Neunter Teil – Pharmaindustrie und Forschung

[Dies ist der neunte Teil einer Serie zum Buch „Impfen Pro & Contra: Das Handbuch für die individuelle Impfentscheidung“ von Dr. Martin Hirte. Es geht um das Kapitel „Pharmaindustrie und Forschung“. Zur Einführung geht es hierentlang.]

Hirte schreibt in diesem Kapitel viel Richtiges. Er zieht jedoch auch wieder Schlüsse, die weiter gehen, als die Fakten es zulassen. Er sammelt Informationen über den Forschungsbetrieb, die er nutzen kann, um seine These – Impfungen seien nicht ausreichend erforscht – zu unterstützen.

Medizinische Forschung und ärztliche Fortbildung werden in erschreckendem Umfang von Pharmaherstellern beeinflusst und manipuliert. Die höchste Priorität haben hierbei die Zulassungsstudien, die für die Bewertung und Vermarktung von neuen Arzneimitteln entscheidend sind. Ausmaß und Folgen der dabei üblichen Manipulationen sind seit Jahren Gegenstand der medizinischen Forschung. Auch die Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft hat sich mit dem Thema beschäftigt und eine Übersicht im Deutschen Ärzteblatt veröffentlicht, die für jeden im Internet abrufbar ist (Schott 2010). (Seite 39)

Die von Hirte angeführten Texte belegen doch, dass man sich des Problems bewusst ist. Stellt das nicht auch Hirtes Implikationen aus dem Kapitel „Interessenkonflikte“ stark in Frage? Auch an dieser Stelle weise ich erneut auf die Initiative alltrials.net hin, die sich um mehr Transparenz in der Arzneimittelforschung bemüht und langsam aber sicher dicke Bretter bohrt. Ebenso verweise ich erneut auf das großartige Buch, mit dem fürchterlichen Titel „Die Pharmalüge“. Darin legt Ben Goldacre sehr differenziert dar, an welchen Stellen die Probleme liegen und wie man sie lösen kann.

Ich bin sonst ja eher zurückhaltend mit „whataboutism“, aber an dieser Stelle finde ich ihn passend, weil Hirte erneut mit zweierlei Maß misst. Ohne das Problem der echten 😉 Pharmaindustrie kleinreden oder Vorgänge in der Medizin schönreden zu wollen, aber machen Weleda und die DHU das nicht auch so?

Mindestens ein Drittel der Wissenschaftler, die in großen Fachzeitschriften Artikel veröffentlichen, nehmen durch ihre Forschungsarbeit auch eigene finanzielle Interessen wahr: Teils haben sie Patentrechte an ihrem Forschungsgegenstand, teils halten sie Aktien oder andere Beteiligungen an Firmen, deren Produkte untersucht werden – und das, ohne die Herausgeber der Zeitschrift oder die Öffentlichkeit darüber zu informieren (Krimsky 1996). (Seite 40)

Auch an dieser Stelle fällt erneut auf, dass Hirte es mit den Maßstäben, die er anliegt nur dort genau nimmt, wo es ihm nützt. So hatte Andrew Wakefield das Patent auf einen Masernimpfstoff, der auf den Markt gekommen wäre, wäre der MMR-Impfstoff, den er in einer gefälschten Studie infrage gestellt hatte, zurückgezogen worden. Wakefield ist Hirte aber eine Quelle wert. Auch Mark und David Geier, deren Studien Hirte ausführlich zitiert, vermarkten ihre „Heilung“ für Autismus in den USA und halten Patente, diese „Heilung“ betreffend. Ähnliches gilt für John Classen, der ein eher skurriles Patent innehat (wir kommen dazu) und ebenfalls von Hirte wohlwollend zitiert wird. In all diesen Fällen scheint Hirte kein Problem damit zu haben, dass es massive Interessenkonflikte gibt. Doch es gibt etwas viel Wichtigeres zu diesem Absatz. Auch hier vereinfacht Hirte die Aussage so sehr, dass sie falsch wird. Krimsky hatte sich in dem zitierten Paper Veröffentlichungen angesehen, aus dem Jahr 1992  stammten. 1995 trat jedoch in den USA ein Gesetz in Kraft, das vorschreibt, dass Interessenkonflikte öffentlich gemacht werden müssen. Das bedeutet, in Veröffentlichungen aus den USA, nach dem Jahr 1995, wird genau das, was Hirte behauptet nicht mehr gemacht. Das hätte Hirte auch wissen können, denn diese Angaben stehen im Abstract des Papers. Ähnliche Vorgaben zu Interessenkonflikten sind heute Standard.

Das Verschweigen negativer Studien führt zu einer eklatanten Fehleinschätzung der Wirkung von Arzneimitteln. Im Januar 2012 widmete das British Medical Journal ein ganzes Heft diesem Problem. Gerd Antes vom Deutschen Cochrane-Zentrum sagte in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung zu dieser selektiven Publikation von Studien: »Die Bewertungen von diagnostischen und therapeutischen Verfahren beziehen sich nur auf die Hälfte aller durchgeführten Studien – und das in einer äußerst irreführenden Weise« (SZ 2012). (Seite 40)

Erneut macht sich Hirte ein Problem zu eigen, welches in der gesamten Medizin thematisiert wird. Wenn das BMJ dem Thema ein Heft widmet, scheint das Problem ernst genommen zu werden. Hirte gelingt es hier nicht, zu belegen, dass das Problem von unveröffentlichten Studien bei Empfehlungen der STIKO relevant1 ist. Ich klinge zwar wie eine kaputte Schallplatte, doch auch hier legt Hirte unterschiedliche Maßstäbe an, denn für alternativmedizinische Methoden, denen sich Hirte verschreibt, ist das Problem ungleich größer.

Diese Art von Wissenschaftsmanipulation verzerrt in der Folge auch die sogenannten »Reviews«, bei denen eine Vielzahl wissenschaftlicher Arbeiten zu bestimmten Themen in einer Art Übersicht zusammengefasst und in ihrer Aussagekraft beurteilt wird. Ein Beispiel ist die wissenschaftliche Übersicht (Review) von Tom Jefferson über die Nebenwirkungen von Aluminium. Er fand 35 Studien zu dem Thema, bezog aber nur fünf in seine Untersuchung ein, in denen lediglich örtliche Nebenwirkungen untersucht worden waren. Nach einem Vergleich dieser fünf Studien befindet er das Aluminium als unproblematischen Inhaltsstoff und meint schließlich: »Trotz eines Mangels an Beweismaterial von guter Qualität empfehlen wir nicht, dass zu diesem Thema weitere Forschung durchgeführt wird« (Jefferson 2004). (Seite 41)

An anderer Stelle in diesem Buch nutzt Hirte Aussagen von Reviews, um seine Sicht der Dinge zu belegen. Erneut zeigt Hirte, dass er Wissenschaft dort nutzt, wo sie seine Argumentation bestätigt und dort ignoriert, wo sie es nicht macht. In diesem Beispiel anhand eines einzigen Autors: Die Bewertungen von Jefferson tauchen mehrfach in seinem Buch auf. Jefferson kam öfter zu Schlussfolgerungen, die Hirtes Sicht der Dinge unterstützen. Dort zitiert er Jefferson und scheint ihn für wissenschaftlich integer genug zu halten, um dessen Ergebnisse ernst zu nehmen. Doch beim Thema „Aluminium“ – welches aktuell ein wichtiger Baustein der Impfskepsis ist – kommt Jefferson zu Ergebnissen die Hirte nicht passen und wird ignoriert. Dazu passt auch der folgende Absatz:

Diese Art »Forschungsmotivation« muss mit der Akribie und dem Enthusiasmus verglichen werden, mit denen Komplikationen von Krankheiten gesucht und veröffentlicht werden. Bis heute ist über die Auswirkungen der Aluminiumbelastung von Säuglingen und Kleinkindern durch die ausufernden Impfprogramme so gut wie gar nichts bekannt.

Hirte unterstellt hier, dass bei Wissenschaftler auf der einen Seite bei den Inhaltsstoffen von Impfstoffen nicht so genau hinsehen und mindestens fahrlässig in Kauf nehmen, dass Menschen zu Schaden kommen. Auf der anderen Seite versuchen sie jede noch so kleine Komplikation von Krankheiten zu finden, damit der Schrecken von Krankheiten deutlich gemacht werden kann. Die Motivation der WissenschaftlerInnen dafür? Vermutlich Geld. Ich stelle mir die Welt in der Hirte sich erlebt ziemlich trostlos vor, wenn seiner Ansicht nach jedeR für ein wenig Geld (und so gut verdienen ForscherInnen auch nicht) oder gar Drittmittel mutwillig Menschen über die Klinge springen lässt. Meine LeserInnen mögen sich die Frage stellen, wieviel Geld man ihnen bieten müsste, damit sie absichtlich in Kauf nehmen, anderen Menschen mit ihrer Arbeit zu schaden?

Doch zur Behauptung, über die Folgen von Aluminium in Impfungen wisse man „So gut wie gar nichts“. Das Paul-Ehrlich-Institut hat der Frage zu Aluminium und Impfungen eine eigene Seite gewidmet. „So gut wie gar nichts“ stelle ich mir weniger vor.

Ich stelle mir die Frage, ob Hirte sich mit der Antwort zufrieden geben würde, wenn es hieße, es gebe kein Problem, da es keine nachweisbaren Schäden durch Aluminium in Impfungen gibt? Er würde dann vermutlich entgegnen, dass man wohl nicht richtig nachgeschaut habe. Dann sind wir jedoch nahe am Bereich einer Verschwörungstheorie.

Hirte baut auch in diesem Kapitel an dem Fundament, welches er benötigt, um später im Buch seine Behauptungen glaubhaft zu machen. Er zeichnet ein Bild der Pharmaindustrie, welches in Teilen der Realität nahe kommt und überträgt dieses auf Impfungen. Auf alle Impfungen und vor allem auf die Institutionen, die dafür sorgen sollen, dass unsere Impfungen wirksam und sicher sind.

Je weiter wir im Buch voranschreiten, desto mehr muss ich mich entscheiden, welche Äußerungen von Hirte ich hier überhaupt erwähne. Zum einen wird es sonst unlesbar lang(weilig). Zum anderen ist auch meine Zeit auf diesem Planeten begrenzt und ich möchte nicht zu viel davon Herrn Hirte widmen.

  1. Damit meine ich, dass er nicht belegen kann, dass die Entscheidung der STIKO anders aussehen würde, wenn unveröffentlichte Daten vorhanden wären. Es gibt auch keine Hinweise dafür, dass das so wäre. Impfstoffe werden nach der Einführung beobachtet, Beispiele dafür zeige ich in den vorangegangenen Kapiteln.
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2 Gedanken zu “Neunter Teil – Pharmaindustrie und Forschung

  1. Sehr geehrter Herr „Ganzheitlich-Durchleuchtet“,
    vielen Dank für die Analyse! Geht es denn auch weiter, widmen Sie sich den konkreten Auseinandersetzungen mit Nebenwirkungen usw.? Dazu hat mir bisher Einiges gefehlt…
    Grundsätzlich finde ich es bemerkenswert, wie systematisch Hirte eben Fakten in seinem Sinne umdeutet und an anderer Stelle verschweigt, wenn sie nicht in seine Theorie passen – das haben Sie sehr gut durchleuchtet.
    Ich war auch schon davor für Impfungen, weil das für mich irgendwie mit logischem Verstand verbunden ist, aber nachdem ich ein paar Seiten des Buches gelesen hatte, kamen doch Fragen zur Impfpraxis (nicht des Sinnes von Impfungen generell) auf, die ich teilweise hier und in dem Blog Psiram geklärt sah.
    Allerdings bleiben ein paar Unklarheiten (da ich Medizin nicht studiert habe, gründen diese Unklarheiten einfach auch auf Unwissen).
    1. Ja, das Argument, dass Babys bzw. alle Menschen viel mehr Antigene jeden Tag herstellen müssen gegen Viren und Bakterien beim Einatmen, als sie beim Impfen bekommen, ist gut.
    Allerdings: Warum ist dann eine sehr häufige Begleiterscheinung von Impfungen Fieber und Krankheitsgefühl? Ich habe gehört, dass das eigentlich nicht eine Reaktion auf die abgeschwächten Erreger, sondern auf Zusatzstoffe sind – dann wäre das geklärt.
    Allerdings scheint mir die These von Hirte interessant, dass die Erreger im Normalfall erst auf die Schleimhaut treffen und dort vom Immunsystem bekämpft werden und dass man diesen Schutzmechanismus bei einer Impfung umgeht, indem man direkt in den Körper spritzt, und dass dadurch besonders bei Kindern eine der beiden TH- Immunantworten (weiß nicht mehr ob 1 oder 2) damit untergraben wird? Was sagen Sie dazu?
    Ich meinte, der Unterschied, die Erreger durch Tröpfcheninfektion zu bekommen oder in den Körper gespritzt zu bekommen, ist offensichtlich – klar, die Erreger sind abgeschwächt, aber das Immunsystem muss auf jeden Fall anders damit umgehen.
    2. Was ist mit dem Aluminum- und Quecksilber-Gehalt in Impfstoffen bei Kleinkindern? Seine These war ja, dass bei Kleinkindern das geringe Gewicht in keiner Relation zur Dosis steht, dass die Grenze ums 25fache überschritten wird und deswegen („Die Dosis macht das Gift“) schädlich ist. Gibt es etwas dazu?

    3. Ja, den Ärzten pauschal zu unterwerfen, dass sie sich nicht ums Wohl der Menschen kümmern, sondern ihnen Schaden zufügen, weil sie geldgierig sind, ist gleich einer Verschwörungstheorie.
    Dennoch ist bekannt, dass in vielen anderen Bereichen (mit Impfstoffforschung kenne ich mich nicht aus, aber z.B. Krebsforschung) die Forscher leider auf Sponsoren-Gelder von Pharmaunternehmen angewiesen sind und damit viele Ergebnisse in deren Sinn deuten (Sie wissen ja, man kann bei „richtigen“ Ergebnissen diese immer in verschiedene Richtungen interpretieren, sodass ja nichtmal die Studie falsch sein muss). Viele Forscher beklagen diese Situation – dass sie z.B. nicht forschen können an einem Projekt, weil die Mittel dazu fehlen. Ja, es gibt viele Organisationen, die versuchen, zu helfen, aber ist immer noch ein großes Problem.
    Auch unser Gesundheitssystem hat viele Mäkel, siehe Chirurgen, dass sie eine bestimmte Anzahl von OPs durchführen müssen und zugeben, dass sie also auch unnötig operieren oder dass Ärzte durchschnittlich 8 min für einen Kassenpatienten haben – da kann von umfassender Beratung keine Rede sein (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/aerzte-haben-laut-weltweiter-analyse-nur-wenige-minuten-pro-patient-a-1176897.html).
    Klar, auf Impfungen muss das nicht zutreffen, aber generell gibt es sehr viele Probleme.
    Und ja, Sie haben Recht, wenn Sie sagen „Aber darüber wird doch berichtet! Es wird ja aufgedeckt und kritisiert!“ – die Frage ist, ob und wie viele und wie harte Konsequenzen es bei dann gibt. Vieles wird von Journalisten, Ärzteblättern, Organisationen kritisiert, aber Änderungen gibt es – wie oft eigentlich?
    Da wäre mal eine Vergleichsliste gut, wie oft und wie konsequent auf Vorfälle reagiert wird, z.b. so wie bei dem Imfpstoff Pandremix.
    Zu allem oben genannten kann ich Ihnen gerne Quellen zusammen suchen, ich weiß ungefähr, in welchen Interviews ich das gehört/gelesen hatte.
    Mit freundlichen Grüßen und danke für die Recherche!
    Maria

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