Ein Mythos über die 'Schulmedizin'*

Gestern lief im SWR die Sendung Nachtcafé zum Thema „Wer heilt hat Recht“. Mit dabei war der Palliativmediziner und GWUPler Dr. Benedikt Matenaer. Man kann ihm nur Respekt zollen, für die Art und Weise, wie er sich in der Sendung geschlagen hat. Ich bin zwar nicht mit allem einverstanden, was er gesagt hat, aber in Kernpunkten stimmen unsere Ansichten überein. Doch bei einer Sache bin ich mir sicher, dass er und viele andere Kritiker von pseudomedizinischen Methoden sich irren. Man könnte es den Empathiefehlschluss nennen.

In der Medizin gibt und wird es immer Baustellen geben. Die Medizin die wir haben, ist die Beste, die es gibt, aber nicht die Bestmögliche. Und doch sind die meisten Menschen, mit denen ich spreche mit ihrer ganz persönlichen Behandlung recht zufrieden. Immer unter Berücksichtigung einzelner Episoden, in denen es nicht so war. Wo Menschen arbeiten passiert Fehler.

Wenn wir uns über die Gründe unterhalten, warum Menschen sich pseudomedizinischen Verfahren und Therapeuten zuwenden, ist das häufigst genannte Argument, ÄrztInnen hätten keine Zeit, der Mensch sei aus dem Fokus geraten und deswegen (!) suchten sich so viele Menschen Hilfe bei Anbietern von Quatschmedizin. Doch Forschung zu dem Thema zeigt etwas anderes, etwas was wir bei der Diskussion bisher vernachlässigt haben.

Die Lösung des Problems unseriöser Methoden wäre, nach der bisher verbreiteten Annahme, die „Schulmedizin“ zu verbessern. Mehr Zeit für Patienten, weniger unnötige Diagnostik und Therapie. Wenn die Menschen sich im Schoß der „Schulmedizin“ wieder aufgehoben fühlen, würden sie sich nicht an Anbieter unseriöser Methoden wenden.

Leider ist es so, dass die Gründe aus denen sich Menschen diesen Methoden zuwenden, woanders liegen. Menschen die CAM (Complementary and Alternive Medicine) nutzen sind in der Regel bereits recht zufrieden mit ihrer Behandlung. Sie sind, laut den meisten Studien, nicht enttäuscht von der Behandlung im Rahmen konventioneller Medizin. Sie wollen jedoch ihre Optionen vermehren, mehr Möglichkeiten nutzen, auf ihre Krankheit Einfluss zu nehmen. Dagegen ist natürlich nichts zu sagen, nur leider ist die Methodenvielfallt in den meisten Fällen eine Illusion. Methoden, die nicht wirken, vergrößern Handlungsspielräume nicht, eher im Gegenteil.

Ein weiterer Grund liegt in der Tatsache, dass Menschen sich Methoden zuwenden, die ihrer Weltanschauung entsprechen. Jemand der sich eher spirituell empfindet wird sich also eher „Energiemedizin“ zuwenden und ein Materialist lässt sich eher ein Kinesiotape anlegen. Wobei Mischungen sicher eher die Regel als die Ausnahme sind. Wenn eine Methode verwendet wird, ist die Chance größer, dass weitere dazu kommen.

Diese beiden Ergebnisse zeigen zwei Dinge: Egal wie gut die Medizin wird, egal wie „menschlich“ evidenzbasierte TherapeutInnen sind: es wird immer einen Grund für die Patienten geben, „ihre Optionen zu erweitern„. Der Markt für pseudomedizinische Verfahren, kann also nur durch eine Austrocknung der Anbieterseite kleiner werden (ganz verschwinden wird er wohl nie).

Wenn ÄrztInnen eine Methode empfehlen, wird dieser dadurch Gewicht verliehen, welche den Patienten eine Erweiterung ihre Optionen suggeriert. Die Behandlung wird dadurch nicht besser, die Patienten jedoch zufriedener. Warum das ein Problem ist, thematisiere ich in einem anderen Text.

Also liebe Kritikerinnen und Kritiker an pseudomedizinischen Verfahren, bitte schaut weiter genauso kritisch auf die gute alte Medizin, lastet ihr jedoch nichts an, wofür sie einfach nichts kann.

*Und bitte: Es gibt keine Schulmedizin, es gibt Medizin die wirkt und welche, die nicht wirkt:

„A small crack appears
In my diplomacy-dike.
„By definition“, I begin
„Alternative Medicine“, I continue
„Has either not been proved to work,
Or been proved not to work.
You know what they call alternative medicine That’s been proved to work?

Medicine.“

—Tim Minchin, Storm“
Quelle

Weiterlesen: Why Do People turn to Alternative Medicine?

4 Gedanken zu “Ein Mythos über die 'Schulmedizin'*

  1. Nach meinem Dafürhalten ist die Pseudomedizin mitsamt allen übrigen Irrationalismen die Folge eines katastrophalen Bildungsnotstandes. Die Triumphe der Technologie und Medizin ignorierend behaupten ihre Protagonisten mehr oder weniger implizit, daß die Wissenschaft strukturell unfähig sei zu tun, wozu sie angetreten ist, nämlich belastbare Erkenntnisse über die Welt zu sammeln (was wiederum kaum etwas anderes heißen kann, als daß Wissenschaftler Vollidioten sind). So etwas kann nur tun, wer absolut nichts von Philosophie, Theorie und Praxis der Wissenschaft weiß, geschweige denn verstanden hat. Angebot, Empfehlung und Inanspruchnahme pseudomedizinischer Behandlungen sind mithin Symptome wissenschaftlicher Ahnungslosigkeit und Beleg für das umfassende Versagen der wissenschaftlichen Lehre. So ziemlich jeder Jugendliche wird mit religiösen oder anderen Wahnvorstellungen aus der Schule entlassen – mindestens teilweise hat er sie sogar dort erworben – aber keiner von ihnen weiß, wie die Wissenschaft arbeitet, warum genau so und nicht anders, und was das für die Qualität ihrer Erkenntnisse bedeutet. Allzu oft wird dieser Mißstand nicht einmal während des Studiums behoben, so daß sich auch das akademische System unentwegt ein bestürzendes Armutszeugnis ausstellt. Unter diesen Vorzeichen muß es nicht überraschen, daß die Esoterik und mit ihr die Pseudomedizin eine Goldgrube ist und b.a.W. wohl auch bleiben wird.

    1. Eine bessere Ausbildung zum kritischen denken in Schule und Hochschule ist sicher wünschenswert. Chancen auf Erfolg hat es aber nur, wenn verhindert wird, dass Menschen zu Anbietern werden. Ich kenne Menschen die sehr gut ausgebildet sind, in der Regel ziemlich kritisch und trotzdem der Meinung, ihre Probleme an der Achillessehne rührt von einer Fehlstellung der Zähne her. Das alles, weil ihnen das von einer/m Osteopathin/en gesagt wurde, nach dessen Behandlung diese Probleme weg waren. Das ist eine Erfahrung gegen die in den meisten Fällen eine gute Ausbildung nicht ankommt. Denn so gut der oder die Betreffende auch weiß, dass Korrelation keine Kausalität bedeutet, so schlecht kann man einfach seine Erfahrung negieren. Gerade wenn man unvorbereitet eine solche Erfahrung macht.
      Das Abzustreiten würde bedeuten, einen Teil dessen abzustreiten, was uns menschlich und in vielen Fällen so sympathisch macht.
      Außerdem können wir nicht verlangen, dass Menschen die Hilfe benötigen, Therapien recherchieren müssen. Wenn Frau oder Herr Doktor sagt: „Hier, das ist Spagyrik, das hilft.“ muss ich mich darauf verlassen können, dass das stimmt. Egal welche Ausbildung ich genossen habe.
      Ich denke, dass es sich bei Pseudomedizin nicht nur um ein wissenschaftliches sondern auch um eine politisches Problem handelt. Das bedeutet, bevor wir wirklich etwas ändern können, müssen wir unsere Mitmenschen davon überzeugen, dass die Anbieter besser reguliert gehören. Und Mediziner müssen darin übereinkommen, dass gewisse „Behandlungsmethoden“ in der ärztlichen Praxis nichts verloren haben. Therapiefreiheit hin oder her.

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