Vaters Geschenk

Mein Vater ist seit mittlerweile dreieinhalb Jahren verstorben. Im Herbst letzten Jahres hatte ich das erste Mal das Gefühl, ihn zu vermissen, unabhängig von der Trauer darüber, dass er nicht mehr da ist. Der Anlass an ihn zu denken, ergab sich an der Westküste der USA in Oregon.

Am Pazifikstrand sprach mich eine Frau an, und wollte wissen, wie sie die Panoramafunktion ihres iPhones nutzen könnte. Wieso sie dachte, gerade ich sei in der Lage, ihr dabei helfen, weiß ich nicht. War ich aber. Ich versuchte ihr zu erklären, wie die Funktion zu bedienen sei. Doch ihre Aufmerksamkeitsspanne schien nicht auszureichen. So reichte sie mir ihr Telefon, damit ich es ihr zeigte. Von ihr auf das Motiv hingewiesen, hielt ich das Telefon hoch, bewegte es langsam und gleichmäßig von links nach rechts und hielt den Pfeil genau in der Mitte. Panoramaaufnahmen: kann ich.

Meinem Vater war immer wichtig, dass seine Kinder Technik nicht nur benutzten, sondern auch verstanden. Ich weiß nicht, ob ich schon in der Grundschule war, als mein Vater mir erklärte, Computer könnten nur mit „Nullen und Einsen“ umgehen. Dass acht Bit ein Byte sind, ist so tief in meinem Gehirn verankert, dass ich das wahrscheinlich noch meinen Enkeln erzählen werde, um sie dann zu fragen, wer sie eigentlich sind.

Die Dame nahm mir begeistert ihr Telefon aus der Hand und schritt zu Tat. Wie es sich für einen Menschen des 21. Jahrhunderts gehört, reichte es nicht aus, dass sie das gewünschte Motiv bereits auf dem Telefon hatte. Sie wollte das Motiv selbst aufnehmen. Gierig danach, ihre neue digitale Fähigkeit auszuprobieren, streckte sie die Arme aus.

Ich denke, dem Anspruch meines Vaters was Computer betraf habe ich nie genügt. Ich habe nie programmieren gelernt, zumindest nicht so, dass ich behaupten würde, ich könnte programmieren. Dabei habe ich bereits als 4 Jähriger neben meinem Vater gesessen und nachgeplappert, was er vor sich hinmurmelte als er, Anfang der achtziger, programmierte und damit sein Geld verdiente.

Die Dame wankte, mit vom Wind zerzausten Haaren, über den Sand und bewegte das Handy mit ausgestreckten Armen, in einer ausladenden Bewegung von Links nach Rechts. Dabei dürfte interessante Fotokunst herausgekommen sein aber sicher nicht das erwünschte Abbild der Wirklichkeit.

Obwohl ich nie programmieren gelernt habe, habe ich von meinem Vater ein Interesse dafür geschenkt bekommen, wie die Welt funktioniert. In den meisten Fällen habe ich zwar nur eine Idee davon, die Welt ist einfach zu komplex um sie wirklich zu verstehen. Doch diese Geschenk verhinderte bisher, dass ich wie betrunken über den Pazifikstrand wanke und mich ärgere, dass mein Telefon kaputt ist, weil es keine Panoramaaufnahmen machen kann. Ob es ihr jemand geschenkt hatte?

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