Linker Whataboutismus

Es gibt immer etwas Schlimmeres. Es gibt immer etwas, Wichtigeres. Es gibt immer etwas, was man dringender lösen müsste. Wenn wir nur wüssten was?

Als im Rahmen der G 20 Proteste eine Vielzahl von Autos angezündet wurde, wurde der öffentlichen Empörung darüber unter anderem damit begegnet, dass man sich jetzt zwar aufrege, wenn Autos angezündet werden, jedoch schweige wenn Gewalt gegen Menschen, in der Regel Menschen anderer Herkunft, ausgeübt werde. Daraus entstanden und darin verdichtet scheint ein Aufkleber der in meiner unmittelbaren Nachbarschaft zu finden ist.

Sehr pointiert soll er aussagen dass wir uns zwar alle mit AutofahrerInnen solidarisieren, so wie wir uns mit Terroropfern solidarisieren. Im Text darunter wird ausgeführt, dass täglich in unserem Namen, überall auf der Welt Gewalt angewendet wird. Diese Gewalt, so scheint er Aufkleber sagen zu wollen, ist uns nicht nur egal, wir heißen sie sogar gut. Gegenüber dieser Gewalt allerdings sei das Anzünden von Autos, so wird impliziert, eine Kleinigkeit. Nicht der Rede wert.

Auch wenn sie in der Sache richtig sein mag, wobei ich das hier nicht beurteilen möchte, ist das eine unemphatische Aussage. Sie ist unter anderem unemphatisch, weil sie sich zwar an die richtet, die sich über die angezündeten Autos aufregen, aber die ignoriert, deren Autos angezündet wurden. Es mag sich dabei um privilegierten Menschen einer westlichen Gesellschaft handeln, doch es handelt sich um Menschen. Menschen von denen wir nicht wissen, was das Auto für Sie bedeutet, alleine wirtschaftlich wir wissen nicht wie viel sie dafür gearbeitet haben und wir haben nicht das Recht, darüber zu urteilen ob ihnen das Auto so wichtig sein darf wie es ihnen ist.

Andererseits haben wir natürlich trotzdem das Recht, darüber zu urteilen, wie wichtig das Auto jemanden sein darf. Wir haben nur nicht das Recht dass irgend jemand unserem Urteil Gehör schenkt.

Ich finde an den Aufklebern vor allem schade, dass sie wahrscheinlich auch den Menschen vor den Kopf stoßen, die einen Großteil der Werte derjenigen Menschen teilen, die die Aufkleber aufgeklebt haben. Aber eben nicht radikal genug, nicht rein genug oder irgendwie anders unpassend. Wenn es darum geht, sich von anderen abzugrenzen, sich aufzuwerten , die eigene Radikalität unter Beweis zu stellen, dann ist so ein Aufkleber genau richtig. Wenn es aber darum geht, ein politisches Ziel zu erreichen, dann ist so ein Aufkleber eine gute Möglichkeit, den Weg möglichst lange einsam zu beschreiten. Doch es gibt wahrscheinlich Schlimmeres.

Ein Gedanke zu “Linker Whataboutismus

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