Statistik der Unschuldsvermutung

Gerade wird deutlich, wie schlecht eine Datenbank des BKA gepflegt war, so dass JournalistInnen aus fadenscheinigen Gründen ihre Akkreditierung für den G20 Gipfel entzogen wurde. Das ist nur ein Vorgeschmack, von dem, was uns vermutlich blüht, wenn Überwachung und „Sicherheit“ weiter ausgebaut wird. Das tragische dabei ist, dass niemand eine „böse“ Absicht haben muss, um mit einem Ausbau der Überwachung einen riesigen Kollateralschaden zu erzeugen. Das ergibt sich aus der Logik der Statistik.

Wenn es um unsere Sicherheit geht, geht es seit Jahren um den Ausbau von Überwachung. Seit einigen Jahren wird darüber diskutiert, dass mehr Überwachung auch mehr Sicherheit bringe. Ein Argument welches auf der Seite der Befürworter ernsthaft und auf der Seite der Gegner ironisch benutzt wird, ist, dass diejenigen, die nichts zu verbergen hätten, nichts zu befürchten hätten. Dabei geht es, vor allem auf der Gegnerseite, um die Unschuldsvermutung, die damit unter Umständen infrage gestellt würde. Mit einem mehr an Daten und mehr Überwachung werden Sicherheit UND Freiheit der Bürger verschlechtern. Und das ist kein politisches Statement sondern ein statistisches.

Was die Politik versucht, würde ich als Prävention beschreiben. Man versucht Gewalt zu verhindern bevor sie passiert ist (Primärprävention). Außerdem versucht man Täter schnell zu fassen, so dass sie nicht erneut zuschlagen können (Sekundärprävention). In den letzen Jahren konnte man beobachten, wie verschiedene Programme zur Prävention von Krankheiten ein Problem hatten. Sie haben zum Teil mehr geschadet als genutzt. Darum werden sie zusehends kritischer hinterfragt. Zwar ist es auf den ersten Blick logisch, dass eine Erkrankung, die möglichst früh entdeckt und schnell behandelt wird, weniger Schaden verursacht. Dafür muss man Menschen untersuchen, wenn sie die Erkrankung noch nicht an Symptomen merken. Dafür gibt es Screeninguntersuchungen. Viele augenscheinlich gesunde Menschen werden Untersucht, um die wenigen die erkrankt sind, herauszufinden. Doch dieses Screeninguntersuchung haben ein großes Problem, es ist dasselbe Problem was auch Überwachungsmaßnahmen haben werden.

Nehmen wir einmal an, eine Überwachung wäre zu 99 % zuverlässig darin, die Menschen als unverdächtig zu erkennen, die auch wirklich unverdächtig sind. Nehmen wir weiter an, dasselbe Verfahren wäre in der Lage 99 % der Täter zu entdecken. Nehmen wir weiterhin an, dass einer von 10000 Bürgern vorhat eine terroristische Straftat zu begehen. Wenn 99 % der Menschen als unverdächtig erkannt werden, die unverdächtig sind, bleiben 1 % übrig, die als verdächtig erkannt werden, obwohl sie nicht verdächtig sind. Bei einer Bevölkerung von 80 Millionen Menschen wären das 800.000 Menschen. Das wären 800.000 Menschen in einem Jahr, die sich einer Ermittlung würden unterziehen müssten. Nehmen wir dann noch einmal an, dass das Rechtssystem dafür sorgt, dass 95 % der Menschen die unschuldig sind, als unschuldig erkannt werden und nicht verurteilt werden. Dann bleiben 5 % der Menschen die, obwohl sie unschuldig sind, als schuldig erkannt und verurteilt werden. Das würde bedeuten, dass jedes Jahr 40.000 Menschen unschuldig für eine terroristischer Tat oder deren Planung verurteilt werden würden. Das klingt nicht sicher. Das klingt nicht frei.

Nehmen wir die gleichen Zahlen für die möglichen TäterInnen. 99% der „Täter“ werden als „Täter“ erkannt. Von denen werden 95% verurteilt. Bei einem von 10 000 Bürgern hätten wir in Deutschland 8000 mögliche Täter. Von denen werden 7920 erfasst und von denen werden 7524 verurteilt. 476 wären frei.

Bei diesem System würden 40.000 unschuldig Verurteilte 7524 schuldig verurteilten gegenüberstehen.

Da ich kein Fachmann für Sicherheit, Strafverfolgung und das Justizsystem bin, kann ich nicht einschätzen, wie realistisch diese Zahlen sind. Aber selbst wenn alle „Gefährder“ gefunden und verurteilt würden und 99,9% als unschuldig erkannt würden, stünde zwei zurecht verurteilten Personen, eine unschuldig verurteilte Person gegenüber (8000 zu 4000).

Eine Person die nichts zu verbergen hatte.

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Ein Gedanke zu “Statistik der Unschuldsvermutung

  1. Den „aber ich hab‘ doch nichts zu verbergen“-KollegInnen stelle ich bei Diskussionen zum Thema immer gern Fragen nach Gehalt, Steuern, Erkrankungen – je nach Situation. Dann ist ganz schnell Ruhe.

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