Heil! Praktiker

Im Moment gibt es eine intensive Diskussion um Sinn oder Unsinn des Heilpraktikerberufes. Die Argumente will ich an dieser Stelle nicht noch einmal aufführen. Im Münsteraner Memorandum ist alles wichtige erwähnt, Joseph Kuhn hat einen Text über Heilpraktiker für Psychotherapie geschrieben und Udo Endruscheit schaut sich die von Heilpraktikern vorgebrachten „Argumente“ einmal genauer an. Die Seite der Heilpraktiker dürfte in den nächsten Wochen in den Talkshows und Zeitungen zu lesen sein. Ich vertraue auf die Medienkompetenz meiner Leserinnen die Informationen einzuordnen.

Der folgende Text kann Spuren von Polemik enthalten.

Es ist eine Binsenweisheit, dass der Beruf des Heilpraktikers durch die Nationalsozialisten mit einem Gesetz 1939 in seine heutige Form gegossen wurde. Das muss ich niemandem erzählen, der sich mit dem Thema beschäftigt. Auch dass es darum ging eine Deutsche Heilkunde zu etablieren, um die „verjudete Schulmedizin“ zu reinigen, ist weithin bekannt. Natürlich kann man den Beruf Heilpraktiker/ Heilpraktikerin trotzdem verteidigen. Man kann es als tragische Fügung des Schicksals betrachten, dass nun gerade „die Nazis“ den wichtigen Beruf des Heilpraktikers aus der Taufe hoben. Man kann auch behaupten, dass die Tatsache, dass sich die Argumente gegen die „Schulmedizin“, die heute vorgebracht werden, den Argumenten, die gegen die „verjudete Schulmedizin“ vorgebracht wurden, teilweise sehr ähneln, darin begründet liegt, dass sie einfach stimmen.

Interessant finde ich jedoch, dass sich die Ideologie nationalsozialistischer Medizin perfekt in der Praxis der Heilpraktiker gehalten hat. Ohne jedoch anrüchig zu sein oder kalt zu wirken. Die „Natürlichkeit“ und die Tendenz eine Erkrankung sich selbst zu überlassen, ohne die Folgen abschätzen zu können, ist kein Bug sondern ein Feature.

Die Nationalsozialisten hatten kein Interesse daran, allen Menschen die beste medizinische Versorgung zugute kommen zu lassen, die sie benötigen. Nicht einmal allen Deutschen (also das, was die Nazis unter „Deutsch“ verstanden). Die Aufgabe der Medizin unter den Nazis war es, den „Volkskörper“ gesund zu halten. Der Volkskörper bestand aus den Mitgliedern des Volkes und wurde von den Nazis als tatsächlich organisch vorhanden betrachtet. Ein gesunder Volkskörper wird durch „kranke Individuen“ geschwächt, darum war es die Aufgabe der Mediziner, kranke Individuen aus dem Volkskörper zu entfernen. Die Mediziner (nicht die Heilpraktiker) haben diese Aufgabe teilweise mit Begeisterung erfüllt. Die „Aktion T4“ diente dazu, wurde jedoch auch aufgrund von Protesten aus der Bevölkerung beendet. Die Menschen hatten aus irgendeinem Grund etwas dagegen, dass ihre „kranken Verwandten“ aus dem Volkskörper entfernt wurden.

„Krank“ in dem Sinne waren Menschen, bei denen nicht zu erwarten war, dass sie wieder gesund werden und in irgendeiner Form auf die Gemeinschaft angewiesen sein würden, ohne etwas dafür zu leisten. Akute Erkrankungen waren in Ordnung. Eine vulgärdarwinistische Sicht auf das Leben zog sich durch viele Bereiche Nationalsozialistischen Denkens. Die Stärksten werden überleben (Sorry Adolf, Joseph und Heinrich).

Es gibt wenig systematische Untersuchung zu Ausbildung und Praxis von Heilpraktikern. Doch ich habe bisher fast keine Therapiemethode gesehen, die von Heilpraktikern genutzt würde, die eine gezielte „Heilung“ mindestens plausibel hervorrufen könnten. Weder in den Ausbildungszentren, noch auf den Websites einzelner Heilpraktiker. Kurz, die meisten Heilpraktiker behandeln Menschen mit Therapien ohne spezifische Wirkung. Menschen die zum Heilpraktiker gehen, wären also in den allermeisten Fällen auch von alleine wieder gesund geworden. Menschen die nicht von alleine wieder gesund werden, retten sich entweder in die Hände der „Schulmedizin“ und überleben, wenn sie Glück haben oder sie sterben. Heilpraktiker sorgen also dafür, dass der Volkskörper gesund bleibt. Nichts anderes war die Intention des Gesetzes von 1939. Wir sollten den Heilpraktikern also nicht vorwerfen, dass sie ihre Aufgabe erfüllen.

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6 Gedanken zu “Heil! Praktiker

  1. Och, ist ja nur ein bisschen Polemik und auch nur ein ganz kleines bisschen Godwin’s Law. Es fällt ja kaum auf.

    Am spannendsten an dem Text fand ich, dass die Heilpraktiker-Geschichte aus dem Nationalsozialismus kommt. Das war mir völlig unbekannt. Die haben echt von „verjudeter Medizin“ gesprochen? Nun ja, wie bescheuert die Afd, sorry, die NSDAP war, ist ja bekannt. Auch deren angeblich fortschrittlichen Menschenversuche haben uns alle ja medizinisch total weit gebracht.

    Wie so oft versetzt der Glaube ja Berge. Ähnlich wie bei Globuli wollen die Leute ja einfach daran glauben, dass „Handauflegen“ oder „Pseudo-Meditation“ irgend etwas bringt und offensichtlich hilft es dann ja tatsächlich. Zumindest für die.

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    1. Das wissen die meisten Menschen nicht und wenn sie es erfahren, ist es nicht so schlimm („Es war ja nicht alles schlecht“). Mich hat erstaunt, wie esoterisch durchsetzt die komplette Ideologie der Nazis war und ich frage mich, warum das in der Schule kein Thema ist…aber vielleicht hätte ich das damals auch einfach nicht geschnallt. Ich war auf jeden Fall für Kontakt zum Jenseits zu haben…nein, ich hätte es nicht geschnallt 😉

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      1. Kannst du mal nachschauen, ob mein Kommentar (vermutlich wegen der vielen Links) im Spamfilter hängen geblieben ist? Dein Text suggeriert, dass das Heilpraktikergesetz erlassen wurde, um die Kurie der Heilpraktiker gegenüber der verjudeten Schulmedizin zu stärken. Meinen Quellen zufolge ist jedoch das Gegenteil der Fall! Der Volkskörper sollte zwar auch mit erfolgversprechenden Methoden aus der Naturheilkunde gestärkt werden, jedoch unter der Führung der von jüdischen Elementen gesäuberten Ärzteschaft – und nicht der Heilpraktiker. Die zunehmende Hinwendung der Deutschen zu nichtapprobierten Laienheilern sollte durch Einbindung der Naturheilkunde in die ärztliche Medizin unterbunden werden:

        „Der Arzt sollte „Gesundheitsführer des deutschen Volkes“ werden und „als biologischer Soldat seines Standes um die Gesundheit seines Volkes kämpfen“. Voraussetzung dafür, dass die Ärzteschaft die ihr zugedachte führende Rolle in der Gesundheitspolitik übernehmen konnte, war jedoch die Wiederherstellung des Vertrauens der Bevölkerung. Hierzu sollte eine „Synthese“ aus Schulmedizin und Naturheilkunde sowie anderen alternativen Heilsystemen beitragen. Damit sollten die nichtärztlichen Heilbehandler überflüssig und als Konkurrenten der Schulmediziner ausgeschaltet werden.“
        (Quelle: Neue Deutsche Heilkunde, Wikipedia)

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