Fünfter Teil – „Die Situation der Impfärzte“

[Dies ist der fünfte Teil einer Serie zum Buch „Impfen Pro & Contra: Das Handbuch für die individuelle Impfentscheidung“ von Dr. Martin Hirte. Es geht um das Kapitel „Impfen und Angst“ Zur Einführung geht es hier entlang.]

In diesem Teil versucht Hirte zu belegen, dass viele ÄrztInnen kein Interesse daran haben, Eltern über Impfungen aufzuklären. Er unterstellt auch, dass ÄrztInnen das Wissen fehlt, dies adäquat zu tun.

„Bei der Überlegung, welche Impfungen sie ihrem Kind geben lassen sollen, sehen sich viele Eltern Kinderärzten gegenüber, die keine Motivation oder keine Zeit haben, sich mit ihnen in Impffragen länger auseinanderzusetzen.“ (Seite 20)

Dies ist eine Behauptung, für die Hirte keine Belege liefert. Er formuliert auch unscharf; was sind „viele“ Eltern. Das Robert Koch Institut geht davon aus, dass bis zu 3% der Eltern „Impfgegner“ sind. Das entspricht eine Zahl von einigen 10 000 Personen. Das sind viele. Andererseits stellen sie eine Minderheit dar. Es ist auch die Frage, wie viel Zeit ÄrztInnen sinnvollerweise dafür verwenden sollten, Eltern, die mit rationalen Argumenten nicht zu erreichen sind, über Impfungen aufzuklären?

„Tatsächlich werden die Ärzte durch die Inflation an Impfempfehlungen quasi schwindelig gespielt.“ (Seite 20)

Auch hier fehlen Belege. Hirte impliziert, die Impfempfehlungen würden Ärzte überfordern. Dabei sind Impfempfehlungen ein eher unkomplizierter Teil der Medizin. ÄrztInnen müssen sich mit deutlich komplizierteren Zusammenhängen auseinandersetzen. Es gibt 27 Infektionserkrankungen gegen die man impfen kann. Die erste Impfung war die Pockenimpfung 1796, die letzte war 2013 die Impfung gegen Meningokokken B. In 220 Jahren 27 Impfungen, das ist im Schnitt alle 8 Jahre ein neue Impfung. Nicht alle sind von der STIKO empfohlen. Ich schätze, die KollegInnen als kompetent genug ein, um sich ca. alle 8 Jahre eine neue Impfung merken und diese einschätzen zu können1.

„Eine vernünftige und umfassende Impfberatung ist schon aus zeitlichen Gründen im normalen Praxisalltag nicht mehr zu realisieren.“ (Seite 20)

Auch hier fehlen die Belege. Ich klinge schon wie eine kaputte Schallplatte. Anderseits kann ich mir vorstellen, dass Eltern, die auch aus anthroposophischer Sicht aufgeklärt werden wollen oder jede Schreckensmeldung von Herrn Tolzin verfolgen, die zeitlichen Ressourcen einer Praxis arg strapazieren. Ob das die Art Aufklärung ist, die die Mehrzahl der Eltern sich wünschen oder ob Eltern zufrieden sind, ist eine Frage die Hirte nicht beantwortet. Glücklicherweise gibt es eine Studie, die sich mit dieser Frage beschäftigt2. Die Antwort ist ermutigend:

 „86 Prozent der Eltern fühlen sich sehr gut oder gut über Kinderimpfungen informiert. 13 Prozent bezeichnen ihren Informationsstand als eher schlecht.
Als Informationsquelle halten nahezu alle Eltern das persönliche Gespräch mit der Ärztin bzw.dem Arzt für geeignet.
Eltern, die vor der letzten Impfung ihres Kindes in einem Aufklärungsgespräch über den Nutzenund die Risiken der empfohlenen Impfung beraten wurden, äußern sich nahezu durchwegpositiv darüber. Allerdings gibt gut ein Fünftel an, eine solche ärztliche Beratung vor der letztenImpfung nicht erhalten zu haben.“2

 

Herr Kuhn warf in den Kommentaren die Frage auf, ob Herr Hirte die Frage beantwortet, wie es denn mit der Qualität der Impfberatung von impfkritischen Ärzten und Heilpraktikern sei. Ich habe keine Antwort dazu gefunden. Wenden wir uns wieder Hirte zu.

„Bewusst oder unbewusst vertreten viele Ärzte eher abstrakte gesundheitspolitische Ziele und auch die kommerziellen Interessen der Impfstoffhersteller.“ (Seite 20)

Noch mehr Unterstellungen. Es ist möglich „abstrakte Ziele“ zu vertreten und gleichzeitig im Sinne des Patienten zu handeln.  Ich hatte bereits versucht, darzulegen, dass Hirte die Situation verzerrt darstellt.

„Der Berufsverband ist sogar der Ansicht, dass die Aufnahme in eine Kindertagesstätte oder Schule wie in den USA an eine ausreichende »Durchimpfung« gekoppelt werden soll (BVKJ 2010a).“ (Seite 20)

Darüber, ob eine solche Maßnahme legitim ist, kann man streiten. Die Weigerung einzelner, sich und ihre Kinder impfen zu lassen, hat uns in die Situation gebracht, in der diese Diskussion notwendig ist. Diese Forderung spricht jedoch nicht gegen den Nutzen von Impfungen. Die Aussage wirkt nur in dem Kontext skandalös in den Hirte sie in diesem Kapitel (und dem Buch) stellt: „BigPharma will unsere Kinder vergiften und gierige Ärzte üben Druck aus.“

„Auf die Möglichkeit hinzuweisen mag ja noch angehen – über die Notwendigkeit mancher Impfungen aber lässt sich auch vom wissenschaftlichen Standpunkt aus trefflich streiten.“ (Seite 22)

Ich hatte bereits darauf hingewiesen, dass Hirte nicht wissenschaftlich, sondern weltanschaulich argumentiert. Er hinterfragt nicht, ob seine Annahmen stimmen, er versucht, sie zu belegen. In dieser Hinsicht, ähnelt seine Vorgehensweise der von Kreationisten. Er versucht, Wissenschaft an der Stelle zu nutzen, wo sie seine Annahmen unterstützt und negiert sie wo sie das nicht macht.

In diesem Kapitel hat Hirte versucht, die Situation der „Impfärzte“ so darzustellen, als seien diese mit den Empfehlungen der STIKO und der Beratung ihrer Patienten überfordert oder nicht daran interessiert, weil sie den Interessen von Industrie und Behörden dienten. Mit welcher Motivation sie dies tun sollten, bleibt unklar. Entgegen der Darstellung Hirtes, ist mit Impfungen nämlich nicht soviel Geld zu verdienen, wie in anderen Bereichen der Arzneimittelherstellung. Doch selbst wenn (!) Hirte mit seiner Unterstellung Recht hätte Pädiater würden sich nur Industrie und Behörden verpflichtet fühlen, müssen sie an einer guten Impfberatung interessiert sein. Denn man weiß, dass eine gute Impfberatung die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Eltern ihre Kinder impfen lassen3. Wenn (!) Hirte Recht hätte, und „Impfärzte“ berieten schlecht, dann ist es unwahrscheinlich, dass sie großes Interesse daran haben, möglichst viele Menschen zu impfen. Das spräche dagegen, dass sie mit der Industrie unter einer Decke stecken. Hirtes Argumentation wäre besser gedient, würde er behaupten, die „Impfärzte“ rissen sich ein Bein aus um wirklich jeden zu einer Impfung zu bewegen. So wie er das im Kapitel „Impfen und Angst“ getan hat. So widersprechen sich diese beiden Kapitel.

  1. Auf der anderen Seite ist vorstellbar, dass die Mehrheit der ÄrztInnen nicht jede skurrile Studie und nicht jede Falschinformation kennt und auf der Stelle widerlegen kann. Ich würde sagen, „die Ärzte werden durch die Inflation“ der Fehlinformation von Impfgegnern „ schwindelig gespielt.“
  2. Horstkötter N, Müller U, Ommen O, Platte A, Reckendrees B, Stander V, Lang P, Thaiss H (2017):Einstellungen, Wissen und Verhalten von Erwachsenen und Eltern gegenüber Impfungen –Ergebnisse der Repräsentativbefragung 2016 zum Infektionsschutz. BZgA-Forschungsbericht.Köln: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. (Dank eines Hinweises von Facebook bin ich auf diese Studie gestoßen) 
  3. Communicating with parents about vaccination: a framework for health professionals; Julie Leask et al. BMC Pediatrics201212:154; https://doi.org/10.1186/1471-2431-12-154

 

Update 21.01.2018: Der Text wurde um eine Studie (Fußnote 2) sowie die Frage von Herrn Kuhn ergänzt.

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3 Gedanken zu “Fünfter Teil – „Die Situation der Impfärzte“

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