Operation – Aus Erfahrung gut

In Diskussionen um Pseudomedizin gehe ich grundsätzlich davon aus, dass die AnbieterInnen pseudomedizinischer Verfahren, ihren PatientInnen helfen wollen. Zumindest die große Mehrheit. Gleiches gilt für MedizinerInnen die Medizin betreiben. Doch nach der ARD-Dokumentation „Operieren und Kassieren“ fiel es mir schwer, an dieser Überzeugung festzuhalten. Ich habe es aber geschafft1.

Darin geht es um regionale Unterschiede2 in der Häufigkeit bestimmter Operationen und deren Ursache. Gehe ich davon aus, dass Indikationen (das, was für eine Therapie spricht) für Operationen streng gestellt werden (Anhand von Leitlinien und der besten vorhandenen Evidenz), kann ich mir je nach Operation einen Unterschied zwischen 10 und 100% vorstellen. Auch wenn es Leitlinien gibt, hängt die Stellung der Indikation auch immer von unscharfen Faktoren ab: Welche Erfahrung hat der/die ChirurgIn, wie bewertet man bestimmte Symptome, was wollen die Patienten, wie ist die regionale Kultur, gibt es genetische Belastungen in der Region.

Das erklärt jedoch nicht die Unterschiede, die die JournalistInnen in der ARD-Dokumentation aufgedeckt haben.

Ein Kaiserschnitt beispielsweise wird in einigen Regionen in Ostdeutschland in 17% der Fälle durchgeführt. In Einigen Regionen in Rheinland Pfalz liegt die Rate bei bis zu 51%. In der Dokumentation werden Frauen aus einem Geburtsvorbereitungskurs in Cloppenburg gezeigt, von denen jede zweite die Hand hebt, als gefragt wird, wer einen Kaiserschnitt hatte. Dabei wollte keine der Betroffenen einen „Wunschkaiserschnitt“. Als die Frauen von ihren Erfahrungen erzählten, lief es mir kalt den Rücken herunter. So stelle ich mir Medizin in Gruselfilmen vor, nicht in einer Demokratie im 21. Jahrhundert. Der Unterschied bei „Mandeloperationen“ ist noch dramatischer. Je nach Region ist die Wahrscheinlichkeit, die Mandeln entfernt zu bekommen 8x größer (oder geringer).

Als ich versucht habe, herauszufinden, wie hoch die Komplikationsrate bei Mandeloperationen ist, habe ich zwar herausgefunden, dass Blutungen in 0,3% und 9% aller Fälle auftreten3. Allerdings auch, dass es keine einheitliche Definition für diese Komplikation gibt und sie nicht systematisch erfasst werden. Fassungslos hat mich jedoch gemacht, dass tödliche Komplikationen nicht nur nicht zentral erfasst werden, sondern dass einige Klinikchefs angeben, diese Komplikation nicht zu kennen. Ich glaube zwar, dass sie davon ausgehen, dass diese Aussage richtig ist, bin aber erschrocken über diesen Mangel an kritischem Denken, fachlicher Reflexion und Fehlerkultur.

Noch dramatischer ist die Situation bei Operationen am Rücken, hier ist die Chance in einigen Regionen 13x höher als in anderen. Die Frage ob einem der Rücken aufgeschnitten wird oder nicht, hängt mehr vom Wohnort ab als von medizinischen Befunden. Dabei liegt das Problem nicht nur bei einer unnötigen Operation, sondern auch mögliche Folgen der Operation gehören dazu (Infektion, Nervenschäden, Bewegungseinschränkungen, Tod). Die Geschichten der in der Dokumentation vorgestellten Menschen machen betroffen. Und wütend.

Die Erklärung für die diese Unterschiede wird von den AutorInnen in wirtschaftlichen Fehlanreizen und politischen Entscheidungen gesucht (zum Beispiel, dass in einer gut versorgten Region eine weitere Neurochirurgische Klinik eröffnet, die sich ihre Patienten „sucht“). Die Erklärung ist plausibel, erwärmt mein linkes Herz und birgt eine einfache Lösung: die wirtschaftlichen Fehlanreize müssen weg und alles wird wieder gut.

Aber eigentlich glaube ich nicht, dass es so „einfach“ sein wird. Ich denke, ein Teil des Problems liegt tiefer. Es liegt in uns. Es ist dasselbe Problem, welches dafür sorgt, dass wir an Astronomie, Globuli und Chemtrails glauben. Wir überschätzen massiv die Validität unserer Erfahrungen und treffen darum immer wieder Entscheidungen die objektiv irrational sind, sich für uns aber logisch und richtig anfühlen. Und in vielen Bereichen können diese Entscheidungen und die Überzeugung gut für uns sein. In der Medizin des 21. Jahrhunderts sind sie es in der Regel nicht.

Für mich deckt die Dokumentation „Operieren und Kassieren“ eines der fundamentalen Probleme in der Medizin auf, nämlich die -menschlich normale- Überschätzung der eigenen Erfahrung durch die Mediziner. Leider wird diesem Problem deutlich schlechter beizukommen sein als wirtschaftlichen Fehlanreizen. Die „Erfahrung“ mit dem schnellen Operieren die richtige Entscheidung getroffen zu haben, haben jetzt eine Menge Mediziner (wieso denke ich dabei nur an Männer?) gemacht. Diese Erfahrung wieder zu ändern wird, nach meiner bisherigen Erfahrung4, nur sehr schwer möglich sein. Denn wenn jemand seine Erfahrung überschätzt, sind es immer die anderen.

  1. Wenn man so will, könnte das ein Beleg für meine These sein. Die in der Dokumentation präsentierten Informationen könnten durchaus als Beleg für eine gegenteilige These genutzt werden. Meine Erfahrungen mit Menschen/Ärzten waren bisher jedoch andere, darum behalte ich mein grenzwertig naive Haltung bei.
  2. Ich möchte mich dafür entschuldigen hier die Bertelsmannstiftung als Quelle anzuführen, leider habe nur dort die Daten gefunden.
  3. Quelle: „Lebensbedrohliche und tödliche Tonsillektomie-Nachblutungen“; Diwa Baburi; RWTH Aachen 2009
  4. :-/
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2 Gedanken zu “Operation – Aus Erfahrung gut

  1. Leider werden viel zu oft die „röntgenbilder“ operiert und nicht die Patienten; soll heißen: auf dem Bild sieht man zb den Meniscusriss -> indikation für OP. Ob der Patient auch konservative beschwerdefrei werden kann, ist unwichtig. Operiert wird auf jeden Fall. Wozu?
    Ich habe mal irgendwann eine Reportage zu dem Thema gesehen. Da wurde gesagt, dass der Arzt bzw das Krankenhaus für eine verkorkste Rücken-OP besser bezahlt wird als für eine gut ausgeheilte Lungenentzündung. Würde man die Ärzte mehr nach Leistung/Erfolg bezahlen, gäbe es viel weniger OPs

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