Impfpflicht – Unsinn mit Ansage

Das Thema „Impfen“ kam in diesem Blog wiederholt vor und die Aussage der Texte kann man zusammenfassen mit: „Impfen rettet leben“. Unfassbar viele Leben sogar. Trotzdem gibt es Menschen, die gegen Impfungen sind. Das Feuer der Angst wird von einer anthroposophischen Lobby mit pseudowissenschaftlichen Argumenten genährt. Das Meisterwerk in anthroposophischem Wissenschaftsimitat ist das Buch „Impfen – Pro und Contra“ von Martin Hirte. Davon wird hier noch zu lesen sein. Wer sich in der Skeptikerszene bewegt, kommt um Impfgegner nicht herum. Sie gehören dazu wie Astrologie und Homöopathie. Sie bringen den Blutdruck ganzer Gesprächsgruppen in gefährliche Höhen und rufen bei den sonst nüchternen SkeptikerInnen große Emotionen hervor. Meist Wut.

Menschen die wütend sind, neigen in der Regel nicht zu rationalen Entscheidungen. Darum werden von vielen in der Skeptikergemeinde beim Thema Impfungen auch emotional nachvollziehbare aber rational nicht gut begründbare Forderungen gestellt. Eine dieser Forderungen ist die einer Impfpflicht für bestimmte Erkrankungen. In er Vergangenheit schrieb ich bereits, dass ich eine Impfpflicht für problematisch halte.

Zum einen haben wir Daten, die belegen, dass es nur sehr wenige echte Impfgegner gibt und die größten Impflücken aus Unachtsamkeit entstehen. In einem Interview im Ärzteblatt bestätigte der Präsident des Robert Koch-Instituts Professor Lothar Wieler, dass sich an der Faktenlage seit der letzten Diskussion um eine Impfpflicht nichts Wesentliches geändert hat. Eine Impfpflicht wäre zudem sehr schwer durchzusetzen und würde, nicht nur von Impfgegnern, viel Widerstand hervorrufen.

Die rechtlichen Hürden, jegliche Maßnahmen an Kindern gegen den Willen ihrer Eltern durchzuführen, sind sehr hoch. Das ist gut so, eine Impfpflicht wäre ein tiefer Eingriff in ein Grundrecht (Artikel 6 GG) der Eltern. Natürlich kann ich der Meinung sein, dass Eltern die Pflicht haben sollten, ihre Kinder impfen zu lassen. Aber das ist es eben: eine Meinung. Dass Impfungen schützen und Leben retten ist ein Fakt. Die Forderung aufgrund dieses Faktes eine Impfpflicht einführen zu wollen ist eine Meinung. Ich bin anderer Meinung. Ich bin der Meinung, wir sollten erst einmal alle Maßnahmen ausschöpfen, die bisher brach liegen. Wir sollten erst einmal die erreichen, die eigentlich kein Problem mit Impfungen haben, jedoch Impfungen verpasst haben.

Wenn wir alle Maßnahmen ausgeschöpft haben und eine Impfquote von 97% haben (dieser Anteil der Kinder ist laut Wieler bei Schuleintritt mindestens einmal gegen Masern geimpft), müssen wir uns um die Impfgegner nicht mehr juristisch kümmern. Wir müssen sie nur noch gesellschaftlich isolieren und ihren Bullshit aufklären.

Ich persönlich fände eine Impfpflicht für den Besuch von öffentlichen Kindergärten sinnvoll, wenn die anderen Maßnahmen nicht greifen sollten. Ob das bei Schulen auch möglich ist, weiß ich nicht. Immerhin gibt es Schulpflicht. Vielleicht kann man alle ungeimpften Kinder in einer Schule sammeln, so dass sie andere nicht gefährden. Das würde die Eltern motivieren zu impfen, die sich „in der Herde“ verstecken wollen und es unbequemer machen, nicht zu impfen. Dafür müsste das natürlich den Behörden wichtig genug sein, um diesen Aufwand zu betreiben.

Ich bin nicht dafür, dass man alles laufen lässt wie bisher. Aber für eine Impfpflicht sind Impfgegner einfach zu unbedeutend. In der Filterblase von uns Skeptikern mag das anders erscheinen aber wir suchen uns ja auch die allergrößten Bullshitartisten aus und regen uns über ihre idiotischen Aussagen auf.

Ich kann gut verstehen, dass man das Bedürfnis hat, so einem ganzheitlichen Elternteil einfach das Kind zu impfen und dann ist Ruhe. Das wäre aber falsch. Und es wäre kontraproduktiv. Und es wäre ein unmenschliche Aktion. Es gibt viele Situationen in denen Kinder gegen ihren Willen medizinisch behandelt werden. Das ist laut und für alle Beteiligten stressig. Das wissen alle, die ihre Kinder zum Impfen gebracht haben (also ca. 97% der Bevölkerung). Es gibt wenige Situationen, in denen Kinder gegen den Willen ihrer Eltern medizinisch behandelt werden. Das muss in der Regel von einem Familiengericht angeordnet werden. Das passiert in Einzelfällen auch bei Impfungen. Und zwar, wenn sonst eine konkrete Gefahr für ein Kind besteht (zum Beispiel wenn es eine Grunderkrankung hat, die das Immunsystem schwächt).

Ich möchte nicht in einem Land leben, dass eine Impfpflicht als erzieherische Maßnahme einführt. Und so kommt mir das im Moment vor. Die Daten zeigen, dass ohne Impfpflicht ein ausreichender Impfschutz zu erreichen ist. Das sollte unser Ziel sein. Ich möchte nicht in einem Land leben, in dem Kinder regelmäßig unter Zwang zeitweise von ihren Eltern entfernt werden, um eine medizinische Maßnahme durchzuführen1. Wir sollten als Skeptiker nicht in dieselbe Falle tappen, in die viele der Menschen tappen, denen wir in Diskussionen gegenüber stehen. Wir sollten unsere politischen Forderungen nicht von Anekdoten leiten lassen, so tragisch sie im Einzelfall auch sein mögen. Wir sollten unsere Aufklärungsarbeit durch diese Anekdoten motivieren lassen, damit es weniger davon gibt.

Natalie Grams hat in ihrem Text „Uns geht’s wohl zu gut“ im aktuellen Skeptiker vorgeschlagen, die Perspektive der Menschen zu verstehen, die wirkliche Impfgegner sind. Nur mit diesem Perspektivwechsel gibt es die Chance, zumindest einige wenige vom Gegenteil zu überzeugen. Eine Impfpflicht erscheint wie eine einfache Lösung für ein komplexes Problem, ist jedoch auch ein Mittel dafür, sich nicht mehr mit seinen Mitmenschen beschäftigen zu müssen.

Ich habe auch ein paar Anekdoten. Wenn ich mit Menschen über Impfungen spreche, begegnen mir nur sehr selten Menschen, die Impfungen rundweg ablehnen. Gerade die Ablehnung einer Masernimpfung habe ich persönlich noch nicht erlebt. Mein Ziel ist nicht, meine Mitmenschen zu erziehen. Mein Ziel ist, meine Mitmenschen zu überzeugen, damit die Impfquote steigt. Oft hilft, sie daran zu erinnern. Ein Impfpflicht wird dabei nicht helfen. Was ich immer wieder erlebe, ist Unsicherheit von Menschen, ob ihr Impfungen noch aktuell sind. Wäre ich nicht selbst im medizinischen Bereich tätig, bin ich sicher, ich würde dazu gehören. Eine freundliche Erinnerung würde mich mehr motivieren als ein Gesetz das mich zwingt. Das würde mich misstrauisch werden lassen.

  1. Von den genannten, richterlich angeordneten Einzelfällen einmal abgesehen.
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9 Gedanken zu “Impfpflicht – Unsinn mit Ansage

  1. @ Sepp Rothwangl
    Ändert sich an der Gültigkeit der Argumente irgend etwas, wenn diese ein „Fridolin Friedensreich“ äußerst anstelle von „Diaphanoskopie“? Zumal Sie hier einen privaten Blog besuchen, den zu lesen Sie in keiner Weise gezwungen sind.

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