Erster Teil – ‚Krankheit und Prophylaxe‘

[Dies ist der erste Teil einer Serie zum Buch „Impfen Pro & Contra: Das Handbuch für die individuelle Impfentscheidung“ von Dr. Martin Hirte. Zur Einführung geht es hier entlang.]

Hirte führt die LeserInnen im Kapitel „Krankheit und Prophylaxe“ in seine Gedankenwelt ein und schafft den Rahmen für den Rest des Buches. Im dritten Absatz des Buches gibt er Einblick in sein Verständnis von Medizin und Gesundheit.

„Eine der schwierigsten Fragen, der Sie sich als Eltern stellen müssen, ist die Frage nach dem Umgang mit Krankheiten. Auf diesem Gebiet erzeugt die moderne Medizin größte Erwartungen. Ungeheure Forschungsgelder werden in Projekte investiert, bei denen es um Eingriffe in Erbgut und Immunsystem zur Verhütung von Krankheiten und zur Verlangsamung des Alterns geht. Ewige Jugend und Gesundheit – ein Ziel, das sich deckt mit der Hauptzielgruppe der Werbestrategen in unserer Gesellschaft: Wertvoll ist, wer leistungsfähig ist und über sein Konsumverhalten die Nachfrage steigert. Krankheit, Altern und Sterben sind gewissermaßen »unproduktiv« und werden aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt.“ (Seite 9)

Natürlich gibt es Entwicklungen in Medizin und Gesellschaft, die man hinterfragen kann und sollte. Auch eine alleinige Konzentration auf die Frage, ob etwas gesund ist oder nicht, halte ich für zu reduziert. Aber was Hirte an dieser Stelle nutzt, ist ein logischer Fehlschluss. Er stellt einen Strohmann auf. Kinder vor potentiell tödlichen Erkrankungen zu schützen, wie es durch Impfungen geschieht, ist ein sehr basaler Gesundheitsdienst. Eine Maßnahme, die bereits seit einigen hundert Jahren erfolgreich angewendet wird. Hirte impliziert hier, Impfungen seien Maßnahmen, bei denen es um ewige Jugend ginge. Dabei geht es bei Impfungen darum, dass möglichst viele Menschen die Jugend erreichen und sie gesund überstehen. Ein wenig klingen diese Ausführungen, als halte Hirte das Durchleben von impfpräventablen Erkrankungen für eine Art Gesellschaftskritik.

Interessant ist, dass Hirte auf der einen Seite kritisiert, Krankheiten würden aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt. Gleichzeitig preist er einen angeblich gesundheitsförderlichen Effekt von nicht impfen an:

„Es gibt Hinweise und wissenschaftliche Belege dafür, dass fieberhafte Erkrankungen, auch die typischen »Kinderkrankheiten«, einen gewissen Schutz vor Krebserkrankungen, allergischen Erkrankungen und Autoimmunkrankheiten vermitteln. (Albonico 1998b, Alm 1999, Krone 2003, Glaser 2005, Montella 2006, Cramer 2010, Silverberg 2011).“

Albonico 1998b verweist auf ein Buch mit dem Titel- „Gewaltige Medizin“ von Hans U. Albonico. Das Buch ist online nicht einsehbar. Den Autoren kann man jedoch einordnen. Er ist, wie Hirte, ein anthroposophischer Arzt. Zusätzlich leugnet er den Zusammenhang von HIV und AIDS und bewegt sich damit abseits jeglicher wissenschaftlicher Belege. Das bedeutet nicht, dass er sich beim Thema Impfen irrt. Es ist jedoch ein Hinweis darauf, dass er jemand ist, der einen alternativen Umgang mit wissenschaftlichen Fakten pflegt.

Alm 19991 verweist auf eine Studie, in der untersucht wurde, ob Kinder, die in Familien mit anthroposophischem Lebensstil leben, weniger Allergien haben. Das Ergebnis war positiv, Kinder in anthroposophischen Familien hatten weniger Allergien. Die Studie überprüfte jedoch lediglich die Frage, ob es einen Unterschied bei Allergien gibt, nicht warum! Eine Nachfolgestudie von Flöistrup et al. hat dieses Ergebnis bestätigt und versucht, herauszufinden, welche Faktoren dazu beitragen2 (also das „warum“ zu klären). Die Autoren kamen zum Ergebnis, dass der geringere Einsatz von Antibiotika und fiebersenkenden Medikamenten die wichtigen Faktoren sind. Impfungen spielten keine wesentliche Rolle! In der Alm et al. Studie konnte aufgrund des Studiendesigns kein Zusammenhang zu Impfungen überprüft werden (da in anthroposophischen Familien weniger geimpft wird, kann das natürlich ein Faktor von vielen sein, aber die Studie KANN diesen Zusammenhang nicht belegen). In der zweiten Studie wurde kein Zusammenhang mit Impfungen gefunden. An dieser Stelle wirkt Hirte unredlich. An anderer Stelle im Buch wird die Flöistrup et al. Studie als Beleg für den Vorteil von Masernerkrankungen angegeben, sie muss ihm also bekannt sein.

Krone 20033 hat als zentrale Aussage, dass es für den Schutz vor Melanomen egal ist, ob man impft oder eine Erkrankung durchmacht.

„We conclude that both vaccinations as well as previous episodes of having a severe infectious disease induced the same protective mechanism with regards to the risk of melanoma.“

Was Glaser 20054 angeht, zitiere ich einen Blogeintrag von Psiram:

Glaser 2005 ist eine durchaus interessante Studie. Warum Hirte sie zitiert, bleibt allerdings schleierhaft.

Wenn man das Epstein-Barr Virus in Tumorzellen beim Hodgkin-Lymphom nachweisen kann, dann haben Patienten unter 15 bessere Überlebenschancen, Patienten über 15 Jahren schlechtere.

Was Hirte aber egal oder unbekannt ist: das Epstein-Barr-Virus gehört (nicht nur) bei dieser Krebsform zu den Risikofaktoren und kann in etwa 50% der Patienten nachgewiesen werden. Das Epstein-Barr-Virus liefert also nicht „einen gewissen Schutz vor Krebserkrankungen“, sondern löst welche aus.

Für Montella 20065 wurden Menschen mit Lymphomen befragt, ob sie als Kinder „Kinderkrankheiten“ hatten oder nicht. Laut dieser Studie schützen Masern vor Lymphomen. Vergessen wird dabei, dass man nur die Menschen befragen kann, die noch leben. Wer als Kind seine Masernerkrankung nicht überlebt hat, kann auch kein Lymphom im hohen Alter mehr bekommen. Schaut man sich die gesamte Forschungslage systematisch an6, gibt es keinen Zusammenhang zwischen Kinderkrankheiten (oder anderen Infektionskrankheiten) und Lymphomen. Beruhigenderweise weder positiv noch negativ.

Für Cramer 20107 zitiere ich wieder besagten Psiramtext:

Cramer 2010 – von Hirte ebenfalls zitiert – ist, man muss fast sagen: endlich, eine geeignete, nicht unsinnige Referenz. Darin wird die Theorie aufgestellt, dass sich bei einer Mumps-Erkrankung Antikörper gegen MUC1 bilden, die einen gewissen Schutz vor Eierstockkrebs gewähren. Die Studie ist zur Zeit eine „Einzelaussage“, man kann noch nicht sagen, ob sich dieser Verdacht bestätigen wird. Cramer findet übrigens in einer anderen Studie, dass solche Antikörper auch bei Verhütungsmitteleinnahme, Knochenbrüchen, chirurgischen Eingriffen im Unterleib, Rauchen … auftreten.

Neben eine Mumpserkrankung müsste also auch Rauchen vor Eierstockkrebs schützen, zumindest wenn man den Ergebnissen der von Hirte angeführten Studie glaubt.

Silverberg 20118 ist ein weiteres Einzelergebnis. Die anderen Studien9, die einen Zusammenhang zwischen Kinderkrankheiten und Neurodermitis untersucht haben, fanden keinen sicheren Zusammenhang (wenn dann eher einen, dass Kinderkrankheiten Neurodermitis wahrscheinlicher machen, aber das Ergebnis war nicht signifikant. Also auch hier beruhigende Nachrichten). Auch Silverberg verließ sich auf Aussagen von Eltern zu den Erkrankungen ihrer Kinder.

Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass die Quellen, mit der Hirte die erste zentrale Aussage in seinem Buch zu belegen versucht, nicht dafür geeignet sind, dies zu tun. Eine kurze Recherche reicht aus, um zu erfahren, dass die aktuelle medizinische Forschung eher für das Gegenteil dessen spricht, was Hirte behauptet.

  1. Alm, J. S., et al.: Atopy in children of families with an anthroposophic lifestyle. Lancet 1999, 353: 1485–1488
  2. Flöistrup et al, Allergic disease and sensitization in Steiner school Children. J Allergy Clin Immunol 2006:117 (1): 50–66
  3. Krone 2003 – Krone, B., Kolmel, K. F., Grange, J. M., Mastrangelo, G.: Impact of vaccinations and infectious diseases on the risk of melanoma – evaluation of an EORTC case-control study. Eur J Cancer 2003, 39 (16): 2372–2378
  4. Glaser, S. L., Keegan, T. H., Clarke, C. A., Trinh, M., et al.: Exposure to childhood infections and risk of Epstein-Barr virus-defined Hodgkin’s lymphoma in women. Int J Cancer 2005, 115 (4): 599–605
  5. Montella 2006 – Montella, M., Maso, L. D., Crispo, A., Talaminim, R., et al.: Do childhood diseases affect NHL and HL risk? A case-control study from northern and southern Italy. Leuk Res 2006, 30 (8): 917–922
  6. Dominik D. Alexander et al; The non-Hodgkin lymphomas: A review of the epidemiologic literature; Int. J. Cancer: 120, 1–39 (2007) ‚ 2007Wiley-Liss,Inc.
  7. Cramer 2010 – Cramer, D. W., Vitonis, A. F., Pinheiro, S. P., McKolanis, J. R., et al.: Mumps and ovarian cancer: modern interpretation of an historic association. Cancer Causes Control 2010, 21: 1193–1201
  8. Silverberg 2011 – Silverberg, J. I., Kleiman, E., Silverberg, N. B., Durkin, H. G., et al.: Chickenpox in childhood is associated with decreased atopic disorders, IgE, allergic sensitization, and leukocyte subsets. Pediatr Allergy Immunol 2011, 23 (1): 50–58
  9. C. Flohr et al; New insights into the epidemiology of childhood atopic dermatitis; Allergy 2013
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