Rechte Gewalt und Unrechte Gewalt

Immer wieder ärgere ich mich darüber, wenn Menschen betonen, „linke Gewalt“ sei genauso schlimm wie „rechte Gewalt“. Es gebe keinen Unterschied zwischen diesem und jenen. Linksextremismus sei genauso gefährlich, wie Rechtsextremismus. Wenn, wie im Zuge von G20 geschehen, von Linksterrorismus gesprochen wird, weil bescheuerte Vandalen Autos anzünden. Gleichzeitig spricht niemand von Staatsterrorismus, wenn die Polizei dazu genutzt wird, die Bewegung der Staatsgäste zu schützen, nicht aber die Bürger in einem Stadtteil. Es wäre auch Unsinn, wenn man das Staatsterrorismus nennen würde. Staatsversagen würde besser passen.

Wenn ich mich ärgere, dann weil ich das Gefühl habe, die oben genannten Aussagen der Gleichstellung stimmen nicht. Doch wenn ich mir Argumente überlege, warum sie nicht stimmen, kann ich diese ganz schnell selbst widerlegen. Leider sind mir Argumente oft sehr wichtig. Zurück bleibe ich mit dem Gefühl, dass da etwas nicht stimmt.

Es gibt keine linke oder rechte Gewalt. Es gibt Gewalt, die von Menschen ausgeübt wird, die politisch unterschiedlich motiviert sind. Für die Empfänger der Gewalt macht deren Intention im ersten Moment keinen Unterschied, die physikalischen Gesetze sind für alle gleich. Und doch ändert die politische Motivation das Ziel der Gewalt. Und damit ändert sich die Wahrnehmung. Gewalt gegen Mitglieder von Minderheiten ist medial leiser und weniger spektakulär. Gewalt gegen RepräsentantInnen des Staates und des Kapitalismus (die sehr unterschiedlich definiert werden) tritt oft gebündelt auf und erfährt größere mediale Aufmerksamkeit.

Menschen können nur auf das reagieren, was sie wissen. Was sie wissen, hängt davon ab, was sie wahrnehmen und das hängt davon ab, was auf welche Weise berichtet wird. Eine Reaktion wird bei Menschen vor allem durch Emotionen hervorgerufen. Damit kommen wir zum Känguru, das im Rahmen des G20-Gipfels immer mal wieder kritisiert wurde:

»Ein extrem wichtiges Thema. Ich sage Ihnen ganz ehrlich: Ob Links-oder Rechtsextremismus – da sehe ich keinen Unterschied.«

»Doch, doch«, ruft das Känguru laut dazwischen. »Es gibt einen Unterschied. Die einen zünden Ausländer an, die anderen Autos. Und Autos anzünden ist schlimmer. Denn es hätte mein Auto sein können. Ausländer besitze ich keine.«

Dieser zynischen Aussage liegen einige einfache, menschliche Eigenschaften zugrunde. Emotionen werden am besten von Dingen hervorgerufen, die uns betreffen. Wenn schwarz gekleidete Menschen durch Hamburger Stadtviertel marodieren und die Fahrzeuge von „durchschnittlichen Bürgern“ anzünden, dann werden mit hoher Wahrscheinlichkeit bei „durchschnittlichen Bürger“ Emotionen hervorgerufen. Am ehesten Emotionen wie Ärger und Wut. Das sind Emotionen die Handlungen fordern. UND ZWAR SOFORT. Zahlen, Statistiken oder eine differenzierte Betrachtung sind dann egal.

Der zweite Teil ist schwerer zu ertragen, wenn man sich nicht selbst als Nazi bezeichnet. Wenn Menschen von Gewalt gegen Minderheiten lesen oder erfahren, fällt es uns schwerer, eine starke emotionale Reaktion hervorzurufen, weil wir uns nicht so einfach in deren Lebenswirklichkeit hineinversetzen können. Emotional hat das wenig mit uns zu tun. Das beutetet nicht, dass es uns egal ist. Das bedeutet nicht, dass nicht unsere Werte verletzt werden und wir diese Aktion mit jeder Zelle unseres Seins ablehnen. Die Emotionen die hervorgerufen werden sind eher Trauer, Scham und Enttäuschung. Das sind Emotionen, die eher wenig Aktion verlangen und dafür sorgen, dass man sich auf dem Sofa zusammenrollt und sich mit einer Netflixserie ablenkt.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Nachrichten von Gewalt gegen Minderheiten und Andersdenkende stetig auf uns wirken. Wir gewöhnen uns daran. Wir finden es immer noch schlimm aber die Amplitude der Emotionen wird immer geringer. Das liegt nicht daran, dass wir schlechte Menschen sind, das liegt daran, dass wir Menschen sind. Die Geschichten der betroffenen Mitmenschen vermischen sich. „War das die Geschichte von letzter Woche oder ist die neu?“ Und wir fangen an, sie zu überhören und übersehen. Es sind Geschichten ohne Bilder und ohne Emotionen. Und wenn es Emotionen sind, dann solche, die wir am liebsten vermeiden.

Eigentlich sollte dieser Text von etwas anderem handeln, aber das verschiebe ich auf morgen.

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