Homöopathie – Nichts ist teurer als weniger

Vor zwei Jahren machte eine Studie in den sozialen Netzwerken die Runde, die belegen sollte, dass Menschen die sich homöopathisch behandeln lassen, mehr Kosten verursachen als Menschen die sich nicht homöopathisch behandeln lassen. In einem Beobachtungszeitraum von 18 Monaten betrugen diese für Menschen in der Homöopathiegruppe ca. 7200 Euro, in der Kontrollgruppe ca. 5800 Euro. Damit widersprach das Ergebnis der Studie dem oft vorgebrachten Argument der Kosteneffizienz für die Nutzung von Homöopathie. Das Gegenargument der Studiengegner war, dass der Beobachtungszeitraum zu kurz sei. Homöopathie benötige einen langen Atem, anders als die „Schulmedizin“. Die AutorInnen haben auf diese Kritik reagiert und den Beobachtungszeitraum in einer neuen Studie auf 33 Monate erhöht.

Das Ergebnis bleibt im Kern gleich (ca. 12400 Euro vs ca. 10400 Euro).

Einmal ganz abgesehen davon, ob die Kosten bei einer spezifischen nicht wirksamen Therapie (es beeinflussen also lediglich Placeboeffekte und unspezifische Faktoren den Erkrankungsverlauf) eine relevante Diskussionsgrundlage sein können, gibt es ein paar bemerkenswerte Dinge an der Studie.

Eine der AutorInnen, Claudia Witt, forscht seit langem im Bereich Alternativmedizin und hat einiges an Kritik für ihre Arbeit einstecken müssen. Unter anderem von Menschen wie mir, die ihr einen unkritischen Ansatz vorwerfen…oder warfen. Einige Arbeiten von Frau Witt wurden in der Vergangenheit freudig von Homöopathieapologeten genutzt, um die angebliche wissenschaftliche Grundlage der Homöopathie zu belegen. In der Danksagung dieser Studie wird auch Curt Kösters gedankt, der mal 1. Vorsitzender des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) war. Diese Studie kommt somit nicht aus der Ecke der von Big Pharma finanzierten Skeptiker.

Es wurden Daten von Menschen genutzt, die an bestimmten Programmen der Krankenkassen teilnahmen, so dass sie „alternativmedizinische Angebote“ auf Kassenkosten nutzen konnten. Damit entspricht die Schnittgruppe wahrscheinlich nicht der Durchschnittsbevölkerung. Menschen denen solche Angebote wichtig sind, sind oft jünger, besser gebildet und haben ein höheres Einkommen als der Durchschnitt. Außerdem sind sie überzufällig häufig weiblich. Die Vergleichsgruppe wurde zwar gematcht, unklar ist mir, ob und welche sozioökonomischen Faktoren einbezogen werden.

Es wäre durchaus möglich, dass nicht die Homöopathie das kostentreibende Element war, sondern eine bestimmte Anspruchshaltung des Klientels.

Auch wurden nicht Patienten individuell verfolgt, sondern Daten der Kassen ausgewertet. Es ist also möglich, dass Menschen nur kurz in einem der Programme waren und diese dann wieder verlassen haben. Dann wären die Daten verzerrt. Das würde allerdings gegen die Zufriedenheit der Patienten sprechen und damit gegen eine Zufriedenheit mit Homöopathie.

Die Kritik an dieser Studie von Seiten der Homöopathen dürfte lauten, dass sie nicht lange genug gedauert habe. 33 Monate sind zwar eine lange Zeit, reichen aber nicht aus, um eine ganzheitliche Bewertung der Homöopathie vorzunehmen. Es wird somit auf eine Studie von 66 Monaten hinauslaufen, der eine Studie von 132 Monaten folgt, woraufhin eine Studie von 264 Monaten durchgeführt werden wird, deren Ergebnisse mithilfe einer 528 Monate langen Studie überprüft werden. Die Studie von 1056 Monaten wird beinahe ein endgültiges Ergebnis bringen, jedoch noch die Studie von 2112 Monaten notwendig machen. Deren Ergebnis wird zeigen, dass Patienten die homöopathisch behandelt werden, zwar mehr Kosten verursachen, was aber im Grunde egal ist, weil wir am Ende ohnehin alle sterben.

You know, you come from nothing, you’re going back to nothing. What have you lost? Nothing!

Das Leben des Brian

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Vitamine: Krebs oder kein Krebs

Als ich überlegte, ob ich das Thema dieses Textes auswähle, kam mir ein kleiner Geistesblitz. Das, was ich bei Medikamenten als Vorteil sehe – ein isolierter, genau dosierter Wirkstoff – sehe ich bei Vitaminen als Nachteil. Die Begründung, die Menschen für den Vorteil von pflanzlichen Medikamenten vorbringen – die Wirkung profitiere vom komplexen Zusammenspiel der vielen in der Pflanze vorhandenen Substanzen – lehne ich dort ab, nutze sie jedoch bei Nahrungsmitteln selbst. Aber um diesen Widerspruch soll es an dieser Stelle nicht gehen.

Es gibt sehr wenig Belege dafür, dass Vitamine, die zusätzlich zur Nahrung eingenommen werden, einen Vorteil für die Gesundheit haben, solange kein Mangel vorhanden ist. Gleichzeitig ist ein positiver Effekt messbar1, wenn Nahrungsmittel konsumiert werden, in denen die Vitamine vorhanden sind.

Es geht hier um „B-Vitamine“. Mein Einruck ist, dass es schwierig ist, Menschen noch mit profanem Vitamin-C zu begeistern. Es ist auf unzähligen Produkten als Zusatz angeführt und irgendwie überall drin. Das liegt natürlich auch daran, dass Ascorbinsäure (aka Vitamin-C) ein Konservierungsmittel ist, was vielleicht auch zum schwindenden Nimbus als Heilsbringer beitragen könnte. Womit jedoch der Absatz von Nahrungsmitteln noch gefördert werden kann, ist der Hinweis auf „B-Vitamine“ oder einen Zusatz davon. Die werden uns jetzt aber wirklich gesund halten! Und sie werden uns vor Krebs schützen. Darum können wir auch eine Vielzahl von Produkten kaufen, in denen die Vitamine von allen angenehmen Aspekten des Essens befreit wurden: Nahrungsergänzungsmittel.

In einer Studie wurden der Einfluss der Vitamine B6, B12 und Folsäure auf das Krebsrisiko untersucht. Um es kurz zum mache, konnte kein positiver Effekt für die Einnahme von irgendeinem B-Vitamin festgestellt werden2. Das Risiko für Lungenkrebs, darum ging es in der Studie, erhöhte sich bei der Einnahme von Vitamin B6 um 84%, bei Vitamin B12 um das doppelte und bei Folsäure gar nicht, immerhin. Die Ergebnisse haben der Industrie nicht gefallen.

Vertreter der Industrie verloren keine Zeit, zu erwähnen, dass es sich um eine Beobachtungsstudie handele und man davon ausgehe, dass es sich um einen statistischen aber nicht für einen realen Effekt handele. Damit haben sie natürlich Recht. Es war keine randomisierte, doppeltverblindete, placebokontrollierte Studie. Natürlich lebt Wissenschaft davon, das Ergebnisse infrage gestellt werden. Hersteller eines untersuchten Produktes haben jedoch einen Interessenkonflikt und eine wirtschaftliche Motivation, ein Problem, welches bei Medikamentenherstellern allen einleuchtet. Trotzdem wäre es möglich, dass die Hersteller gute Argumente haben.

Sie versuchen es. Als Gegenargument, wird eine Studie aus dem Jahr 2001 angeführt, in der beinahe 400.000 Menschen eingeschlossen waren. Von diesen 400.000 Menschen wurden die knapp 900 herausgesucht die Lungenkrebs hatten. Dann wurden circa 1800 Kontrollperson herausgesucht. Der Vitamin-B6 Spiegel im Blut wurde gemessen. Bei den Menschen die eine Krebsdiagnose hatten, war die Vitamin-B6 Konzentration im Blut geringer. Das bedeutet, in dieser Studie war ein geringerer Blutspiegel von Vitamin B6 mit einer größeren Wahrscheinlichkeit eine Krebsdiagnose assoziiert. Daraus einen kausalen Zusammenhang zu ziehen, ist mindestens mutig. Es könnte auch sein, dass der Vitamin-B6 Spiegel im Blut von Körper herunterreguliert wird, weil der Tumor sonst davon profitieren würde. Oder der Vitamin-B6 Spiegel ist geringer, weil er durch die Behandlung verändert wurde. Allerdings haben die AutorInnen versucht solche Effekte herauszurechnen.

Man kann sich vielleicht einfach darauf einigen, dass es keine starken Belege für und keine starken Belege gegen einen Einfluss von Vitamin B6 auf Lungenkrebs gibt. Das lässt den Schluss zu, dass die Einnahme von Vitamin B6 und anderen Vitaminen zwar den Urin der einnehmenden Person sehr teuer macht, jedoch keinen positiven Einfluss auf die Gesundheit hat. Ein geringes Risiko besteht für negative Einflüsse auf die Gesundheit. Sicher ist, dass die Werbeversprechen der Hersteller vollkommener Unsinn und durch wissenschaftliche Daten so gut wie nicht belegt sind.

  1. Dazu muss einschränkend erwähnt werden, dass Forschung zum Effekt von Nahrungsmitteln auf die Gesundheit ein methodischer Albtraum ist. Es werden fast immer die Angaben der Menschen zu den von ihnen konsumierten Nahrungsmitteln herangezogen. Diese sind sehr, sehr ungenau, so dass man vieles, was wir heute über Essen zu glauben wissen, in Zweifel ziehen kann.
  2. Die Einschränkung ist immer, dass kein Mangel oder die Gefahr eines Mangels bestehen!

Premium-Verschwörung Exklusiv

Verschwörungstheorien haben in den letzten Jahren zunehmend mehr Aufmerksamkeit in den Medien erhalten. Während vor einigen Jahren die Fragezeichen in Gesichtern von Menschen noch groß waren, wenn man Chemtrails erwähnte, wissen heute schon deutlich mehr Leute Bescheid.

Eine neue Studie bringt jetzt Hinweise darauf, welche Bedürfnisse diejenigen Menschen haben, die daran glauben, dass es Chemtrails gibt. In drei Experimenten haben die ForscherInnen Belege dafür gefunden, dass Menschen die an Verschwörungstheorien glauben, sich von anderen Menschen abheben wollen. Sie wollen besonders sein.

Das passt auch zur Rhetorik in Veröffentlichungen des neurechten Spektrums. Wird dort doch allen Menschen, die der Ansicht sind, in einer Demokratie zu leben, unterstellt, sie würden nicht merken, dass sie in einer Diktatur leben. Daher vielleicht auch die inflationäre Nutzung des Begriffs „Mainstream“, von dem man sich abgrenzen will.

Die ForscherInnen hatten im letzen Teil des Experiments eine Verschwörungstheorie erfunden, die in Deutschland zirkulieren soll. Dabei ging es um Feuermelder und dass diese schädliche akustische Signale aussenden würden. Der einen Hälfte wurde gesagt, 81% der Deutschen glaubten an diese Aussage. Der anderen Hälfte wurde gesagt, 81% der Deutschen glaubten nicht daran. Wenn die ProbandInnen vorher angegeben hatten, das Bedürfnis zu haben, besonders zu sein (durch Fragebögen, nicht durch die Beantwortung einer direkten Frage), war die Chance höher, dass sie an die Verschwörung glaubten, wenn sie in der Gruppe waren, in der 81% der Deutschen die Verschwörung nicht glauben.

Über ein interessantes (und deprimierendes) Ergebnis stolperten die ForscherInnen zufällig. Als die Teilnehmer am Ende der Studie erfuhren, dass die Verschwörung ausgedacht war, hielten 25% der Teilnehmer trotzdem daran fest! Auch hier waren das diejenigen, die das höhere Bedürfnis hatten, besonders zu sein.

Für mich ergeben sich aus diesen Ergebnissen sehr gute Lösungsansätze für die Verbreitung von Fakenews und Rechte Verschwörungstheorien.

  1. Zum einen müssen wir alle jeder Verschwörungstheorie, die uns begegnet zustimmen und sagen, dass wir es schon immer gewusst haben. 1
  2. Wir müssen viele sehr besondere aber sehr ungefährliche Verschwörungen verbreiten, so dass sich Menschen besonders fühlen können, ohne die Demokratie zu gefährden2

Allerdings weiß ich nicht, ob die Ergebnisse der Studie eigentlich für Verschwörungstheorien gelten. Es wurden Verschwörungen vorgestellt. Verschwörungstheorien werden erst daraus, wenn Menschen sich nicht mehr vom Gegenteil überzeugen lassen. Wenn alles, was die Informationen widerlegt zum Teil der Verschwörung wird.

  1. Blöd nur, dass es Hinweise darauf gibt, dass Menschen auch beginnen auch an Dinge zu glauben, von denen sie WISSEN, dass sie falsch sind, wenn sie nur oft genug wiederholt werden. Es könnte also sein, dass WIR irgendwann daran glauben. Ups!
  2. Hauskatzen sind eigentlich eine Hundeart, die sich nicht dressieren lässt.

ADHS und Ginkgo biloba

Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist eine recht häufige Erkrankung bei Kindern. Es gibt evidenzbasierte pharmakologische Behandlungen, am Besten ist wahrscheinlich Methylphenidat (MPH) bekannt. MPH hat leider einen sehr schlechten Ruf, ist jedoch gut wirksam und ziemlich sicher. Es gibt daneben natürlich noch einen bunten Strauß „alternativer Therapiemethoden“ (Cam-Methoden), sowohl pharmakologische als auch andere. Einige werden noch erforscht, andere sind in ihrer Wirkung nicht be- viele auch schon widerlegt. Ich habe mich also nicht gewundert, als ich eine Studie las, in der die Wirkung von Ginkgo bei ADHS untersucht wurde. Gewundert habe ich mich über den Ort der Veröffentlichung, nämlich die Zeitschrift der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, dem offiziellen Organ eben dieser. In den Richtlinien der Zeitschrift kann man lesen, dass dort veröffentlichte Arbeiten neue wissenschaftliche Ergebnisse liefern sollten.

Die Studie heißt “Ginkgo biloba Extract EGb 761® in Children with ADHD“. EGb 761® ist Hauptinhaltsstoff von „Tebonin“ ®, einem Phytotherapeutikum, hergestellt von der „Dr. Wilma Schwabe GmbH“. Im Abstract kann man lesen:

“One possible treatment, at least for cognitive problems, might be the administration of Ginkgo biloba, though evidence is rare.This study tests the clinical efficacy of a Ginkgo biloba special extract (EGb 761®) (…) in children with ADHD (…).“

“Eine erfolgversprechende, bislang kaum untersuchte Möglichkeit zur Behandlung kognitiver Aspekte ist die Gabe von Ginkgo biloba. Ziel der vorliegenden Studie war die Prüfung klinischer Wirksamkeit (…) von Ginkgo biloba-Extrakt Egb 761® bei Kindern mit ADHS.“ (Aus der deutschen und englischen Version des Abstracts.)

Die Versuchsgruppe bestand aus 20 Teilnehmern(!), die kein MPH nehmen wollten oder es nicht vertragen hatten (“did not tolerate or were unwilling“). Die Tatsache, dass einige Teilnehmer MPH nicht nehmen wollten, finde ich problematisch. Ich denke, es ist ziemlich wahrscheinlich, dass eher die Eltern ihren Kindern kein MPH geben wollten, als das diese es nicht nehmen wollten (sonst hätten sie wahrscheinlich auch kein Ginkgo genommen). Unter diesen Bedingungen besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit für Selektionsfehler,  so dass Eltern, die alternativmedizinischen Methoden (CAM-Methoden) ohnehin positiv gegenüber stehen ausgewählt werden.

Die Autoren geben drei Hauptfragen Phytotherapie betreffend an, für deren Beantwortung empirische Belege benötigt werden. An erster Stelle stellen sie die Frage nach Nebenwirkungen, die ihrer Aussage nach in 1% der Fälle bei einigen CAM-Methoden auftreten (wobei CAM-Methoden nicht mit Phytotherpie gleichzusetzen sind!). Zweitens die Frage nach Arzneimittelinteraktionen und drittens die Frage, ob Eltern mit die behandelnden ÄrztInnen ihrer Kinder über benutzte CAM-Methoden informieren.

Ein großer Teil der Studie beschäftigt sich außerdem mit den Ergebnissen eines EEG-Protokolls. Den Teil habe ich ignoriert, weil die klinischen Ergebnisse so mäßig sind, dass die sekundären EEG-Ergebnisse wahrscheinlich unerheblich sind.

Bevor ich mich jedoch der Studie selbst widme, ist es wichtig, sich einmal anzuschauen, was über die Verwendung von Ginkgo bereits bekannt war. Ginkgo ist am besten bekannt für seinen Einsatz bei Demenz, kognitiven Einschränkungen und Tinnitus. Die Cochrane-Collaboration hat 2009 über die Einsatz im Rahmen dieser Erkrankungen geschrieben:

„Es gibt keine Überzeugenden Belege, dass Ginkgo biloba bei Demenz oder kognitiven Einschränkungen wirksam ist.“ (Übersetzung von mir)

“There is no convincing evidence that Ginkgo biloba is efficacious for dementia and cognitive impairment“ [1].

Die Autoren unserer Studie zitieren Sarris et al. (2011), ein systematisches Review von CAM-Methoden bei ADHS. Sarris et al. erwähnen darin Salehi et al. (2010), die Ginkgo gegen MPH testeten. MPH war deutlich besser als Ginkgo, aber Sarris et al. weisen darauf hin, dass Gingko seine volle Wirkung vielleicht erst nach mehr als 6 Wochen entfaltet (solange hatte die Studie gedauert). In der vorliegenden Studie wurde Ginkgo über 3-5 Wochen verabreicht.

Die oben genannten Informationen im Hinterkopf ist mir unklar, warum die Autoren von einer „möglichen“ (englischer Abstract „possible“), bzw von einem erfolgversprechenden Behandlungsansatz sprechen. Auch warum sie schreiben, Gingko sei kaum untersucht ist mir nicht klar.

In einer unverblindeten, unkontrollierten Studie, mit einer Versuchsgruppe, die wahrscheinlich durch einen Selektionsfehler verzerrt ist, wäre alles andere als ein positives Ergebnis merkwürdig. Bei der Behandlung von Autismus gibt es diverse Beispiel von unplausiblen Behandlungsansätzen, die wirksam erschienen, solange Eltern wussten, dass ihre Kinder die Therapie erhielten. Sie wurden jedoch unwirksam, sobald verblindet wurden (z.B. Sekretin).

Das Ziel der Studie war, die klinische Wirksamkeit zu testen. Doch die Zusammenfassung beginnt mit der Aussage, wie gut Ginkgo toleriert wurde. Die Wirkung wurde dann wie folgt beschrieben:

„Nach der Verabreichung von Ginkgo wurden Verbesserungen von miteinander zusammenhängenden Verhaltensskalen detektiert“ (Übersetzung von mir)

“Following administration, interrelated improvements on behavioral ratings of ADHD symptoms (…) were detected (…).“

Dabei ist vor allem interessant, wie diese Verbesserungen detektiert wurden. Die Autoren nutzten einen etablierten Fragebogen (FBB-HKS) um die Eltern das Verhalten ihrer Kinder einschätzen zu lassen. Nur die Eltern. Den Kindern oder Lehrern wurden keine FBB-HKS gegeben, obwohl das Standard in der ADHS-Diagnostik ist (und obwohl den Kindern Fragebögen zur Lebensqualität gegeben wurden, die, nebenbei, keine signifikante Veränderung zeigten).

Keine der eingangs gestellten Hauptfragen (Nebenwirkung, Medikamenteninteraktion, Information des Arztes) können mit der vorliegenden Studie beantwortet werden. Ich bin kein Statistikerxperte, aber es erscheint mir unwahrscheinlich, mit 20 Patienten die Frage nach Nebenwirkungen, die in 1% der Fälle auftreten sollen, sinnvoll beantworten zu können. Dennoch schreiben die Autoren, sie hätten Nebenwirkungen an „700 Beobachtungstagen“ mit einer Rate von 0,004% feststellen können.

Die Autoren schließen mit:

„Zusammenfassend bietet die vorliegende Studie einige vorläufige Evidenz, dass Gingko biloba EGb 761® kurzfristig gut toleriert zu werden scheint und eine klinisch nützliche Therapie bei ADHS sein könnte. Doppelt-verblindete randomisierte Studien werden benötigt um den Wert der vorliegenden Daten einschätzen zu können.“ (Übersetzung von mir)

“Taken together, the current study provides some preliminary evidence that Ginkgo biloba Egb 761® seems to be well tolerated in the short term and may be a clinically useful treatment for children with ADHD. Double-blind randomized trials are required to clarify the value of the presented data.“

Zieht man die oben erwähnten, im Prinzip bereits vor Beginn der Studie vorliegenden, Informationen in Betracht, könnte man mit diesem Schluss begonnen haben um gleich eine doppelt-verblindete randomisierte Studie durchzuführen.

„Klinische Signifikanz:
Die Trends dieser vorläufigen offenen Studie können suggerieren, dass Ginkgo biloba EGb 761® als komplementäre oder alternative Therapie für die Behandlung von Kindern mit ADHS in Erwägung gezogen werden könnte.“ (Übersetzung von mir)

“Clinical Significance
The trends of this preliminary open study may suggest that Ginkgo biloba Egb 761® might be considered as a complementary or alternative medicine for treating children with ADHD.“

Und? Warum ist mir das wichtig genug, um einen Text dazu zu verfassen, wenn vorläufige Evidenz „suggerieren könnte“, dass etwas als Behandlung „erwogen werden könnte“? Weil ich denke, dass diese Studie keine wichtige Frage beantwortet oder irgendeine nützliche Information liefert. Ich denke, den Richtlinien der Zeitschrift folgend, hätte die Studie gar nicht veröffentlicht werden dürfen. Außerdem halte ich die Studie für eine Stück „Bad Science“. Nicht nur wegen des Mangels an kritischem Denken, sondern auch, weil es ein weiteres Stück verwirrende Information ist, welches über die ADHS und ihre Behandlung durch das Netz geistert. Die Studie wurde im September veröffentlicht und im November habe ich eine Website gefunden, auf der diese Studie fälschlicherweise als „klinischer Beweis“ („clinical proof“) für die Wirksamkeit von Gingko bei der ADHS angeführt wurde. Warum das Unsinn ist, dürfen dann Kinder- und JugendpsychiaterInnen und PädiaterInnen Eltern von betroffenen Kindern ausführlich erklären, anstatt sich um die Probleme der Patienten zu kümmern.

Irgendwie habe ich das ungute Gefühl bei dieser Studien ging es eher um Marketing als um Wissenschaft. Ich frage mich, ob Schwabe auch helfen wird, die notwendige doppelt-verblindete randomisierte Studien zu finanzieren…

[Dieser Text ist eine Übersetzung des englischen Text, der zuerst auf dem Blog von Edzard Ernst veröffentlicht wurde. An dieser Stelle noch einmal vielen Dank für diese Möglichkeit!]

English version

[1] http://summaries.cochrane.org/CD003120/DEMENTIA_there-is-no-convincing-evidence-that-ginkgo-biloba-is-efficacious-for-dementia-and-cognitive-impairment#sthash.oqKFrSCC.dpuf

Jugendliche Aufschneider – Selbstverletzungen

Wie beginnt man einen Text, dessen Thema jeglicher Intuition widerspricht? Das absichtliche Verletzen des eigenen Körpers außerhalb eines kulturell akzeptierten Rahmens (z.B. Ohrlöcher, Piercings und Tattoos), lässt sich nur schwer mit einem häufig postulierten dem Menschen innewohnenden Selbsterhaltungstrieb vereinbaren. Und so wäre ein logischer Anfang: „Niemand sieht gerne die Integrität des eigenen Körpers verletzt…“. Alleine diverse „Jack-Ass“-Filme belegen, wie falsch diese Aussage ist. Dabei ist „Jack-Ass“ und Abwandlungen davon nur die YouTube fähige Spitze eines Eisbergs.

Selbstverletzendes Verhalten (SVV) wird das in der Psychiatrie genannt und ist ein komplexes Phänomen. In den meisten Fällen tritt es das erst mal im Alter zwischen 10 und 20 Jahren auf. Bei SVV handelt es sich um ein Symptom und keine Erkrankung. Aber darüber, wie dieses Symptom definiert ist, wird bereits kontrovers diskutiert. Zum einen stellt sich die Frage, ob man SVV unabhängig von Suizidalität (i.w.S. der Wunsch sich das Leben zu nehmen) sehen kann. Im DSM-5 muss bei SVV die bewusste Intention fehlen, sich das Leben zu nehmen. Die Betroffenen schädigen also ihre Körperoberfläche, ohne den Wunsch zu haben, sich in dem Moment das Leben zu nehmen.

Dabei sind sich „die Experten“ nicht einig, ob es sich bei Suizidalität und SVV um zwei voneinander getrennte Entitäten handelt oder ob sich Menschen auf einem Kontinuum bewegen und SVV in Suizidalität übergeht. Sicher ist, dass Menschen die sich absichtliche selbst verletzen ein höheres Risiko haben, einen Suizidversuch zu unternehmen. Und wer einen Versuch unternimmt hat eine Chance, dass er oder sie erfolgreich ist. Frauen unternehmen mehr Suizidversuche als Männer, aber Männer sind öfter erfolgreich. George Carlin kommentierte diese Phänomen einst: „Also können Männer das besser.“.

Eine weitere Frage ist, ob SVV zugenommen hat oder ob es einfach mehr wahrgenommen und diagnostiziert wird. Zur Zeit deuten die Ergebnisse von Studien zu dem Thema eher darauf hin, dass die Häufigkeit des Phänomens zunimmt. Es scheint sich um ein kulturelles Phänomen zu handeln, dass sich von Person zu Person (und vielleicht über Medien?) weiter verbreitet. Dabei gibt es bestimmte Faktoren, die Individuen eher anfällig dafür machen, sich diesem „Trend“ anzuschließen.

Ein Faktor ist weibliches Geschlecht. Mädchen verletzen sich eher selbst als Jungen. Und sie wenden andere Methoden an, meist schneiden sie sich, während Jungen sich zu gleichen Teilen schneiden, verbrennen und schlagen. Jungen ziehen sich dafür schwerere Verletzungen zu als Mädchen. Wieder etwas, wo das männliche Geschlecht seinen Hang zur Effizienz auslebt.

Weitere Faktoren, die Einfluss auf das Risiko für SVV haben, sind „Mobbing“ durch Gleichaltrige, Depression und Angst sowie Drogenkonsum (inklusive Alkohol und Zigaretten) und Probleme mit den Eltern. Der Einfluss von Eltern auf SVV ist in Deutschland besonders groß. Unklar ist, ob die genannten Faktoren kausal mit dem Auftreten von SVV zusammenhängen oder einfach damit assoziiert sind. Und wie häufig ist SVV nun?

In Europa tritt bei fast einem viertel der 15-jährigen im laufe ihres Lebens SVV auf. Dabei scheint es sich bei den meisten um ein vorübergehendes Phänomen zu handeln (20%). Aber immerhin noch 7% verletzen sich regelmäßig über einen längeren Zeitraum selbst. In Deutschland sind die Zahlen noch etwas anders, insgesamt 35% der Jugendlichen verletzen sich irgendwann einmal selbst. Davon 23% vorübergehend und 13% über einen längeren Zeitraum. Die meisten Jugendlichen die sich selbst verletzen, werden also von alleine wieder damit aufhören.

Das sollten vor allem Eltern wissen. Auch, dass es sich um ein in seiner Häufigkeit oft unterschätztes Phänomen handelt, was in der Natur der Sache liegt. Aus naheliegenden Gründen gehen wohl nicht viele Jugendliche bei Eltern oder anderen Erwachsenen mit ihren Verletzungen hausieren. Nur ca. 2-3% der Jungendlichen erhalten eine professionelle medizinische Versorgung ihrer Verletzungen, von einer psychiatrischen Behandlung sprechen wir da allerdings noch nicht.

Eltern, die entdecken, dass ihre Kinder sich selbst verletzen, sind oft geschockt und wollen, dass diese damit aufhören. Damit das möglich ist, muss jedoch erst einmal klar, sein, welche Funktion das SVV erfüllt. SVV kann u.a. eine vom Jugendlichen empfundene Anspannung abbauen, der eigenen Bestrafung dienen oder dazu dienen Aufmerksamkeit zu erhalten. Das Verhindern einer Bestrafung durch Dritte scheint auch eine Motivation zu sein.

Auch wenn es kein schöner Gedanke ist und Blut bereits in geringer Menge beeindruckende emotionale Reaktionen bei Angehörigen auslösen kann, ist SVV kein Grund zu Panik. SVV zeigt einen Hilfebedarf an, der bemerkt und dem nachgekommen werden sollte. Aber SVV deutet nicht zwingend auf eine schwerwiegende psychische Erkrankung hin. Häufig wird von SVV auf eine „Borderline-Persönlichkeitsstörung“ (Emotional-Instabile-Persönlichkeitsstörung) geschlossen, womit man in dem meisten Fällen daneben liegt. Zwar neigen Menschen mit einer Emotional-Instabilen-Persönlichkeitsstörung häufig zu SVV, doch nicht jeder Jugendliche mit SVV wird eine Emotional-Instabile-Persönlichkeitssörung bekommen.

Wenn man sich die Zahlen anschaut, eher nur ein sehr kleiner Teil davon. Das zu wissen ist für Angehörige unter anderem darum wichtig, weil, bei aller (verständlichen) emotionalen Belastung, relativ sachlich damit umgegangen werden sollte. Ein Termin in einer kinder- und jugendpsychiatrischen Praxis oder Ambulanz und/oder bei einer/m ambulanten Kinder- und Jugendpsychotherapeutin/en ist ein guter Schritt. Und die Statistik sagt, dass bei vielen das Phänomen bereits wieder verschwunden sein wird, wenn der Termin stattfindet. Das liegt leider auch an den unglaublich langen Wartezeiten aber das ist ein anderes Thema.

 

[Basis dieses Artikels ist unter anderem diese Studie, in der über 12 ooo Schüler in 11 europäischen Staaten befragt wurden]

Hurra, wir dürfen Leben!

Da sag noch einer, es brächte nichts, wenn man sich beschwert. Wie es aussieht hat die EMA es sich anders überlegt und ihre sinnfreie Idee, man dürfe Studiendaten nur am Bildschirm anschauen, beerdigt. Das zumindest twitterte das IQWiG.

Nun bin ich gespannt, was daraus wird. Im besten Falle fallen für jeden ein paar Monate durchschnittliche Lebenszeit ab!

Hier der Text der EMA:

(…)

In light of discussions at the Board, the wording of the policy, including practical arrangements for academic and non-commercial research users, will now be finalised with a view to its adoption by the Board through written procedure by mid-July 2014, and will be effective from 1 October 2014. Importantly, the Agency will ensure that the policy will not prejudice citizens’ rights under existing access to documents legislation and the new clinical trials regulation.

(…)

Ich weiß das ist ein sehr kurzer Text. Aber ich freu mich so!

Es lebe der Sport…bis in den Tod

Wer den Schaden hat, braucht für den Spot nicht zu sorgen. Das zeigt gerade ein Artikel auf Spiegel-Online, mit dem netten Titel: „Sport könnte Medikamente überflüssig machen“. Anlass ist eine Studie die gezeigt hat, dass Sport gesund sein kann und in einigen Fällen besser wirkt als Medikamente. Untersucht wurden Erkrankungen der Herzkranzgefäße, Schlaganfall, Herzinsuffizienz (Herzschwäche) und Glukoseintoleranz (Prediabetes). Also Erkrankungen, die vor allem durch Veränderungen in den Gefäßen zu Problemen führen.

Im Artikel wird die Überschrift im Verlauf immer weiter relativiert und wenn man sich die Ergebnisse der Studie genauer ansieht, ist das Ergebnis wenig überraschend. Bei Patienten mit Schlaganfall dienen Medikamente in der Regel dazu weitere Schlaganfälle zu verhindern und die Folgen des abgelaufenen Schlaganfalls zu minimieren. Verlorene Funktionen werden durch Rehabilitation erreicht und die wird im Artikel einfach mal zu „Sport“ gerechnet. Das überreizt den Begriff vielleicht doch etwas.

Was mich aber am meisten ärgert, ist die Unterstellung, die mitschwingt, ÄrztInnen wüssten nicht um den Nutzen von Bewegung und würden lieber Medikamente verschreiben. Gleiches gilt auch für PatientInnen. Es mag viele Gründe geben, warum jemand keinen Sport machen will und diesen Sport vorzieht. Das Leben der meisten Menschen ist kompliziert und einfache Lösungen à la „Sport statt Pillen“ klingen wirklich nett, müssen aber auch in den Alltag passen.

Natürlich wäre es wünschenswert, wenn jeder die Möglichkeit hätte, die Methode zur Herstellung oder Erhaltung seiner Gesundheit nutzen zu können, die ihm oder ihr am wenigsten schadet. Auch Wünschenswert wäre es, weniger über die Entscheidungen von Menschen zu urteilen und mehr über die Gründe für die Entscheidungen zu berichten.

Stammzellen – Die Hoffnung stirbt zuletzt

Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic.
Arthur C. Clarke

Stammzellen sind Zellen, die das Potential haben, sich in fast jedes Körpergewebe umwandeln zu können. Das macht sie zu Hoffnungsträgern für viele Menschen mit Erkrankungen, die bisher als unheilbar gelten. Alzheimer, Herzinfarkt, Querschnittlähmung um nur einige alltägliche Beispiele zu nennen. Unsterblichkeit um eine fragwürdigere Idee nicht zu vergessen.

Aufgrund ihres nahezu magischen Potentials springen einige…oder ziemlich viele unseriöse Figuren auf den Zug. Es gibt nur wenige Erkrankungen die bereits erfolgreich mit Stammzelltherapie behandelt wurden. Im Patientenhandbuch zur Stammzelltherapie der International Society for Stem Cell Research heißt es dazu:

Das Spektrum der Krankheiten, für die es erprobte stammzellbasierte Behandlungsmethoden gibt, ist noch sehr gering. Störungen des Blut- oder Immunsystems und ein erworbenes Versagen der Knochenmarksfunktion können in einigen Fällen wirksam mittels einer Transplantation von Blutstammzellen behandelt werden.
Das Handbuch ist von 2008. Doch auch fünf Jahre später ist das goldene Zeitalter der Stammzelltherapie (leider) noch nicht angebrochen. In Italien gab es eine Initiative von Eltern und Patienten, eine klinische Studie für einige Stammzelltherapien mit durch die Regierung finanzieren zu lassen. Der Senat hatte der Forderung bereits zugestimmt und der Gesundheitsminister ein Gremium von Wissenschaftlern damit beauftrag das klinische Protokoll zu prüfen und eine Studie zu entwerfen. Doch es kam anders:
Stamina’s mesenchymal stem cell therapy has inflamed a passionate debate in Italy. Stem cell scientists say it lacks any scientific credibility, but patients and their supporters have demanded that the therapy be made available for a range of diseases for which Stamina claims benefit.
Das ist so ziemlich das härteste, was so ein Gremium über ein medizinisches Verfahren sagen kann. Die „Therapie“ wird schon länger kontrovers diskutiert und 2012 wurden Behandlungen des Unternehmens, das jetzt die Studie durchführen will, von Italienischen Medizin-Behörde (AIFA) unterbrochen, weil sie Unregelmäßigkeiten festgestellt hatte. Doch auf Druck von Patienten und deren Vertreter sprach sich der Senat für eine Studie aus. Leider hat man sich wohl vorher nicht informiert:
The panel has concluded that Stamina President Davide Vannoni has not released records of any preclinical studies conducted by Stamina and “there is no data concerning the quality of the cellular preparation,” according to ScienceInsider’s source. For instance, Stamina has been unable to show the presence of proteins that stem cells are expected to express when they form new neurons.
Dass Menschen die schwer krank sind sich an jede Hoffnung klammern, ist verständlich. Dass sie sich an Ihre gewählten VertreterInnen wenden, um Hilfe zu bekommen, ebenso. Dieses Beispiel zeigt aber auch, warum ÄrztInnen nicht jeden Wunsch ihrer Patienten erfüllen, auch wenn sie sich damit unbeliebt machen. Es zeigt auch, warum Politiker keine Entscheidungen treffen sollten, solange sie nicht dazu qualifiziert sind.
Um auf Arthur C. Clarke zurückzukommen: Manchmal ist nicht die Technologie magisch, sondern das Denken.