Kindern mit Homöodingsbums handelt sich um eine besonders schwere Form der Verletzung des Kindeswohls.“
    Hätten mich meine Eltern mit Zucker behandelt, wäre ich längst tot. (Und hätte die Stasi nicht gleichzeitig für mich die CoCom-Liste für Medikamente mittels Schmuggels umgangen, ebenfalls.)
    Die Zuckereltern wollen nicht das beste für ihre Kinder (das beste!), sondern ordnen sich in typisch religiöser, egoistischer und selbstlimitierender Form einer Ideologie unter.
    Kriminell sind beide, Zuckereltern und Nato.

  2. Ob die Kinder wirklich lernen, mit Schmerzen umzugehen, wenn sie ständig vorgeführt bekommen, dass jedes kleinste Schmerzchen eine Pilleneinnahme erfordert, bezweifle ich persönlich. Allerdings habe ich auch keine Daten dazu. Vielleicht verbinden Kinder das ja weniger miteinander, als ich das annehme.

    1. Das bezweifle ich auch. Allerdings wird der alleinige Einsatz von Globuli bei ansonsten angemessenen Umgang mit Schmerzen vermutlich kein problematisches Schmerzempfinden oder Umgang mit Schmerzen induzieren. Es gibt ja auch Spielraum zwischen „jedem kleinen Schmerzchen“ und angemessenen Schmerzen.
      Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es durch den Einsatz von Homöopathie zu einem problematischen Verhältnis zu Tabletten kommt. Aber dafür muss eben die Einstellung der Elternteile auch entsprechend sein.

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