Therapie durch Gewalt

Donald Trump liebt den Präsidenten der Philippinen, Rodrigo Duterte. Und PEGIDA liebt Donald Trump. Putin liebt sie alle und sich selbst. Die starken Männer von Heute sind begeistert voneinander. Bis sie sich in die Quere kommen, dann ist das Geheule wieder groß. Starke Männer machen alles mit Druck. Sie nutzen Durchsetzungskraft, Erziehung durch Härte, Verbote, Strafen. Alles was sie wollen, erwarten sie zu erhalten, wenn sie nur genug Gewalt anwenden. Verbale Gewalt, physische Gewalt, institutionelle Gewalt oder wirtschaftliche Gewalt. Hauptsache stark.

Irgendwann, als ich auf dem Theaterplatz in Dresden angerührt den exklusiven „Wir sin’ das Volk“-Rufen lauschte, habe ich mich gefragt was wohl passieren würde, wenn die AfD und PEGIDA die Macht erhalten würden, die sie anstreben. Zum Beispiel mit mir? Ich denke, in einem Staat der nach den Vorstellungen der neurechten Bewegungen organisiert wäre, gäbe es keinen Platz für Psychotherapie. Psychotherapie ist nichts für die starken Männer. Psychotherapie, beziehungsweise eine Veränderung in der Psychotherapie, kann man nicht herbeidrücken. Manchmal erreichen Menschen nicht einmal die gewünschte Veränderung, wenn sie wollen wollen. Schlimmer wäre für sie jedoch der Gedanke, dass in der Psychotherapie Dinge gesagt würden, von denen sie, die starken Männer, nichts wüssten.

Daran musste ich denken, als ich von den Philippinen las, wo Menschen mit einer Suchterkrankung die Wahl haben, eine Therapie zu machen oder umgebracht zu werden. Das, so würden die starken Männer meinen, sind hervorragende Voraussetzungen für eine erfolgreiche Therapie! Jemand, dem der Tod droht, wird sehr motiviert sein, mitzumachen, würden sie denken. Gewaltiger Druck für eine gewaltige Heilung. Dabei geht es bei einer Psychotherapie nicht nur darum, „mitzumachen“. Es geht darum, mitmachen zu wollen, um mitmachen zu können. Es geht darum, etwas Neues über sich zu lernen, sich zu verstehen, sich neu zu sehen, anders mit sich umzugehen. Dafür muss man sich mit sich beschäftigen mit sich und seinen oder ihren Emotionen.

Die Erwartung bei Nichterfolg unter Umständen sterben zu müssen, dürfte Angst hervorrufen. Wenn man Angst hat, ist es schwer, sich auf eine Therapie einzulassen. Angst ist ein dominantes Gefühl, mit der Tendenz, den Rest des emotionalen Erlebens in den Schatten zu stellen oder in ihrem Licht anzustrahlen. Wenn im außen der Tod droht, wird das Innen zur Nebensache. Das verstehen natürlich die starken Männer nicht, weil die denken man braucht nur genug Druck.

“Morde sind nicht die Lösung”, sagt Sikini Labastilla. Auf Facebook schreibt er: “Ich verstehe langsam, dass in jedem Süchtigen ein Schmerz festsitzt.” Beide Sätze klingen selbstverständlich. Auf den Philippinen sind sie in diesen Tagen revolutionär.

Was auf den Philippinen passiert, ist eine Erinnerung daran, wie dünn der Stoff ist, den wir Zivilisation nennen. Der Stoff, der uns von der Barbarei trennt, die die starken Männer so lieben, weil sie von der eigenen inneren Ödnis ablenkt.

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Exportschlager aus Asien – Magisches Denken

Der große Mao Zedong kichert leise in seinem Grab. Über uns. Aus Mangel an ausgebildeten Ärzten, wurden zur medizinischen Versorgung der Bevölkerung im China der 50er Jahre sogenannte „Barfußdoktoren“ ausgebildet. In einer kurzen Ausbildung brachte man ihnen ein paar Grundlagen zu Medizin und vor allem Hygiene bei, die sie unter die Menschen bringen sollten. Sie erhielten ein kleines Buch mit den wichtigsten Informationen zu ein paar Medikamenten für akute Erkrankungen. Da in China Medikamente rar waren und man davon ausging, dass es besser sei, den Menschen irgendetwas anzubieten als nichts, stand im hinteren Teil dieses Buches etwas zur chinesischen Volksmedizin. Ein Potpourri verschiedener Therapieschulen, wild zusammengemixt. Das ist der Kern der heutigen „traditionellen“ chinesischen Medizin. Wir sind Maos Resteverwerter.

Im Ärzteblatt wurde kürzlich über den Internationalen Kongress traditioneller asiatischer Medizin berichtet und unkritisch dargelegt, was Schleswig-Holsteins Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP) und einige Experten dazu zu sagen hatten. Es zeigt, wie tief magisches Denken in der deutschen Ärzteschaft verankert ist und wie erfolgreich das Marketing der alternativen Medizinindustrie war und ist.

Da das Ärzteblatt es nicht schafft, die Äußerungen kritisch einzuordnen, soll dies an dieser Stelle versucht werden.

Traditionelle asiatische Medizin etwa aus China, Tibet, Nepal oder Indien sollte von der westlichen Schulmedizin mit größerer Offenheit als bisher vorurteilsfrei geprüft und genutzt werden.

Für Vorurteile sorgen vor allem die Befürworter selbst, weil sie sich Marketingbegriffen wie „Traditionelle xxx Medizin“ bedienen. Die Vorurteile sind dabei gewollt, sie sollen jedoch nur in die positive Richtung wirken. Der Begriff „Traditionelle xxx Medizin“ (TxM) soll beim Publikum genau den Eindruck hervorrufen, den der Minister später wohlfeil wiederholen wird: Ganzheitlich, natürlich, alt, sanft u. s. w. Es ist eine Ironie des Schicksals, dass diese – durch die Industrie selbst erfolgreich hervorgerufenen – Vorurteile jetzt von kritischen VertreterInnen der Ärzteschaft aufgegriffen und hinterfragt werden und ein Minister sie bittet, das nicht zu tun.

Garg forderte, Ärzte und Patienten sollten frei über ihre medizinische Behandlung entscheiden können – innerhalb eines gesetzlichen Rahmens, der die Sicherheit der Patienten garantiere.

Was will uns der Minister mit dieser Aussage vermitteln? Dass es anders sei? Dass heute Menschen dazu gezwungen würden, eine Behandlung durchzuführen, die sie nicht wollen1. Wahrscheinlich meint er das „marktliberal“, in dem Sinne, dass alles erlaubt sein müsse, was nachgefragt werde. Warum sollten wir dann aber bei TxM stehen bleiben? Auch Astrologie bietet hervorragende Anknüpfungspunkte um eine Therapieform daraus zu entwickeln, traditionell ist die auch und ganzheitlich sowieso. Wie Hohn wirkt die Aussage, der „gesetzliche Rahmen“ garantiere die Sicherheit der Patienten. Zum einen kann es keine Garantie für Sicherheit geben (ich dachte, als Liberaler sauge man das mit der Muttermilch auf), zum anderen gab es erst im letzten Jahr ein tragisches Beispiel, wie lax der Gesetzgeber es mit der Sicherheit von Patienten von TxM2 nimmt.

Der liberale Politiker warnte, dass die zunehmende Standardi­sierung und der Blick nur auf ökonomische Faktoren zu einem gefährlichen Verlust des Kontaktes mit den Patienten führen könne.

Man stelle sich einmal vor, der Minister hielte eine Rede vor der deutschen Industrie und versuche, für das Konzept des „Traditionellen asiatischen Maschinenbaus“ einzutreten und die Aufhebung der deutschen Industrienorm (DIN) zu fordern. Die Vertreter würden herzlich lachen und für den satirischen Beitrag danken. Mediziner nehmen das ernst.

Einen Kommentar darüber, dass ein FDP-Politiker über den „Blick auf ökonomische Faktoren“ in der Medizin Krokodilstränen vergießt, spare ich mir lieber. Wer alles einer ökonomischen Logik unterzieht und die Gesundheit der Menschen als Ware betrachtet, kann sich doch nicht darüber wundern, dass Teilnehmer des Systems den Blick mehr und mehr auf ökonomische Faktoren richten.

Asiatische Medizin setze auf die Selbstheilungskräfte und habe einen ganzheitlichen Ansatz.

Jeder Chirurg setzt auf die Selbstheilungskräfte. Gebe es sie nicht, wüchsen Operationswunden nämlich nicht zu. Was das Wort ‚ganzheitlich‘ angeht, handelt es sich auch um einen Marketingbegriff, der ein heimeliges Gefühl hervorrufen soll, jedoch keine konkrete oder nützliche Information transportiert.

Europäische Gesundheitssysteme könnten hiervon lernen, sich nicht nur auf den körperlichen Zustand zu konzentrieren. Mentale, soziale und auch spirituelle Aspekte seien wichtige Kofaktoren.

Man kann mit so schön klingenden Worten einen Großteil der Menschen, die im deutschen Gesundheitssystem arbeiten, ganzheitlich abwatschen. Jede Pflegekraft, die einem Patienten ermutigende oder tröstende Worte zuspricht, kümmert sich um mentale Aspekte. Das wird nur nicht so aufgeblasen, sondern als normal angesehen (und schlecht bezahlt, ökonomische Faktoren und so). Leider ist der Druck im Gesundheitssystem so hoch, dass das Personal oft so gestresst es, dass es einfach keine Ressourcen für diese Worte hat. Daran wird aber auch keine irgendwie geartete TxM etwas ändern, sondern allein politischer Wille.

Case Manager kümmern sich in deutschen Kliniken um wichtige sozialen Aspekte und organisieren beispielsweise außerhäusliche Pflege. In der Psychotherapie, die auch zur Medizin gehört, sind soziale Aspekte ein integraler Bestandteil.

Auf spirituellen Aspekten liegt sicherlich kein Fokus im deutschen Gesundheitssystem. Man kann darüber streiten, ob solch ein Fokus die Aufgabe eines Gesundheitssystems ist oder sein kann. Wenn, dann wird es eine komplexe Aufgabe. In der Rede von Garg erscheint es so, als sei Spiritualität etwas, wofür man keine Spezialisten bräuchte. So als könnte jeder Arzt, jede Schwester einfach mal so die spirituellen Bedürfnisse von Patienten stillen. Ohne eine konkrete Idee, was damit gemeint ist, handelt es sich um einer weitere hohle Phrase.

Es solle untersucht werden, ob Braunalgen und Tang Wirkstoffe zur Behandlung von Augenleiden bцten, berichtete Ralph Schneider vom Exzellenzcluster „Future Science“  und Direktor des Forschungsschwerpunktes Kiel Marine Science. Er sprach von einem „Goldrausch nach marinen Wirkstoffen“.

Das ist keine TxM. Das ist medizinische Forschung. Nur weil eine Substanz in Asien entdeckt wird, gehört sie doch nicht zur TxM. Haftet jeder Substanz aus Asien etwas ganzheitlich, spirituelles an? Paclitaxel (ein Krebsmittel) wird auch nicht der „traditionellen amerikanischen Heilkunde“ zugerechnet, nur weil der Wirkstoff ursprünglich aus der Pazifischen Eibe gewonnen wurde. Wirkstoffe werden zu Medikamenten, wenn sich ihre Wirksamkeit im Rahmen eines standardisierten Prozesses hinreichend belegen lässt.

Laut Messner kaufen Pharmakonzerne zudem in Asien große Kräuterflächen auf.

Das ist kein Beleg für die Überlegenheit von TxM, sondern vom guten Marketing der Vergangenheit, von welchem die Pharmakonzerne profitieren wollen. In den USA beispielsweise werden TCM-Kräuter teilweise als Nahrungsergänzungsmittel verkauft und sind deutlich weniger reguliert als Medikamente. Es winken Profite.

Bluthochdruck ist nach Ansicht von Detlev Ganten von der Berliner Charité ein weiteres Beispiel für die begrenzte Reichweite konventioneller Tablettenbehandlung. Er selbst habe zusätzlich zu Tabletten seinen stressigen Lebensstil „im Hamsterrad“ umgestellt, nehme weniger Termine an und treibe mehr Sport.

Und wer hat ihm dazu geraten? Vermutlich sein schnöder Hausarzt, der stinklangweilige evidenzbasierte Leitlinien umsetzt, weil in Studien belegt wurde, dass eine Lebensstiländerung (so nennt man das, was der Herr Ganten gemacht hat) eine Verbesserung der Gesundheit bewirkt, die nachhaltiger ist, als die Einnahme von Tabletten. Leider, leider, können Patienten selbst entscheiden ob sie dem Rat ihrer Ärzte folgen werden und gerade Lebensstiländerungen fallen uns Menschen schwer. Wir handeln nämlich nicht immer so ganzheitlich, wie wir uns wünschen behandelt zu werden.

Die Wissenschaftler sprachen von einem großen Transformationsprozess in der westlichen Medizin.

Wann in den letzen 200 Jahren war die Medizin einmal nicht in einem „großen Transformationsprozess“. Im Moment ist er unter anderem durch die Verteilung von Ressourcen geprägt.

Bildung, Ernährung und Bewegung seien die drei wichtigen Parameter für Gesundheit, sagte Ganten. Er berichtete, wie schwierig es gewesen sei, an der Charité einen Lehrstuhl für alternative Medizin zu etablieren. „Inzwischen sind das die beliebtesten Vorlesungen.“

Was hat der erste Satz mit dem zweiten Satz zu tun? Wieso sind Bildung, Ernährung und Bewegung Teil der „alternativen Medizin“ nicht aber der Medizin?

Als Kernproblem nannte Ganten, der sich als begeisterter Verfechter der westlichen Medizin bekannte, die unterschiedlichen Kulturen und Denkweisen. Das streng kausale Denken des Westens sei in anderen Kulturen nicht verbreitet. „Es gibt keine Wahrheit, auch keine wissenschaftliche Wahrheit, es gibt nur Wahrscheinlichkeiten“, sagte Ganten.

Wahrscheinlich täte den Herren etwas mehr Strenge beim kausalen Denken ganz gut. Aber dann hätte Mao nichts mehr zu lachen.

Bild: Elefant mit Akupunkturpunkten; World Health Organization (WHO);

  1. Natürlich ist beinahe jede notwendige medizinische Behandlung ein Zwang, weil die meisten Menschen lieber keine Erkrankung und damit keine Behandlung hätten aber das meint er Minister vermutlich nicht.
  2. Ich nutze den Begriff hier sehr locker, weil er nicht definiert ist und fast jede pseudomedizinische Methode sich darein pressen lässt.

Heil! Praktiker

Im Moment gibt es eine intensive Diskussion um Sinn oder Unsinn des Heilpraktikerberufes. Die Argumente will ich an dieser Stelle nicht noch einmal aufführen. Im Münsteraner Memorandum ist alles wichtige erwähnt, Joseph Kuhn hat einen Text über Heilpraktiker für Psychotherapie geschrieben und Udo Endruscheit schaut sich die von Heilpraktikern vorgebrachten „Argumente“ einmal genauer an. Die Seite der Heilpraktiker dürfte in den nächsten Wochen in den Talkshows und Zeitungen zu lesen sein. Ich vertraue auf die Medienkompetenz meiner Leserinnen die Informationen einzuordnen.

Der folgende Text kann Spuren von Polemik enthalten.

Es ist eine Binsenweisheit, dass der Beruf des Heilpraktikers durch die Nationalsozialisten mit einem Gesetz 1939 in seine heutige Form gegossen wurde. Das muss ich niemandem erzählen, der sich mit dem Thema beschäftigt. Auch dass es darum ging eine Deutsche Heilkunde zu etablieren, um die „verjudete Schulmedizin“ zu reinigen, ist weithin bekannt. Natürlich kann man den Beruf Heilpraktiker/ Heilpraktikerin trotzdem verteidigen. Man kann es als tragische Fügung des Schicksals betrachten, dass nun gerade „die Nazis“ den wichtigen Beruf des Heilpraktikers aus der Taufe hoben. Man kann auch behaupten, dass die Tatsache, dass sich die Argumente gegen die „Schulmedizin“, die heute vorgebracht werden, den Argumenten, die gegen die „verjudete Schulmedizin“ vorgebracht wurden, teilweise sehr ähneln, darin begründet liegt, dass sie einfach stimmen.

Interessant finde ich jedoch, dass sich die Ideologie nationalsozialistischer Medizin perfekt in der Praxis der Heilpraktiker gehalten hat. Ohne jedoch anrüchig zu sein oder kalt zu wirken. Die „Natürlichkeit“ und die Tendenz eine Erkrankung sich selbst zu überlassen, ohne die Folgen abschätzen zu können, ist kein Bug sondern ein Feature.

Die Nationalsozialisten hatten kein Interesse daran, allen Menschen die beste medizinische Versorgung zugute kommen zu lassen, die sie benötigen. Nicht einmal allen Deutschen (also das, was die Nazis unter „Deutsch“ verstanden). Die Aufgabe der Medizin unter den Nazis war es, den „Volkskörper“ gesund zu halten. Der Volkskörper bestand aus den Mitgliedern des Volkes und wurde von den Nazis als tatsächlich organisch vorhanden betrachtet. Ein gesunder Volkskörper wird durch „kranke Individuen“ geschwächt, darum war es die Aufgabe der Mediziner, kranke Individuen aus dem Volkskörper zu entfernen. Die Mediziner (nicht die Heilpraktiker) haben diese Aufgabe teilweise mit Begeisterung erfüllt. Die „Aktion T4“ diente dazu, wurde jedoch auch aufgrund von Protesten aus der Bevölkerung beendet. Die Menschen hatten aus irgendeinem Grund etwas dagegen, dass ihre „kranken Verwandten“ aus dem Volkskörper entfernt wurden.

„Krank“ in dem Sinne waren Menschen, bei denen nicht zu erwarten war, dass sie wieder gesund werden und in irgendeiner Form auf die Gemeinschaft angewiesen sein würden, ohne etwas dafür zu leisten. Akute Erkrankungen waren in Ordnung. Eine vulgärdarwinistische Sicht auf das Leben zog sich durch viele Bereiche Nationalsozialistischen Denkens. Die Stärksten werden überleben (Sorry Adolf, Joseph und Heinrich).

Es gibt wenig systematische Untersuchung zu Ausbildung und Praxis von Heilpraktikern. Doch ich habe bisher fast keine Therapiemethode gesehen, die von Heilpraktikern genutzt würde, die eine gezielte „Heilung“ mindestens plausibel hervorrufen könnten. Weder in den Ausbildungszentren, noch auf den Websites einzelner Heilpraktiker. Kurz, die meisten Heilpraktiker behandeln Menschen mit Therapien ohne spezifische Wirkung. Menschen die zum Heilpraktiker gehen, wären also in den allermeisten Fällen auch von alleine wieder gesund geworden. Menschen die nicht von alleine wieder gesund werden, retten sich entweder in die Hände der „Schulmedizin“ und überleben, wenn sie Glück haben oder sie sterben. Heilpraktiker sorgen also dafür, dass der Volkskörper gesund bleibt. Nichts anderes war die Intention des Gesetzes von 1939. Wir sollten den Heilpraktikern also nicht vorwerfen, dass sie ihre Aufgabe erfüllen.

Mein Energiefeld – Aktiv und Vital

Eines meiner Ziele im Leben ist es, mich vollumfänglich ganzheitlich, metaganzheitlich sozusagen, untersuchen zu lassen. Dazu war ich erneut auf der „aktiv und vital Messe“ in Dresden. Dort hatte ich letztes Jahr eine Irisdiagnostik machen lassen. Dieses Mal war mein Energiefeld an der Reihe! Dazu wurde die GDV Methode benutzt. Niemand am Messestand , an dem die Abkürzung in großen weißen Buchstaben als Methode angepriesen wurde, wusste, wofür „GDV“ steht. Aber dafür wusste man, wie ich das Problem lösen kann „googeln Sie doch mal“. Kompetenz! Das mag ich in meinen Heilern.

Bei diesem Verfahren werden die Fingerkuppen auf ein Gerät gelegt und das den Körper umgebene Energiefeld wird gemessen. Eine nette Dame am Computer sagt einem, welchen Finger man wann auf das Messfeld, welches unter einem schwarzen Tuch liegt, drücken soll. Das funktioniert, weil die Meridiane der Fingerkuppen durch das Messgerät gemessen werden. So klärte man mich auf Nachfrage auf.

Da eine Messung mit Ausdruck genauso viel kostete, wie eine Messung, eine bioenergetische Massage nach Viktor Philippi und eine erneute Messung, habe ich die bioenergetische Massage gleich mitgenommen. Also Messung, Massage, Messung.

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Im Bereich der unteren Extremitäten zeigen sich bei frontaler und rechtslateraler Ansicht deutliche heterogen verteilte hypokirlianische Bereiche.

Die Massage beschränkt sich darauf, dass jemand erst neben und dann hinter mir stand und seiner Hände entweder auf den Brustkorb und zwischen die Schulterblätter legte oder auf meine Schultern. Jeweils für 7 Minuten. Nach der ganzen Prozedur wurden meine Messungen ausgewertet. Toll, was da raus kam!

Der Herr, der die Auswertung machte, gab sich alle Mühe freundlich zu sein, wirkte aber irgendwie…wie eine leere Hülle, fahl. Das mag daran gelegen haben, dass der Messetag fast vorbei war. Trotzdem gab er sich alle Mühe durch Cold Reading Informationen aus mir herauszubekommen, um seine Aussagen zu meinem Energiefeld auf mich abstimmen zu können. Er stürzte sich auf jede konkrete Information die ich ihm gab. So interpretierte er die Lücken des Energiefeldes an den Beinen als Ausdruck von Problemen mit meiner Familie (ich hatte energisch genickt, als er „Probleme mit der Familie“ zur Auswahl gab). Denn, so seine Erklärung, so wie die Beine uns stützen, stützt uns auch die Familie.

Dass ich ein leichtes Druckgefühl spürte, als mir der bioenergetische Masseur die Hände auf die Brust legte, interpretierte der Herr als Angst. Weil, so seine vulgärpsychosomatische Erklärung, einem Angst die Kehle zuschnürt. Nur, dass die Kehle sehr weit vom Brustkorb entfernt liegt, anatomisch betrachtet.

Angst. Angst? Angst! Das war die Diagnose, ich habe Angst. Eine Angst, die ich selbst nicht spüre, die erst durch die fragwürdige Interpretation eines erwartbaren Symptoms im Rahmen einer bioenergetischen Massage erkennbar wird. Doch bevor ich das jetzt auf die leichte Schulter nahm, wurde mir deutlich gemacht, dass alle Erkrankungen durch seelische Probleme verursacht werden. „Alle?“ frage ich, „auch Krebs!?“. „Auch Krebs!“ sagt er, sanft lächelnd. Großer Hamer bewahre! Kann man da nicht was gegen machen?
Kann man! Eine Heilung könne er natürlich nicht versprechen – Zwinker, Zwinker – aber man könne da was machen. Und dass müsse man auch, denn Angst, bewusst oder unbewusst, mache krank.

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Die Behandlung hat die Symmetrisierung um 14% erhöht, jedoch deutliche Lücken im Bereich des Wurzelchakras aufgezeigt.

Ich bin gespannt auf die Behandlung. Psychotherapie? Exposition? Geburtstrauma verarbeiten? Reinkarnationstherapie? Öfter mal eine bioenergetische Massage?
Nein, eine Kerze. Ein Teelicht um genau zu sein. Das soll ich jeden Abend in der Wohnung anzünden und ausbrennen lassen. Denn Angst „geht ins Feuer“ und ist dann weg.
Also entweder macht mir meine unbewusste Angst Krebs oder ich zünde ein Teelicht an. Da fällt mir die Wahl nicht schwer. Doch vorher sollte ich vielleicht noch etwas über diese GDV Methode erfahren, vielleicht ist das ja alles Bullshit.

Das GDV Verfahren wurde von Dr. Konstantin Korotkov, einem Spezialisten des menschlichen Energiefeldes erfunden. Das Verfahren diene der „wissenschaftlichen Untersuchung“ des Energiefeldes und beruhe auf dem Kirlian-Effekt. Das GDV-Verfahren „erlaubt direkte, Echtzeitaufnahmen von Veränderungen“ im Energiefeld. Die „Information der Fingerspitzenkorona wird gemessen, sichtbar gemacht“ und mit einer Software analysiert. GDV demonstriere „den objektiven Einfluss mentaler und physischer Aktivität auf des menschliche Energiefeld.“

Ein tolles Verfahren. Irgendwie hat aber niemand gemerkt, dass ich meine Finger in der falschen Reihenfolge auf das Messfeld gedrückt hatte.

 

YiXue – Krebsbehandlung mit magischem Sport

Gestern war in Dresden das „Mutter-Erde-Festival“, veranstaltet durch die Lotus-Akademie e.V.

„Das Mutter Erde Festival entstand als eine Initiative zum Schutz der Erde und für ein friedliches und harmonisches Miteinander.“

Das klingt schon mal gut, irgendwie. Als weitere Motivation für das Festival gibt der Verein an:

„Das Festival und der Umzug „Ein liebendes Herz für die Mutter Erde“ bezwecken mehr als nur Toleranz und Akzeptanz für fremde Kulturen – sie sind ein interaktives Fest aller beteiligten Menschen mit unserer Lebensgrundlage, der Erde.“

Da haben die Organisatoren sich aber einiges vorgenommen für einen Samstagnachmittag in Dresden. Eein wenig harmonisches Miteinander könnte Dresden aktuell nicht schaden und Toleranz ist ebenfalls Mangelware.

Ob allerdings der Weg über das Mutter-Erde-Festival der Richtige ist? Auf der YiXue-Veranstaltungswebsite ist zu lesen, „wir“ seien „alle“ durch Schwingungen miteinander verbunden und irgendwie sei alles eins. Darum müssten wir in Harmonie mit Mutter Erde leben. Oder so. Belegt wird das mit dem Albert Einstein Zitat „Alles Leben ist Schwingung“, das von Abraham Lincoln übermittelt wurde.

Die YiXue-Akademie bietet, statt Hilfe für „Mutter-Erde“, doch wieder nur eine Art ideologisch aufgeladene Sportveranstaltung an. Ein besondere Form der QiGong wird gepriesen, um das Chi wieder in Ordnung zu bringen. Die kann man in Nossen, in der Nähe von Dresden praktizieren, im YiXue-Bildungszentrum. Erklärt, wie das nun mit „Mutter-Erde“ zusammenhängt wird leider nirgendwo. Vielleicht weil keine fragt. Wahrscheinlich sind es die „Schwingungen“. Am Informationsstand gibt es nur die üblichen Plattitüden über „Ganzheitlichkeit“, „Energie“, „Blockaden“ und so weiter.

Bereits im letzten Jahr schrieb „S.T.“ zu der Veranstaltung:

„Das ganze ist nämlich nichts anderes als eine Werbeveranstaltung für die Lotusakademie e.V., eine Sekte die sich dem „Großmeister Wei Ling Yi” verpflichtet fühlt.“

Die Geschichte mit der Sekte konnte ich nicht validieren. Wo die Reise jedoch hingehen soll und welche Zielgruppe YiXue anspricht, wird schnell klar, wenn man das „YiXue-Journal“ aufschlägt. Das wurde extra für die Veranstaltung gedruckt und angeblich mit Spenden finanziert.

Die Veranstaltung ist hervorragend geeignet, um starken Fremdscham hervorzurufen. So bei der „Zeremonie“ auf der Bühne, in deren Rahmen verschiedene Menschen bunte Synthetikbänder (die hat „Mutter-Erde“ besonders gerne) an einen kleinen Baum binden und Wünsche in Form von Phrasen ins Mikrophon flüstern („Frieden“, „Harmonie“ „Alles wird gut“). Auch schön ist die Tanzgruppe aus einem „Land, das gaaaanz weit weg ist, wo es warm ist und wo Elefanten leben“ (auf der Bühne anwesende Kinder wurde genötigt „Afrika“ zu sagen. Sie waren höflich genug, nicht darauf hinzuweisen, dass es sich um einen Kontinent handelt), deren Teilnehmer in Kleidung mit Leopardenfellmuster gekleidet waren und komische Kopfbedeckungen aus Federn trugen. So wie sich alte (und sehr junge) weiße Menschen „die Afrikaner“ halt so vorstellen. Höchste Verzückung rief bei mir der wiederholte Aufruf aus, sich gegen eine Spende Luftballons zu holen, die am Ende der Veranstaltung mit „Wünschen an Mutter-Erde“ fliegen gelassen wurde. Nichts drückt Respekt vor der Natur besser aus, als sie vollkommen unnötig mit einer, kaum abzubauenden, elastischen Substanz füllen, an der Lebewesen elendig zugrunde gehen wenn sie sie fressen.

Apropos, elendig zugrunde gehen. Im 4-Seitigen „YiXue“-Journal widmet man sich auf einer Seite der Behandlung von an Krebs erkrankten Patienten. Diesen bietet man in Nossen „YiXue-Kang Ai“-Seminare an, wobei es sich um „Energie-Regulierungsworkshops“ handelt. In der Einleitung steht, es gehe darum, die „schulmedizinische“ Behandlung zu „begleiten“. Der größte Teil der Seite wird jedoch dem Bericht einer Studentin gewidmet, die durch das Chi-Gedöns geheilt worden sei. Von Krebs. Das könne vorkommen, steht in der Einleitung, nur verlassen kann man sich nicht darauf, weil es „auch bei Kant Ai zur Ausnahme (gehöre)“. Man wundert sich, warum dem Auftreten so einer Ausnahme so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird?

„Anfangs hielt ich Kang Ai einfach für eine Chance, die Tumorerkrankung zu besiegen. Doch jetzt, wo ich gesund geworden bin, würde ich sagen, dass die Ursache für all unsere Leiden in der Seele liegt. Durch Praktizieren und Energieübertragungen von Wei Ling Yi kommen wir in unsere Kraft, damit wir mit uns selbst arbeiten können. Und so ist es für mich beides: Energietankstelle und auch harte aber wirklich unbezahlbar kostbare und nachhaltige Arbeit an sich selbst.“

Den Grund warum einige Menschen geheilt werden und andere nicht, liefert die geheilte Studentin gleich mit:

„Was passierte, war mehr, als ich je für möglich gehalten hätte: Nachdem ich bereits viele Male die kostbare Erfahrung machen durfte, in der Meditation der Seele von Wei Ling Yi zu begegnen, besuchte sie mich am 29. Mai 2013 erneut in der Meditation um 21 Uhr. Es war eine Begegnung, in der ich erkannte, dass die Ursachen meiner Krankheiten bei mir selbst lagen und in der ich den Entschluss fasste, gesund zu werden und die dafür nötige Energie und die dafür nötigen Informationen von Wei Ling Yi auch erhielt.“

Wer nicht gesund wird, erkennt nicht, dass man nur gesund werden wollen muss und erkennen, dass die Ursachen bei einem selbst liegen. Esoterischer Zynismus in seiner reinsten Form. Und das Schöne ist, man kann ihn für eine Kursgebühr von 199,- Euro am eigenen Leib erfahren. Oder man schreibt auf, dass man gesund werden will und lässt den Wunsch an einem Luftballon in den Himmel steigen. Das ist genauso sinnvoll aber deutlich billiger.

Impfen, in Fachkreisen unumstritten

Heute mal etwas Zweitverwertung. Da es ein äußerst vernünftiger Zeitvertreib ist, online mit Menschen zu diskutieren und da gerade auf Facebook das Diskussionsniveau so hoch ist, verbringe ich, als äußerst vernünftiger Mensch, damit viel Zeit. Und so habe ich auf der beliebten Plattform darüber diskutiert, ob die Praxis des Impfens* in „Fachkreisen“ seit Jahren umstritten ist. Das ist natürlich Unsinn und ich habe hier eine klitzeklitzekleine Sammlung, von Textausschnitten, die das schön belegt:

Der Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte schreibt auf seiner Website:


„Impfungen sind wichtig, damit ein Kind frühzeitig einen ausreichenden Schutz gegen schwere Infektionen aufbauen kann. Impfungen verhindern den Ausbruch gefährlicher Krankheiten, die häufig mit Komplikationen verbunden sind und für die es zum Teil auch heute noch keine geeignete Therapie gibt. „

Auf der Website des Bundesverbandes Deutscher Internisten ist unter anderem zu lesen:

„Impfpass überprüfen – „Schütze Deine Welt – lass Dich impfen“, ist das Motto der diesjährigen 8. Europäischen Impfwoche, die vom 22. bis zum 27. April 2013 stattfindet. „Impfungen sind ein wichtiger Schutz gegen übertragbare Krankheiten“, erklärt Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr.“

Der Bundesgerichtshof schrieb in einem Urteil (.pdf) zu einem Prozess in dem es um einen Impfschaden ging, am 15.02.2000 das die von der StIKo empfohlenen Impfungen medizinischer Standard sind.

In der AWMF-Leitlinie (.pdf) zum Thema „Kindesmisshandlung und Vernachlässigung“ steht unter dem Punkt „Vernachlässigung“:

„Es kann sich um vermeidbare Gesundheitsschäden durch mangelnde Fürsorge, z.B. fehlende Impfungen, Vitamin-D-Mangel-Rachitis, unzureichende Unterkunft und Kleidung oder vermeidbare Unfälle durch mangelnde Aufsicht handeln.“

Sowohl die Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin eV (DGSPJ), die wissenschaftliche Fachgesellschaft der Kinder- und Jugendmedizin in Deutschland (DGKJ) und die Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCh) denken, ein Kind nicht lege artis zu impfen ist so, als würde man ihm nichts richtiges zum Anziehen geben. Das Wort was in den Sinn kommt ist „fahrlässig“ (nicht schimpfen, ich bin kein Jurist).

Auf den Seiten vom Robert-Koch-Institut findet man zum Thema impfen „20 Einwände und Antworten des Robert Koch-Instituts und des Paul-Ehrlich-Instituts„. Das RKI ist ein Bundesinstitut und hat u.a. folgende Aufgabe:

„Der Auftrag des Robert-Koch-Instituts umfasst sowohl die Beobachtung des Auftretens von Krankheiten und relevanter Gesundheitsgefahren in der Bevölkerung als auch das Ableiten und wissenschaftliche Begründen der erforderlichen Maßnahmen zum wirkungsvollen Schutz der Gesundheit der Bevölkerung.“ (Wikipedia)

Das Paul-Ehrlich-Institut spricht sich ebenfalls für die, zugelassenen, Impfungen aus (wenn die jeweilige Indikation eingehalten wird):

„Das Paul-Ehrlich-Institut ist zuständig für die Zulassung und staatliche Chargenfreigabe von biomedizinischen Arzneimitteln (siehe deutsches Arzneimittelgesetz, Gesetz zur Errichtung eines Bundesamtes für Sera und Impfstoffe) und trägt wesentlich zur Sicherheit dieser Arzneimittel bei.“ (Wikipedia)

Ich weiß nicht, wie man das anders nennen kann als Einigkeit.

Natürlich steht es jedem Menschen frei, sich oder seine/ihre Kinder zu impfen zu lassen. Es muss einem dabei nur bewusst sein, dass man fahrlässig handelt.

*Natürlich ist es absoluter Unsinn zu schreiben „Impfen ist gut“ oder etwas in die Richtung. Es sind immer spezielle Impfungen gemeint, die indiziert sein müssen. Nur damit keine Missverständnisse verstehen…

Autismus und Pseudomedizin

[Dieser Text ist ursprünglich in der Zeitschrift „Der Skeptiker“ in der Ausgabe 3/2013 erschienen. Er beruht auf einem Vortrag, den ich auf der Skepkon in Köln 2013 gehalten habe.]

Einleitung

Symptome

Entstehung

Diagnostik

Therapie

KISS-Syndrom

CEASE-Therapie

Antibiotika gegen Autismus

Schluss

Literatur und Qellen

Einleitung

Wenige Menschen kennen sich mit Autismus aus, sehr wenige gut. Die Darstellung von Menschen mit Autismus in den Medien zeigt oft ein verzerrtes Bild, weil sie sich auf Betroffene mit durchschnittlicher oder überdurchschnittlicher Intelligenz, sogenannte „hochfunktionale Autisten“, konzentriert. Bisweilen drängt sich sogar der falsche Eindruck auf, Autismus sei eine „Edelbehinderung”. Bei Autismus handelt es sich um eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, wobei der Anteil der „hochfunktionalen Autisten“ relativ gering ist. Weil die Bandbreite von leichten, subklinischen Formen bis zu schweren Beeinträchtigungen reicht, ist es richtiger, von Autismusspektrumsstörung (ASS) zu sprechen.

Symptome

ASS zeichnen sich durch qualitative Unterschiede in der Kommunikation, und der sozialen Interaktion sowie durch die Neigung zu wiederholten und stereotypem Verhalten aus. Achtet man einmal darauf, wie vielschichtig die Bedeutung von Worten ist, die wir benutzen, und wie unscharf wir zum Teil mit Sprache umgehen, ist es fast ein Wunder, dass wir uns überhaupt verstehen. Menschen mit ASS haben mit dieser Unschärfe Probleme. Sie denken oft konkretistisch und haften an der wörtlichen Bedeutung von Worten, können den übertragenen Sinn dahinter nicht erkennen. Besonders fällt das bei Sprichwörtern und Redewendungen auf, wie zum Beispiel „jemanden auf den Arm nehmen“.

Soziale Interaktion, so leicht sie uns oft fällt, ist eine komplexe Tätigkeit, die viel implizites Wissen und intuitives Handeln erfordert. So begreifen wir zum Beispiel schon früh im Leben, dass, wenn jemand mit dem Finger auf ein Objekt zeigt, das entfernte Objekt von Interesse ist, und nicht die Fingerspitze. Dafür müssen wir nicht nur die Bedeutung dieser Geste kennen, wir müssen uns auch in den anderen hineinversetzen und die Intention hinter der Geste erkennen. Dieses Hineinversetzen ist Kernbestandteil der „Theory of Mind“ (ToM) und bildet sich in den ersten Lebensjahren eines Menschen aus. Kinder unter vier Jahren können sich noch nicht vorstellen, dass eine andere Person einen anderen Wunsch haben könnte als sie selbst. Auch Menschen mit ASS haben Probleme mit der ToM. Es fällt ihnen schwer, zwischen sich und anderen zu trennen. Besonders auffällig ist oft die Weigerung von betroffenen Kindern Blickkontakt zu halten, also anderen Menschen in die Augen zu sehen. Häufig zeigen sie auch kein erkennbares Interesse an Mama und Papa; wie belastend solch eine Situation ist, können sich vermutlich nicht nur Eltern vorstellen.

Viele Kinder mit einer ASS neigen zu stundenlanger Beschäftigung mit sich wiederholenden Tätigkeiten. Sie drehen beispielsweise das Rad eines Spielzeugautos oder bewegen die Finger direkt vor den Augen und schauen sie intensiv an. Viele Kinder haben auch ein Sonderinteresse: etwas, mit dem sie sich sehr gut auskennen, mit dem sie sich am liebsten ausschließlich beschäftigen wollen, und worüber sie ausgiebig reden. Nicht selten entwickeln sie auf diesem Gebiet Fähigkeiten, die ihnen in anderen Bereichen fehlen. So können zum Beispiel einige Kinder ganze Nahverkehrsfahrpläne auswendig lernen, sind jedoch nur schwer dazu zu bringen, Vokabeln zu lernen. Den letzten Punkt können wahrscheinlich Eltern am besten nachvollziehen, man muss sich nur vorstellen, das ganze Jahr wäre wie die Woche nach Weih-nachten, in der man mehr mit dem neuen Spielzeug spielt als im Rest des Jahres. Alles andere verblasst daneben. Auch ist die Fähigkeit weniger ausgeprägt, in der einen Situation Gelerntes auf eine andere zu übertragen. Für Eltern kann das bedeuten, dass ihr Kind sich zu Hause die Jacke alleine anziehen kann, im Kindergarten jedoch nicht. Das Kind bittet dann jedoch nicht um Hilfe, denn auch dieses Konzept muss erst mühevoll erlernt werden. Solche Situationen werden für Eltern oft zur Geduldsprobe.

Entstehung

Die genaue Entstehung von Autismus ist heute noch nicht bekannt. Doch seit der Erstbeschreibung sind viele Hinweise auf eine starke genetische Komponente zusammengekommen (Freitag 2012). Umweltfaktoren spielen ebenfalls eine Rolle, jedoch wahrscheinlich in geringerem Maße. Die frühe Entwicklung des Kindes erscheint häufig relativ „normal“. Auffälligkeiten zeigen sich sehr dezent, erstes Anzeichen ist oft eine mangelnde Sprachentwicklung. Das vermeintlich „plötzliche“ Auftreten der Symptome kann dazu führen, dass diese mit einem besonderen Ereignis in Verbindung gebracht werden, welches in der Vergangenheit stattgefunden hat. Das ist wahrscheinlich ein Grund, warum sich der Mythos vom Zusammenhang zwischen Autismus und Impfen so hartnäckig hält, obwohl er seit Jahren widerlegt ist (Offit 2008). Von Anhängern der „Impfthese“ wird die steigende Prävalenz von ASS als Argument gegen eine genetische Beteiligung vorgebracht.

Dieser Anstieg lässt sich jedoch teilweise durch eine Änderung von Diagnosekriterien erklären, nach der Patienten mit „Asperger-Syndrom“ den ASS zugerechnet werden (Freitag 2012). Außerdem waren ASS in der Vergangenheit wahrscheinlich unterdiagnostiziert, während Ärzte heute bei entsprechenden Symptomen eher an eine ASS denken. In Gegenden mit steigender ASS-Prävalenz sinkt im gleichen Maße die Häufigkeit anderer (diagnostizierter) Behinderungen (King 2009). Belastung Da eine ASS in der Kindheit beginnt, kommt es in sehr vielen Fällen im Laufe der Entwicklung zu einer, teils von der Förderung abhängigen, Besserung der Symptome. Viele Kinder, die bis ins Kleinkindalter keine Lautsprache zeigen, beginnen später doch zu sprechen. Auch hier zeigt sich ein Spektrum in der Ausprägung, vom Ausbleiben der Sprache bis zu kaum merklichen, nur noch mit Erfahrung erkennbaren Unterschieden in der Kommunikation. Wenn ein Kind plötzlich beginnt zu sprechen, ist das natürlich eine große Freude für die Eltern, doch leider bedeutet es nicht, dass das Kind geheilt wäre.

Diagnostik

Der Begriff „Spektrum“ macht deutlich, dass nicht alle Symptome bei jedem Menschen mit Autismus in gleichem Maße vorkommen. Er zeigt auch, dass die Grenze zwischen gesund und krank nicht immer ganz einfach zu ziehen ist. Gerade bei der Beurteilung von Menschen mit guten kognitiven Fähigkeiten (hochfunktionaler Autismus) ist dies der Fall. Dies ist einer der Gründe, warum die Diagnosestellung bei Autismus alles andere als trivial ist. An der Autismusambulanz Dresden sind zwischen 5 und 8 Termine á 1–2 Stunden nötig, in unklaren Fällen gefolgt von einer Hospitation in Schule und Kindergarten oder der langfristigen Teilnahme an Gruppenangeboten, um das Kind in einer weniger künstlichen Umgebung zu erleben. Wenn behauptet wird, ein Kind mit Autismus sei geheilt worden, sollte man die Möglichkeit einer falsch positiven Diagnose mindestens in Betracht ziehen.

Therapie

Eine Heilung gibt es bis heute nicht. Dennoch bestehen Möglichkeiten, Kindern und Eltern das Leben zu erleichtern und gemeinsam viel zu erreichen. Ziel ist dabei immer das höchstmögliche Maß an Selbständigkeit zu erreichen, wozu in der Regel Methoden der Verhaltenstherapie und externe Strukturierung dienen. Die intensivste Methode ist Applied Behaviour Analysis (ABA), bei der erwünschte (kommunikative) Handlungen der Kinder verstärkt werden. Die Vorgehensweise ist sehr kleinschrittig mit vielen Wiederholungen, der Umfang kann bis zu 40 Stunden wöchentlich betragen. Weiterhin gibt es Methoden der unterstützten Kommunikation (nicht zu verwechseln mit gestützter Kommunikation ). Dabei liegt ein Schwerpunkt darauf, den Kindern eine Möglichkeit zu geben, mit der Umwelt zu kommunizieren. Um auf die verschiedenen Bedürfnisse und Fähigkeiten der Kinder einzugehen, wurden zahlreiche Techniken entwickelt, beispielsweise das Picture Exchange Communication System (PECS), welches ohne gesprochene Sprache funktioniert, jedoch auf deren Entwicklung nicht bremsend wirkt. Obgleich Autismus nicht heilbar ist, existieren dennoch Hinweise darauf, dass eine Untergruppe Betroffener mit guten kognitiven Fähigkeiten aus dem Autismusspektrum „herauswachsen“ kann (Fein et al. 2013). Wahrscheinlich sind in diesen Fällen die Symptome so gut kompensiert, dass die Betroffenen keine Auffälligkeiten mehr zeigen. Die evidenzbasierte Autismustherapie ist ein mühevoller und wenig glamouröser Weg, doch seine Wirksamkeit ist belegt. Ganz im Gegensatz zu den im Folgenden diskutierten Methoden.

Im deutschsprachigen Raum gibt es wenig Forschung zur Verbreitung von „Alternativ“-Medizin im Allgemeinen und bei Autismus im Speziellen. Da die Ansätze und Methoden so vielfältig sind wie die Anbieter fantasievoll, kann im begrenzten Rahmen dieses Artikels nur auf die folgende Auswahl eingegangen werden: Das Kiss-Syndrom ist eine beliebte Diagnose von osteopathisch orientierten Therapeuten, die Behandlung erfolgt u.a. mittels craniosakraler Therapie. Ein Homöopath hat sich ebenfalls des Autismus angenommen und eine komplette Therapieform entwickelt, die CEASE-Therapie: sanft, ganzheitlich und ohne Fundament in der Realität. Auch ein Nobelpreisträger für Physiologie und Medizin spielt in der Szene eine prominente und unrühmliche Rolle, seine Idee für eine Therapie hat das Potential, direkten Schaden anzurichten.

KISS-Syndrom

Als Beispiel für Disease Mongering (Krankheitserfindung) eignet sich die Kopfgelenkinduzierte Symmetrie-Störung oder das KISS-Syndrom, die erste Krankheit, die nicht weiß ob sie eine Störung oder ein Syndrom ist. Eine Störung beschreibt eine erhebliche Abweichung im Erleben oder Verhalten, während bei einem Syndrom gleichzeitig verschiedene Krankheitszeichen vorliegen, deren ursächlicher Zusammenhang, die Entstehung und Entwicklung der Krankheit, jedoch nicht bekannt sind. Das KISS – Syndrom wurde von Gutmann 1953 als „Säuglingsskoliose“ beschrieben1 (Hülse 2005). Beim KISS-Syndrom sollen die ersten Wirbel der Halswirbelsäule irgendwie nicht an der richtigen Stelle oder in der richtigen Stellung sein. „Blockiert“ nennen das die „Experten“. Als Leser des Skeptikers weiß man, was alles blockiert sein kann: Gelenke, Energien, Reinkarnation, eigentlich alles. Zwar kann kaum jemand plausibel erklären, worum genau es sich bei diesen Blockaden handelt; sie zu therapieren ist jedoch kein Problem. Wenn man liest, welche Folgen das

„KISS-Syndrom“ angeblich haben kann2, scheint die Behandlung für verantwortungsvolle Eltern Pflicht. Es heißt, dass viele „Schreibabys“ unter dem KISS-Syndrom litten, daraus könnten Probleme beim Stillen (inklusive Brustentzündung), ein platter Hinterkopf und motorische Entwicklungsstörungen entstehen. Doch damit nicht genug. Aus einem unbehandelten KISS-Syndrom entwickle sich das KIDD-Syndrom, die „Kopfgelenk induzierte Dysgnosie und Dyspraxie“, und die Folgen lassen staunen: „ADS, ADHS, ADHDS (sic!), Lern- und Konzentrationsstörungen, Dyslexie, Dyskalkulie, Kopfschmerzen, Migräne, Rücken- und Knieschmerzen, Störungen der Feinmotorik und Grobmotorik, Emotionsstörungen, Hyperkinesie, Hyperaktivität (Zappelphilipp), Hypoaktivität (Träumsuse), Schlafstörungen, Bettnässen“. Anatomisch und physiologisch ist es wenig plausibel, all dies auf eine „Blockade“ der oberen Halswirbel zurückzuführen. Wenn sich Wirbel gegeneinander physisch verschieben (einige Eltern berichteten von Verschiebungen um 1 cm) dürfte es statt zu Hyperaktivität zu Lähmungen und Tod kommen.

Die Gesellschaft für Neuropädiatrie e.V. hat in einer Stellungnahme das Konzept von KISS und KIDD angezweifelt.3 Darin wird unter anderem dargelegt, dass die als Beweis für die Existenz und Behandlungswürdigkeit des KISS-Syndroms angeführte „Fehlhaltung“, welche sich bei einem Drittel aller Säuglinge zeigte, bei allen Kindern nach dem 18. Lebensmonat (wenn die allermeisten laufen können) deutlich besserte – ohne Therapie. Bis heute konnten KISS/KIDD nicht nachgewiesen werden, geschweige denn ein Zusammenhang zwischen KISS/KIDD und Entwicklungsstörungen. Wenn Eltern ihrem Kinderarzt besorgt berichten, dass ihr Kind viel schreie, hören sie oft, es gebe eben Kinder die viel schreien, das sei normal und würde bald aufhören. In dieser Situation fühlen sich viele Eltern mit ihren Sorgen nicht ernst genommen (immerhin muss der Kinderarzt nicht alle 30 Minuten in der Nacht aufstehen um ein schreiendes Kind zu beruhigen). Einige von ihnen landen irgendwann bei einem Experten und der hat die Diagnose: KISS-Syndrom, ganz klar! Eine Blockade im Halswirbel kann man röntgen und behandeln, chiropraktisch oder craniosacral, kommt ganz darauf an. Bisher habe ich noch niemanden getroffen, der sich gewundert hätte, dass ein Kind trotz behandeltem KISS-Syndrom Symptome einer ASS zeigt. Die Eltern haben je- doch eine unmittelbare Erklärung für das Schreien ihres Kindes, mag es auch eine falsche sein; eine Behandlung, sei sie auch unplausibel, und vor allem einen verständnisvollen Therapeuten. Den Rest erledigen Placebo-Effekte, die Regression zur Mitte und die normale Entwicklung des Kindes.

CEASE

Mit CEASE hat uns der Homöopath und Arzt Tinus Smits die in ihrer komplexen Schlichtheit eleganteste Pseudotherapie für Autismus entwickelt. CEASE steht für „Complete Elimination of Autism Spectrum Effects“ ein ziemlich mutiger Name, denn hier wird Heilung versprochen, wo es keine gibt. Smits gibt in seinem Buch „Beyond Autism“ an, er habe bereits mehr als 300 Fälle von Autismus geheilt. Und das, obwohl er hohe Maßstäbe an sich setzt. In „Autism Beyond Despair“ (Smits 2010) erwähnt er an vielen Stellen, die Heilung eines Kindes sei ihm noch nicht vollständig gelungen, und er beschreibt, wie er auch noch die letzte Verhaltensauffälligkeit wegtherapiert.

Im Falle von CEASE dient Homöopathie nicht nur der Therapie, sondern auch der Diagnostik. Nach einer Anamnese von beliebigem Umfang beginnt Smits mit der „Entgiftung“ der von ihm für den größten Schaden verantwortlich gemachten Noxe (Schadstoff im weiteren Sinn).

Der Schaden besteht, wenig überraschend, in blockierter Energie. Smits hält ASS für das Resultat von Energieblockaden, welche auch aus einem Mangel an Inkarnation (!) resultieren können. Meist sind eine oder mehrere Impfungen verantwortlich, der Impfstoff wird homöopathisch potenziert und in steigender Potenz verabreicht. Dieses Verfahren nennt sich Isopathie, weil als Heilmittel der „Schadstoff“ selbst genommen wird. Stellt sich nach Wochen oder Monaten keine Besserung ein, war die potenzierte Noxe nicht der Auslöser, und der Therapeut nimmt sich der nächsten möglicherweise verantwortlichen Noxe an. Da es auch Fälle von ungeimpften Kindern gibt, geht Smits davon aus, dass Autismus durch mehrere Faktoren hervorgerufen wird. Stellt sich keine Besserung ein, war diese Noxe nicht der Auslöser und es wird das nächste Mittel probiert. An dieser Stelle spielen dem Therapeuten zwei Dinge in die Hand: Zum einen die Zeit. Viele Eltern gehen Monate und Jahre von Anlaufstelle zu Anlaufstelle, bevor die Diagnose gestellt wird. Je später man beim CEASE-Therapeuten landet, desto höher die Chance einer Besserung in der Zeit der Therapie. Kommt es nicht gleich zur Besserung, bleiben viele Noxen übrig, an denen man jahrelang herumprobieren kann. Smits hat mit dieser Methode u.a. folgende Stoffe ausgemacht, die Autismus (mit-)verursachen können:

  • Impfstoffe,
  • Antibiotika in der Schwangerschaft (eigentlich jedes Medikament in der Schwangerschaft),
  • Narkosemittel unter der Geburt,
  • Lokalanästhesie,
  • Nasentropfen,
  • Milch (in Plastikflaschen in der Mikrowelle erwärmt).

Wie mögen Eltern sich fühlen, wenn ihnen im Rahmen von CEASE eröffnet wird, durch welche Dinge sie ihrem Kind geschadet haben sollen?

Sollten nach der Isotherapie noch Symptome bleiben, die der CEASE-Therapeut für behandlungswürdig hält, geht er zur „Inspirational Homeopathy“ über. Auch diese Methode ist eine Erfindung von Smits. Der Mensch wird dabei gesehen wie eine Zwiebel, mit einzelnen Symptom-Schichten, die von bestimmten Homöopathika abgetragen werden, bis man an den Kern gelangt.Die Reihenfolge ist immer gleich. Nur die äußerste Symptomschicht ist der klassischen Homöopathie nach Hahnemann mit ihrer individuellen Mittelwahl zugänglich. Während der gesamten Therapie werden Vitamine und andere Substanzen der orthomolekularen Medizin, sogenannte Vitalstoffe (Vitamine, Mineralien und Omega-Fettsäuren), in recht hoher Dosierung angewendet, um die Heilung und Detoxifikation zu unterstützen. Kernthese der orthomolekularen Medizin ist die Schädlichkeit freier Radikaler, welche durch Radikalfänger (Antioxidantien) neutralisiert werden. Mittlerweile ist die Sicht auf freie Radikale jedoch deutlich differenzierter, als Vertreter der Methode es darstellen.4

Es gäbe durchaus einen Mechanismus, über den die CEASE-Therapie einen positiven Effekt für die Kinder haben könnte. Durch die regelmäßige Einnahme von verschiedenen Mittelchen könnten die Familien den Tagesablauf gut strukturieren. Menschen mit Autismus werden durch regelmäßig und verlässlich geschehende Dinge in einem Maße beruhigt, wie es für neurotypische Menschen schwer vorstellbar ist; jede Form von Ritual ist besser als Unsicherheit. Deshalb könnte allein schon die Tagesstruktur zu einer Besserung führen.

Smits arbeitet mit Potenzen weit jenseits von C30. Auch C1000 wird regelmäßig eingesetzt, eines seiner liebsten Mittel war seine eigene Idee: Saccharum officinale. Das ist nichts anderes als Haushaltszucker (Saccharose), der Grundstoff, aus dem heute die meisten Globuli hergestellt werden.

Antibiotika gegen Autismus

Die mögliche Verbindung zwischen Autismus und dem kindlichen Verdauungstrakt wurde Ende der 90er von Andrew Wake- field einem breiten Publikum vermittelt. Bekanntheit erlangte Wakefield mit der Behauptung, die Masern-Mumps-Röteln- Impfung sei für viele Fälle von ASS verantwortlich. Diese Aussage stützte er auf einer Studie, in der er bei mehreren Kindern mit ASS während einer Darmspiegelung Proben aus dem Darm entnommen und dort entzündete Lymphknoten gefunden hatte.5 Oder dies zumindest behauptet, denn in einem Gerichtsprozess in den USA sagte ein ehemaliger Labormitarbeiter Wakefields aus, er habe bei allen untersuchten Proben keine Auffälligkeiten gesehen und dieses Wakefield auch mitgeteilt.

Nicht nur aus diesem Grund ist Wakefields Reputation erheblich angekratzt. So erhielt er 800000 $ vom Anwalt einer Elterngruppe, die versuchte, die ASS ihrer Kinder als Impfschaden anerkennen zu lassen. Das Geld stammte aus Prozesskostenhilfe. Ferner verschwieg Wakefield bei der Veröffentlichung seiner Ergebnisse, dass er ein Patent für einen Maserneinzelimpfstoff besaß. Als diese und andere Fakten ans Tageslicht kamen, distanzierten sich die Mitautoren des Papers von der Publikation. Das Paper wurde zurückgezogen und Wakefield verlor seine Zulassung als Arzt. In der Gemeinde der Impfgegner gilt er bis heute als Held. Doch die Idee, der Darm könnte etwas mit ASS zu tun haben, wurde auch von anderer Seite verfolgt. Nachdem einem Kleinkind mit ASS im Rahmen einer Untersuchung der Bauchspeicheldrüsenfunktion das Hormon Sekretin gespritzt worden war, bemerkte die Mutter, dass sich die Symptome des Autismus verbesserten. Die Mutter und der Arzt waren von einem Zusammenhang zwischen Sekretin und Besserung überzeugt, und machten dies öffentlich. Ärzte begannen die Behandlung durchzuführen, und die Nachricht, Sekretin könne Autismus heilen, verbreitete Hoffnung in der Welt. Doch als die vermeintliche Heilung systematisch untersucht wurde, blieb nichts von der Behauptung übrig.6 Dennoch wollten viele Eltern, die an der Studie teilgenommen hatten, die Behandlung weiter durchführen, weil sie vom Effekt überzeugt waren (Offit 2008). Und es dauerte Jahre, bis die Therapie wieder weitestgehend verschwand.

Ähnlich war es bei den casein- und glutenfreien Diäten, die auch heute noch eine gewisse Rolle spielen. Hier gab es auch einen postulierten Mechanismus. Substanzen aus dem Darm sollten über die, durch Gluten und Casein geschädigte, Darmwand in das Blut und von dort ins Hirn gelangen, wo sie einen Beitrag zum Autismus leisten. Auch hier gibt es nur eine geringe Plausibilität und wenige Hinweise auf einen Zusammenhang.7 Ähnlich wie bei der umfassenden Behandlung im Rahmen des CEASE-Programms könnte eine strenge Diät und die damit verbundene bessere Strukturierung im Tagesablauf für die Verbesserung gesorgt haben.

Einen weiteren Schub für die Hypothese der „Darm-Hirn-Achse“ brachte eine Pilotstudie von 2001, bei der Veränderungen der Symptomatik durch das Antibiotikum Vancomycin bei elf Kindern mit ASS untersucht wurden (Sandler et al. 2000). Vancomycin hat den Vorteil, dass es nicht vom Darm resorbiert wird und seine Wirkung nur dort zeigt. Allerdings gehört es zu den wenigen Antibiotika, welche gegen Multiresistente Staphylokokken (MRSA) eingesetzt werden können, harmlos ist es nicht. Um zu verstehen, wie man auf die Idee kommt, ein Reserve-Antibiotikum an Kinder ohne Zeichen für eine entsprechende Infektion zu verabreichen, muss man einen Schritt zurückgehen.

Mit der Aufnahme von Autismus ins Klassifikationssystem DSM-III im Jahr 1984 wurde über dessen Ursachen spekuliert. Dabei wurde immer wieder der Einfluss des Immunsystems diskutiert. Einige betroffene Eltern glaubten, ihre Kinder hätten aufgrund ihres „schwachen“ Immunsystems häufiger Mittelohrentzündungen als Kinder ohne ASS. Mittelohrentzündungen wurden oft mit Antibiotika behandelt, dadurch soll die Darmflora geschädigt worden sein. Solch eine Schädigung ist durchaus vorstellbar, doch die darauf aufbauenden Behauptungen verlieren sich in bloßer Spekulation.

So sollen sich aufgrund der Schädigung dauerhaft „schlechte“ Bakterien den Darm angesiedelt haben. Speziell der Keim Clostridium difficile wurde verdächtigt, mittellange Fettsäuren, insbesondere „Propionsäure“, zu produzieren, die über das Blut ins Hirn gelangen und dort für Veränderungen sorgen sollten, die den Autismus auslösten. Diese Argumentationskette hat so viele schwache Glieder, dass sie ihr eigenes Gewicht nicht hält. Weder leiden Kinder mit Autismus häufiger unter Mittelohrentzündungen, noch verändern Antibiotika die Darmflora dauerhaft.

Die Clostridien produzieren keineswegs solche Mengen Propionsäure, dass die Konzentration relevant hoch wird, und der Stoff durchdringt auch nicht die Blut-Hirn-Schranke. Natürlich kann keine Rede davon sein, all dies würde Autismussymptome hervorrufen. In der Pilotstudie fanden die Autoren signifikante Verbesserungen in der Symptomatik der behandelten Kinder. Doch es gab weder eine Kontrollgruppe noch eine Verblindung der Behandler oder der Eltern. Die Eltern waren selektiert, weil sie von vornherein der Ansicht waren, ihre Kinder hätten eine „zerstörte“ Darmflora. Die verblindete Bewertung des Verhaltens der Kinder durch einen Kinderpsychiater anhand von 30 Minuten Videomaterial vor und während der Behandlung spielt in dem Paper kaum eine Rolle. Es wird nur erwähnt, dass hier ein weniger deutlicher Effekt zu sehen gewesen sei (Sandler et al. 2000).

In einem Konsensuspapier wurde 2010 dargelegt, dass es keine Hinweise für eine kausale Beteiligung des Darms an der Entstehung von ASS gibt und dass die bisher vorgelegten Ergebnisse bei weitem nicht ausreichen, um darauf eine Therapie zu basieren.8 Der Nobelpreisträger für Medizin von 2008 Luc Montagnier hat es dennoch getan. Er hat eine Methode zum Nachweis von abgelaufenen Infektionen entwickelt, die an Sensitivität alles in den Schatten stellt, was man heute in Labors findet. Wenn die Methode replizierbar wird, können dem Nobelpreis in Medizin einer in Physik folgen.

Wahrscheinlicher ist, dass Montagnier unter der „Nobel Disease“9 leidet, einem Phänomen, dem auch die Reputation von Linus Pauling zum Opfer gefallen ist. Montagnier behauptete in einem Paper 2009 die „elektromagnetischen Schwingungen“ von Bakterien-DNA noch nachweisen zu können, wenn diese soweit verdünnt war, dass in der Lösung kein Molekül mehr vorhanden sein dürfte. Das klingt irgendwie vertraut. Daher dürfte es nicht verwundern, dass das Gerät, welches zum „Messen“ der Schwingungen genutzt wurde, ursprünglich dazu diente, die Informationen homöopathischer Mittelchen zu digitalisieren und per E-Mail zu verschicken.10 Montagnier nutzt seine diagnostische Methode, um bei Kindern mit ASS Hinweise auf abgelaufene bakterielle Infektionen zu finden und sie langfristig (über Wochen bis Monate) mit Antibiotika zu behandeln. In einem Interview im Rahmen einer ARTE-Sendung zu dem Thema gibt er an, mit dieser Methode gute Ergebnisse zu erzielen.11 Als Alternative würde ich die zwar wirkungslose, aber zumindest ungefährliche psychoanalytische Therapie des Autismus vorziehen, die in Frankreich immer noch einen gewissen Stellenwert haben soll.

Schluss

Für die Behandlung von Menschen mit Autismus benötigt man eine der knappsten Ressourcen im heutigen Gesundheitssystem: Zeit. Zeitmangel und gehetztes Personal werden als häufigste Gründe angegeben, warum pseudomedizinische Methoden in anderen Bereichen so beliebt sind. Beim Thema Autismus greift dieses Argument in der Regel nicht. Eltern wollen alles unternehmen, was ihrem Kind nutzen könnte. Und wenn es Anbieter für Therapien gibt, die einen Nutzen versprechen, werden diese angenommen. Das ist nicht nur das Recht der Eltern, es ist, in gewissem Maße, ihre Pflicht. In unserer Welt kann ein Einzelner nicht mehr alles wissen und vollständig verstehen, sondern ist auf Informationen anderer angewiesen. So vertrauen Anwender, in diesem Fall die Eltern von Kindern mit Autismus, auf das Wissen, die Ausbildung und die Erfahrung von Anbietern. Diese glauben in der Regel an ihre Methoden und sind auch durch widersprechende Fakten nicht davon abzubringen sind. Dennoch sind sie es, die in den Fokus der Kritik gehören.

Den Anwendern sollten wir, als Skeptiker und Skeptikerinnen, im Rahmen unserer Möglichkeiten zur Seite stehen. Dazu gehört, kritisch über die Methoden der Anbieter zu berichten ohne die Anwender zu ver- und ihre Entscheidung zu beurteilen. Denn wenn wir die Realität der Betroffenen, ihre Wünsche und Bedürfnisse ignorieren, wird aus einem offenen ein autistischer Skeptizismus.

Craniosacrale-Therapie
Vorwissenschaftliche Methode der Osteopathie. Schädelnähte erinnerten den Osteopathen Sutherland Anfang des 20. Jahrhunderts an Fischkie- men und er postulierte, sie dienten der Atmung. Dieses als „craniosacraler Rhythmus“ bezeichnete Phänomen wollen Therapeuten anhand von Bewegungen der Schädelknochen gegeneinander spüren. Diese sind möglich, jedoch so gering, dass menschliche Sinneszellen sie nicht „auflösen“ können. Bei einem Test 1994 waren die von Therapeuten getroffenen Aussagen nicht replizierbar, nicht einmal vom selben Therapeuten, beim selben Patienten.

Gestützte Kommunikation
Auch Faciliated Communication (FC) genannt. Ein Stützer versucht Impulse des Gestützten zu interpretieren und die vom Gestützten intendierte Bewegung auszuführen. Grundgedanke ist die höchstspekulative Annahme, dass die gestützte Person ihre Äußerungen zwar denken, aber nicht ausführen kann. In systematischen Untersuchungen konnte bisher nur gezeigt werden, dass die gemachten Äußerungen von Stützer stammten (Offit 2008). In Deutschland bietet das „FC-Netz“ Ausbildungen in FC an und erhebt wissenschaftlichen Anspruch.

Literatur

  • Fein et al. (2013): Optimal outcome in individuals with a history of autism. Journal of child psychology and psychiatry. 54, 2 195–205.
  • Freitag, C. M (2012): Autistische Störungen – State-of- the-Art und neuere Entwicklungen. In. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und –psychotherapie, 40, 3/2012, S. 139–149.
  • Hülse, M. (2005): Die obere Halswirbelsäule: Pathophysiologie und Klinik. Springer, Heidelberg.
  • King, M. et al. (2009): Diagnostic change and the increased prevalence of autism. Int J Epidemiol. 2009 October; 38(5): 1224–1234.
  • Offit, P. (2008): Autism’s False Prophets: Bad Science, Risky Medicine, and the Search for a Cure. Columbia University Press, New York City.
  • Sandler, R. H. et al. (2000): Short-term Benefit From Oral Vancomycin Treatment of Regressive-Onset Autism. J Child Neurol July 2000, vol. 15, 7, 429–435.
  • Smits, T. (2010): Autism Beyond Despair. Hoemopathy Has the Answers. Emryss Publishers, Haarlem.

Quellen:

  1. http://www.neuropaediatrie.com/uploads/ media/Kiss_und_Arlen_neu._01.pdf, Zugriff am 29.07.2013
  2. http://kiss-therapie.de/kiss.php, Zugriff am 28.07.2013.
  3. http://www.neuropaediatrie.com/uploads/ media/Kiss_und_Arlen_neu._01.pdf, Zugriff am 29.07.2013.
  4. http://www.arznei-telegramm.de/html/sonder/1301015_02.html, Zugriff am 28.07.2013.
  5. http://briandeer.com/wakefield-deer.htm, Zugriff am 29.07.2013.
  6. http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD003495.pub3/abstract, Zugriff am 29.07.2013.
  7. http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD003498.pub3/abstract, Zugriff am 29.07.2013.
  8. Evaluation, Diagnosis, and Treatment of Gastrointestinal Disorders in Individuals With ASDS: A Consensus Report. http://pediatrics. aappublications.org/content/125/Supplement_1/S1.short, Zugriff am 29.07.2013.
  9. http://rationalwiki.org/wiki/Nobel_disease, Zugriff am 29.07.2013.
  10. http://www.quackometer.net/blog/2009/10/ why-i-am-nominating-luc-montagnier-for. html, Zugriff am 28.07.2013.
  11. Siehe dazu auch Luc Montangiers Vortrag „The Microbial Track“, http://www.autismone.org/content/microbial-trac, Zugriff am 15.08.2013.

Der Heilpraktiker und die Depression

Jeder Mensch in Deutschland hat ca. 4,5 Depressionen. Diese alarmierende Aussage folgt aus dem aufrüttelnden Text eines Heilpraktikers. Immerhin „350 Millionen Deutsche“ (Nicht-Deutschen scheint es besser zu gehen) litten an einer Depression. Potzblitz! Bei einer Einwohnerzahl von ca. 80 Millionen ist das eine enorme Belastung für die Einzelnen. Vielleicht müssen es Heilpraktiker mit Zahlen nicht so genau nehmen. Solange es mit den 10er und 100er-Potenzen klappt, ist alles in Ordnung.

350 Mio Depression

Nachdem die erste Aussage also unser Interesse geweckt und das Vertrauen gestärkt hat, schauen wir mal nach, wie es mit der, dem Autoren wichtigen Aussage aussieht: „Akupunktur sehr hilfreich Depression“. Die Cochrane Collaboration befand 2010:

We found insufficient evidence to recommend the use of acupuncture for people with depression. The results are limited by the high risk of bias in the majority of trials meeting inclusion criteria.
Wir fanden unzureichende Belege um Akupunktur für Menschen mit Depression empfehlen zu können. Die Ergebnisse sind durch das hohe Risiko von Bias in der Mehrheit der eingeschlossenen Studien eingeschränkt.
Bei Akupunktur ist es wie bei anderen Verfahren auf Placebo-Niveau: Je besser die Studie, desto kleiner der Effekt. Wobei der Effekt sich natürlich summiert, bei 350 Millionen Deutschen. Wirklich wirksam, also in der Welt mit einem ca.80 Mio Einwohner zählenden  Deutschland, sind bei Depression übrigens Psychotherapie und Pharmakotherapie. Je nach Art und Ausprägung der „Depression“ kommen noch andere Verfahren dazu (u.a. Lichttherapie, körperliche Aktivität, Schlafentzugstherapie).
Akupunktur, Traditionelle chinesische Medizin, Diäten oder Zungendiagnostik kommen in der AWMF-Leitlinie zum Thema merkwürdigerweise nicht vor. Wahrscheinlich, weil sie in der Wirklichkeit nicht funktionieren. Aber in Wirklichkeit gibt es ja auch nur 80 Millionen „Deutsche“. Dann bleiben für den engagierten Heilpraktiker 270 Millionen Kunden übrig, für die er sich „mit dem Herzen“ „Zeit nehmen kann“ .
[Edit: 29.10.2014 21:46: Der Text ist mittlerweile angepasst und es ist von 350 Millionen Menschen weltweit die Rede.]

Globuli gegen Krebs?

Natürlich würden vernünftig arbeitende ÄrztInnen Homöopathie niemals gegen Krebs einsetzen. Ich würde ja sagen, sie würden Homöopathie gegen Nichts einsetzen aber das ist ein anderes Thema. Und wie wäre es mit ein paar Globuli gegen ein Virus, dass das Krebsrisiko deutlich erhöht? So wie das Humane Papilloma Virus (HPV) zum Beispiel? Eine Infektion damit erhöht das Risiko für Gebärmutterhalskrebs. Dazu sagt die Autorin einer Seite, die sich „Homöopathie Online – honatur“ nennt:

“Generell gibt es bisher noch keine wirksame Therapie gegen den Papillomavirus. Das betrifft sämtliche mögliche Behandlungsmethoden. Allerdings gibt es verschiedene Möglichkeiten von der Allopathie bis zur Naturmedizin und der Homöopathie, welche die negativen Auswirkungen dieser Infektion lindern können”

Interessant. Unser Virologie-Professor sagte uns, wir sollten niemals dem fachlichen Urteil von Menschen trauen, die „der Virus“ sagen. Zumindest wenn es um biologische Viren geht. Suche ich nach der Autorin Clara Garcia werde ich denn auch nicht enttäuscht. Sie scheint einzig auf Honatur zu veröffentlichen. Sie schreibt im weiteren Text wenig qualifiziert über HP-Viren und schwärmt von diversen Methoden, die den Infektionsverlauf positiv beeinflussen sollen.

Nur über die einzige Methode, mit der man eine Infektion mit (Hochrisikotypen von) HPV verhindern kann, nennt sie nicht. Die Impfung. Dabei verlinkt sie sogar auf eine Seite, die ausführlich Studien zitiert, welche die Sicherheit und Wirksamkeit der Impfung belegen.

Die Impfung verschweigt sie, nennt dafür jedoch den Shiitake-Pilz als möglichen Heilsbringer. Zu dem und seinen Inhaltsstoffen gibt es zwar ein paar Studien, belastbare Ergebnisse gibt es jedoch noch nicht. Dafür gibt es aber Produkte! Pulver, Pillen und die ganze Frucht. Und der Pilz hilft eigentlich gegen alles. Vor dem Shiitake-Pilz hat das Bundesamt für Risikobewertung empfindlich gewarnt. In Einzelfällen (genaueres ließ sich nicht sagen) kommt es zu allergischen Hautreaktionen nach dem Verzehr. Das ist bei Nahrungsmitteln natürlich weder ungewöhnlich, noch an sich skandalös. Auf der Seite wird das jedoch mit keinem Wort erwähnt.

Dass auf einer anderen, von der Autorin verlinkten, Seite die HPV-Impfung skandalisiert wird, muss ich sicher nicht erwähnen? Falls sich jemand darüber aufregen sollte, dass solche Halbwahrheiten und Falschinformationen verbreitet werden, gibt es dazu jedoch keinen Grund! Denn auf der Seite findet sich dieser (Pflicht-)Hinweis.

„Die Informationen dürfen auf keinen Fall als Ersatz für professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte angesehen werden. Der Inhalt von honatur.com kann und darf nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.“

Na, dann ist ja gut. Fehlt nur noch der Satz:

„Die Kompetenz unserer Autoren darf in keinem Falle als gegeben angenommen werden! Dies ist eine reine Werbeplattform.“

Das nennt man „conflict of interest“.

 

[Übrigens, schon für eine bessere Medizin unterschrieben?]

Kindesmisshandlung: Tipps für Profis

[In diesem Beitrag geht es um Kinder, Gewalt und Pseudomedizin, eine Mischung die bei mir Zynismus hervorruft. Das schlägt sich im Text nieder. Wer das nicht verträgt, hört besser hier auf zu lesen.]

Über den KinderDoc bin ich auf eine Seite gestoßen, die Bachblüten gegen Kindesmisshandlung anbietet. Das hört sich doch nach einer guten Sache an. Wer kann denn dagegen sein, dass weniger Kinder misshandelt werden? Auf der Seite heißt es, die Bachblütenmischung helfe…

  • Die traumatische Erfahrung zu verkraften
  • Das Selbstvertrauen wiederherzustellen
  • Ein positiveres Selbstbild zu schaffen
  • Ängste zu verringern
  • Wieder Lebensmut zu bekommen
  • Gemütsruhe zu bringen
  • Sich wieder trauen, Kontakte mit anderen zu knüpfen

Klar, wer Kinder misshandelt, hat sicher selbst einige Probleme und da ist es gut, wenn Bachblüten helfen die zu lösen. Da wird die Ursache der Kindesmisshandlung bekämpft. Etwas weiter unten heißt es allerdings zu den Details:

Bachblüten heilen emotionale Wunden durch Kindesmisshandlung

…die Mischung ist also für die Kinder? Das ergibt nun wirklich keinen Sinn. Kinder werden in der Mehrheit der Fälle von den Eltern oder anderen ihnen nahestehenden Personen misshandelt. Wieso sollten dieser Personen für ihr Kind Bachblüten bestellen? Erstens werden die wenigsten vor sich zugeben, dass sie ihr Kind misshandeln, sowas passt einfach schlecht in das Selbstbild der meisten Menschen. Und zweitens können diejenigen, die es vor sich zugegeben etwas anderes tun, um dem Kind zu helfen: aufhören. Und wer es vor sich zugibt aber kein Problem damit hat, wird sich bestimmt nicht mit Bachblütenmischungen aufhalten. Insofern sehe ich einfach auch keinen Markt für das Zeug. Vielleicht sollte man es einfach anders bewerben:

„Am Wochenende ist Ihnen wieder wiederholt die Hand ausgerutscht? Sie konnten die Gürtel wieder nicht im Schrank lassen? Montag waren zwar die Striemen weg aber das Balg hat wieder in der Schule nicht gesprochen? In seiner Undankbarkeit schaute es traurig in die Welt, so dass der Lehrer anrief und lästige Fragen stellte, weil er sich Sorgen machte?

Das muss nicht sein!

Unserer Bachblütenmischung gegen Kindesmissbrauch verschafft Ihnen ein neues Kind, widerstandsfähig, duldsam und voller Lebensmut. Egal was am Wochenende passiert ist, am Montag steht ein lächelndes Kind in der Schule, dass seine traumatischen Erfahrungen verkraftet hat und mit seinem positiven Selbstbild lästige Nachfragen der Lehrer verhindert.

Doch das ist noch nicht alles!

Durch die neu gewonnene Gemütsruhe verkürzt sich die Zeit, die das Kind nach Erziehungsmaßnahmen mit heulen und wimmern verbringt auf ein Minimum. Endlich wieder in Ruhe fernsehen!

Bestellen sie noch heute!“

Vielleicht sollte ich doch ins Marketing gehen.

Auch die Ruhrbarone haben das Thema aufgegriffen.

[Update 25.11.13 22:58: Der Anbieter hat das Angebot mittlerweile von seiner Seite entfernt]